Interview mit Dr. Habil. Barbara Drossel
Interview: Physikerinnen mit Auslandserfahrungen: März - Oktober 2000:
Mit | sprach |
Dr. Habil. Barbara Drossel School of Physics and Astronomy Tel Aviv University, Israel http://www.tau.ac.il/~barba ra |
Dr. Johanna Lippmann Columbia University New York, USA. < /a> http://www.ldeo.columbia.edu/~lippma nn/ |
Johanna(1):
Barbara, Du bist Mitte Dreißig, habilitiert
und hast zudem bis heute einen geradezu sagenhaften Auslandserfahrungsschatz
gesammelt. Genaugenommen sind es fünf Stationen: Frankreich, Schweiz,
USA, England und heute lebst und arbeitest Du in Israel. Deine Bewerbungen
auf Professuren schickst Du Richtung Deutschland. Die ersten beiden Auslandsaufenthalte,
ein Jahr in Strasbourg, Frankreich, und zwei Monate am CERN in der Schweiz
fallen noch in die Zeit Deines Physikstudiums. Hattest Du damals schon
konkrete Vorstellungen, wie Dein weiterer Lebensweg aussehen würde?
Zumindest haben Dir offensichtlich diese ersten Erfahrungen, die Physik
in einer anderen Sprache zu lernen, in einer neuen Umgebung und Kultur
zu leben und in einem internationalen Forschungsteam zu arbeiten (CERN),
Deinen Wissensdurst keineswegs geschmälert.
Barbara(1):
Nein, damals hatte ich noch keine konkreten Zukunftspläne.
Ich war mir allerdings sicher, daß ich keine Professur anstrebe,
da man dafür viel zu hart arbeiten und gegen die Konkurrenz kämpfen
muß (dachte ich).
Mein Interesse an anderen Ländern geht auf meine Kindheit zurück und besteht unabhängig von meinem Beruf. Meine Mutter erzählte recht begeistert von ihrer Zeit als Au Pair in der französischen Schweiz und in Paris. Und vom Kindergottesdienst brachte ich regelmäßig eine Kinderzeitung nach Hause, die Geschichten über Kinder aus fernen Ländern enthielt, die mich faszinierten.
Dennoch beeinflußten die von dir erwähnten
ersten beiden Auslandaufenthalte auch meine berufliche Entwicklung. Bevor
ich zum CERN ging, galt mein physikalisches Interesse überwiegend
der Elementarteilchenphysik. Als ich sah, wie groß die Forschungsgruppen
dort sind, und einen wie unbedeutenden Beitrag der Einzelne zu einem Projekt
leistet, beschloß ich, die weiteren Entwicklungen der Teilchenphysik
lieber aus der Sicht des Beobachters zu verfolgen. In Strasbourg hatte
ich einige interessante Vorlesungen aus dem Gebiet der statistischen Physik
gehört, was für die spätere Wahl meines Forschungsgebietes
mit den Ausschlag gab.
Johanna(2):
Nach Deiner Diplom-, Doktor- und Postdoczeit an
der TU in München hast Du 1994 ein zweijähriges Postdoc-Stipendium
der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) am MIT (Massachusetts Institute
of Technology) bekommen/angenommen. Von Deiner homepage habe ich den schönen
Satz: "We do not want to live separated, therefore we tour the world together."
Gemeint mit "we" bist Du und Dein Mann, ihr hattet 1989 geheiratet. Somit
warst Du/wart ihr schon bei der Antragstellung für das Postdoc-Stipendium
darum bemüht, eine gemeinsamen Weg zu für Euch finden. Das war
quasi die Bedingung, auch für die beiden Stationen, die noch folgen
sollten: England und Israel. Wie kann man so etwas planen? In ein neues
Land, in eine Stadt zu gehen, in der beide eine interessante Stelle finden.
Ich stelle es mir sehr schwierig vor.
Barbara(2):
So was kann man tatsächlich nicht langfristig
planen, und wir hatten es ursprünglich auch nicht vor. Als wir gegen
Ende meiner Diplomarbeit heirateten, dachte ich eigentlich, daß wir
langfristig in München bleiben würden, da frau nicht von ihrem
Mann selbstverstaendlicherweise erwarten kann, daß er seinen Arbeitsplatz
aufgibt. So hatte ich eigentlich vor, nach der Promotion einen Arbeitsplatz
in der Industrie zu suchen. Gegen Ende meiner Doktorarbeit kristallisierte
sich dann heraus, daß ich gute Chancen für eine Unilaufbahn
habe, und mehrere kompetente Leute rieten mir dazu.
So wurde zunächst geplant, daß ich ein
paar Jahre in München weiter forschen soll, und ein entsprechender
Forschungsantrag wurde gestellt. Mein Mann hatte, wie es aussah, einen
guten und stabilen Arbeitsplatz. Dann standen wir beide innerhalb von 24
Stunden plötzlich vor dem Nichts: Der Forschungsantrag wurde abgelehnt,
und meinem Mann wurde am Tag darauf mitgeteilt, daß er seine bisherige
Tätigkeit bei der Firma nicht mehr ausüben dürfe. Daraufhin
sagte mein Mann: "Wenn die Situation so ist, können wir auch in die
USA gehen." Er wußte, daß es mein Traum war, mal in den USA
zu leben und zu forschen. Wir erwogen damals, möglicherweise langfristig
in den USA zu bleiben. Die Zwillingsschwester meines Mannes wohnt dort,
und er ist auch dort aufgewachsen, so daß es für ein kein allzu
fremdes Land war. Dort ist er beruflich umgestiegen vom Nachrichtentechnik-Ingenieur
zum Computernetzwerk-Spezialisten. Er hatte in den zwei Jahren vier verschiedene
Arbeitsplätze, und als mir die Dreijahresstelle an der Uni Manchester
angeboten wurde, hatte er gerade einen Zeitvertrag. Da für uns beide
sowieso ein Stellenwechsel unvermeidbar war, stand einem erneuten Umzug
nichts ernsthaft im Weg, und der Gedanke, wieder näher an Deutschland
zu kommen, schien verlockend.
Mein Mann erwarb bis zum Umzug noch das Novell-Zertifikat
und erwartete, damit in England gut unterzukommen. Nach anfänglichen
Schwierigkeiten fand er auch eine gute Stelle, wo er viel dazulernen konnte.
Der Wechsel nach Israel wäre beruflich für uns beide nicht nötig
gewesen: Die Uni Manchester hätte mich gerne langfristig behalten,
und der Arbeitgeber meines Mannes war auch sehr mit ihm zufrieden.
Allerdings waren wir das Regenwetter leid, und wir
spielten schon länger mit dem Gedanken, mal nach Israel zu gehen.
Da mein Mann in seinem Gebiet nun beträchtliche Erfahrung hatte, dachten
wir, es wäre für ihn kein Problem, hier in Tel Aviv Arbeit zu
finden. Doch es dauerte auch diesmal wieder drei Monate, und während
dieser Zeit dachten wir, wir hätten einen Fehler gemacht. Wir erwogen,
bald nach Deutschland zu gehen, wenn er weiterhin keinen Arbeitgeber findet.
(Die Gesetze in Israel machen es Arbeitgebern schwer, Ausländer anzustellen.)
Doch nun hat er den idealen Arbeitsplatz, und der deutsche Arbeitsmarkt
ist so, daß man ihn mit seiner Berufserfahrung auch in ein bis zwei
Jahren noch mit Handkuß nehmen wird. Das wird dann hoffentlich der
letzte Umzug. Daß die "Weltenbummlerei" sich letztlich auch für
meinen Mann als beruflich günstig herausgestellt hat, war freilich
nicht von vornherein abzusehen, und ist in meinen Augen u.a. einer Reihe
von göttlichen Fügungen zu verdanken. Ein wichtiger Beweggrund
in der Entscheidung meines Mannes zu den Ortswechseln war auch seine Liebe
zu mir. Er ist überzeugt, daß meine Berufslaufbahn gefördert
werden soll, und er hat dabei riskiert, selber zurückstecken. Auf
der anderen Seite habe ich mich nur an Orte beworben, die einen großen
Arbeitsmarkt in der Industrie haben, damit er auch eine realistische Chance
hat, Arbeit zu finden.
Johanna(3):
Ich wollte Deine Antwort nicht unterbrechen, wie
sich solch ein Werdegang durch verschiede Länder in einer (schier
unüberschaubaren) Folge ergibt/ bzw. sich nicht planen läßt.
Unterwegs sind mir aber schon noch die eine oder anderen Fragen in den
Sinn gekommen. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, daß es offensichtlich
eine entscheidende Rolle gespielt hat (aus der Sicht der wissenschaftlichen
Laufbahn), daß in München nach Deinem Doktorat genügend
"kompetente Leute" da waren, die Dir zu einer wissenschaftlichen Laufbahn
rieten. Dies hattest Du ja zunächst gar nicht vor. Auch wenn die Unterstützung
dieser "kompetenten Leute" dann offensichtlich nicht ausreichte, Deinen
Forschungsantrag durch zu bekommen, hast Du durch deren motivierendes Verhalten
einen Weg eingeschlagen, vor dessen Ziel Du nun stehst. Wie hat sich denn
dann von München weg so rasch die Zweijahrestelle in den USA ergeben?
War es ein erneuter Forschungsantrag mit dem Hintergedanken: "jetzt erst
recht"?, gab es vielleicht dorthin bereits Kontakte oder hast Du Dich auf
eine ausgeschriebene Stelle beworben? Oder seid ihr erstmal dorthin umgezogen,
weil Dein Mann dort schon eine Stelle gefunden hatte? (Mich interessiert,
wie frau auf einen abgelehnten Forschungsantrag reagiert, der doch eigentlich
von kompetenten Leuten mit unterstützt worden war - denn: was kann
einem den eigentlich besseres passieren? Mit welchem Selbstbewußtsein
schreibt frau dann einen zweiten?)
Barbara(3):
Der neue Antrag war ein Antrag für ein DFG
Postdoktoranden-Stipendium. Die Ablehnung des ersten Antrags habe ich nicht
als Infragestellung meiner Qualifikation aufgefaßt. Der Antrag war
offiziell vom Institutschef, und es wurde eine ganze Stelle (für mich)
und eine halbe Stelle (für einen Doktoranden) für 3 Jahre beantragt,
wenn ich mich recht erinnere, und zwar ebenfalls bei der DFG. Die Ablehnung
war anscheinend auf zwei Dinge zurückzuführen: Zum einen war
einer der Gutachter ungünstig gewählt, zum anderen war man nicht
sehr interessiert, Leute zu fördern, die nach der Promotion am selben
Ort bleiben.
So war ich recht optimistisch beim Stellen des neuen
Antrags. Der alte Antrag wurde übrigens später leicht verändert
wieder eingereicht, diesmal nur für eine Doktorandenstelle, und bewilligt.
Die Empfehlung, ans MIT zu gehen, kam von einem Kollegen, der nicht lange
vorher zwei Jahre an der Nachbaruniversität Harvard verbracht hatte,
und der meinte, ich würde sehr gut in die Gruppe von Mehran Kardar
passen. Mein Mann hatte zu der Zeit noch keine Stelle in Aussicht, da in
den USA über Anstellungen immer nur kurzfristig entschieden wird.
Aber da Boston mit Umgebung einen großen Arbeitsmarkt hat, hofften
wir, daß es für ihn auch gut ausgehen würde.
Johanna(5):
Also mit einem bewilligten DFG-Forschungsstipendium
und Deinem Mann ging es voller Erwartungen ans MIT in die USA. Und ihr
bliebt zwei Jahre dort. Ich bin keine theoretische Physikerin. Ich arbeite
vor allem experimentell im Labor und im "Feld". Wie muß ich mir so
eine Eingewöhnungszeit vorstellen? Ist sie vergleichbar kurz, z.B.,
nachdem die Programme auf dem (neuen) Rechner wieder laufen und die Kollegen
begrüßt sind? Oder ist das ebenfalls eine eher längerfristige
Angelegenheit? (z.B. bei uns Experimentellen, wo Du doch erst einiges an
Hardware (z.B. den Analyse-Fuhrpark), an Logistik (wo ist die Werkstatt
und welche Firma baut hier Kühlfallen) etc. neu überschauen mußt,
bevor Du wieder mal eine Probe messen kannst). Wie lange denkst Du, brauchtest
Du, bis Du wieder so richtige schwungvoll mit Zugriff auf alle Ressourcen
arbeiten konntest?
Barbara(5):
Da hatte ich es als Theoretikerin in der Tat einfacher
als du. Ich brauche nur Zugang zu Rechnern, wo ich meine Simulationen laufen
lassen kann, und zu Bibliotheken und On-Line Zeitschriften, um die benötigte
Literatur lesen zu können. So konnte ich nach jedem Ortswechsel eigentlich
sofort mit dem Forschen loslegen. Allerdings dauerte es nach jedem Ortswechsel
länger, bis ich Projekte mit den Leuten vor Ort begann. Je länger
ich wissenschaftlich arbeite, desto mehr Kollaborationen ergeben sich,
und an jeden neuen Ort habe ich auch die alten Kollaborationen mitgenommen.
Am MIT fing ich sofort etwas Neues an, in England dauerte es ein wenig
länger, und hier in Israel habe ich nach einem Jahr erst eine Arbeit
mit den Leuten hier eingereicht, aber eine Reihe von anderen Arbeiten zu
Projekten, die ich mitgebracht hatte.
Johanna:
Barbara, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch und für die Zeit, die Du in dieses Gespräch investierst hast! Ich wünsche Dir das Allerbeste für die Zukunft, beruflich und privat!