Starke Professuren für die Wissenschaftsgeschichte!

Erklärung der historischen Fachgruppen der naturwissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands

Selbstreflexion der Wissenschaften und Brückenbildner zwischen den „zwei Kulturen“: Dies leistet wie kaum ein anderes Fach die Wissenschaftsgeschichte. Sie hilft Studierenden, jun­gen und etablierten Forschenden ihr eigenes Tun kritisch und ethisch zu reflektieren. Sie überbrückt die verschiedenen Fachkulturen zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissen­schaften. Der Wissenschaftsrat hat die Brückenfunktion der Wissenschaftsgeschichte ebenso wie ihre zunehmende Bedeutung zur Integration fachübergreifender Fragestellun­gen betont.[1] Die hohe Beteiligung des Fachs an koordinierten Programmen der DFG unter­streicht dies.[2] Interdisziplinäre Forschung, exzellente Ausbildung, erfolgreiche Drittmittelein­werbung - Dafür braucht es starke Professuren!

Tatsächlich steht die Entwicklung des Faches im Widerspruch zu seiner Bedeutung: Die Zahl der wissenschaftshistorischen Professuren ging seit der Jahrtausendwende um ein Drittel zurück.[3] Gegen diesen Trend, der aktuell die Zukunft des Faches in Deutsch­land bedroht, wenden sich die unterzeichnenden Fachgesellschaften mit der vorliegenden Stellungnahme, indem sie vor der Umwandlung bestehender W3/W2-Professuren für Wissenschaftsgeschichte in Junior­professuren warnen. Aufgrund der weitreichenden Konsequenzen für das von uns vertre­tene kleine Fach Wissenschaftsgeschichte weisen wir aus Verantwortungsbewusstsein für den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Zukunft des Faches diese Praxis nachdrücklich zurück.

Die Mehrzahl der bestehenden Professuren für Wissenschaftsgeschichte ist als Alleinver­tretungen besetzt, d.h. mit einer W2- oder W3-Professur in der gesamten Breite des Fachs. Wird eine volle Professur durch eine Juniorprofessur ersetzt, so reduziert sich die Lehrkapa­zität um mehr als die Hälfte. Derzeit ist unser Fach nur mehr an fünf Hochschulstandorten in Deutschland mit eigenständigen Studiengängen vertreten.[4] Diese können nach einer Herab­stufung der Fachvertretungen auf eine Juniorprofessur nicht mehr angemessen bedient werden. Interdisziplinäre Forschung und Ausbildung sowie eine erfolgreiche Drittmittelein­werbung – Diese drei Säulen für den Erfolg unseres Faches kann niemand garantieren, der selbst noch unter Qualifikationsdruck steht. Die Säulen geraten ins Wanken, das Fach wird weiter geschwächt.

Insbesondere durch das „1000 Tenure-Track-Professuren“-Programm sind einige der etab­lierten Standorte der Wissenschaftsgeschichte gefährdet: Im Zuge des Programms verpflich­ten sich die teilnehmenden Hochschulen, einen bestimmten Prozentsatz ihrer bereits beste­henden W2- und W3-Professuren künftig als W1-Juniorprofessur mit Tenure-Track auf W2 oder W3 auszuschreiben. Wir lehnen es aufs Schärfste ab, diese Last auf die Wissenschafts­geschichte oder andere kleine Fächer abzuwälzen. Die drohende Herabstufung von W2/W3-Professuren auf W1-Professuren wird die schwierige Situation weiter verschärfen.

Wir appellieren an Sie, die Erfolge der Wissenschaftsgeschichte an Ihrer Hochschule, an Ih­rer Fakultät fortzuführen. Sorgen Sie dafür, dass eine starke Vertretung auch künftig nachhaltige Ausbildung, exzellente Forschung und erfolgreiche Drittmitteleinwerbung gewährleis­tet! Dafür bedarf es starker Professuren für die Wissenschaftsgeschichte!

Jena, den 10. Januar 2021

 

Diese Erklärung wird getragen von den folgenden Gesellschaften und Fachgruppen:

  • Astronomische Gesellschaft, Arbeitskreis Astronomiegeschichte
  • Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie
  • Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Fachgruppe Geschichte der Psychologie
  • Deutsche Mathematiker-Vereinigung, Fachsektion Geschichte der Mathematik
  • Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie
  • Deutsche Physikalische Gesellschaft, Fachverband Geschichte der Physik
  • Gesellschaft Deutscher Chemiker, Fachgruppe Geschichte der Chemie

Kontakt: PD Dr. Christian Forstner, Vorsitzender des FV Geschichte der Physik der DPG, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus, Berggasse 7, 07745 Jena,

 

[1] Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland, Teil 1: Stellungnahme, Drs. 7068-06, 2006, Abschnitte AI und BIII

[2] DFG, Gruppe Informationsmanagement, Kleine Fächer – große Dynamik. Zur Beteiligung Kleiner Fächer an den Förderprogrammen der DFG, Bonn, 2017.

[3] Vgl. https://www.kleinefaecher.de/

[4] TU Berlin, FSU Jena, U Regensburg, U Stuttgart, BU Wuppertal.