Was erwartet die Gesellschaft von der Physik und den Physiker(inne)n?

Max-von-Laue-Vortrag auf der Jaherstagung der DPG 2006 in München

Lecture
Date:
Tu, 21.03.2006 19:30  –   Tu, 21.03.2006 20:30
Sprecher:
Armin Grunwald, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Forschungszentrum Karlsruhe
Language:
English
Event partner:
LMU München
Contact person:
Götz Neuneck,
DPG Association:
Working Group on Physics and Disarmamen (AGA)  
External Link:

Description

Die Erwartungen der Gesellschaft an die Physik lassen sich nach den fachlichen Erwartungen und den außerfachlichen Erwartungen unterscheiden. Die fachlichen Erwartungen sind dabei in der Regel unkontrovers: die Gesellschaft erwartet von der Physik vor allem "gute Physik" in Forschung und Lehre - was man dann weiter ausdifferenzieren kann.
Komplizierter sieht es mit den außerfachlichen Erwartungen aus. Vor allem die Frage nach der Verantwortung steht hier seit Jahrzehnten im Mittelpunkt. Am Anfang der Diskussion über die Verantwortung der Wissenschaften standen Physiker. Mittlerweile ist die Diskussion über die Verantwortung der Wissenschaften und der Wissenschaftler/innen in viele andere Fächer hineingewandert, dabei aber auch oft in Unkenntlichkeit, blo\ss{}en Lippenbekenntnissen oder in Irrelevanz versandet. Im Vortrag werde ich zunächst das Verantwortungskonzept so konkretisieren, dass belastbare Aussagen möglich werden.
In der Frage, welche Verantwortungsübernahme seitens der Gesellschaft erwartet wird und von den Physiker(inne)n zugesagt werden kann, steht die Grundsatzfrage am Anfang, ob sie sich zuallererst als Entdecker, Erkennende oder als Handelnde und Eingreifende verstehen. Bestehen die Ergebnisse der Physik in Erkenntnis oder in letztlich technischer Verfügungsmacht? Hierzu werde ich ein differenziertes Modell der Verantwortung vorstellen, dass auch eine klare Vorstellung von den Grenzen der Verantwortung der Physiker und von den Bedingungen der Möglichkeit einer aktiven Verantwortungsübernahme vermitteln soll.
Diese Überlegungen münden darin, dass die Verantwortung der Physik als Disziplin und ihrer Organisationsformen einerseits und die der individuellen Physiker(innen) andererseits unterschieden werden müssen. Institutionelle Arrangements sind erforderlich, damit den Individuen in einer komplexen Gesellschaft die Übernahme von Verantwortung möglich wird. In diesem Kontext werde ich das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag kurz vorstellen, das in verschiedenen Arbeiten auch auf physikalische Expertise zurückgreift.
Meine Überlegungen münden dahingehend, dass eine individualistische Form der Verantwortungsethik den heutigen Realitäten nicht mehr gerecht wird. Gesellschaftliche Arbeitsteilung führt auch zu einer Aufteilung von Verantwortlichkeiten. Es bleibt die Aufgabe, themen- und problemzentriert die Teile auch wieder zusammen zu bringen.
In den vorgeschlagenen Schritten werde ich auf Fallbeispiele aus der Nanotechnologie zurückgreifen.