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Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Meyer
Sächsischer Staatsminister a. D.

Aspekte des Vereinigungsprozesses in der Forschung
Vortrag zum 20. Jahrestag der Vereinigung der beiden Physikalischen Gesellschaften in Deutschland (Berlin, 20. November 2010)

meyerDie Vereinigung der beiden Physikalischen Gesellschaften in Deutschland vor genau zwanzig Jahren war Teil des deutschen Vereinigungsprozesses. Sie war die logische Konsequenz aus einem uns alle bewegenden geschichtlichen Umbruch und zugleich Wiederherstellung von Normalität. Wer näher hinsieht, entdeckt in der Art, wie dies geschah, auch Spuren von Geschichte. Denn was sich am 20. November 1990 vereinigte, waren die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Physikalische Gesellschaft der DDR. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft war allerdings real die Physikalische Gesellschaft in der Bundesrepublik, die für sich in Anspruch nahm, die Deutsche Physikalische Gesellschaft zu sein – und das mit gutem Grund. Denn es waren die SED und die DDR-Behörden gewesen, welche den Physikern in östlichen Teil Deutschlands verwehrt hatten, weiter Mitglied in jener Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu sein, welche 1899 gegründet worden war. Erwähnenswert erscheint mir, dass diese Deutsche Gesellschaft aus der 1845 entstandenen Physikalischen Gesellschaft zu Berlin hervorging. Und deren Gründung fand damals hier im Magnus-Haus statt. Das Magnus-Haus wurde dann später zum Sitz der Physikalischen Gesellschaft der DDR. Was wiederum zeigt, dass gemeinsame Geschichte nicht aufgeteilt oder gar ausgelöscht werden konnte. Heute ist das Magnus-Haus freilich nur eine Nebenstelle der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, denn diese hat seit den siebziger Jahren in Bad Honnef ein eindrucksvolles Hauptquartier. Ich erwähne dies nicht als Beitrag zur Bonn-Berlin-Debatte, sondern sehe darin – nicht zuletzt als ehemaliger Landesminister - ein Zeichen des deutschen Kulturföderalismus. Aber in ihrem Nebeneinander erinnern das ehrwürdige Magnus-Haus in Berlin und das stattliche Physik-Zentrum in Bad Honnef eben auch daran, wie Geschichte fortwirkt.

Verglichen jedoch mit den handfesten Problemen des deutschen Vereinigungsprozesses sind das alles Marginalien. Das gilt ganz gewiss auch für den Vereinigungsprozess in der Wissenschaft. Dessen Hauptziel musste es sein, die von der SED geschaffenen politischen und ideologischen Rahmenbedingungen für die Wissenschaft zu beseitigen. Denn diese sollten das wissenschaftliche Denken dem Allmachtsanspruch des Marxismus-Leninismus unterwerfen und die wissenschaftliche Arbeit den Zwecken des DDR-Sozialismus zuordnen. Für Lehre und Forschung bestand also die wichtigste Konsequenz der friedlichen Revolution darin, die Freiheit der Wissenschaft wiederherzustellen.

Aus diesem inhaltlichen Ziel ergab sich ganz zweifellos auch die Notwendigkeit struktureller Veränderungen, ja, einer grundlegenden strukturellen Neuordnung des wissenschaftlichen Lebens. Und es ist auch unbestreitbar, dass zwischen Inhalten und Strukturen eine wesentliche Beziehung besteht. Dennoch erfordert die Freiheit der Wissenschaft nicht zwingend eine bestimmte Struktur. Und geradezu provinziell wäre es zu behaupten, das wissenschaftliche Leben müsse so organisiert sein, wie sich dies in den Jahrzehnten der alten Bundesrepublik bis 1990 entwickelt hatte. Allerdings wurde dieser Anspruch im Rahmen des Einigungsprozesses vom Westen wie selbstverständlich und nicht selten mit missionarischem Eifer erhoben, zugleich jedoch in Bezug auf die ehemalige DDR mit einer geschichtlichen Legende in Frage gestellt. Bevor ich mich jetzt mit den strukturellen Konsequenzen der Einheit für das wissenschaftliche Leben im östlichen Teil Deutschlands und ihren Begründungen kritisch auseinandersetze, sagt mir allerdings meine zwanzigjährige Erfahrung mit der bundesdeutschen Debattenkultur, es wäre klug, vorher noch einmal ausdrücklich zu versichern, dass ich darum nicht die DDR zurück haben und auch nicht deren Sozialismus wieder beleben will.

Ich beginne mit einer Sachverhaltsbeschreibung. In der DDR war die außeruniversitäre Forschung weithin in der traditionsreichen Berliner Akademie der Wissenschaften zentral organisiert, die zur Akademie der Wissenschaften der DDR geworden war. Wohlgemerkt: Ich spreche jetzt nicht von der Forschung, sondern von der außeruniversitären Forschung. Und dies in dem gleichen Sinne, in dem dieser Begriff in der alten Bundesrepublik verwendet wurde und wir ihn auch heute verwenden. Es liegt, so denke ich, auf der Hand, dass die zentralisierte Organisation der außeruniversitären Forschung dem Charakter der DDR entsprach. Denn diese war, wie alle Staaten, die dem Modell des sowjetischen Sozialismus folgten, eine zentralistische Diktatur.

Gleichwohl ist es nicht zwingend, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, darum schlössen sich umgekehrt eine freiheitliche Verfassungsordnung und eine zentrale Forschungsorganisation grundsätzlich aus. Das hieße ja, die Bundesrepublik sei wie die freie Welt und die freie Welt sei wie die Bundesrepublik. Davon kann bekanntlich keine Rede sein. Man muss ja nur an den zentralistischen Etatismus Frankreichs denken, um sich dort eine solche Forschungsorganisation sehr wohl vorstellen zu können. Tatsächlich haben denn auch die früheren kommunistischen Staaten Mittelosteuropas an der zentralen Stellung ihrer Akademien der Wissenschaften weithin festgehalten, was ich nicht als Kritik sage.

Es mussten also weitere Gründe hinzutreten, um in der früheren DDR die außeruniversitäre Forschung radikal neu zu strukturieren. Der entscheidende Grund war der Beschluss der Volkskammer der DDR, der Ordnung des Grundgesetzes beizutreten. Für diesen Beschluss hatte die Volkskammer bekanntlich ein demokratisches Mandat durch die Wahl vom 18. März 1990, in der sich die Mehrheit der Deutschen in der DDR für den Beitritt zur Bundesrepublik als Weg zur Einheit entschieden hatte. Freilich regelt das Grundgesetz nicht die Struktur der außeruniversitären Forschung. Theoretisch wäre es möglich gewesen, dass die neuen Länder eine eigene Forschungsstruktur geschaffen hätten. Tatsächlich habe ich damals vorgeschlagen, dort für eine Übergangszeit einen Verbund der außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu bilden, um den neuen Ländern eine bessere Verhandlungsposition gegenüber dem Bund und gegenüber den alten, die Folgen der Vereinigung ohnehin misstrauisch beäugenden alten Ländern zu geben. Aus eben diesem Grunde hatte mein Vorschlag denn auch keine Chance.

Unstreitig war es sinnvoll, so bald wie möglich auch in der früheren DDR die gleiche Struktur der außeruniversitären Forschung einzuführen, wie sie schon in der alten Bundesrepublik bestand. Denn nur so gab es eine Chance zur gesamtdeutschen Zusammenarbeit. Und nur so hatte Erneuerung eine Chance. Denn natürlich hatte das politisch-ideologische Regime der DDR zu vielfältigen Verzerrungen und Entstellungen der Wissenschaft geführt. Darum hatte die von Lothar de Maizière geführte Regierung der DDR ja auch schon frühzeitig den Wissenschaftsrat um eine Evaluierung der außeruniversitären Forschung gebeten. Den Wissenschaftsrat unter seinem energischen Vorsitzenden Dieter Simon ins Spiel gebracht zu haben, stellte sich – per Saldo gesehen - als strategisch weitsichtig heraus, denn dieses Gremium erwies sich in seiner Evaluierungspraxis in zunehmendem Maße als lernwillig und lernfähig - wie viele seiner Evaluierungsberichte und institutionellen Vorschläge zeigten.

Es lief also mit einer gewissen Logik auf eine vielgliedrige Struktur der außeruniversitären Forschung nach dem Vorbild der alten Bundesrepublik hinaus. Freilich war die damals konkret zu besichtigende außeruniversitäre Forschungsstruktur der alten Bundesrepublik nur in Teilen attraktiv. Einerseits gab es die Max-Planck-Gesellschaft, die im allgemeinen Bewusstsein und insbesondere nach ihrem eigenen Verständnis in einer besonderen Liga spielt. Die Geschichte ihres Engagements besteht aus drei Kapiteln und ist kurz erzählt. Im ersten Kapitel dekretierte der MPG-Präsident, und dies ausgerechnet während der Verhandlungen zum Einigungsprozess, die DDR sei eine wissenschaftliche Wüste. Im zweiten Kapitel gründete die Max-Planck-Gesellschaft zunächst Arbeitsgruppen an den ostdeutschen Universitäten, was damals fraglos ein wertvoller Beitrag zu deren Erneuerung war. Im dritten Kapitel gründete sie auf der Grundlage eingehender Überlegungen in allen ostdeutschen Ländern neue Max-Planck-Institute, die dort heute zu den Glanzstücken zählen. Also eine Geschichte mit einem unerfreulichen Beginn und einem strahlenden Ausklang. Dann gab es die Fraunhofer-Gesellschaft. Die Fraunhofer-Gesellschaft wusste ganz genau, dass die DDR keine wissenschaftliche Wüste war. In Sachsen, wo ich das dann ab November 1990 selbst erleben konnte, guckte sie sich schon vor der Vereinigung leistungsfähige Institute aus, so dass wir den Umstrukturierungsprozess mit ihr in einer relativ kurzen Zeit erfolgreich abschließen konnten. Zusammen mit den später hinzutretenden Leibniz-Instituten und Max-Planck-Instituten machen die Fraunhofer-Institute Sachsen zu einem Schwerpunkt der außeruniversitären Forschung in Deutschland. In einer gewissen Weise spielten Max Planck und Fraunhofer, und zwar in je eigener Verantwortung, also ein Kontrastprogramm, aber mit ähnlicher Perspektive, nämlich im Osten Deutschlands präsent zu sein.

Andererseits bestand damals die außeruniversitäre Forschung der alten Bundesrepublik aus der Arbeitsgemeinschaft der überwiegend vom Bund finanzierten Großforschungseinrichtungen und aus den hälftig von Bund und Ländern finanzierten Instituten der Blauen Liste. Die Großforschungseinrichtungen waren gerade in einer vom Bundesforschungsministerium in Auftrag gegebenen Evaluierung als Dinosaurier charakterisiert worden, was eben diesem Auftraggeber nach meinem Eindruck gar nicht so unlieb war. Ich sehe und höre noch Gebhard Ziller, den damaligen Staatssekretär im BMF bei der Sitzung des Wissenschaftsrates 1991 in Düsseldorf genüsslich aus diesen, wie er sagte, „faszinierenden“ Bericht zitieren. Jedenfalls hatte das Bundesforschungsministerium einen vorzeigbaren Grund, in den neuen Ländern möglichst keine neue Großforschungseinrichtung zu gründen. Was wiederum erklärt, warum man von den neuen Ländern lange sagen konnte, dort gäbe es das kleinste Helmholzzentrum, nämlich das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, und das größte Leibnizinstitut, nämlich das Forschungszentrum Rossendorf. Letzteres ist bekanntlich erst unlängst in die Helmholz-Gemeinschaft aufgenommen worden. Dass die angeschlagene Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen dann als Helmholtz-Gemeinschaft wie Phönix aus der Asche wieder erstand, ist fast so etwas wie ein forschungspolitisches Wunder und zeigt mir, was durch energische Führung erreichbar ist.

Ein wirkliches Kuriosum war die sogenannte Blaue Liste: Ein Aktendeckel mit einer Liste von Instituten unterschiedlicher Art, die hälftig vom Bund und von den Ländern finanziert werden. Für die außeruniversitäre Forschung in der früheren DDR erwies sich dieses Kuriosum, dank dem entschlossenen Handeln des Wissenschaftsrates, als ein Gottesgeschenk. Denn nur hier konnte der Wissenschaftsrat Empfehlungen aussprechen, welche eine gewisse Aussicht hatten, auch umgesetzt zu werden. Dem war die politische Situation günstig: Die neuen Länder waren brennend an neuen und lebensfähigen Forschungsinstituten interessiert. In den alten Ländern gab es dafür zwar keine große Sympathie, aber deren traditionelle Uneinigkeit verhinderte wirkungsvollen Widerstand. Und der Bund meinte, die Blaue Liste sei eine so schwache Gemeinschaft, dass man die Empfehlungen des Wissenschaftsrates nur als einen vorübergehenden Schritt betrachten könne. Denn nach Auffassung des Bundes gehörten die meisten neu gegründeten Institute letztlich in die Verantwortung der Länder. Tatsächlich hat der Bund schon 1994 bei der Sitzung des Wissenschaftsrates in Wiesbaden versucht, eine entsprechende Perspektive per Beschluss festzuklopfen. Das scheiterte nicht zuletzt an meinem Widerstand. In Vorbereitung der sogenannten Föderalismusreform hat die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, noch einmal versucht, die aus der Blauen Liste entstandene Leibniz-Gemeinschaft finanziell insgesamt den Ländern aufzudrängen. Auch dieser Versuch scheiterte.

Er scheiterte nicht zuletzt deshalb, weil die durch föderal bedingte Handlungsunfähigkeit gewonnene Zeit inzwischen genutzt worden war, um aus einer losen Arbeitsgemeinschaft, die vor allem auf die Selbständigkeit der einzelnen Institute bedacht war, trotz erheblicher äußerer und innerer Widerstände, in Gestalt der neuen Leibniz-Gemeinschaft eine handlungsfähige und qualitätsorientierte Wissenschaftsorganisation zu schaffen. Das ist das Verdienst ihrer Präsidenten, von Ingold Hertel bis Ernst Theodor Rietschel. Und ich bin froh über diese Entwicklung und habe sie als Minister so gut ich konnte unterstützt.

Nun mag man mir entgegenhalten: Wieso ist das ein Verdienst und warum war das unterstützenswert? Gab es nicht ohnehin in Deutschland schon zu viel außeruniversitäre Forschung und schadet dies nicht den Universitäten? In der Tat bestreite ich nicht: Die Existenz einer starken außeruniversitären Forschung widerspricht dem von Wilhelm von Humboldt proklamierten Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Selbstverständlich kann ich mir eine Wissenschaftslandschaft vorstellen, die allein oder ganz überwiegend in Universitäten institutionalisiert ist. Allerdings kann ich mir das nicht in Deutschland vorstellen. Denn Deutschland ist ein föderal gegliedertes Land – nicht nur durch seine Verfassung, sondern auch durch seine Geschichte. Es gibt nur zwei, im übrigen unvergleichliche, Beispiele für einen deutschen Zentralstaat: Die Nazidiktatur und die DDR. In beiden Fällen folgte auf eine solche Erfahrung eine starke Rückbesinnung auf die geschichtlichen Landschaften in Deutschland. Außerdem sind wir Deutschen in der Mitte Europas als föderaler Staat für unsere Nachbarn erträglicher.

Nun gibt es ganz gewiss sinnvollere und weniger sinnvolle Formen, in denen das föderale Prinzip verwirklicht wird. Was die letzte Föderalismusreform produziert hat, gehört nach meiner Überzeugung zu den weniger sinnvollen. Und die absurde Idee, den kooperativen Föderalismus durch einen kompetitiven Föderalismus zu ersetzen, war ganz überwiegend nicht im Interesse von Wissenschaft und Bildung. Übrigens lag sie auch nicht im Interesse der meisten Länder. Aber damals war in der öffentlichen Meinung die Auffassung einflussreich, im Zeitalter der Globalisierung brauchten wir eine entfesselte Wettbewerbsgesellschaft und nur einen schwachen Staat – oder, wie es so schön hieß, einen Staat, der auf seine Kernkompetenzen zurückgeführt worden ist. Also ein Verhältnis von Gesellschaft und Staat wie in den USA, die als Modellfall für die Welt von morgen galt. So wie ja auch heute viele, nicht zuletzt in der Wissenschaft, immer noch meinen, die globale Gesellschaft von morgen spräche englisch und denke amerikanisch. Der Grundsatz des Föderalismus stand bei solchen jedoch Debatten nie in Frage. Und wie immer man die Bundesrepublik Deutschland intern strukturiert: Kultur, Bildung und Wissenschaft werden überwiegend in der Verantwortung der Länder sein. Jedenfalls sehe ich keinen realistischen Weg, dies zu ändern, selbst wenn man es ändern wollte.

Wenn man jedoch das Ideal der Einheit von Lehre und Forschung umsetzen will, ohne diese deutsche Realität zu beachten, dann wird aus dem Ideal eine Ideologie – mit allen Eigenschaften einer Ideologie: realitätsfremd, geschichtsvergessen und mit verheerenden Folgen in der Wirklichkeit: Realitätsfremd, weil moderne Forschung großer finanzieller Mittel bedarf, um international mithalten zu können, wozu selbst die zwei bis drei reichen deutschen Länder nicht in der Lage wären. Geschichtsvergessen, weil das Deutsche Reich dafür schon vor dem ersten Weltkrieg die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als gesamtstaatliche Forschungsorganisation schuf, obwohl damals Preußen der mit Abstand größte deutsche Einzelstaat war. Mit verheerenden Folgen in der Wirklichkeit, weil jeder Versuch, dieses zur Ideologie pervertierte Ideal praktisch umzusetzen zur massenhaften Vernichtung wertvollen wissenschaftlichen Potentials führen muss. Wenn, um ein Modewort zu gebrauchen, Deutschland in der Forschung exzellent sein will, dann nur durch gemeinsame Anstrengung der Länder und des Bundes, mithin also durch Zusammenarbeit von universitärer und außeruniversitärer Forschung.

Warum plädiere ich mit solchem Nachdruck für das Miteinander von universitärer und außeruniversitärer Forschung? Dafür habe ich zwei Gründe. Erstens flackern die Angriffe gegen die außeruniversitäre Forschung immer mal wieder auf und richten politischen Schaden an. Vor allem aber war diese Debatte geschichtlich mit dem verbunden, was wir heute hier feiern: Mit der Wiedervereinigung in der Wissenschaft. Vor zwanzig Jahren nämlich wurde lautstark die Auffassung vertreten, jetzt sei die Stunde gekommen, das schöne Ideal, alle Forschung in den Universitäten zu konzentrieren, wenigstens in der früheren DDR durchzusetzen. Auch namhafte und achtbare Physiker waren damals unter jenen, die diese Forderung vertraten. Freilich brauchte man selbst in jenen wilden Zeiten einen Grund in den realen Umständen. Und diese Begründung bestand in der These, in der DDR sei nach sowjetischem Vorbild die Lehre von der Forschung getrennt worden. Es gälte also jetzt, die Forschung in die Universitäten zu reintegrieren. Tatsächlich erfand der Bund, gegen den Widerstand der neuen Länder, das sogenannte Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP), mit seinem vorhersehbaren und, gemessen an seiner Zielstellung, weithin tragischen Ausgang.

Ich weiß nicht, wieweit es in der Sowjetunion zu einer rigorosen Trennung von Lehre und Forschung gekommen ist. Für mein Fachgebiet an der Moskauer Lomonossow-Universität – und da kann ich das beurteilen – trifft es jedenfalls nicht zu. Für die DDR ist es völlig eindeutig eine Legende. Nicht nur weil die Zahl der Institute, die im Zuge der 3. Hochschulreform und der Akademiereform an die AdW wechselten, an den Fingern einer Hand abzuzählen sind. Sondern weil es der Realität des wissenschaftlichen Lebens in der DDR eklatant und für jeden nachprüfbar widerspricht. Daher rede und schreibe ich seit zwanzig Jahren gegen diese Legende an, freilich mit mäßigem Erfolg. Es ist, als wenn man gegen eine Wand aus Watte redete. Inzwischen scheint diese interessegeleitete Legende zum Kanon der geschichtlichen Wahrheiten zu gehören. Wer z.B. im Martin-Gropius-Bau die schöne und sehenswerte Ausstellung zu den Berliner Wissenschaftsjubiläen besichtigt, wird im vorletzten Raum eine Tafel finden, wo zu lesen ist, nach 1945 wäre die „Ausbildung“ in der Humboldt-Universität konzentriert worden, die Forschung dagegen in der Akademie.

Ich will hier wörtlich wiederholen, was ich zu diesem Thema im Jahre 1997 als damaliger Vizepräsident der KMK in meinem Grußwort vor der Jahresversammlung der DFG in Augsburg gesagt habe. Da ich auch als Minister die meisten meiner Reden selbst schrieb, fand ich diesen Text noch in meinem PC:

„Als sich die Deutschen in der DDR mehrheitlich dazu entschlossen, der Ordnung des Grundgesetzes beizutreten, wurde die Bundesrepublik in allem größer, natürlich auch in bezug auf ihr außeruniversitäres Forschungspotential. Diese Selbstverständlichkeit wird für einige durch die Behauptung überdeckt, in der DDR sei es zu einer Trennung von Lehre und Forschung gekommen und nach der Einheit habe man versäumt, die Forschung in die Hochschulen zurückzuführen. Diese Behauptung ist abwegig, und ihre Abwegigkeit ist schon so oft dokumentiert worden, dass man jenen, die sie immer noch verbreiten, Gutgläubigkeit nicht mehr so ohne weiteres zubilligen kann. Allenfalls mangelnde Lesefähigkeit und fehlenden Willen, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Da ich mich soeben gerade zum unermüdlichen Streben nach Dialog bekannt habe, will ich die wesentlichen Fakten hier gleichwohl noch einmal nennen:

Von den 1989/90 insgesamt rd. 141 000 Mitarbeitern in Forschung und Entwicklung in der DDR waren rd. 18 500 in der Hochschulforschung tätig. Das entspricht einem Anteil von rd. 13%. Die rd. 21 000 Mitarbeiter der Akademieinstitute entsprachen einem Anteil von rd. 15%. Berücksichtigt man für die Bundesrepublik das Projekt- und Annexpersonal in den nach Rahmenvereinbarung Forschungsförderung gemäß 91 b Grundgesetz finanzierten Einrichtungen, so ergibt sich für die ehemalige DDR und für die alte Bundesrepublik annähernd das gleiche Verhältnis an FuE-Personal in den Hochschulen und in den Forschungseinrichtungen gemessen am Gesamtpersonal.

Ein Beleg für die Stärke der DDR-Hochschulforschung ist die Tatsache, dass sie mit nicht weniger als 40% aller naturwissenschaftlich-technischen Projekte im Rahmen von sog. Akademieabkommen zur internationalen Zusammenarbeit mit eigenen Forschungsleistungen beteiligt war. Ein weiterer Beleg ist die 1990 vom Wissenschaftsrat in einer bibliometrischen Studie der wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR festgestellte Tatsache, dass 1984 von den im Science Citation Index verzeichneten DDR-Veröffentlichungen knapp 33% aus Akademieeinrichtungen und knapp 55% aus Hochschulen stammten. Was nun die Qualität der Forschung anbetrifft, die ungeachtet höchst restriktiver Bedingungen und der allgegenwärtigen Gefahr ideologischer Indoktrination und politischer Instrumentalisierung erreicht wurde, so belese man sich in den Evaluationsberichten des Wissenschaftsrates.“

So weit dieses etwas längere Eigenzitat aus dem Jahre 1997. Für diesen Kreis will ich noch hinzufügen, was ich seit 1993 aus einem Gespräch mit der DFG weiß, dass nämlich diese größere Leistungsfähigkeit der universitären Forschung in der DDR gerade für die Physik zutraf.

Warum, so könnte man fragen, ist dies heute noch wichtig? Weil wir alle, ob wir es wollen oder nicht, von der Geschichte geprägt sind. Das gilt auch für die Geschichte der Einheit. Den Weg zur Einheit haben als erste die Deutschen in der DDR beschritten. Aber die Vereinigung war, wie es unter den konkreten Umständen auch gar nicht anders sein konnte, ein asymmetrischer Vorgang – mit nicht wenigen Enttäuschungen und Verletzungen im Osten. Da ist es um so wichtiger, dass die Lebensleistung der Menschen in der DDR in der Zeit vor 1989 nicht vergessen oder gar geleugnet wird. Das gilt auch für die Wissenschaft. Daran wollte ich Sie am zwanzigjährigen Jubiläum der Vereinigung der beiden deutschen Physikalischen Gesellschaften erinnern.

 
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