Lucia Reining

"Die Entwicklung unserer Gesellschaft beschäftigt mich sehr, und ich möchte dazu beitragen, sie offener, großzügiger und freier zu machen."

Lucia Reining (CNRS/Institut Polytechnique de Paris; Gentner-Kastler-Preisträgerin 2020 der DPG und der Société Française de Physique) ist ein Beispiel für Forschung in Europa: Sie erhielt ihr Diplom in Physik in Aachen, ging zur Promotion nach Rom und ist heute im Pariser Raum tätig. Sie ist Mitbegründerin der European Theoretical Spectroscopy Facility (www.etsf.eu ), und sie kann sich ihre Arbeit gar nicht anders vorstellen als in einem internationalen Team.

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Wenn ich nicht Physikerin geworden wäre ...

…..hätte ich Querflöte studiert. Die Musik ist mir immer noch sehr wichtig, aber das geistige Training des Physikstudiums hat mir so viel gegeben, dass ich meine Wahl nie bereut habe!

 

Was bewegt Sie neben Physik und Arbeit?

Die Entwicklung unserer Gesellschaft beschäftigt mich sehr, und ich möchte dazu beitragen, sie offener, großzügiger und freier zu machen. Deshalb engagiere ich mich seit ein paar Jahren für Migranten. Vorher war meine Freizeit untrennbar von meiner Familie, denn wir haben drei Kinder. Kinder auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten ist auch eine Form von Widerstand gegen Gleichgültigkeit und Unfreiheit!

 

Welchen Bezug haben Sie zur DPG?

Ich war als Studentin in Deutschland DPG-Mitglied, aber ich bin ausgetreten, weil ich mich als Frau in der DPG nicht wohlfühlte. Vielleicht sollte ich einmal schauen, wie sehr sich die DPG geändert hat?

 

Wie stellen Sie sich die DPG in Zukunft bzw. an ihrem 200. Jubiläum im Jahr 2045 vor?

Physik ist eine besondere Art zu denken. Es geht um viel mehr als nur um technologische Endprodukte. Es geht um eine strukturierte und logische Herangehensweise, die helfen könnte, Probleme unserer Gesellschaft besser anzugehen und Manipulationen, zum Beispiel durch übertriebene Ängste, zu unterbinden. Ich wünsche mir, dass die DPG den Wert des Denkens an sich offensiv vertritt.

 

Warum sollten sich Physikerinnen und Physiker verstärkt in den politischen Diskurs bzw. Alltag einbringen?

Wir sollten nicht übertrieben optimistisch sein, denn auch Physikerinnen und Physiker sind Menschen: Wir wissen, wie sehr Dinge wie Träume, Ängste, Gier oder Freundschaften auch das Ergebnis von wissenschaftlichen Gremien manipulieren. Trotzdem, Physikerinnen und Physiker üben logisches Denken, das könnte der Politik sicherlich gut tun!

 

Welche Fragestellungen der Physik begeistern Sie heute am meisten?

Ich finde es faszinierend zu beobachten und herauszuarbeiten, wie sich Strategien zur Problemlösung in verschiedenen Gebieten abbilden. Dabei werden neue Namen gegeben und auch alte Effekte anders entdeckt, aber es gibt Grundmuster, die man manchmal in wenigen Zeilen zusammenfassen kann.

 

Woran arbeiten Sie heute?

Die Entwicklung von neuen Materialien im Computer ist heute ein großes Thema. Ich arbeite an einer Methode, die erlauben soll, systematisch von den Ergebnissen für ein einfaches Material auf die Eigenschaften eines anderen, auch sehr komplizierten, Materials zu schließen.

 

Was möchten Sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs mitgeben?

Physik ist Arbeit – und Vergnügen – miteinander, und deshalb muss man sich seine Kolleginnen und Kollegen gut aussuchen. Natürlich sollten sie fachlich stark sein, aber das genügt nicht. Überlegt Euch gut, und lasst Euch beraten, mit wem Ihr Euch im Team wohlfühlen könntet!

 

Physik ist wie ....

...Sport  –  und Physikerinnen und Physiker wie Hochleistungssportler: Auch wenn sie nur im Kreis laufen, hat ihr Weg einen Sinn!

 

Bild: Frédéric Picazo, Ecole Polytechnique Palaiseau