David Ohse

"Physik ist wie Singen im Chor. Beides ist inklusiv, denn alle Menschen haben das Zeug dazu, auch wenn sich nicht alle trauen. Es kommt darauf an, den anderen gut zuzuhören, miteinander zu üben und voneinander zu lernen. Nur durch harmonische Zusammenarbeit entsteht etwas, das die Öffentlichkeit bewegt und fasziniert."

David Ohse (24, DPG-Mitglied seit 2014) widmet sich mit viel Kreativität der Wissenschaftskommunikation. Begonnen hat er im Physikshow-Team der Universität Bonn, das inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Mit der Show tritt er nicht nur in Deutschland, sondern auch international u.a. in Dänemark, Spanien, Portugal, Finnland und den Niederlanden auf. Das Team wagt sich bei den Auftritten nicht nur in Hörsäle, Museen und Theater, sondern ebenso in Einkaufszentren. Auch bei den Formaten geht das Physikshow-Team neue Wege und inszeniert erstmalig ein Physikshow-Musical. David Ohse ist auch in der jDPG vielseitig aktiv, wo er Bundesvorstand für Berufsvorbereitung und Öffentlichkeitsarbeit war und seit Ende 2019 Bundesvorsitzender ist. Als Initiator und Projektleiter gestaltet er die Schwesteraktion "175 Impulse" im DPG-Jubiläumsjahr mit.

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Welches ist der schönste Konferenzort, den Sie kennen?

Mit der Physikshow durften wir schon im spanischen Valencia oder im finnischen Turku tagen, doch der schönste Konferenzort bleibt für mich das Physikzentrum Bad Honnef.

 

Was bewegt Sie neben Physik und Arbeit?

Beim Singen im Chor kann ich mich immer noch am Besten abschalten. Darüber hinaus organisiere ich regelmäßig Vorleseabende und arbeite an einem Roman an der Grenze zwischen Fantasy und Science Fiction.

 

Welchen Bezug haben Sie zur DPG?

Nach dem DPG-Abitupreis und meiner ersten DPG-Veranstaltung, dem Abtiturpreitreffen 2014 in Duisburg, war ich schon im ersten Semester hochmotiviert, an meinem Studienstandort gemeinsam mit meinem Freundeskreis die Regionalgruppe Bonn der jungen DPG neu zu beleben. Seitdem engagiere ich mich auf vielfältige Weise in der jungen DPG und darüber hinaus. Dabei erlebe ich die DPG als ideales Netzwerk, um Träume zu verwirklichen, gemeinsam etwas zu bewegen und daran zu wachsen. Dieses Erlebnis möchte ich mehr Mitgliedern ermöglichen.

 

Welches Angebot der DPG schätzen Sie am meisten?

Wie kein zweites Angebot macht das DPG-Mentoringprogramm unsere Fachgesellschaft als generationsübergreifende Physik-Familie erlebbar. In der kritischen Lebensphase des Berufseinstiegs geben erfahrene Mitglieder dem Nachwuchs Orientierungshilfe. Bei der persönlichen Zuordnung der Mentoring-Tandems arbeiten mehrere DPG-Arbeitskreise eng mit der Geschäftsstelle zusammen. Dieses unvergleichliche Programm hat Zukunft!

 

Welche Aufgabe sehen Sie für die Physik in der Gesellschaft von morgen?

Physik bewegt sich in interdisziplinären Spannungsfeldern zwischen Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft. Die Gesellschaft der Zukunft braucht beides gleichermaßen, um den Klimakollaps zu verhindern, die Gesundheit und Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern, die gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern und vorallem Wege zu nachhaltigen Wirtschaftsformen zu finden.

 

Welche Aufgaben hat eine europäisch gedachte Physik?

Das CERN als europäische Institution hat das Internet wie wir es kennen maßgeblich mitentwickelt. Innerhalb der Europäischen Union können wir darüber wissenschaftliche Daten frei austauschen beziehungsweise mit allen Mitgliedsländern zusammen arbeiten und forschen. Dabei unterstützt die EU Initiativen zu „Open Science“. Die Gedanken der Gastfreundschaft, der transnationalen, interkulturellen Zusammenarbeit auf Augenhöhe und des freien Informations- und Meinungsaustausches sind für die Physik und für Europa essentiell.

 

Warum sollten sich PhysikerInnen verstärkt in den politischen Diskurs bzw. Alltag einbringen?

Die Physik beruht maßgeblich auf dem Prinzip von „trial and error“. Das bedeutet, eigene Annahmen oder Theorien kritsch zu hinterfragen, anhand von Versuchen sorgfältig zu prüfen und dabei stets bereit zu sein, experimentell widerlegte Konzepte zu verwerfen. Die Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und sogar aufzugeben, tut jedem politischen Diskurs und jeder Alltagsentscheidung gut.
Es bleibt die Frage, wie wir uns als Physikfachleute in den Diskurs einbringen sollen. Kommunikation lebt zu 50 % vom Zuhören, und das gilt auch in der Wissenschaftskommunikation. Meiner Ansicht nach bringt uns das unidirektionale Dozieren wissenschaftlicher Fakten und das Belehren der Öffentlichkeit kaum weiter. Es kommt vielmehr auf empathisches Zuhören an. Welche Fragen, Sorgen und Erwartungen knüpft die Bevölkerung an die Physik? Wir brauchen mehr bidirektionale Formate, die Unwissenheit wertschätzen.

 

Mit welchem Thema beschäftigt sich Ihre Abschlussarbeit?

Sterne entstehen und vergehen. Die meisten Sterne in der Milchstraße sind keine „Singles“ wie unsere Sonne, sondern tanzen zu zweit umeinander. Am Ende ihres Lebens explodieren manche Sterne als Supernova und hinterlassen ein extremes, kompaktes Objekt, einen sogenannten Neutronenstern. Diese Neutronensterne sind so klein wie eine Stadt und dabei schwerer als unsere Sonne, sodass sie beinah unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen und zu schwarzen Löchern werden. Aber eben nur fast. Beobachtungen lassen vermuten, dass es zwei verschiedene Zustände von Neutronensternen gibt, bei denen der Innendruck der Materie dem Zusammenbruch trotzt. In meiner Masterarbeit untersuchen wir mögliche Phasenübergänge zwischen diesen Zuständen von Neutronensternen die in einem Doppelsystem um einen Stern kreisen.

 

Physik ist wie ....

Singen im Chor. Beides ist inklusiv, denn alle Menschen haben das Zeug dazu, auch wenn sich nicht alle trauen. Es kommt darauf an, den anderen gut zuzuhören, miteinander zu üben und voneinander zu lernen. Nur durch harmonische Zusammenarbeit entsteht etwas, das die Öffentlichkeit bewegt und fasziniert.

 

Bild: Benjamin Wolba