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Prof. Dr. Knut Urban, Tag der DPG, 11. November 2005

Zur Promotion im Fach Physik an deutschen Universitäten

Die Verleihung der Doktorwürde, die Promotion, ist eine altes Recht der Universitäten, das in Europa bis in den Beginn des 13. Jahrhunderts zurückreicht.

Die Erlangung des Doktortitels setzt im allgemeinen ein ordentliches Universitätsstudium in dem Fach voraus, für das der Doktorgrad verliehen wird. Die Promotionsleistung besteht grundsätzlich aus der Dissertation und einer mündlichen Prüfung.

An den deutschen Universitäten gibt es über diese elementaren Grundsätze hinaus universitätsspezifische Richtlinien, die in den Promotionsordnungen festgelegt sind. Darüber hinaus haben sich fächerspezifische „Promotionskulturen“ herausgebildet. Die Promotion im Fach Medizin, in den Sozial- und Geisteswissenschaften, in der Chemie und der Physik und so weiter verläuft recht unterschiedlich. Diese individuellen Unterschiede sind Teil einer bislang akzeptierten Vielfalt des deutschen akademischen Systems.

Im Zuge des Bologna-Prozesses, d.h. der Umsetzung der im Juni 1999 in Bologna von den europäischen Regierungen unterzeichneten Erklärung zur Schaffung eines europäischen Bildungs- und Hochschulraums, soll auch die Promotion in den Europäisierungsprozeß einbezogen werden.

Die Promotion spielt dementsprechend in den Erklärungen von Bologna 1999, Berlin 2003 und Bergen 2005 eine zunehmende Rolle. Dabei werden Eckpunkte formuliert, deren Umsetzung die Promotion in Deutschland nachhaltig beeinflussen werden. Unabhängig vom Inhalt erscheint die Tatsache von zentraler Bedeutung, daß diese Regeln für alle Fächer gleichermaßen verpflichtend sein sollen, und wie schon bei der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge auf die einzelnen Fächerkulturen keine Rücksicht genommen wird.

Schon vor der Erklärung von Bologna ist in Deutschland die Promotionskultur in der Physik in Bewegung geraten. Auslöser dafür waren die Bemühungen um eine Verkürzung der Promotionszeit, eine verbesserte Betreuung der Graduierten, die Forderung nach einem höheren Wissenstand auf dem Gebiet der Physik allgemein zum Zeitpunkt der Doktorprüfung und nicht zuletzt eine Reaktion auf den internationalen Wettbewerb um gute Leute für die - weil sie Mangelware sind - weltweit attraktive Promotionsangebote zur Verfügung stehen.

Die neuen seit Mitte der Neunzigerjahre eingeführten Werkzeuge der Promotionsstudiengänge, Graduiertenkollegs haben in der Folge die Promotionskultur in der Physik verändert.

Die sogenannte Exzellenzinitiative der Bundesregierung, welche von den sich bewerbenden Hochschulen eine Liste von Aktivitäten auf dem Gebiet der Graduiertenförderung verlangt, ist dabei, eine Beschleunigung der Konzentration der Doktorandenausbildung in Graduiertenschulen zu bewirken. Nach Angaben der DFG sind im Rahmen der Exzellenzinitiative über 100 Anträge auf die Einrichtung von Graduiertenschulen eingegangen. Vorgesehen ist, davon 30 bis 40 zu finanzieren.

Nicht immer ging den durch verschiedenartige Einflüsse ausgelösten Zwängen zum Handeln eine adäquate Diskussion voraus. Es erscheint an der Zeit, diese Diskussion mit dem Blick auf das Ganze jetzt nachzuholen, einerseits um Klarheit zu gewinnen, wo die Chancen und Gefahren dieses Umbruchs liegen, andererseits, um bei den noch vor uns liegenden, insbesondere von der europäischen und der innerdeutschen Bildungspolitik ausgelösten Veränderungsprozessen mit Sachverstand so weit als nur möglich mitgestalten zu können.

Dabei steht für die Physik in Deutschland nicht wenig auf dem Spiel. Das wichtigste ist, daß wir dafür sorgen müssen, daß die sich in Deutschland in den nächsten Jahren neu herausbildende Promotionskultur in der Physik die Elemente enthält, welche für eine sachgerechte Ausbildung und für die Forschung unverzichtbar sind.

Ziel muß es sein, diese Werte zu erhalten und auf dieser Basis die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Universitäten und der deutschen Forschung insgesamt mit Bezug auf die Forschungseffizienz und die Verfügbarkeit von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern nachhaltig zu verbessern.

Der Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft hat auf seiner Sommersitzung in München beschlossen, eine Stellungnahme der DPG zur Promotion in der Physik auszuarbeiten. Dazu habe ich einen Arbeitstext in Form eines Exposés vorgelegt.

Am vergangenen Montag haben wir uns auf einer Sitzung der KFP im Magnus-Haus darauf verständigt, daß diese Stellungnahme gemeinsam mit der KFP erstellt und als gemeinsame DPG/KFP-Stellungnahme publiziert und der Politik gegenüber vertreten werden soll.

Diese Veranstaltung soll dazu dienen, möglichst viele Gesichts-punkte herauszuarbeiten, um die Ergebnisse dann in den Text mit einzu-bringen. Bitte lassen Sie mich dazu einige Elemente beitragen, welche die Diskussion mit in Gang bringen sollen. Ich fasse diese in 7 Punkten zusammen.

Punkt I: Qualitätskategorien
Die im Rahmen einer Promotion nachzuweisenden Eigenschaften lassen sich aus meiner Sicht in 4 Kategorien zusammenfassen:
(1) Selbständigkeit: Bei der Dissertation muß es sich um eine selbständig angefertigte wissenschaftliche Arbeit handeln.
(2) Originalität: Diese Arbeit muß einen wesentlichen und substantiellen Beitrag zum Fortschritt des entsprechenden Fachgebiets darstellen.
(3) Kommunikativität: In einer offenen wissenschaftlichen Umgebung erfolgreich kommunizieren, lernen, vermitteln und sich behaupten zu können.
(4) Versiertheit: Das eigene Spezialgebiet überdurchschnittlich gut übersehen und über eine breite Allgemeinbildung auf dem Gebiet der Physik verfügen. Hierher gehört auch die Bedingung, daß diese Qualifikation in 3 bis höchstens 4 Jahren zu erwerben ist.

Punkt II: Die Promotionsphase muß unter 3 Gesichtspunkten betrachtet werden
(1) Der erste Gesichtspunkt betrifft die im Beruf erbrachte Forschungsleistung. Das Studium der Physik schließt berufsbefähigend mit dem Diplom- bzw. dem Mastergrad ab. Die Graduierten bringen die Qualitäten eines Physikers bzw. einer Physikerin mit, der (die) gelernt hat, sich zügig in ein bestimmtes Fachgebiet einzuarbeiten und dort wissenschaftlich zu arbeiten.
Es wäre ein schwerwiegendes Mißverständnis, die Promotionsphase noch im weiteren Sinne zum Studium zu rechnen. Die Zeit der Doktorarbeit ist Berufszeit und sie hat als solche wesentlichen Anteil an der Produktion von Wissen und Innovation in Deutschland. Tatsächlich werden über Zweidrittel der Forschungsleistung, welche die deutschen Hoch-schulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zum deutschen „Forschungsoutput“ auf dem Gebiet der Physik beitragen, von Doktoranden und Doktorandinnen erbracht.
(2) Der zweite Gesichtspunkt betrifft die mit dieser Forschungsleistung verbundene Erhöhung der eigenen Berufskompetenz.
Eine stärkere Betonung des Aspekts der Erhöhung der Eigenqualifikation der Promovierenden durch entsprechende zusätzliche ausbildungsartige Elemente kann den beruflichen Aspekt der Promotionsphase stärken, weil die Forschungskompetenz verbessert wird. Eine Überbetonung ausbildungsartiger Elemente kann jedoch zu Lasten der Forschung und damit zu einer Schwächung des beruflichen Leistungsaspekts der Promotionsphase führen.
(3) Der dritte Gesichtspunkt betrifft die Beteiligung an den Aufgaben der Universitäten in der Lehre durch Assistenztätigkeit.
An den personalmäßig ausgedünnten deutschen Universitäten tragen die Doktorandinnen und Doktoranden erhebliche Anteile der Lehre, indem sie als Assistentinnen und Assistenten Vorlesungen, Praktika und Diplomarbeiten begleiten. Kein Lehrstuhl kommt heute ohne diese Leistungen aus. Die Tatsache, daß die verstärkte Betreuung der Studierenden in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen ohne Erhöhung (effektiv aber unter einer Reduzierung) der Personalressourcen geleistet werden muß, wird die Bedeutung dieser Leistung der Doktorand(inn)en weiter erhöhen.
Jede Art von Verschulung der Promotion, um den zweiten Gesichtspunkt, den der Erhöhung der Eigenqualifikation der Promovierenden stärker zu betonen, muß sich mit Bezug auf die Auswirkungen dieser Maßnahme mit Bezug auf die beiden anderen Gesichtspunkte, einschließlich der Forderung nach Selbständigkeit bei der Erarbeitung der Dissertation verantworten. Dies gilt auch ganz aktuell für die Graduiertenschulen in der Exzellenzinitiative.

Punkt III: In der Regel sind die Vergütungen für die Graduierten keine Ausbildungsstipendien sondern Vergütungen für berufliche Leistungen im Rahmen von Forschungsprojekten.
Dadurch sind Ausbildungsaspekten zur Erhöhung der Eigenqualifikation der Promovierenden, meine Kategorie 2, enge Grenzen gesetzt. Streng genommen müßte alles, was in diese Kategorie gehört und nicht der Erhöhung des Forschungsoutputs im aktuellen Forschungsprojekt gehört, für welches die Vergütung gewährt wird, extra finanziert werden. In der Tat gibt es eine Reihe von Graduiertenkollegs, welche die von der DFG gewährte Unterstützung für solche Zusätze einsetzen.

Punkt IV: Die Graduiertenschulen sind ein Instrument des internationalen Wettbewerbs.
Unabhängig vom Bologna-Prozeß und wohl auch wesentlich zwingender wird die internationale Konkurrenz um Studierende und Graduierte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Nachwuchssituation an den Universitäten und Forschungseinrichtungen bestimmen. Die neuen Instrumente der Graduiertenschulen sind eine Antwort darauf.

Punkt V: Das Promotionsrecht muß ein Recht der Hochschulen bleiben.
Die Tatsache, daß außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, namentlich die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft, mit Sondermitteln aus zentralen Töpfen Graduiertenschulen einrichten, hat trotz der Tatsache, daß diese Schulen im allgemeinen zusammen mit den Universitäten durchgeführt werden, bei vielen Hochschullehrern Beunruhigung ausgelöst.
Dies betrifft vor allem die Befürchtung, daß dadurch die Attraktivität der außeruniversitären Einrichtungen zuungunsten der Universitäten für Graduierte kritisch zunehmen würde und daß langfristig sogar die Ausschließlichkeit des Promotionsrechtes der Hochschulen in Gefahr geraten könnte.

Punkt VI: Die in den neuen Studienordnungen vorgesehene Möglichkeit, das Master-Studium zu überspringen und direkt zur Promotion zu gehen, kann folgenschwere Auswirkungen auf Master- und Promotionsstudium haben.
Das Bachelor-Studium ist nach der Meinung der Physiker in Deutschland, festgelegt in Erklärungen der DPG und der KFP, kein berufsbefähigendes Studium und insofern auch nach geltendem Promotionsrecht nicht qualifizierend für eine Promotion. Die Fachbereiche müssen mit Dringlichkeit stringente Regeln definieren, nach welchen Ausnahmen zugelassen werden. Es ist leicht absehbar, daß im Kampf um gute Leute die Ausnahme zur Regeln werden könnte, was nicht nur den Zwang zur Verschulung im Rahmen eines Promotionsstudiums mit sich brächte. Dieses wiederum müßte, was nur folgerichtig ist, akkreditiert werden. Ob wir das wollen, erscheint mir mehr als fraglich, und ob wir die damit einhergehende Entwertung des Diploms bzw. Masters in der Physik wollen, ist eine Frage, die wir mit offenen Augen untersuchen sollten.

Erlauben Sie mir als Punkt VII noch eine Schlußbemerkung:
Die Bildungsminister haben sich in Bergen darauf festgelegt, daß das Promotionsstudium als sogenannter Dritter Zyklus neben dem Bachelor- und neben dem Masterstudium verbindlich in Europa eingeführt wird. Dabei wird die beunruhigende Feststellung getroffen, daß Promovierende gleichzeitig als „Studenten und als angehende Wissenschaftler“ zu betrachten seien.
Dies bestätigt mich in meiner persönlichen Einschätzung, daß wir, die wir in diesen Wochen Graduiertenschulen und andere Instrumente zur Graduiertenförderung konzipiert und eingereicht haben, damit etwas anderes - zumindest in einigen Elementen unterschiedliches - meinen als die politische Öffentlichkeit.
Es ist unsere Pflicht, hier aufklärend zu wirken, den Wert der Forschung zu artikulieren und deutlich zu machen, welcher Bedingungen es bedarf, um auf diesem Gebiet Herausragendes für unser Land zu leisten.
Denjenigen, die statt Forschung nur Schule wollen, weil sie zur physikalische Forschung keinen Zugang haben und ihnen aufgrund dieses Defizits diese Forschung keinen Wert bedeutet, sollten wir die Kriterien dafür vermitteln, warum wir dies für den falschen Weg halten.

 
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