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Laudatio für Harald Lesch

am 11. November 2005

zur Verleihung
der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Lieber Herr Lesch,
meine Damen und Herren,

am 6. Dezember 1827 begann Alexander von Humboldt in Berlin im neuen Gebäude der Berliner Singakademie "Am Festungsgraben 2" - nur wenige hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem Gustav Magnus 16 Jahre später das erste physikalische Laboratorium Deutschlands einrichten sollte - seine Vorlesungen über "Physikalische Geographie". Mit diesen Vorlesungen, die er später selbst "Kosmos-Vorträge" nannte, begründete Humboldt eine völlig neue Art des wissenschaftlichen Vortrags. Eine Art des Vortrages, die sich nicht ausschließlich an die Gelehrtengesellschaft richtet. Vielmehr sieht sie sich dem Anliegen verpflichtet, daß möglichst viele Menschen mit am wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß und dem dabei entstehenden Wissen teilhaben sollen.

Die Vossische Zeitung berichtete am folgenden Tag, dem 7. Dezember 1827: "Die Würde und Anmut des Vortrages, vereinigt mit dem Anziehenden des Gegenstandes, und der ausgebreiteten tiefen Gelehrsamkeit des Lehrers, die immer aus dem Vollen zu schöpfen vermag, dieser so seltene Zusammenfluß aller für die mündliche Belehrung ersprießlichen Eigenschaften, fesselte die Zuhörer mit unwiderstehlicher, in keinem Augenblick nachlassenden Kraft."

Humboldts Vorlesungen war in der Tat ein großartiger Erfolg beschieden. Sie lösten eine Welle der Begeisterung aus, die weite Kreise der Gesellschaft erfaßte. Im Publikum saßen die vornehmen Damen und Herren des Adels genauso wie der Maurermeister und das bildungsinteressierte Bürgertum. Auch der König, Friedrich Wilhelm der Dritte, war an einigen der Abende zugegen. Humboldts Vorlesungen wurden zu einem gesellschaftliches Ereignis, wie es zuvor lediglich Theater- und Opernaufführungen vorbehalten war. Naturwissenschaft wurde durch und in der Folge von Humboldt Vorlesungen wohl zum ersten Mal in dieser Breite als ein Element des Kulturschaffens und das Wissen darüber als Element der Lebensqualität der Menschen begriffen.

Zur Faszination vor der Natur mischte sich - charakteristisch für die Art des naturwissenschaftlichen Umbruchs des neunzehnten Jahrhunderts - freilich auch die Zuversicht in bezug auf die Nützlichkeit dieser Erkenntnisse zugunsten der Schaffung besserer Lebensbedingungen für die Menschen.

Obwohl er den Nutzen der Naturerkenntnis stets hervorgehoben und als Mann von Einfluß - er war Kammerherr des preußischen Königs - ihr eine geopolitische Dimension im Wettbewerb der Völker zugeschrieben hat, war Humboldts Sicht der Natur zuallererst eine der persönlichen Lebensqualität im philosophischen Sinne.

Er sagt dazu in seiner Einleitung an diesem 6. Dezember 1827:
"Wer die Resultate der Naturforschung nicht in ihrem Verhältnis zu einzelnen Stufen der Bildung oder zu den individuellen Bedürfnissen des geselligen Lebens, sondern in ihrer großen Beziehung auf die gesamte Menschheit betrachtet, dem bietet sich, als die erfreulichste Frucht dieser Forschung, der Gewinn dar, durch Einsicht in den Zusammenhang der Erscheinungen den Genuß der Natur vermehrt und veredelt zu sehen."

Und: "Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit…Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen…, die Einzelheiten prüfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen, der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt."

Unzweifelhaft hören wir da die Sprache Goethes heraus, dem Humboldt freundschaftlich verbunden war. Mit der Sublimation des Naturerlebens im Erhabenen, ist Humboldt neben Goethe unmittelbar Spinoza, Kant und seinem Contemporären Hegel verbunden. Dies erklärt uns eines der wesentlichen Elemente von Humboldts einzigartiger Resonanz: In der Besinnung auf das Phänomen ohne dabei so leidenschaftlich weit zu gehen, wie das Goethe zur Grundlage seines Naturerlebens gemacht hatte, gewann er die Vereinigung des Naturerlebens mit dem Geistesleben zurück.

Als universal Gebildeter und als Mensch der Romantik reagierte Humboldt auf seine Weise auf den Cartesischen Schnitt, der das Antonym, nämlich die Trennung, zum Prinzip des wissenschaftlichen Fort-schritts gemacht und damit die Wissenschaft von der Natur und damit die Natur selbst den Menschen entfremdet hatte.

II
"In der Tat… gibt der Anblick eines gestirnten Himmels bei einer heiteren Nacht eine Art des Vergnügens, welches nur edle Seelen empfinden. Bei der allgemeinen Stille der Natur und der Ruhe der Sinne redet das verborgene Erkenntnisvermögen des unsterblichen Geistes eine un-trennbare Sprache und gibt unausweichliche Begriffe, die sich wohl empfinden, aber nicht beschreiben lassen"

So zitiert Harald Lesch Immanuel Kant im Kapitel "Kosmologie für Fußgänger" in seinem gleichnamigen zusammen mit Jörn Müller verfaßten Buch. Und so wie in diesem Buch, Kapitel für Kapitel die Wissenschaft fortschreitet, so begleitet sie die Sicht des Dichters auf denselben Gegenstand: Die Erde im Gesang Homers, der Mond im melancholischen Blick an Goethes Fenster. Wenn Thomas Mann, Vincent van Gogh und immer wieder Goethe zu Wort kommen, dann geht es um eine umfassende Einheit, nicht um zwei Welten, sondern um den Blick von zwei Seiten auf dieselbe Welt.

Lieber Herr Lesch,
wir kennen uns nun schon einige Jahre seit Sie in Jülich Ihren Vortrag über die Möglichkeiten weiteren Lebens im All, bzw. wie Sie dann in Ihrem Buch geschrieben haben, eines "Zweiten Aktes des Big Bang", gehalten haben. Das Haus war, wie immer bei Ihren Vorträgen überfüllt. Zwar war nicht der König da, aber der Bürgermeister, unser Hausarzt war da, der Apotheker, der Buchhändler und auch der Malermeister und viele andere, denen wir im Leben unserer Stadt begegnen.

Und wir beide waren uns angesichts dieses Zustroms, angesichts der Besorgnis der stetig weiter durch die Türen des Saales hereindrängenden Menschen, die wenigstens noch einen Stehplatz ergattern wollten, einig darin, daß die Astronomie eine emotional weltbildhafte, ja in einer Weise fast religiöse Ausstrahlung auf die Menschen hat.

Doch das war nicht alles, wie 176 Jahre zuvor in Berlin war es die Persönlichkeit des Redners, welche die Zuhörer zu erleben hofften. Das Erlebnis der wissenschaftlichen Botschaft in der Vermittlung durch Sie, war das Ziel dieser Leute. Und in der Tat, "…dieser so seltene Zusammenfluß aller für die mündliche Belehrung ersprießlichen Eigenschaften, fesselte die Zuhörer mit unwiderstehlicher, in keinem Augenblick nachlassenden Kraft."

Ich konnte dann auch im Laufe Ihres Vortrags sehen, daß die Begeisterung Ihrer Zuhörer auf Sie selbst zurückwirkt, Sie im wahrsten Sinne des Wortes anfeuert. Diese emotionale Wechselwirkung mit den Zuhörern ist ein fast einmaliges Merkmal Ihrer Vorträge. Und diese emotionale Komponente ist in allem spürbar, mit dem Sie Ihrem Publikum gegenüber treten, ob real oder virtuell, in ihren Büchern, Vorträgen und Fernsehsendungen.

Sie haben einen einzigartigen, ganz persönlich geprägten, unübertroffenen Stil entwickelt, sich mit den Menschen über Physik zu unterhalten. Wenn Sie im legeren, schon länger getragenen Pullover jede Eleganz vermeidend ihre jeweils fünfzehnminütige Sendung ankündigen, "Willkommen zu Alpha Centauri", dann würde jeder Schauspiellehrer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Ja, das Understatement ist Prinzip. Und dann der Klang der auf die Tafel klatschenden Kreide, mit dem Sie den Titel ihrer heutigen Sendung anschreiben. Und sie tun das vor einem leeren Klassenzimmer. Und die Tische und Stühle stehen wie Menschen als wären sie Zuhörer. Man denkt an Rilke. Dies ist Kunst, ist Medieninstallation "at ist best". Hier ist jemand am Werk, der die Welt und in ihr nicht nur die Wissenschaft sondern auch die Kunst kennt.

Die Kamera läuft nun um Sie herum, der Eindruck entsteht beim Zuschauer, daß er derjenige sei, der jetzt auf Sie zukommt. Er ist es, an den Sie sich wenden. Und dann die Totale. Man spürt sofort, daß es Ihnen um den unmittelbaren Kontakt zu ihrem Gegenüber geht, von Mensch zu Mensch, direkt auf wenige Zentimeter Entfernung.

Sie vermeiden den Aufwand der vielfach zum Selbstläufer geratenen Welt der bilderreichen und computergenerierten Animation, die dem Menschen zu helfen vorgibt und ihn dabei nicht selten entmündigt.

Entmündigt, weil sie seiner eigenen Phantasie die Chance nimmt. Die Animationswelt zieht ihre Stärke, der nichts widerstehen zu können scheint, aus ihrer Primitivität. Dagegen ist ein wesentliches Element der Phantasie ihre vieldimensionale Eigengestaltigkeit und die Komplexität der neuronalen Multikonnexion. Sie läuft Gefahr von der schnöden zweidimensionalen Sequentialität der Animation erdrückt zu werden.

Harald Lesch dagegen, wie ein Calvinist, verzichtet auf jedes Bild. Alles Realtime, sonst nichts. Er blickt seinen Zuschauern in die Augen, beschreibt und illustriert mit Worten und Gesten, macht Wirkungspausen, er ist ganz er selbst und er hat nur sich selbst als Medium.

Mit diesem Angebot fasziniert Harald Lesch ein stetig wachsendes Publikum. Seine Fernsehsendungen haben Kultcharakter gewonnen.

Harald Lesch widmet sich allen brennenden Fragen der modernen Physik, nichts ist im zu schwer, nichts entgeht seinem "Was ist…? Wo ist…? Gibt es …?". In der Unmittelbarkeit seiner dialogisierenden Sprache nimmt er Einwände vorweg, baut Brücken dort, wo er Verständnisschwierigkeiten vorausahnt. Die moderne Physik und die Art ihrer Nachrichten über die Welt, sie finden bei Harald Lesch den Weg zu den Menschen. Und dort gehören sie hin.

Ja, dort gehören sie hin, und zwar in erster Linie. In der Tat sehen wir heute deutlicher als dies früher der Fall war, daß die Wissenschaft aus vermutlich mehr sozialpsychologischen Gründen als aus sachbezogenen über lange Zeit ihre Absonderung betrieben und - schon Oswald Spengler hat darauf hingewiesen - damit letztlich ihre eigene Gettoisierung erreicht hat.

Harald Lesch ist eine Art von postmodernem Phänomen der Wissenschaftskommunikation, seine Bühne kommt ohne Kulisse und ohne den leicht zu durchschauenden Populismus der inzwischen bereits manieristisch gewordenen Kinodramatik aus. Sein Ziel, und das spüren die Menschen, ist nicht das letztlich recht vordergründige Vereinnahmen, das viele Wissenschaftler mit Wissenschaftspopularisierung meinen, sondern das humanistische Anteilnehmenlassen. Anteilnehmenlassen an dem, was Alexander von Humboldt mit "Genuß" in Form des Erlebens von Wissen bezeichnet hat.

Und die Art der Fernsehsendungen von Harald Lesch macht allen denjenigen Mut, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, daß Aristoteles mit dem ersten Satz seiner Metaphysik "Alle Menschen streben von Natur nach Wissen" auch heute noch recht hat, und daß sie diesen inneren Drang nach Wissen auch dann noch verspüren, wenn die wachsend vordergründiger und gleichgültiger werdenden Versuche der Medien alles zum "Abenteuer" zur "Faszination", zur "Expedition" oder zum "Erlebnis" aufzumotzen, vollends schlaff geworden sind und keinen mehr hinter dem Ofen werden hervorlocken können.

Der eigene Stil von Harald Leschs Vortragsveranstaltungen und Sendungen beruht auf einem einmaligen Schatz an eigenem umfassendem Wissen und Verstehen. Vieles an seinen Präsentationen wirkt so direkt, so leicht, ja leger, weil Harald Lesch sich die freie Rede erlauben kann: Egal, wo er sich hinbewegt, er kennt sich aus. Hier haben wir sie wieder, die "ausgebreitete[n] tiefe[n] Gelehrsamkeit des Lehrers, die immer aus dem Vollen zu schöpfen vermag,…".

Was wir hören und sehen, ist original Harald Lesch und nicht das Produkt einer Manuskriptredaktion. Diese Art der Wissenschaftskommunikation braucht den aktiven und universell selbst interessierten Wissenschaftler. Sie benötigt in und demonstriert ihn.

III
Meine Damen und Herren,
die Deutsche Physikalische Gesellschaft ehrt in Harald Lesch eine Forscherpersönlichkeit, die den Menschen ein aufrichtiger Partner im Verstehen von Naturwissenschaft sein will.

Harald Lesch ist Vorbild, nicht nur für sein Publikum, sondern auch für andere Naturwissenschaftler, denen er zeigt, daß eigenes Wissen und die sichtbare Freude daran noch immer die beste Legitimation vor einem großen Publikum sind.

 
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