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Laudatio auf Ernst Peter Fischer

am 12. November 2004

zur Verleihung
der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Am 20. Juli 1794 findet in Jena eine Sitzung der "Naturforschenden Gesellschaft" statt, bei der auch Goethe und Schiller anwesend sind. Goethe, der den Kontakt zu Schiller bislang vermieden hat, kommt mit ihm beim Verlassen der Gesellschaft ins Gespräch. Er berichtet darüber:

"… wir gingen zufällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er schien an dem Vorgetragenen teilzunehmen, bemerkte aber…, wie eine so zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne. Ich erwiderte darauf: daß sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe, und daß es doch wohl noch eine andere Weise geben könne die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend darzustellen."

Die beiden waren sich somit in der ersten Stunde ihrer legendären Freundschaft einig, daß die moderne Art Naturwissenschaft zu betreiben, auf sie befremdlich wirkte.

Das Wesen der Natur, wie Goethe es sah, war von der Wirkung auf den Menschen, so wie sie von jedem persönlich und mit den Sinnen höchst subjektiv erfahren wird, nicht zu trennen. Mehr noch: Naturerfahrung ist für ihn Erfahrung des höchsten Wesens. Die Natur ist die nie abgerissene Verbindung zu dem, was von Anfang an dagewesen ist.

Es ist daher die vornehmste Aufgabe des Naturforschers aus der Vielfalt der Erscheinungsformen der Natur das aus der Fortwirkung des gemeinsamen Ursprungs verbindende zu isolieren, es in seiner reinsten Form des Urphänomens darzustellen, hinter welchem man unmittelbar die Gottheit zu gewahren glaubt.

Goethe hat sich früh mit Spinoza beschäftigt - übrigens im gleichen Alter, in dem das nach ihm Einstein getan hat. Und Goethe denkt ganz im Rahmen von Spinozas Pantheismus, wonach Gott und die alles enthaltende Natur ein und dasselbe sind. Und da alle Erscheinungen nur Daseinsweisen dieser einen Substanz sind, gilt es für den Naturforscher das Gemeinsame, von dem, was nur scheinbar getrennt dasteht, zu finden.

Goethe schreibt in seinem Traktat "Erfahrung und Wissenschaft": "…wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen…, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene…". Am Ende des Bemühens steht dann das reine Phänomen. "Hier wäre", so Goethe, "wenn der Mensch sich zu bescheiden wüßte, vielleicht das letzte Ziel unserer Kräfte. Denn hier wird nicht nach Ursachen gefragt, ...". Goethe folgt Spinoza: Nach Ursachen zu fragen, ist sinnlos, weil Gott und Natur Ursache ihrer selbst sind.

Für das Folgende ist auch dieser Punkt wichtig: Da alle Erscheinungen und alles Werden nur Daseinsweisen der einen Substanz bzw. Übergänge zwischen diesen sind, ist die spontane Erkenntnis in der Naturwissenschaft, das plötzliche Schauen von Zusammenhängen zwischen dem, was uns zuvor isoliert erschienen ist, von gleicher Art wie das spontane Zusammenklingen von Tönen in der Intuition des Komponisten oder das spontane Erfühlen von farblichen und formenhaften Zusammenhängen in der Bildenden Kunst.

Mit Bezug auf dieses Miteinander von Kreativität in der Naturwissenschaft und in den Künsten kommentiert der Frankfurter Physiker, Philosoph und Philologe Walter Saltzer: "…bedeutsam erscheint mir, daß nur durch das Verweilen auf der Ebene des Phänomens … der simultane Übergang auch zu dessen künstlerischem Verstehen, zu dessen emotionaler Würdigung ermöglicht wird".

Mit dieser vom Spinozismus geprägten ganzheitlichen Sichtweise geriet Goethe zwangsläufig in Gegensatz zur neuzeitlichen Naturwissenschaft, die eben dabei war, einen gewaltigen Aufschwung zu nehmen. Descartes hatte eineinhalb Jahrhunderte zuvor in seiner Abhandlung "Von der Methode…" den Weg, den die Wissenschaft zu gehen hatte, neu definiert:

Als erstes gilt es den Schnitt zu führen zwischen Geist und Materie und als zweites geht es darum - so Descartes - "…jedes Problem in so viele Teile zu teilen, wie es angeht und wie es nötig ist, um es leichter zu lösen".

Und da ist noch ein Drittes, das am raschen Fortschritt mächtigen Anteil hat. Dies ist der reduktionistische Ansatz, das Zurückführen der Phänomene auf immer weniger, aber dafür um so universeller gültige Ursachen. Sowohl die jenen zugrundeliegenden Naturgesetze als auch die Verbindung zwischen diesen und ihren Manifestationen in der beobachtbaren Welt werden mit Hilfe mathematischer Gleichungen beschrieben.

So begann der Siegeszug der Naturwissenschaft, der bis heute anhält. Doch ein Preis mußte dafür bezahlt werden. Das Verlassen der Ebene des Phänomens, die von Goethe beklagte "zerstückelte Art die Natur zu behandeln", und die nur noch dem Eingeweihten zugängliche Mathematisierung stehen am Anfang einer im Laufe der folgenden beiden Jahrhunderte heraufziehenden Entfremdung zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften.

Schwerer wiegt die Tatsache, daß im Folgenden die Naturwissenschaft zwar immer mehr die Welt der Menschen bestimmt aber an deren Weltbild kaum mehr Anteil hat. Da sie selbst stumm geworden ist, wird die Naturwissenschaft von den meisten nur noch über ihre Transformation in Technik wahrgenommen, die man gebrauchen und verbrauchen kann.

Einer, der sich damit nicht abfinden will, ist Ernst Peter Fischer.

Lieber Herr Fischer, Sie wurden 1947 in Wuppertal geboren. Sie haben in Köln Physik studiert und Ihr Studium mit einer Arbeit in Theoretischer Physik bei meinem Jülicher Kollegen Gert Eilenberger abgeschlossen. Sie gingen dann an das Caltec in Pasadena und begannen dort das Studium der Biologie, das sie dort mit der Promotion bei Nobelpreisträger Max Delbrück abschlossen. In Ihrer Habilitationsschrift behandeln Sie ein wissenschaftsgeschichtliches Thema. Sie trägt den Titel "Die Tragweite der Komplementaritätsidee". Heute lehren Sie Wissenschaftsgeschichte in Konstanz und Basel.

Ihre schriftstellerische Tätigkeit begannen Sie mit einer Biographie von Max Delbrück. Von ihren vielen Büchern und Schriften hier eine Auswahl aus den letzen Jahren: Die Serie von Kurzbiographien in zwei Bänden "Aristoteles, Einstein & Co." 1995 und "Leonardo, Heisenberg & Co. 2000; "Einstein. Ein Genie und sein überfordertes Publikum" 1996; "Heisenberg, das selbstvergessene Genie" 2001.

Ein besonders großes Publikum erreichten Sie dann mit "Die andere Bildung" ebenfalls 2001, das innerhalb eines Jahres 6 Auflagen erlebte. Im folgten "Das Genom" 2002; "Am Anfang war die Doppelhelix" 2003; "Die Bildung des Menschen" 2004 und vor kurzem "Einstein, Hawking, Sing & Co - Bücher die man kennen muß".

Sie sind für Ihr Werk vielfach ausgezeichnet worden, ich erwähne hier nur die Lorenz Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.

Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist eine der großen Kulturleistungen der Menschheit. Es gibt in der zeitgenössischen Literatur kaum einen Autor, der diesen Satz mit einer auch nur annähernd gleichen Konsequenz vertreten würde wie Ernst Peter Fischer. Lassen Sie mich darauf in vier Abschnitten eingehen:

Erstens: Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Mit diesem Satz beginnt Heisenbergs Autobiographie "Der Teil und das Ganze". Er zieht sich als Schlüsselzitat durch Ernst Peter Fischers Werk.

Wenn Sie heute in der neuesten Ausgabe des Brockhaus die Begriffe "Kultur", "Kulturleistung" und "Kulturwissenschaften" nachschlagen, dann kommt dort die Naturwissenschaft nicht vor. Dahinter verbirgt sich der fundamentale Irrtum, daß die Naturwissenschaft ihre Erkenntnisse schlicht dadurch gewinne, daß sie diese der Natur einfach abschaut. Nicht nur daß wir seit Kant wissen, daß dies grundsätzlich unmöglich ist, vielmehr - und darauf weist Ernst-Peter Fischer immer wieder hin - bedarf es beim Wissenschaftler eines Aktes der Kreativität, um - folgen wir wieder Goethe - das scheinbar Getrennte plötzlich als Einheit zu sehen, mit modernen Worten, das Naturgesetz dahinter zu erkennen. Ernst Peter Fischer zitiert den 22jährigen Einstein: "Es ist ein herrliches Gefühl, die Einheit eines Komplexes von Erscheinungen zu erkennen, die der direkten Wahrnehmung als getrennte Dinge erscheinen."

Zweitens: Ernst Peter Fischer zeigt, daß es meist bildhafte und ästhetische Kategorien sind, die bei dem plötzlichen Erkennen der Zusammenhänge, den intuitiven Vorlauf geben. Er zitiert den 25jährigen Heisenberg in einer Unterhaltung mit Einstein. Wörtlich: "Wenn man durch die Natur auf mathematische Formen von großer Einfachheit und Schönheit gestoßen wird, …, so kann man nicht umhin zu glauben, daß sie ‚wahr' sind." Und Heisenberg weiter: "Sie können wir vorwerfen, daß ich hier ein ästhetisches Wahrheitskriterium verwende. Aber ich muß zugeben, daß für mich von der Einheit und Schönheit… eine große Überzeugungskraft ausgeht."

Die Ästhetik ist dann auch die Leitidee, auf die Sie bauen, um die Menschen der Naturwissenschaft zurückzugewinnen. Im sogenannten Holzener Manifest 1996 bezeichnen Sie die Ästhetik als das einende Band, das den Weg zur Versöhnung der beiden Snowschen Kulturen bereiten kann.

Sie beziehen sich auf den kartesischen Schnitt, den Sie zwar für wissenschaftlich erfolgreich aber für die Rezeption der Wissenschaft für verhängnisvoll halten. Sie schreiben: "Die sinnliche Wahrnehmung wurde zu lange zugunsten der logisch rationalen Suche nach Wissen vernachlässigt. Das Unbehagen an der Wissenschaft wird schwinden, wenn die Menschen die Freude an der Wahrnehmung zurückgewinnen". Und weiter: "Der Sachverstand bedarf der Ergänzung durch Erkenntnismethoden, die es erlauben, den Eigenwert der Natur und ihre Schönheit zu erfassen, ohne dabei den einzig tragfähigen Boden der Wissenschaftlichkeit aufzugeben."

Drittens: In Ihren Büchern geht es um die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte, von der Kosmologie, der Relativitätstheorie, die Quantenphysik bis zu Genom und Gentechnik. Und Sie weisen Ihre Leser darauf hin, daß diese Inhalte nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Dennoch bauen Sie Brücken, indem Sie sich auf den Leser einlassen, an seine Welt und Sprache anknüpfen. Dabei machen Sie das Geheimnis der menschlichen Kreativität zum Angelpunkt Ihrer Botschaft.

Sie appellieren an Goethe, der in Ihren Schriften vielfach vorkommt, wenn Sie aus den wissenschaftlichen Fakten die Phänomene in moderner Form neu zurückgewinnen. Auf dieser Ebene des Phänomens gelingt es Ihnen das Verbindende in der Kreativität in den Natur- und in den Geisteswissenschaften höchst eindrucksvoll sichtbar werden zu lassen. Und Sie machen Ihre Leser darauf aufmerksam, daß Einstein in dem von ihm mit Freunden gegründeten Männerclub "Akademie Olympia" 1903, sich zwei Jahre vor seinem "Annus Mirabilis", intensiv mit Spinoza befaßt und diese Beschäftigung über die folgenden so fruchtbaren Jahre fortgesetzt hat.

In Ihrem Sinne grundlegend ist Ihre ausführliche Würdigung des Vortrags "Zur Geschichte der physikalischen Naturerklärung", den Heisenberg mit 31 Jahren vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat. Heisenberg sagte, ich zitiere aus Ihrem Buch: "Der Fortschritt in den Naturwissenschaften wurde erkauft durch den Verzicht darauf, die Phänomene in der Natur unserem Denken durch Naturwissenschaft unmittelbar lebendig zu machen" und dennoch "die Ansprüche der Naturforscher auf ein Verständnis der Welt im ursprünglichen Sinne" [schwinden immer mehr].

Heisenberg bemerkt an anderer Stelle, daß eine gelöste Frage tausend neue aufwerfe. Sollte Goethe doch Recht behalten, daß die Frage nach Ursachen über unsere Kräfte geht, und der infinite Regreß von Frage zu Frage die intrinsische Unbegründbarkeit der Natur bestätigt?

Lassen Sie mich letzten Punkt kommen: Man kann heute nicht über Ernst Peter Fischer sprechen ohne nicht auch auf Dietrich Schwanitz zu reflektieren. Schwanitz' Bestseller "Bildung. Alles was man wissen muß" sorgte 1999 für Bewegung in der Szene. Dieses Buch, dem Roman Herzog immerhin bescheinigte, daß es dazu beitrage "sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren", beschreibt nach Art eines Knigge des gesellschaftlichen Smalltalks eine Bildung, die einer Hollywoodfassade gleicht. Sie haben, im Gegensatz zu vielen, die sich über dieses Buch geäußert haben, dieses Buch gelesen und, wie Sie schreiben, sich "über lange Lesestunden hindurch amüsiert". Denn, im Unterschied zu vielen seiner Leser, weiß Schwanitz natürlich, daß die Kollage, die er da spitzbübisch entwirft, mit Bildung nur wenig zu tun hat.

Und da steht dann auf Seite 482 der berühmt gewordene Satz: "Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht." Und damit hat er auch vollkommen recht. Denn Gegenstand seines Buches ist ja nicht die Bildung, wie sie sein sollte, sondern so wie sie in den Kreisen gesehen wird, die den Inhalt von Schwanitz' Buch für Bildung halten.

Dennoch mußte jemand wie Sie, der sich immer bemüht hatte, den Graben zwischen den zwei Kulturen zu schließen, diese Feststellung als Provokation empfinden. Sie haben dann auch die Herausforderung des Literaturwissenschaftlers Schwanitz angenommen. Ihr auf der Basis Ihres fulminanten Wissens geschriebenes Buch "Die andere Bildung" ist in der Folge die einzige erfolgreiche Entgegnung gegen Schwanitz geblieben.

Lieber Herr Fischer, Publizistik hat etwas mit Öffentlichmachen zu tun. Bei Ihrer Publizistik geht es um das Öffentlichmachen von Naturwissenschaft als kulturellem Anliegen. Sie mahnen mit Ihrem Werk die Öffentlichkeit, die Naturwissenschaft zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn das mehr Mühe macht, als sich mancher wünschen würde. Sie mahnen aber auch die Wissenschaftler. Daher schließe ich mit einem Text, den ich aus Ihrem Einsteinbuch entnommen haben, und den wir auch in Ihre Exemplar der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik haben einprägen lassen:

"Ich meine, daß das Unbehagen an der Wissenschaft vor allem dadurch zustande kommt, daß dieses Unternehmen es verlernt hat, neben der logischen Erkenntnis, die sie glänzend und großartig liefert, auch die sinnliche Erkenntnis zu berücksichtigen, die es komplementär zu ihr gibt."

Prof. Dr. Knut Urban, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

 
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