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Prof. Dr. Knut Urban, Paulskirche Frankfurt, 29. November 2005

Ansprache zur Verleihung
des Otto Hahn-Preises an Prof. Theodor Hänsch

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Roth,
sehr geehrter Herr Präsident Hopf,
lieber Herr Hänsch,
meine Damen und Herren,

I
Die Männer, die an diesem Ort im Mai 1848 als Deutsche Nationalversammlung zusammentraten, scheiterten politisch. Die Welle, welche bürgerliches Selbstbewußtsein im Verein mit schwärmerischer Zuversicht in Bewegung gesetzt hatte, verlief sich im Sande der realen Machtverhältnisse.

Was aber blieb, war der Glaube, daß das Leben heute durch das Heraufbringen des Morgen seinen Sinn erhielte, war die Klarheit darüber, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht apriorisch sind und daß Kultur und Geistesleben aufgefordert seien, nicht im romantischen Rückbezug zu reagieren, sondern das in Bezug auf den Menschen Denkbare in Zukunftsentwürfe zu gießen.

1848 war der Versuch einer politischen Sublimierung der Freiheit der Menschen, die ihnen auch durch die Beschäftigung mit den in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts rasant aufblühenden Naturwissenschaften bewußt geworden war. In der Tat vollzog sich die Bewegung im Geistesleben im Verein mit einer nicht minder dramatischen Umwälzung auf dem Gebiet des naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Indem sich die Naturwissenschaften von der spekulativen Naturphilosophie emanzipierten, konnten sie zu den exakten Naturwissenschaften und damit auch zur Grundlage von Technik und Industrialisierung werden, die das gesellschaftliche Leben veränderten.

Dies war die Zeit des Chemikers Justus von Liebig. Es war auch die Zeit des Physikers Rudolf Clausius, des Physiologen Emil Du Bois-Reymond, des Physikers und Mediziners Hermann von Helmholtz, des Ingenieurs Werner Siemens, die zu den ersten Mitgliedern, der 1845 gegründeten Berliner Physikalischen Gesellschaft gehörten, aus der sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft entwickelte.

»Die Natur aber ist das Reich der Freiheit…«. Dieser Satz steht ganz am Anfang von Alexander von Humboldts Werk „Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“, das er als Bilanz seiner ein halbes Jahrhundert umfassenden weltweiten Forschungsarbeit von 1845 bis zu seinem Tode herausgegeben hat.

Humboldts Werk hatte großen Anteil daran, daß die Naturwissenschaften Teil der bürgerlichen Bildung wurden. Er war engagierter Anhänger der Bewegung von 1848 und folgte in Berlin dem Trauerzug für die Märzgefallenen.

Die folgende Äußerung steht beispielhaft für das Selbstgefühl und auch das Verantwortungsbewußtsein des naturwissenschaftlich Gebildeten dieser Zeit, gleichwohl ist sie höchst modern und aktuell geblieben:

»Der Mensch kann auf die Natur nicht einwirken, sich keine ihrer Kräfte aneignen, wenn er nicht die Naturgesetze nach Maß- und Zahlverhältnissen kennt….Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit; sie sind Teile des Nationalreichtums, ….Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Tätigkeit, in Anwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückstehen, bei denen die Achtung einer solchen Tätigkeit nicht alle Klassen durchdringt, werden unausbleiblich von ihrem Wohlstande herabsinken. Sie werden es um so mehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle Künste in regem Wechselverkehr mit einander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts schreiten.«

Die Paulskirche ist nach dem Zweiten Weltkrieg nicht als Gotteshaus wiedererrichtet worden, sondern als ein Ort des modernen Geisteslebens. Im Nachklang der deutschen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des frühen neunzehnten Jahrhunderts ist auf diese Weise - als eine Art von Resonanz - eine eigene neue Tradition entstanden.

Es erscheint mir bemerkenswert, daß die Naturwissenschaften zu dieser neuen Tradition der Paulskirche bislang nur vergleichsweise wenig beigetragen haben. Um dies zu verstehen, müßten wir uns die Frage vornehmen, ob sich unsere Gesellschaft - abseits von Lebensstandard und leiblichem Wohlergehen - auch mit Bezug auf ihr Kultur- und Geistesleben der Prägung durch die Naturwissenschaften in ausreichendem Maße bewußt ist.

In diesem Sinne ist der neue Otto Hahn-Preis der Stadt Frankfurt, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Gesellschaft Deutscher Chemiker, der von jetzt an alle zwei Jahre hier an diesem Ort, in der Paulskirche verliehen werden soll, als ein Bekenntnis zu der Tatsache aufzufassen, daß die Natur- und Technikwissenschaften zusammen mit den Geisteswissenschaften eine Dreiheit der Kreativität als Grundlage der menschlichen Kultur bilden.

Das Lebenswerk Otto Hahns steht für alle Zeiten, wie das Albert Einsteins, beispielhaft für die Ambivalenz des menschlichen Erkenntnisstrebens. Darüber nachzudenken, ist Aufgabe der betroffenen Wissenschaften selbst wie auch und nicht zuletzt der Geisteswissenschaften. Ich halte es für wichtig, daß wir uns dabei zu dem Dilemma bekennen, daß wir uns alle des Problems von Schuld und Verantwortung im Sinne Otto Hahns bewußt sind, aber uns gleichzeitig Rechenschaft darüber ablegen müssen, daß wir eigentlich nicht wissen, wie wir selbst und die Menschheit als Ganzes dieser Verantwortung dauerhaft gerecht werden können.

II
Bei einer Gelegenheit wie dieser mit Bezug auf eine Wissenschaft wie die Physik Bilanz zu ziehen, ist ein schwieriges Unterfangen. Beschränkt man sich auf die sogenannten großen Linien, dann gerät man in Gefahr, die Grundlage jedes wissenschaftlichen Fortschritts, die gewissenhafte Detailarbeit, zu unterschätzen. Tatsächlich leitete zu allen Zeiten das genaue Hinschauen, das, was der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn geringschätzig als Kleinkram bezeichnete, die von ihm als Paradigmenwechsel bezeichneten wissenschaftlichen Revolutionen ein.

Das Neue, so gewaltig es in der Tragweite seiner Auswirkungen auch sein mag, offenbart sich nicht selten zuerst dem Genauigkeitsfanatiker, der an der Grenze des noch technisch gerade Möglichen seine Nachweisempfindlichkeit von Tausendstel auf Millionstel, dann auf Milliardstel und noch weiter ins zuvor Unvorstellbare steigert.

Die Wissenschaft muß gleichsam durch ein Nadelöhr hindurch, bevor ihr die Augen für das Neue aufgehen.

Dies sollte die Öffentlichkeit bedenken, wenn sie heute von der Wissenschaft nicht nur die allgemeinverständliche sondern dazu auch noch die „spannende“ Darstellung fordert und sich schnell gelangweilt gibt, wenn ihr der Wissenschaftler mit Einzelheiten kommt.

Die moderne Wissenschaft bekennt sich zur Kommunikation mit den Menschen, die sie auf diese Weise an ihren Ergebnissen teilhaben läßt. Doch sie bittet sich aus, daß die für die Menschen auf der Straße aufbereitete Nachricht nicht ohne weiteres für die Wissenschaft selbst genommen würde.

Inzwischen wird immer deutlicher, daß der Urgrund der Globalisierung, dem die wirtschaftlichen Folgen lediglich nachgeschaltet sind, ein globaler Kreativitätswettbewerb ist. Dessen Erfolgskriterien sind höchste Professionalität, tiefgründigstes Spezialwissen und eine unbedingte, ja fanatische Hingabe zum Detail. Sie bilden das Substrat, auf dem Phantasie, Konsequenz und harte Arbeit - so man Glück hat - das Neue zu schaffen vermögen.

Die folgende Bemerkung Carl Friedrich von Weizsäckers über Otto Hahn zu dessen siebzigstem Geburtstag unterstreicht noch eine andere Eigenschaft des echten Wissenschaftlers: »Hahn ist einer der vielleicht reinsten Vertreter der experimentierenden Wissenschaft, die nicht mit festen Erwartungen an die Natur herangeht, um Beweise für das, was sie schon vermutete, zu erhalten, sondern die die Natur immer von neuem geduldig und, man darf sagen, demütig befragt.«

Es ist diese Demut, diese Sorge, die Erscheinung mangels besserer Einsicht für die Wahrheit zu nehmen, die wir in der verehrten Persönlichkeit Otto Hahns zu würdigen versuchen. Sie hat ihn geleitet, als er der für die Welt schicksalhaften Publikation, welche er zusammen mit Fritz Strassmann am 22. Dezember 1938 zu den Naturwissenschaften einreichte, und die in der Konsequenz die Entdeckung der Kernspaltung bedeutete, am Ende noch den berühmten Nachsatz zufügte:

»Als … „Kernchemiker“ können wir uns zu diesem, allen bisherigen Erfahrungen der Kernphysik widersprechenden Sprung noch nicht entschließen. Es könnten doch noch vielleicht eine Reihe seltsamer Zufälle unsere Ergebnisse vorgetäuscht haben.«

III
Es ist ein elementares Ziel der Physik, immer umfassendere Theorien zu entwickeln, welche die Natur so genau wie möglich beschreiben. Theorien entsprechen in der Physik, entgegen dem Gebrauch dieses Begriffes in der Alltagssprache, aufgedeckten Naturgesetzen.

Die beste Beschreibung der physikalischen Realität liefert im Moment das sogenannte Standardmodell der Teilchenphysik zusammen mit der Allgemeinen Relativitätstheorie. Darin ist die Quantenelektrodynamik enthalten, welche die Wechselwirkung elektrisch geladener Materiefelder, die mit den Elementarteilchen verbunden sind, mit elektromagnetischen Feldern, zum Beispiel dem Licht, beschreibt.

Für die Überprüfung der Quantenelektrodynamik hat sich die Untersuchung der Spektren des atomaren Wasserstoffs als besonders aussichtsreich erwiesen, weil sich mit dieser Theorie die Frequenzen der spektralen Übergänge wegen der Einfachheit des Atoms, das nur aus einem Proton und einem einzigen Elektron besteht, sehr genau berechnen lassen.

Theodor Hänsch beschäftigt sich seit den frühen Siebzigerjahren mit der hochpräzisen optischen Spektrometrie des Wasserstoffatoms, um damit etwas zu den fundamentalsten Fragen der Physik beizutragen. Insbesondere könnte der Nachweis möglicher Diskrepanzen zwischen Theorie und Experiment zu fundamental neuen Erkenntnissen führen.

Dabei hatten Hänsch und seine Kollegen entscheidenden Anteil daran, daß die relative Meßgenauigkeit um sieben Größenordnungen gesteigert werden konnte. Ausschlaggebend dafür war die Erfindung des Prinzips des Frequenzkammgenerators 1978, seine experimentelle Realisierung und stetige Verbesserung bis heute. Damit ist es Hänsch und seinen Mitarbeitern vor kurzem gelungen, die Frequenz einer sehr scharfen ultravioletten Spektrallinie im atomaren Wasserstoff auf unglaubliche vierzehn Dezimalstellen genau zu messen.

Das Potential der Frequenzkammtechnik für die Untersuchung der fundamentalsten Fragen der Physik kann nicht überschätzt werden. Beispielsweise läßt sich über eine so präzise Messung der Spektrallinien über den Zeitraum mehrer Jahre eine Aussage darüber machen, wie konstant die Naturkonstanten, die in die theoretische Berechnung ihrer Frequenz eingehen, eigentlich wirklich sind.

Neuere vereinheitlichende Theorien lassen Spielraum für eine Veränderlichkeit von Naturkonstanten über lange Zeiträume. Sollte sich dies als Realität herausstellen, dann hätte dies unübersehbare Folgen für unser Weltbild. Daß dies nicht übertrieben ist, hängt damit zusammen, daß wir schon lange wissen, daß organisches Leben, wie wir es kennen, nicht nur hier auf der Erde, sondern im ganzen Kosmos nur bei den Werten der Naturkonstanten möglich ist, die sie heute haben. Bereits winzigste Abweichungen davon machen dieses Leben grundsätzlich unmöglich.

Darüber hinaus wird der Bau von neuartigen optischen Atomuhren möglich, die tausend mal genauer sind als die besten heutigen Cäsium-Uhren. Derart genaue Uhren sind nicht nur für die Grundlagenforschung von Bedeutung. Damit lassen sich beispielsweise in der Zeit ablaufende Vorgänge über große Entfernungen synchronisieren und korrelieren. Anwendungen bei der Satellitennavigation, der Geodäsie oder in der Informationstechnologie sind nur einige von vielen innovativen Möglichkeiten.

IV
Selten ist die Entscheidung eines Vorschlagskomitees unserer Gesellschaft so schnell und in solcher Einmütigkeit gefällt und so uneingeschränkt begrüßt worden, wie die, Theodor Hänsch für den neuen Otto Hahn-Preis vorzuschlagen. Dies gilt auch für die spätere Aufnahme der Nachricht der Verleihung des Nobelpreises.

Sie, lieber Herr Hänsch, sind mit Recht derjenige, der für diesen neuen Otto Hahn-Preis Maßstäbe setzen wird, durch Ihre wissenschaftliche Leistung und in der kollegialen Resonanz, welche Sie bei den Physikern in Deutschland und international finden. Und wir freuen uns mit Ihnen, wenn Sie in der kommenden Woche in Stockholm den Nobelpreis in Empfang nehmen werden.

Möge die deutsche Öffentlichkeit in ihrer Begeisterung, daß nach 16 Jahren wieder ein im eigenen Lande tätiger deutscher Forscher den Nobelpreis für Physik bekommen hat, dabei auch die Umstände bedenken, unter denen die Forschungsleistungen Theodor Hänschs zustande gekommen sind. Am Anfang stand der Wunsch, etwas zu den Grundfragen unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes beizutragen.

Und Hänsch und seine Kollegen und Mitarbeiter waren erfolgreich, gerade weil sie ihre Arbeit, ja alles, was sie taten, diesem Ziel gewidmet haben. Es waren die mit ihrem vordergründig so anwendungsfernen Vorhaben verbundenen wissenschaftlichen und technischen Herausforderungen, die, indem sie sie bestanden, die Technologie herbeigeführt haben, deren großartiges Potential - für die Anwendung - wir zur Zeit noch nicht einmal übersehen können.

Das wirklich Neue in den Naturwissenschaften entzieht sich der Planung. Der Stein der Weisen, der uns dort hinführen könnte, ist der Menschheit noch immer vorenthalten. Die Konsequenz daraus hat Theodor Hänsch zusammen mit Herbert Walther in dem großartigen Buch der American Physical Society “More Things in Heaven and Earth - A Celebation of Physics at the Millenium” so ausgedrückt:

»Zuweilen haben sich scheinbar nutzlose und unzusammenhängende Entdeckungen zusammengefügt und so wissenschaftlich völlig Neues geschaffen. Und rein von Neugier getriebene Forschung hat in großartiger Weise die menschliche Kultur bereichert. In dieser mit Wohlstand gesegnetsten Zeit, die unser Planet je gekannt hat, darf die Gesellschaft nicht aufhören, Mittel für Forscher bereitzustellen, die ihr Leben so nutzlosen Dingen widmen wie der Untersuchung der Paritätsverletzung in Atomen und Molekülen, dem Test der Speziellen und der Allgemeinen Relativitätstheorie… oder der langsamen Veränderlichkeit der fundamentalen Konstanten.«

V
Im Namen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft beglückwünsche ich Theodor Hänsch, Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Institutes für Quantenoptrik und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum neuen Otto Hahn-Preis.

Ich bedanke mich bei Ihnen Frau Oberbürgermeisterin Roth und Ihrem Kulturdezernenten, Herrn Dr. Hans-Bernhard Nordhoff, dafür, daß Sie die Initiative ergriffen haben, diesen Preis neu zu formieren,

als Anerkennung für die Leistung der Preisträger,

als Ausdruck der Würdigung Otto Hahns und des Stolzes seiner Stadt auf ihren Sohn

und zur Ehre der Gesellschaft Deutscher Chemiker und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

 
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