DPG
Mitgliedschaft
Veranstaltungen
Programme
Preise
Veröffentlichungen
Presse
Service
 
Druckversion
Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  umbach  >  red_warburg_2006.html

Prof. Dr. Eberhard Umbach, Würzburg
am 6. Oktober 2006

Rede des Präsidenten der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e. V.
anlässlich des Emil-Warburg-Symposiums
in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Festgäste,
ich wurde gebeten, Ihnen während des Abendessens etwas über Emil Warburg und die DPG zu erzählen. Ein altes chinesisches Sprichwort sagt dazu: „Je kürzer die Rede, desto länger das Buffet.“ Ich werde mich also bemühen, die Verbindung von Emil Warburg mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, der DPG, und insbesondere seine Präsidentschaft in möglichst wenigen Worten zu würdigen. Die Veranstalter haben mir außerdem eine drakonische Strafe angedroht, wenn ich eine staatstragende Rede halte: sie wollen mir schlicht den Nachtisch vorenthalten. Ich sehe mich also gezwungen, mich auf einige wichtige Aspekte zu beschränken.

Eigentlich wollte ich auch auf Warburgs Forschungen und seine wissenschaftlichen Leistungen eingehen, doch diese wurden am heutigen Tage schon mehrfach gewürdigt. Seine herausragenden Beiträge zur Physik sind in ihrer Originalität, Vielseitigkeit und Ergiebigkeit höchst anerkennenswert. Gar mancher heutige Forscher könnte sich Emil Warburg zum Vorbild nehmen. Da ich aber Ihre Aufmerksamkeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen möchte, will ich sogleich zu seiner Rolle als Präsident der DPG kommen.

Warburgs Wirken in der DPG ist rekordverdächtig: Er besaß nicht nur eine der längsten Mitgliedschaften überhaupt - sie dauerte über ein halbes Jahrhundert -, sondern er war auch volle acht Jahre als Erster Vorsitzender tätig, was heute dem Amt des Präsidenten entspricht. Die anwesenden ehemaligen DPG-Präsidenten wissen sehr wohl zu würdigen, was es bedeutet, sich acht Jahre in führender Rolle für die DPG zu engagieren. Er war zuerst Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin von 1897-1899 und dann Vorsitzender der DPG von 1899 bis 1905. Unter anderem wegen seines hohen diesbezüglichen Einsatzes wurde er zu seinem 70. Geburtstag zum Ehrenmitglied der DPG ernannt. Übrigens stand ihm als Vorsitzendem unserer Gesellschaft der wohl berühmteste Rechnungsführer aller DPG-Zeiten zur Seite. Dieser fasste Warburgs Bedeutung im Jahre 1916 schriftlich wie folgt zusammen:

    „(...) [Warburg war Erster Vorsitzender der DPG] gerade während jenes für ihre Geschichte so bedeutungsvollen Zeitraums, in dem sich die Erweiterung der Berliner zu einer Deutschen Gesellschaft vollzog. (...) Erst heute lässt uns der Blick auf die stetig wachsende Zahl der Mitglieder, auf den Umfang und Inhalt der „Verhandlungen“, auf die Vollständigkeit und Pünktlichkeit der „Fortschritte der Physik“, die Früchte Ihres [also Warburgs] so entschlossenen und besonnenen Eingreifens recht erkennen (...).“1

Diese Worte wurden von keinem Geringeren als Max Planck verfasst, der nicht nur Rechnungsführer, sondern später auch Nachfolger Warburgs als DPG-Vorsitzender war, übrigens ebenfalls insgesamt 8 Jahre lang. Der zitierte, „für die Geschichte der DPG so bedeutsame Zeitraum“ meinte den unter Warburg erfolgten Wandel zu einer deutschlandweiten Gesellschaft. Dieser war von einer ständigen Zunahme an Mitgliedern und einem Aufblühen der DPG-Zeitschriften, den im Zitat genannten „Verhandlungen“ und „Fortschritte der Physik“2 begleitet. Dieser Wandel bedeutete eine echte Zäsur: Aus der regional verorteten Physikalischen Gesellschaft zu Berlin ging mit der DPG die heute mit 52000 Mitgliedern weltweit größte und mit gut 160 Jahren älteste physikalische Fachgesellschaft hervor. Sie fördert heute mit Tagungen und Symposien den Gedankenaustausch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und äußert sich öffentlich zu Themen, wie Klimaschutz, Bildungs- und Hochschulthemen sowie zur Forschungs- und Energiepolitik. Die DPG bemüht sich, die Öffentlichkeit gut zu informieren und die Politik möglichst neutral und umfassend zu beraten, was allerdings aufgrund einer gewissen Beratungsresistenz nicht immer leicht gelingt.

Die DPG-Gründung ist deshalb eine Leistung Warburgs, die höchste Anerkennung verdient. Er hat es geschafft, aus der traditionsreichen Physikalischen Gesellschaft zu Berlin die DPG zu schaffen, und er hat den sehr guten Ruf, den die Berliner Gesellschaft bereits genoss, auf die DPG übertragen und weiter ausbauen können. Die Gründung der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin war übrigens bereits 1845 im „Magnus-Haus“ durch die Schüler von Magnus aus dessen Kolloquium heraus erfolgt. Drei Jahre zuvor hatte der Namensgeber Gustav Magnus mit privaten Mitteln in diesem Gebäude das erste physikalische Institut Berlins eingerichtet, das bis 1870 betrieben wurde. Die Physikalische Gesellschaft zu Berlin ist somit die Keimzelle der DPG.

Mit Gründung der DPG war nun der Boden dafür bereitet, dass dem wissenschaftlichen Austausch und der Forschung neue Horizonte erschlossen werden konnten. Schließlich erwiesen sich die physikalischen Forschungen, das Fachwissen und die Experimentiertechniken, als immer komplexer.3 Gleichzeitig beförderte Warburg mit der Etablierung der DPG eine stärkere Konzentrierung auf die eigentliche Physik – heute würde man sagen: das Kerngeschäft der Physik –, was u. a. dazu beitrug, die moderne Atom- und Quantenphysik vorzubereiten. Denn davor war die Berliner Physikalische Gesellschaft sehr interdisziplinär angelegt und für jeden offen, sodass auch zahlreiche Mediziner, Astronomen, Mathematiker, Chemiker und Geologen in ihr vertreten waren. Warburg gab mit der Erweiterung zur DPG auch institutionell eine Antwort auf die Wissenschaftler, die glaubten, zum Ende des 19. Jahrhunderts sei die physikalische Forschung weitgehend abgeschlossen. Nicht ohne Grund folgten im Anschluss an die Präsidentschaft Emil Warburgs zwei der am weitesten heraus ragenden Forscher des beginnenden 20. Jahrhunderts als DPG-Präsidenten: Max Planck mit Unterbrechungen von 1905 bis 1916 und Albert Einstein von 1916 bis 1918.

Erlauben Sie mir eine kleine aktuelle Randbemerkung: Auch zur kürzlich erfolgten Jahrhundertwende wurde von findigen Zeitgenossen das Jahrhundert der Physik zu Grabe getragen und das neue Jahrhundert der Lebenswissenschaften ausgerufen. Totgesagte leben bekanntlich länger. Physik ist wichtiger denn je, übrigens auch in den Lebenswissenschaften.

Zurück zu Emil Warburg: Eine seiner bemerkenswerten Eigenschaften war, dass er sich in hohem Maße der Förderung der Nachwuchswissenschaftler widmete. Dazu zitiere ich aus der Rede von James Franck, in der dieser 1931 etwas über das Alltags- und Forscherleben der Doktoranden unter Warburg berichtet:

    „Wenn er [Warburg] bei solchen Abendvisiten die Doktoranden vielleicht gerade beim Abendessen zusammensitzend fand oder gar feststellen musste, dass über dem Bunsenbrenner ein Teekessel siedete, so pflegte er solche kleineren Verstöße gegen die Institutsordnung zu übersehen. Es lag ihm mehr daran, die jungen Leute nicht in ihrem Arbeitseifer zu hindern, als dafür zu sorgen, dass der Institutsetat nie für etwas beansprucht würde, wofür er nicht gedacht war“ (Franck 1931).4

Die Quellen geben leider keine Auskunft darüber, welche Teesorten die Doktoranden bevorzugten und was an diesen Abenden gespeist wurde, aber ich kann Ihnen versichern, dass es nicht so vorzüglich und reichhaltig war wie heute Abend. Die Francksche Quelle zeigt aber sehr gut, wie stark Warburg das Interesse für die Physik und für die Forschung bei den jungen Leuten beflügeln konnte. Lassen Sie mich dies noch an einigen Briefzeilen eines seiner Doktoranden, Marian Smoluchowski, an dessen Eltern belegen, in denen Smoluchowski die Begeisterung über seine Forschungen bei Warburg zum Ausdruck bringt, die ihn fast Raum und Zeit vergessen ließen:

    „(…) Heute ging ich wie gewöhnlich ins Labor und erfuhr dort zu meinem Erstaunen, dass heute Feiertag ist. (...) Ich vermeide es jetzt, am Abend über den Büchern zu sitzen, stehe dafür früh um halb sechs auf (…). (...) jetzt fallen wieder einige Tage aus, da hier Pfingstferien sind, die eine Woche dauern. Ich muss mit Warburg sprechen, dass er mir erlaubt, auch während der Ferien zu arbeiten.“5

Diese Zitate sollen Ihnen einerseits zeigen, dass Warburg ein Forscher war, der sowohl Wissenschaft betreiben als auch Begeisterung für diese bei seinen Mitarbeitern vermitteln konnte. Andererseits zählt auch heute das Thema Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, insbesondere die Schulausbildung, und die Wissenschaftler- und die Lehramtsausbildung an den Hochschulen, zu den höchst aktuellen und großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Diese beschäftigen uns - manchmal über Gebühr - bei der Einführung des Bachelor/Master Systems, bei den Überlegungen zur strukturierten Promotion, bei der Einführung und Verwendung der Studiengebühren, sowie bei der Etablierung von Lehrprofessuren und Juniorprofessuren. Und sie sollten uns viel mehr bei der Verbesserung der Lehrerausbildung und bei der Gestaltung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in den Schulen im Rahmen des 8-jährigen Gymnasiums beschäftigen.

Emil Warburg hat in der Nachwuchsförderung aus eigenem Antrieb und aus eigener Einsicht hervorragendes geleistet und konnte deshalb sehr stolz darauf sein, dass aus Marian Smoluchowski ein erfolgreicher und höchst renommierter Physikprofessor geworden ist. Die DPG kann stolz darauf sein, dass sie 1997 den Marian Smoluchwoski – Emil Warburg-Preis eingeführt hat, der für herausragende Beiträge in der reinen oder angewandten Physik gemeinsam von der Polnischen und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Erinnerung an das Wirken von Marian Smoluchowski in Polen und Emil Warburg in Deutschland verliehen wird. Dieser Preis wurde mit Hilfe der Meyer-Viol-Stiftung eingerichtet, wofür ich meine größte Hochachtung und meinen großen Dank ausspreche.

Da ich nun schon bei der Danksagung bin, möchte ich meinen herzlichsten Dank an die Emil-Warburg-Stiftung richten, die Großartiges für die Physik in Bayreuth leistet. Es sind die großzügigen Spenden der Erben Warburgs, namentlich von Frau E.E.C. Bon-Meyer, der Familien Deurvorst und Meyer-Viol, der Stadt Bayreuth, der Stadtsparkasse, der Firmen BAT-Cigarettenfabriken Oberfranken, BELG und Siemens, mit deren Hilfe die Stiftung sich unschätzbare Verdienste um die Förderung der Physik an der Universität Bayreuth und um die wichtige Vernetzung zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft erwerben konnte. Die Physik braucht solches Engagement heute mehr denn je.

Meine Damen und Herren, selbst wenn Sie meine Rede als vergnüglich oder interessant empfunden haben sollten, kann sie den Nachtisch nicht ersetzen. Und außerdem sollte man den Spruch beherzigen: „Man kann bei einer Dinner Speech über alles reden, nur nicht über 15 min“. Deshalb überlasse ich Sie nun ihrem Nachtisch und wünsche Ihnen noch weiterhin einen vergnüglichen und festlichen Abend. Vielen Dank.




  1. Planck, Max, in: Verhandlungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft 1916, Nr. 9, S. 236-237.
  2. Fortschritte der Physik beinhalteten neben dem Verzeichnis der eingegangenen Geschenke und den Nachrichten über die Physikalische Gesellschaft, d. h. Mitgliederverzeichnis und -bewegungen, auch noch die Sitzungsberichte.
  3. Physikalische Blätter 51 (1995), Nr. 1, S. 49.
  4. Franck, James: Emil Warburg zum Gedächtnis, in: Die Naturwissenschaften 19 (1931), S. 996.
  5. Teske, Armin: Marian Smoluchowski. Leben und Werk, Wroclaw, Warszwa, Krakow, Gdansk 1977, S. 60.
 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 29.10.2009, 12:37 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten