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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Karlsruhe
am 9. November 2007

Rede des Präsidenten
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V.
zur Einleitung der Podiumsveranstaltung zum Thema
"Bachelor… und dann?
Berufsqualifizierung und Arbeitsmarktchancen für Bachelorabsolventen der Physik"
anlässlich des 28. Tages der DPG

Liebe Gäste, meine sehr verehrten Damen und Herren,

nach dieser schönen Preisverleihung kommen wir nun zu einem anderen Thema, das allerdings in engem Zusammenhang mit der Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik steht. Es geht nämlich um die Ausbildung der jungen Menschen in der Physik.

Soeben haben wir gehört, welche Aktivitäten die DPG unternimmt, um Begeisterung für die Physik zu wecken. Bei der nun folgenden Podiumsdiskussion gehen wir einen Schritt weiter und fragen uns, was junge Menschen, die sich für ein Physikstudium entschlossen haben, im Hinblick auf den neuen Bachelor-Abschluss nach ihrem Studium erwarten können. Dieses Thema ist derzeit in aller Munde. Es bewegt Professoren, Hochschulen, Politik, Wirtschaft und vor allem die Studierenden, oder diejenigen, die es werden wollen. Auch die Akkreditierungsagentur ASIIN, die Hochschulrektorenkonferenz, die Konferenz der Fachbereiche Physik (KFP), VDE und VDI haben sich in letzter Zeit dazu geäußert.

Denn das Jahr 2007 bedeutet eine Zäsur für das Studium vieler Fächer, darunter auch der Physik. Erstmals haben sich mehr Physikstudienanfänger für ein Bachelorstudium eingeschrieben als für das klassische Diplom. Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass viele Universitäten die Diplomstudiengänge zwangsweise abgeschafft haben, bzw. abschaffen werden, so dass an vielen Universitäten keine Neueinschreibungen in Diplomstudiengängen mehr möglich sind. In sechs oder sieben Jahren wird kaum ein Physiker mehr eine deutsche Universität mit dem bisher international hoch angesehenen Physikdiplom verlassen.

Kurz zum Hintergrund: Der Bologna-Prozess begann in den 1990er-Jahren mit der europäischen Initiative, das Hochschulwesen in Europa vergleichbar zu machen. Grundlage ist die Erklärung, die von 29 europäischen Bildungsministern am 19. Juni 1999 in Bologna unterzeichnet wurde. Die Vorbereitung und Umsetzung dieser (eigentlich unverbindlichen) Erklärung wird als „Bologna-Prozess“ bezeichnet. Die Ziele des Bologna-Prozesses lassen sich in drei große Blöcke einteilen: Förderung von Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit.

Die DPG und die KFP unterstützen – zugegebenermaßen mit etwas Bauchschmerzen – den nicht mehr aufzuhaltenden Bologna-Prozess, der bis zum Jahre 2010 zum Aufbau eines europäischen Hochschulraumes und zu vergleichbaren Studienabschlüssen in Europa führen soll. Vor drei Jahren wurden deshalb gemeinsame Empfehlungen der KFP und der DPG zur Struktur der Bachelor- und Masterstudiengänge in der Physik und zu deren Studieninhalten erarbeitet. Diese Empfehlungen hatten das Ziel, eine Unterstützung und einen Orientierungsrahmen für die Physikfachbereiche zu schaffen und die neu einzuführenden Bachelor- und Master-Studiengänge möglichst vergleichbar zu gestalten. Vor allem aber hatten diese Empfehlungen als Richtschnur für ein gemeinsames, aufeinander abgestimmtes Handeln drei wichtige Ziele:

  1. Die einjährige Abschlussarbeit als besonderes Qualitäts- und Profilierungsmerkmal unserer Physikausbildung überleben zu lassen,
  2. die bisherigen hohen Qualitätsstandards des Physikdiploms aufrecht zu erhalten und
  3. die Mobilität zumindest innerhalb von Deutschland zu garantieren. Ob wir diese Ziele, vor allem die letzten beiden, wirklich erreicht haben, muss die Entwicklung der nächsten Jahre erst noch beweisen.

Eine gravierende Änderung des Bildungssystems bietet immer Chancen und Risiken. Vor allem die sehr viel stärkere und deutlich veränderte Strukturierung des Physikstudiums muss einer genauen Analyse unterzogen werden. Das wird die Physikfachbereiche in den nächsten Jahren noch intensiv beschäftigen. Viele strukturelle Fehler bei der Aufteilung des Stoffes in die Bachelor- und in die Masterphase lassen sich bei konsekutiven Studiengängen heilen. Wenn man den Master direkt an den Bachelor anhängt, und dabei den gesamten für einen guten Physiker, respektive eine gute Physikerin, als notwendig erachteten Lehrstoff unterbringt, spielt die Reihenfolge eine eher untergeordnete Rolle. Und auch die vielen Prüfungen und die obligatorischen „Softskills“-Zusatzveranstaltungen können dann keinen so großen Schaden mehr anrichten.

Was aber, wenn sich viele Studierende entschließen sollten, das zu tun, was die Politik ganz gerne sehen würde, nämlich die Hochschule nach dem Bachelorabschluss zu verlassen oder ein anderes Fach mit einem Masterstudiengang anzuschließen? Sind das dann noch richtige Physiker? Und wer kann mit diesen „Halb“-Physikern eigentlich etwas anfangen? Gibt es dankbare Abnehmer in der Industrie oder in anderen Branchen, die nicht nur deshalb dankbar sind, weil sie diesen Absolventen weniger bezahlen müssen, sondern auch weil sie diese sogar gebrauchen und vernünftig einsetzen können? Diese und viele andere Fragen stellen sich derzeit nicht nur die Ewig Gestrigen, die zäh am althergebrachten Diplom hängen. Diese Fragen stellen sich auch die jungen Leute, die potenziellen Arbeitgeber der Bachelors und die Verantwortungsträger in unserer Gesellschaft.

Deshalb ist das brandaktuelle Thema unserer heutigen Veranstaltung: "Bachelor … und was dann? Berufsqualifizierung und Arbeitsmarktchancen für Bachelorabsolventen der Physik"

Lassen Sie mich kurz erklären, was der Kern der Bachelor-Ausbildung ist, denn Herr Nienhaus als Sprecher der KFP wird auf diese Thematik im Folgenden noch genauer eingehen. Ich zitiere aus der Empfehlung der KFP:

"Der Bachelor-Studiengang ist wissenschaftsorientiert und soll die theoretischen und experimentellen Grundlagen und insgesamt eine breite Allgemeinbildung in Physik vermitteln. Die Studierenden sollen an moderne Methoden der Forschung herangeführt werden. Der Bachelor-Studiengang zielt auf eine möglichst breite Physikausbildung und eine dadurch bedingte Berufsbefähigung. Diese wird durch eine begrenzte fachliche Schwerpunktsetzung und die Integration von Schlüsselqualifikationen („soft skills“) in die gesamte fachliche Ausbildung unterstützt."

Damit ist der Bachelor-Studiengang theoretisch definiert. Seine praktische Bedeutung muss sich erst noch zeigen. Darüber möchte ich mit den Teilnehmern des Podiums sprechen. Diese sind: Frau Dr. Ute Bergner, Geschäftsführerin der Firmen VACOM Vakuum Komponenten & Messtechnik GmbH und VACOM Steuerungsbau und Service GmbH, Frau Dorothee Dzwonnek, bis vor kurzem Staatssekretärin im Rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, seit 1. September 2007 Generalsekretärin der DFG, Frau Dr. Monika Mattern-Klosson, DPG-Vorstandsmitglied für Industrie und Wirtschaft, bis vor kurzem Geschäftsführerin bei Oerlikon Leybold, heute ist sie hier "Head of Product Management", Herr Dr. Christian Uhlhorn, Leiter der Abteilung Wissenschaftssysteme im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Herr Prof. Dr. Gerd Ulrich Nienhaus, DPG-Vorstandsmitglied für Bildung und Ausbildung, Sprecher der Konferenz der Fachbereiche Physik in Deutschland und Professor und Institutsdirektor für Biophysik an der Universität Ulm, sowie Herr Alexander Heinrich, Gründungsmitglied und stellvertretender Bundesvorsitzender der jungen DPG und Physik-Student an der Universität Bonn.

Bevor wir in die Diskussion einsteigen, möchte ich noch einige ganz besondere Gäste am heutigen Tage begrüßen. Sie sind Teilnehmer eines DPG-Projekts mit dem Titel: "Abi ’07 - ... und los! Die DPG-Studie zu den Bildungs- und Berufsbiografien von Abiturientinnen und Abiturienten mit hervorragenden Physikleistungen des Jahrgangs 2007".

Was steckt dahinter? Im Rahmen der diesjährigen Schulaktion wurden die ca. 8.000 Abiturientinnen und Abiturienten, die der DPG von den Schulen aufgrund ihrer sehr guten Physikleistungen zu einer kostenlosen Mitgliedschaft empfohlen wurden, um Teilnahme an einer Studie gebeten. Es geht uns darum, in einem langfristig angelegten Projekt die Bildungs- und Berufskarrieren der Abiturientinnen und Abiturienten mit hervorragenden Physikleistungen des Jahrgangs 2007 zu dokumentieren und zu analysieren. Der Beginn der Studie im Jahr 2007 verspricht hochinteressante Ergebnisse, da hier erstmals eine annähernd geschlossene Kohorte ihre Hochschulausbildung im neuen Bologna-System durchläuft. Diese jungen Menschen streben ganz überwiegend Berufe in den zukunftsträchtigen Mangelfächern, häufig in Physik an. Übrigens ist die bisherige Resonanz unter den angeschriebenen ehemaligen Abiturienten mehr als erfreulich: Etwa 1.750 haben sich bereiterklärt, an der Studie teilzunehmen, und haben bereits den Fragebogen für 2007 ausgefüllt.

Aus diesem Grund haben wir einige Teilnehmer als „Betroffene“ gebeten, an der heutigen Diskussionsveranstaltung teilzunehmen. Frau Maren Hermann und Herr Christian Breit werden zu Beginn der Podiumsdiskussion außerdem jeweils ein kurzes Statement abgeben, was interessante Ausgangspunkte für die nachfolgende Diskussion aufwerfen wird.

Ich halte dies übrigens für eine besondere Leistung, denn die meisten von Ihnen hier im Saal können sich sicher noch sehr gut an Ihren ersten Vortrag vor einem großen Publikum und die damit verbundene Aufregung erinnern. Wir freuen uns sehr, dass Sie gekommen sind und sich an dieser Diskussion beteiligen. Im Übrigen möchte ich unseren jungen Gästen die potenziellen Berührungsängste nehmen, denn das Motto des Physikzentrums ist ja, wie ich vorhin schon erwähnt habe, dass sich etablierte Wissenschaftler hier mit jungen Menschen treffen und austauschen. Gerne hätten wir Sie auch alle zu Wort kommen lassen, aber leider reicht die Zeit dazu nicht. Für die nachfolgende Diskussion möchte ich jedoch als Denkanstöße einige Statements von Ihnen vorlesen, die Sie uns in Vorbereitung auf die heutige Sitzung haben zukommen lassen.

Ich zitiere in Auszügen:

"[Meine Entscheidung ging zum Diplom]. Das Diplom genießt im Ausland einen hervorragenden Ruf, während ein deutscher Bachelor eine Kopie ist… Ein Austausch mit einer anderen Universität (in Deutschland oder Europa) ist eigentlich nur möglich, sobald man den Bachelor abgeschlossen hat…, um dann einen Master an einer anderen Universität zu machen. Im Gegensatz zu einem Auslandsjahr (welches im Diplom ohne Probleme möglich ist), legt man sich mit einem Master direkt für zwei Jahre fest. Damit meine ich, dass ich mir in Deutschland ein wenig als Versuchskaninchen für ein System vorgekommen wäre, das gerade erst eingeführt wird... und in der Gesellschaft teilweise unbekannt ist."

"[Ich habe mich für den Bachelor entschieden]. Denn von den durch die Einführung des gestuften Systems angestrebten Zielen: höhere Mobilität, frühere Berufsqualifizierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit, stand das erste sehr im Einklang mit meinen Wünschen, ohne große Anpassungsschwierigkeiten die Hochschule wechseln zu können, auch ins Ausland. Der Aspekt der früheren Berufsqualifizierung dagegen (inklusive der damit verbundenen Unwägbarkeit der Akzeptanz des Bachelor-Grades auf dem Arbeitsmarkt) war für mich von geringerer Bedeutung, da ich ohnehin die Qualifikationsstufe anstrebe, wie sie Diplom und Master darstellen."

"[Auch ich habe mich für den Bachelor entschieden]. Die Antwort des Studienberaters auf eine Frage lautet, sinngemäß zitiert, dass die Summe von Bachelor- und Masterabsolventen nicht wesentlich größer sein wird als die bisherige Anzahl der Diplomabsolventen, die beinahe alle problemlos einen geeigneten Arbeitsplatz finden. Somit werden nach Prognose des Studienberaters auch alle zukünftigen Absolventen im Fach Physik, unabhängig von ihrem Abschluss, gute Chancen auf interessante Arbeitsplätze haben. Für mich steht jedenfalls fest, dass ich den Masterabschluss anstrebe, um mindestens ähnlich qualifiziert zu sein wie bisherige Physiker."

Damit zeigt sich bei den jungen Studierenden ein erstaunlich hohes Informations- und Einschätzungsniveau, und man erkennt ganz unterschiedliche Motivationen und Vorstellungen von der Zukunftsfähigkeit des Bachelor-Abschlusses. Diese Statements enthalten fundamentale Fragen, die ich auch unserem Podium stellen möchte. Lassen Sie mich einige Stichworte noch einmal nennen:

  • höhere Mobilität und internationale Wettbewerbsfähigkeit
  • Aspekt der früheren Berufsqualifizierung
  • gute Chancen auf interessante Arbeitsplätze, aber auch
  • Zweifel an der Bekanntheit des Abschlusses in Deutschland und damit der Akzeptanz
  • und die Angst, „Versuchskaninchen“ zu sein.

Nachdem ich einige Kernfragen genannt habe, möchte ich Herrn Nienhaus bitten, uns in einem Impulsreferat einige ganz frische Erkenntnisse zu präsentieren, die er zusammen mit der KFP und der DPG-Geschäftsstelle in den letzten Wochen erarbeitet hat.

 
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