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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Karlsruhe
am 10. März 2008

Rede des Präsidenten
anlässlich anlässlich der Eröffnung der Frühjahrstagung der DPG
im Darmstadtium in Darmstadt

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Tagungsteilnehmer, lieber Herr Richter,

ganz herzlich möchte ich Sie im Namen der DPG zur Frühjahrstagung des AMOP und der Fachverbände Hadronen und Kerne sowie Umweltphysik in Darmstadt begrüßen.

Besonders begrüßen möchte ich den Parlamentarischen Staatssekretär im BMBF Herrn Andreas Storm, den Staatssekretär im Hessischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst Prof. Ralph Alexander Lorz, den Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt, Herrn Walter Hoffmann, und den Vizepräsidenten der Universität Darmstadt, Herrn Prof. Alexander Martin.

Ich freue mich sehr, dass wir rund 2.000 Physikerinnen und Physiker bei dieser Tagung zu Gast haben. Die Themen der Tagung sind spannend: Es geht um Atome, Quanten, Plasmen, Kerne und ihre Bestandteile sowie um Klima- und Umweltforschung. Im Einzelnen reicht das Themenspektrum von den "Quantencomputern" über die Tiefenströmungen des Meeres und die Anwendungen der Lasertechnik bis hin zur Kernfusion als Energiequelle. Darüber hinaus bietet das Programm als weiteres Highlight den öffentlichen Abendvortrag des renommierten Quantenforschers Anton Zeilinger aus Wien.

Unsere Frühjahrstagungen stehen dieses Jahr unter einem besonderem Stern: Die beiden Nobelpreise für Physik und Chemie, die unsere DPG-Mitglieder Gerhard Ertl und Peter Grünberg Ende letzten Jahres erhalten haben, sind für die Naturwissenschaften und damit für uns alle von größter Bedeutung. Sie machen nicht nur deutlich, dass die Physik in Deutschland zur Weltspitze zählt, sondern sie fördern gleichzeitig und in besonderer Weise die positive Wahrnehmung und Wertschätzung der Naturwissenschaften in der Öffentlichkeit und in der Politik. Während der DPG-Jahrestagung vorletzte Woche in Berlin konnte ich zweimal miterleben, welche Begeisterungsstürme die Auftritte von Peter Grünberg und Gerhard Ertl auslösen. Dabei war ich schon ziemlich beeindruckt, dass Gerhard Ertl beim Abendvortrag am Montag in der Urania in drei vollbesetzten Sälen von 1500 stehenden Zuhörern mit nicht enden wollendem Applaus begrüßt und verabschiedet wurde, was diesen übrigens zur Äußerung veranlasste, er käme sich schon fast vor wie ein Popstar. Tief beeindruckt hat mich aber, dass am Mittwoch bei der Ehrung der Nobelpreisträger während des Festaktes meine eher als etwas emotionsarm verkannten Physik-Kollegen und Kolleginnen in minutenlange stehende Ovationen ausbrachen. Das zeigt mir, dass die beiden Laureaten Sympathieträger und Symbolfiguren zugleich sind. Sympathieträger nicht nur wegen ihres Erfolgs und dessen öffentlicher Anerkennung, sondern auch wegen ihrer bescheidenen und natürlichen Ausstrahlung. Und Symbolfiguren, weil sie die Qualität unserer Forschung repräsentieren, sowohl in den zwei ausgezeichneten Arbeitsgebieten, in denen die deutsche Forschung Weltruf genießt, als auch weit über diese Gebiete hinaus, und weil sie den Wunsch nach öffentlicher Anerkennung unserer Forschungsleistungen symbolisieren. Wir brauchen noch mehr solche Vorbilder und wir brauchen diese öffentliche Aufmerksamkeit, um insbesondere Begeisterung bei unserem Nachwuchs zu wecken. Denn das Interesse für die Naturwissenschaften und die Physik ist essentiell für Deutschland, dessen Zukunft in ganz besonderem Maße von den Forschungen und Innovationen der Natur- und Ingenieurwissenschaften abhängig ist.

Doch nun zur Tagung:

Peter Grünbergs Nobelpreis ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass Darmstadt ein fruchtbarer Boden für exzellente Wissenschaft in Deutschland ist, denn Peter Grünberg hat hier promoviert. Es gibt aber noch viele weitere Beispiele, lassen Sie mich nur einige herausgreifen: So ist etwa die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI), Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, in Darmstadt ansässig. In der GSI steht ein weltweit einzigartiges Instrumentarium für Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Arbeiten zur Verfügung. Zudem ist hier vor kurzem der Startschuss für das große internationale FAIR-Projekt gefallen. Im großen Umfang von der Bundesregierung Deutschland, dem Land Hessen und mehr als einem Dutzend europäischer Partner finanziell gefördert, wird FAIR in naher Zukunft für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von ganz wesentlichem Nutzen für ihre Forschungen sein. Außerdem zählt die TU Darmstadt zu den besten Technischen Universitäten Deutschlands. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Darmstadt exzellente Wissenschaftler und herausragende Studierende geradezu anzieht, die ihrerseits die Stadt zu einem sichtbaren Wissenschafts- und Technologiezentrum machen. Und auch um den wissenschaftlichen Nachwuchs ist es in Darmstadt gut bestellt. Dazu trägt insbesondere die seit zehn Jahren mit großem Erfolg durchgeführte Veranstaltungsreihe "Saturday Morning Physics" an der TU Darmstadt bei, die regelmäßig bei Schülerinnen und Schülern größte Begeisterung für die Physik weckt.

Die Ausrichtung einer Tagung erfordert immer immensen persönlichen und zeitlichen Einsatz. Deshalb möchte ich allen Ausrichtern meinen großen Dank dafür aussprechen, dass sie diese schöne Tagung möglich gemacht haben. Ich richte meinen besonderen Dank an die Leiter aller beteiligten Fachverbände und ihre Helfer für das wieder so reichhaltige und spannende wissenschaftliche Tagungsprogramm. In besonderem Maße möchte ich mich natürlich bei den örtlichen Tagungsleitern, den Herren Kollegen Gernot Alber und Norbert Pietralla und dem gesamten Tagungsteam bedanken, das diese Veranstaltung vor Ort überhaupt erst möglich gemacht hat. Danken möchte ich zudem allen Mitarbeitern der Geschäftsstelle für ihren außerordentlichen Einsatz zum Gelingen aller drei Frühjahrstagungen.

Auch wenn mir heute nur wenig Zeit zur Verfügung steht, möchte ich noch ein paar Themengebiete kurz ansprechen, die der DPG und mir am Herzen liegen.

Eine sehr wichtige Phase im Leben eines Forschers ist die Promotion. Promotionen wiederum sind das Herzstück der Grundlagenforschung, denn mehr als zwei Drittel aller Forschungsleistungen in Deutschland werden von Doktorand(inn)en erbracht. Deshalb gibt es im Hinblick auf die Promotion Entwicklungen, die die DPG kritisch beobachten muss. Ein solches kritisches Thema ist die strukturierte Promotion, die das Risiko einer Verschulung in sich birgt. Dazu hat die DPG im Herbst 2007 eine Studie zur Promotion veröffentlicht, die von Politik und Öffentlichkeit stark nachgefragt wird. Die DPG und die Konferenz der Fachbereiche Physik, KFP, stellen in dieser Studie unmissverständlich klar, dass die Einrichtung von neuen Formen strukturierter Promotionsprogramme in der Physik nicht zu einer Verschulung führen darf. Eine konzentrierte Promotion, auch in Graduiertenschulen, die durch optionale Lehr- und Weiterbildungs-Veranstaltungen und eine klare Betreuungsstruktur flankiert wird, ist durchaus wünschenswert. Sie hilft, die Promotionszeit zu verkürzen, das hohe Niveau der bisherigen Promotionen zu halten oder sogar zu verbessern, und sie kann den Berufseinstieg durch Zusatzqualifikationen erleichtern. Dies gilt aber nur, solange das dominierende Ziel der Promotion wie bisher eine besondere Forschungsleistung ist. Wenn aber, in Anlehnung an andere Fächer oder in vorauseilendem Gehorsam, strukturierende Elemente und Pflicht-Lehrveranstaltungen in die Promotionsphase nach dem Masterstudium eingebaut werden, die einer Verschulung der Promotion Vorschub leisten, so ist dies strikt abzulehnen. Denn dies führt bei gleich bleibender Promotionsdauer zu einer Reduktion der Forschungsleistung. Weiterhin ist festzustellen, dass Doktoranden und Doktorandinnen Wissenschaftler in der ersten Phase Ihres Berufslebens und keine Studierenden mehr sind. Allen Bestrebungen, diesen Status zu verändern und damit das Rad zurück zu drehen, werden wir uns mit Entschiedenheit entgegenstellen.

Wie im vergangenen Jahr wird uns auch in den nächsten Jahren die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge intensiv beschäftigen. Verantwortlich dafür ist der so genannte Bologna-Prozess, mit dem ein fundamentaler Wandel der wissenschaftlichen Ausbildung eingesetzt hat. Die DPG und die Konferenz der Fachbereiche Physik unterstützen den Bologna-Prozess, der bis zum Jahre 2010 zu einem einheitlichen Hochschulraum mit vergleichbaren Studienabschlüssen in Europa führen soll. Dies bietet Chancen für die Physik, aber auch Risiken, da die Physik in Deutschland mit dem international hoch geschätzten Diplom ein etabliertes Markenzeichen verliert. Bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung konnte die DPG zusammen mit der KFP mit ihren bereits 2004 verabschiedeten Empfehlungen zum BaMa-Studium wertvolle Orientierungshilfen anbieten. Eine erste Zwischenbilanz durch eine Umfrage im Jahr 2007 hat gezeigt, dass diese Empfehlungen von den Fachbereichen annähernd flächendeckend aufgegriffen wurden. Die DPG muss diesen Prozess allerdings weiterhin gut beobachten, denn die praktische Ausgestaltung und die Überfrachtung vor allem der Bachelorstudiengänge gibt zur Sorge Anlass. Auch muss sich die Markteinführung der neuen Abschlüsse erst noch beweisen. Schließlich macht mich die Vielfalt der angebotenen Studiengänge in den Physikfachbereichen vor allem im Masterbereich besorgt, weil die häufig anzutreffenden, interdisziplinären Mischformen die Identität des Faches Physik verwischen. Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass gut 40 % der Masterstudiengänge keine reinen Physikstudiengänge mehr sind, sondern mehr oder weniger Physik-ähnliche modische Mischformen mit z.T. unklarem Marktprofil. Wir müssen verhindern, dass das bisherige klare Profil der Physikausbildung in Deutschland mit seiner internationalen Wertschätzung ohne Not verloren geht, und müssen deshalb diese Entwicklung sorgfältig verfolgen.

Um die künftigen Herausforderungen in Deutschland bestehen zu können, ist es erforderlich, dass das Akzeptanzklima von Naturwissenschaften und Technik in der Bevölkerung und bei den Verantwortungsträgern in unserer Gesellschaft wächst. Ebenso müssen auch das Interesse und die Begeisterung für die Naturwissenschaften beim potenziellen Nachwuchs wesentlich besser werden. Die Schlüsselrolle spielt dabei die Schulzeit. In der Schule, vielleicht sogar im Kindergarten, werden die Weichen für die spätere Entwicklung gestellt. Dabei kommt den Lehrern, ihrer Ausbildung und ihrer Motivationsfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zu. Genauso wichtig und meist unterschätzt ist der Einfluss der Eltern und der Gesellschaft um die Kinder herum. Wenn sich Filmschauspieler, Politiker oder Fernsehstars öffentlich damit brüsten dürfen, dass sie in Physik und Mathematik in der Schule eine Null waren und dafür auch noch unterstützenden Beifall erhalten, dann ist in unserer Gesellschaft etwas faul, - zumal heute jedermann weiß, dass die Zukunft eines Hochtechnologielandes wie Deutschland entscheidend vom naturwissenschaftlich-technischen Nachwuchs abhängt.

Wir brauchen uns dann auch nicht zu wundern, wenn Schülerinnen und Schüler nur im Notfall oder bei unausweichlicher Zuneigung oder Begabung die genannten Fächer als Studienobjekte wählen. Physiker und Ingenieure werden im Gegensatz zu Politologen und Literaturwissenschaftlern auf dem Markt dringend gesucht, was sich nicht nur in einer sehr geringen Arbeitslosenquote von 2% für Physiker niederschlägt, sondern auch der einschlägigen Industrie die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Warum schaffen wir es nicht, die Naturwissenschaften und die Technik zu gleichrangigen Kulturgütern in Augenhöhe mit der Kunst zu erheben? Warum gilt jemand mit profunden Kenntnissen in Literatur, Musik oder Bildender Kunst in gebildeten Kreisen wesentlich mehr als jemand, der die rote Farbe des Sonnenuntergangs erklären kann? Und warum darf jemand - plakativ gesprochen - den Unterschied zwischen Strom und Spannung ignorieren, während er für Schwächen bei der Unterscheidung der Musik von Bach und Brahms mit allgemeiner Verachtung bestraft wird.

In diesem Zusammenhang geben jüngste Bemerkungen von Politikern Anlass zur Sorge, die den ohnehin auf kleine Flamme zurückgefahrenen naturwissenschaftlichen Schulunterricht weiter kürzen wollen, um die notwendige Reduzierung der Lehrinhalte beim Übergang vom neun- auf das achtjährige Gymnasium G8 zu schaffen, wie etwa in Baden-Württemberg. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO), die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) haben deshalb Anfang Februar in einer gemeinsamen Presserklärung gefordert, den Naturwissenschaften unbedingt einen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung angemessenen Platz im G8 einzuräumen bzw. zu erhalten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: es geht mir weder um Lobbyismus für das Fach Physik noch um eine Überfrachtung der Lehrinhalte mit der Folge einer Überforderung der Schüler. Es geht mir schlicht darum, eine vorurteilsfreie Analyse der Lehrinhalte vorzunehmen und in allen Gebieten so zu kürzen, dass die fundamental wichtigen Lehrinhalte übrig bleiben. Dabei müssen die Naturwissenschaften ebenso zentraler Bestandteil bleiben wie Deutsch, Mathematik und mindestens eine Fremdsprache. Nicht, um für Physikernachwuchs zu sorgen, sondern um allen Abiturienten eine solide Grundlage in den Naturwissenschaften zu vermitteln. Eine vernünftige Schulausbildung muss uns allen eine absolute Notwendigkeit sein, weil sie den Nachwuchs und damit die Zukunft unserer industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung entscheidend beeinflusst.

Damit möchte ich zum Ende kommen. Ich wünsche allen Tagungsteilnehmern eine interessante Tagung, spannende Diskussionen und viele neue Erkenntnisse. Vielen Dank.

 
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