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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Universität Würzburg
am 19. Mai 2006

Rede anlässlich der Verabschiedung des Wissenschaftlichen Leiters des Magnus-Hauses
Herrn Prof. Dr. Theo Mayer-Kuckuk

Lieber Herr Mayer-Kuckuk,
liebe Frau Mayer-Kuckuk
verehrte Festgäste!

„Tradition ist bewahrter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition“

Dieses Zitat von Carl Friedrich von Weizsäcker möchte ich meiner Rede voranstellen, denn für Fortschritt, Innovation und Traditionspflege stehen Sie, lieber Herr Mayer-Kuckuk, mit Ihrem Lebenswerk und vor allem mit Ihrem Wirken im Magnus-Haus. Ihr Engagement, Ihre Ideen und Ihr Geschick haben das Magnus-Haus zu der hoch geschätzten Einrichtung gemacht, die es heute ist. Die Rolle der Physik in der Gesellschaft ist für Sie nicht nur ein theoretisches Konzept, Sie haben sie vielmehr mit Leben erfüllt, die Wandlungsprozesse unserer Zeit bewusst mitgestaltet und das Gesicht der Wissenschaft in unserer Gesellschaft mitgeprägt. Für Sie verkörperten die Fragen nach der Bedeutung der Physik für unsere Kultur und nach ihrer praktischen Bedeutung für künftige Generationen immer ein harmonisches Ganzes und keine Gegensätze – dafür ist das Magnus-Haus ein Symbol. Sie waren damit ein Glücksfall für das Magnus-Haus, das sich unter Ihrer Ägide zu einem Aushängeschild der Physik – nicht nur in Berlin – entwickelt hat. Denn es bedurfte einer Person mit großen Erfahrungen, Geschick im Umgang mit Menschen und weisen Entscheidungen, um das Magnus-Haus überhaupt zu unserer Repräsentanz in Berlin machen zu können. Wir würdigen heute das Werk eines Menschen der leisen Töne mit dem scharfsinnigen Gespür für das Nichtoffensichtliche, das tief Verborgene hinter den Dingen. Wir würdigen einen Integrator, der nicht nur breit interessiert, sehr kultiviert und dabei außerordentlich liebenswürdig ist, sondern der im gleichen Maße in der Lage ist, ganz konkrete und treffende Kommentare über all das abzugeben, woran er Anteil nimmt oder was sich in seiner Umgebung ereignet. Diese außergewöhnlichen Fähigkeiten, zusammen mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Erfahrungen in den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen geschickt einzusetzen, durchziehen Ihre gesamte Schaffenszeit. Deshalb zunächst kurz etwas zu Ihrer Biografie und zu Ihrem wissenschaftlichen Werdegang.

Wie kaum ein anderer können Sie, lieber Herr Mayer-Kuckuk, auf eine lange, überaus erfolgreiche und facettenreiche wissenschaftliche Laufbahn zurückblicken. Sie wurden am 10. Mai 1927 in Rastatt geboren. Ihr Physikstudium führte Sie nach Heidelberg, wo Sie 1953 bei Walther Bothe mit 26 Jahren promovierten. Anschließend waren Sie Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Die kalifornische Lebensart und Wissenschaftskultur erlernten Sie dann 1960/61 während Ihrer Zeit als Research-Fellow am California Institute of Technology in Pasadena, von wo Sie wieder an das Heidelberger Institut zurückkehrten, um sich 1962 im Fach Experimentalphysik zu habilitieren. 1965 übernahmen Sie dann den Lehrstuhl für Strahlen- und Kernphysik an der Universität Bonn. Sie wurden Wissenschaftliches Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin, Ordentliches Mitglied der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und waren mehrere Jahre Vorsitzender des Fachausschusses Physik der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Von Ihren zahlreichen Aktivitäten sollte man beispielsweise noch nennen, Ihre Funktion als Chairman der Nuclear Physics Study Group der European Science Foundation, Ihr langjähriges Engagement als Sekretär der IUPAP (International Union of Pure and Applied Physics), Ihre Mitgliedschaften und Vorsitze in Beratungs- und Begutachtungsgremien des Bundesministeriums, damals noch für Forschung und Technologie, und Ihr Mitwirken in verschiedenen Beiräten von Großforschungszentren. Seit den 80er-Jahren widmeten Sie sich in zunehmendem Umfang dem Projekt des Forschungszentrums Jülich zum Bau des Kühlersynchrotrons COSY.

Es ist hier nicht die Zeit, im Einzelnen auf Ihre Leistungen in Forschung und Lehre einzugehen, aber sie sollen natürlich nicht ganz fehlen. Sie begannen mit kernspektroskopischen Arbeiten zur Stützung des in Heidelberg entwickelten Schalenmodells von Hans Jensen. Dann folgten kernphysikalische Arbeiten zur schwachen Wechselwirkung, später Arbeiten zu Kernreaktionen. Einen „Mayer-Kuckuk“ besitzen heute viele Physikstudenten, da Sie Autor der beiden Lehrbücher „Atomphysik“ und „Kernphysik“ sind, die in mehreren Auflagen große Verbreitung gefunden haben. Auch ich habe beide Bücher zu Hause stehen und habe meine Atomphysik-Vorlesung sehr stark an Ihrem Lehrbuch orientiert.

Zu guter Letzt in Ihrem Lebenslauf, die Deutsche Physikalische Gesellschaft. Was wäre die DPG ohne Theo Mayer-Kuckuk? Sie sind DPG-Mitglied seit 1950, Ehrenmitglied seit 2002. Im Rahmen Ihrer DPG-Aktivitäten waren Sie Mitglied des Arbeitskreises Forschungspolitik, Mitglied des Vorstandsrates, Vorsitzender des Fachausschusses Kernphysik, Mitglied des Kuratoriums der Physikalischen Blätter, Gründungsteilnehmer des Physikzentrums Bad Honnef, bis 1986 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Physikzentrums und dann bis 1990 dessen Wissenschaftlicher Leiter. Hier beginnt eine wichtige Verbindungslinie zu der Rolle, die wir heute ehren, nämlich die des Wissenschaftlichen Leiters des Magnus-Hauses. Denn bei Ihrem Engagement für das Physikzentrum Bad Honnef ab 1975 haben Sie unschätzbare Erfahrungen gewonnen, die Sie für ihre spätere Aufgabe im Magnus-Haus gut gebrauchen konnten. Auch im Physikzentrum Bad Honnef haben Sie sich damals engagiert für den kontinuierlichen Ausbau und die dringend notwendigen Renovierungen des Gebäudes eingesetzt und eine hohe Qualität des wissenschaftlichen Angebots geschaffen, beides notwendige Voraussetzungen für dessen späteren großen Erfolg.

Im Physikzentrum Bad Honnef liegt auch - so erzählt die Fama - der Nukleus Ihrer DPG-Präsidentschaft, welche Sie zum Kontakt mit dem Magnus-Haus führte. In der berühmten Bürgerstube wurde nämlich von einigen Kollegen die Idee geboren, Sie als Präsidenten der DPG vorzuschlagen. Dieses Ansinnen war erfolgreich, wie wir alle wissen, und so wurden Sie Teil der Zeitgeschichte, weil Sie von 1990 bis 1992 in der Zeit der deutschen Wiedervereinigung und der Vereinigung der beiden Physikalischen Gesellschaften unser DPG-Präsident waren. Von dieser Zeit an sind Sie mit den Belangen des Magnus-Hauses aufs Engste vertraut, und lenkten seit 1994, also seit nunmehr 12 Jahren, die Geschicke dieses Hauses als Wissenschaftlicher Leiter.

Die Umbruchzeit und die Zeit danach verdienen eine genauere Betrachtung: Wie für das ganze Land bedeutete die deutsche Wiedervereinigung auch für uns Physiker einen grundlegenden Wandel, wurde doch durch den Mauerfall die Vereinigung der beiden Physikalischen Gesellschaften in Ost- und Westdeutschland möglich. Aufgrund der Kürze der Zeit war hier schnelles Handeln gefragt. Glücklicherweise stand mit Ihnen, Herr Mayer-Kuckuk, eine Persönlichkeit an vorderster Stelle, die mit Besonnenheit und großem Weitblick, aber rasch und entschlossen die richtigen Entscheidungen getroffen und die richtigen Wege beschritten hat. Mit Hochachtung darf man dieses problemlose Zusammengehen als Ihr diplomatisches Meisterwerk bezeichnen! Sie haben es fertig gebracht, mit Fingerspitzengefühl die beiden Gesellschaften schnell und ohne Brüche zusammenzuführen. Zum besseren Verständnis bringe ich stichwortartig die Etappen in Erinnerung, die den Weg zu einer vereinten Physikergesellschaft kennzeichnen:

  • Wahl des neuen Vorstands der Physikalischen Gesellschaft der DDR in Leipzig und damit Beginn der ersten Gespräche mit der DPG im Februar 1990,
  • Erklärung zum Zusammenschluss der beiden Gesellschaften bei der Physikertagung im März 1990 in München,
  • Entwurf einer Vereinbarung zum Zusammenschluss durch eine gemeinsame Kommission im Sommer,
  • Abstimmung über den Zusammenschluss durch die Mitglieder der Physikalischen Gesellschaft der DDR im Oktober,
  • Beratung und Beschluss im Vorstandsrat der DPG im November und schließlich,
  • Vollzug des Zusammenschlusses im gleichen Monat bei einem Festakt im Magnus-Haus und in der Kongresshalle Berlin.

Diese wenigen Punkte und die Kürze der Zeit – ein dreiviertel Jahr! – verschleiern, welche vielfältigen Gespräche und Verhandlungen erforderlich waren, um zu einem Ergebnis zu kommen. Diese Gespräche waren keineswegs leicht, wie man sich ausmalen kann. Kontakte zwischen den Physikern in beiden Teilen Deutschlands waren zwar zum Teil vorhanden, doch hatte es keine echte Zusammenarbeit zwischen den Gesellschaften gegeben. Außerdem galt es, die Beziehungen zu den DDR-Kollegen mit Fingerspitzengefühl aufzubauen und sich dabei vor allem auf jene Kollegen zu konzentrieren, die nach der Aufarbeitung der Vergangenheit noch Verantwortung tragen konnten und wollten. Der Ausgangspunkt der Vereinigungsbemühungen war die Physikertagung im März 1990 in München. Ihre freundliche Art, Herr Mayer-Kuckuk, die Gespräche in die Wege zu leiten, und dabei den DDR-Kollegen von vornherein deutlich zu machen, dass es sich bei diesen Gesprächen um einen Austausch unter gleichberechtigten Partnern handele, damit ein Gefühl der Vertrautheit zu erzeugen, und vor allem das Vertrauen der Ostkollegen nie zu missbrauchen, das waren die Voraussetzungen, um den Vereinigungsprozess schnell und ohne größere Verletzungen zu schaffen!

Das war - ich wiederhole es gerne noch einmal - ein Meisterwerk der Diplomatie. Es galt, um es einmal in der Ihnen und mir wohl vertrauten Seglersprache zu sagen, den sicheren Kurs bei dichtem Nebel, Sturm und hohem Wellengang zu finden. Ihre Navigationsinstrumente waren nicht technischer Art, sondern es waren Ihr feines Gespür für die Situation, Ihre Menschenkenntnis sowie Ihre selbstverständliche Bereitschaft zuzuhören und Ihre Gesprächspartner zu Wort kommen zu lassen. Sie steuerten die DPG in diesen Zeiten mit sicherer Hand, denn als die große Politik den Kurs der beiden deutschen Staaten noch nicht gefunden hatte, also noch vor der politischen Vereinigung Deutschlands, war die Vereinigung der beiden Physikalischen Gesellschaften bereits beschlossene Sache. Sie waren für uns Physiker der richtige Mann in dieser Zeit, als die Wiedervereinigung plötzlich neue Chancen für die Menschen in Ost und West eröffnete.

Als sich im November 1990 die beiden Physikalischen Gesellschaften zusammenschlossen, brachten die Kollegen aus der DDR ein kostbares Erbe ein – das Magnus Haus. Und es waren insbesondere Ihr Blick, Herr Mayer-Kuckuk, für Ästhetik und Design, Ihr Interesse an Architektur und Kunst, Ihr Feingefühl für Formfragen, Ihre Ideen und Zukunftsvisionen, die das Magnus-Haus zur Repräsentanz der DPG werden ließen. Sie haben dafür gesorgt, dass die DPG ihre Präsenz in Berlin in diesem „Kleinod“ für die Physik, wie Sie es gerne nennen, etablieren konnte.

Kurz zur Geschichte: Das Magnus-Haus ist nicht nur von großer kunsthistorischer Bedeutung, sondern auch mit der Geschichte der Physik in Berlin aufs Engste verknüpft. Gebaut wurde es um 1753 unter Friedrich II., vermutlich nach einem Entwurf Knobelsdorffs, des Baumeisters von Sanssouci und der Berliner Staatsoper. Es ist wahrscheinlich das einzige in Berlin erhaltene repräsentative Bürgerhaus aus jener Zeit. Die Verbindung des Magnus-Hauses zur Physik begann 1774, als sich dort Joseph-Louis Lagrange, der zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften berufen worden war, als Untermieter beim damaligen Besitzer, dem Kriegsrat Westphal, bis 1782 einquartierte. Später wurde das Haus von der wohlhabenden Familie Magnus erworben, und Gustav Magnus richtete in ihm 1842 mit privaten Mitteln das erste physikalische Institut Berlins ein, das bis 1870 betrieben wurde. Das Magnus-Haus hat einer Generation bedeutender Physiker als Arbeitsstätte gedient. Die am Haus 1930 von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft angebrachte Gedenktafel nennt unter anderem die Herren Baeyer, Du Bois-Reymond, Clausius, Helmholtz, Kirchhoff, Kundt, Tyndall und Warburg. Und schließlich geht die Gründung der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin im Jahr 1845 durch die Schüler von Magnus auf dessen Kolloquium zurück. Soviel zur älteren Geschichte.

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1958. Zum 100. Geburtstag von Max Planck wird das Haus von Oberbürgermeister Friederich Ebert in aller Form der Physikalischen Gesellschaft der DDR „in dauernde Obhut und Pflege übergeben mit der Befugnis, es wie ein Eigentümer zu benutzen und zu gestalten“. Anschließend bezog die Physikalische Gesellschaft der DDR bis zur deutschen Vereinigung ihren Sitz im Magnus-Haus, das damit zu einem wichtigen Zentrum der Physiker in der DDR wurde. Mit dem Zusammenschluss beider Gesellschaften ging das Magnus-Haus als gemeinsames Erbe an die DPG-Mitglieder aus Ost- und Westdeutschland mit der Verpflichtung, es zu nutzen und zu bewahren. Dazu waren aber erst einmal umfangreichste Sanierungs- und Renovierungsarbeiten erforderlich. Denn nur wenn es gelänge, die erheblichen Mittel für eine Renovierung des in äußerst schlechtem Zustand befindlichen Magnus-Hauses einzuwerben, wollte die Berliner Senatsverwaltung das Magnus-Haus der DPG zur Nutzung überlassen. Für die Überwindung dieser gewaltigen Hürde waren Ihr ganzes Engagement, Herr Mayer-Kuckuk, und Ihre akzeptablen Vorstellungen entscheidend. Und wieder zeigten Sie im Umgang mit anderen großes Geschick, gepaart mit einer Eigenschaft, die Sie in besonderer Weise charakterisiert: Sie sind ein Mensch, der ausgleichend, bescheiden und subtil wirkt. Sich in den Vordergrund zu drängen, war nie Ihre Art. Vielmehr stand immer die Sache im Zentrum Ihres Interesses. Sie wollten die Dinge vorantreiben und zu einem guten Abschluss bringen. Diese Kombination von Eigenschaften ist vielleicht das Geheimnis, mit dem Sie so überaus erfolgreich wirken konnten. Für die Renovierung des Magnus-Hauses setzte sich dann vor allem die Firma Siemens in sehr großzügiger Weise ein, sodass schließlich am 6. November 1992 eine Fördervereinbarung zwischen dem Senat von Berlin, der Siemens AG und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft geschlossen werden konnte. Dass dieses geschah, ist Ihr ganz persönliches Verdienst, lieber Herr Mayer-Kuckuk. Das vollständig renovierte und neu möblierte Gebäude konnte am 18. November 1994 im Hörsaal des Magnus-Hauses eingeweiht werden. Auch der Wissenschaftliche Beirat und das Kuratorium nahmen ihre Tätigkeit auf. Am 14. Januar 1995, dem 150. Gründungstag der DPG, folgte im Magnus-Haus die interne Geburtstagsfeier der DPG und der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin. Seither steht das Magnus-Haus zur Nutzung durch die DPG zur Verfügung.

In der Folge sorgten Sie sich, Herr Mayer-Kuckuk, natürlich nicht nur um das äußere Erscheinungsbild und den Erhaltungszustand des Gebäudes, sondern haben dieses Kleinod als Wissenschaftlicher Leiter zu einem wissenschaftlichen Begegnungszentrum ersten Ranges gemacht. Mit großem Engagement etablierten Sie ab 1995 Abendvorträge im Magnus-Haus. Es war Ihre Philosophie, dass bei diesen Abendvorträgen aktuelle Themen so anschaulich vorgetragen und gut diskutiert werden, dass sie auch für Laien verständlich sind. Mit großer Geduld haben Sie Ihre Vortragsphilosophie etabliert und sich darum gekümmert, dass der Saal immer gut gefüllt war, was nicht immer leicht war. Sie legten dabei – in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Beirat – großen Wert auf ein ausgewogenes Themenspektrum. Es waren kleine, aber feine Veranstaltungen, denn für mehr als 100 Leute ist der Saal auch gar nicht ausgelegt. Sie versuchten stets, alle Bereiche der Physik ausgewogen zu repräsentieren und auch andere Wissenschaftssparten, wie Kultur- und Wirtschaftswissenschaften, zu Wort kommen zu lassen. Zu diesen Veranstaltungen wählten Sie sowohl prominente Redner als auch Vortragende von hochaktuellen Forschungsthemen oder Themen von herausragender gesellschaftlicher Relevanz aus, denn Ihr Grundsatz war, dass öffentliches Interesse gewonnen werden müsse. Diese Themenzusammenstellung gelang Ihnen auf beeindruckende Weise. Dazu etablierten Sie eine Diskussionskultur, deren Kennzeichen es bis heute ist, dass den Vortragenden Diskussionsleiter zur Seite stehen, die aus einer anderen Forschungsrichtung stammen. Außerdem entstanden auf Ihre Anregung hin die Berliner Industriegespräche, die seit 1997 ein weiteres Highlight des Magnus-Hauses darstellen. Aber natürlich sind, last but not least, in diesem Veranstaltungskontext auch die Berliner Physikalischen Kolloquien von großer Bedeutung, die von der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin durchgeführt werden, und in deren Rahmen ich in ein paar Tagen die Freude haben werde, vortragen zu dürfen. So haben Sie, geschätzter Herr Mayer-Kuckuk, durch Ihr unermüdliches und kreatives Schaffen dafür gesorgt, dass die Angebote im Magnus-Haus einerseits auf das wissenschaftliche Leben und den kulturellen Hintergrund der Stadt Berlin abgestimmt sind, und andererseits weit über die Fachwissenschaft hinaus zum Gespräch zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien anregen.

Vielleicht illustrieren einige Beispiele am besten, wie vielseitig das Angebot im Magnus-Haus ist: Der erste Abendvortrag wurde von Dieter Röß, dem Vorsitzenden der WEH-Stiftung zum Thema „Forschung und Entwicklung als evolutionärer Prozess“ gehalten. Fritz Stern von der Columbia University behandelte „Haber und Einstein: Freundschaft – trotz Gegensatz – in guten und bösen Zeiten“. Mitglieder des Deutschen Bundestages, Vertreter der Deutschen Bank, der Wirtschaft und von McKinsey hielten Vorträge, unter anderem Lothar Späth, Vorstandsvorsitzender der JENOPTIK, zum Thema „Innovation: Der Motor für Wachstum und wirtschaftliche Entwicklung“. Ludger Honnefelder von der Universität Bonn diskutierte die „Ethik der Forschung“. Der spätere Nobelpreisträger Horst Stoermer ermunterte zur „Physik zum Spaß und zum Gewinn“. Im 100. Vortrag überzeugte Herbert Walther vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik mit seinen Ausführungen zur „Quantenphysik als Grundlage der Technologie des 21. Jahrhunderts“. Und so weiter.

Ihre Vorstellungen von einem gepflegten Ambiente und von einem gelungenen und stilvollen Abend wurden von der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung mitgetragen. Überdies können durch die großzügig von der WEH-Stiftung geförderten DPG-Programme vor allem auch junge Wissenschaftler und Studierende die Angebote des Magnus-Hauses nutzen. Die schönen Veranstaltungen im Magnus-Haus und in der hervorragend ausgestatteten Remise bleiben wohl jedem Teilnehmer gerne in Erinnerung. Dieses Flair und diese stimulierende Atmosphäre haben Sie, Herr Mayer-Kuckuk, zusammen mit Ihrer „Mannschaft“ Frau Ranft, Herrn Holzinger und Herrn Rieger in das Magnus-Haus gebracht.

Der Nutzung und Bewahrung des Erbes Magnus-Haus fühlten Sie sich aber noch in einer anderen Weise verpflichtet. Ihre Wertschätzung gilt nicht nur dem gesprochenen Wort, sondern Sie widmeten sich auch mit viel Einsatz der Archivarbeit und damit der Pflege des kulturellen Gedächtnisses der Physik in Deutschland. So setzten Sie sich dafür ein, dass die vormals verstreuten Archivbestände der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin, die bis in das Gründungsjahr 1845 zurückreichen, im Magnus-Haus zusammengeführt wurden. Zu den ganz wertvollen Erinnerungsstücken gehören die Autografen von Max Planck aus der „Max-Planck-Bibliothek“. Damit ließ sich ein von Ihnen lang gehegter Wunsch erfüllen, nämlich die Berliner Physikgeschichte zu dokumentieren. Ihr Wirken als Wissenschaftlicher Leiter überragt also beträchtlich die Grenzen der Physik-Community, wofür die heute anwesenden Gäste ein beredtes Zeugnis sind.

Lassen Sie mich im letzten Teil meiner Rede resümieren, welches die Lehren sind, die Sie uns mit Ihrem Lebensweg und mit Ihrem Wirken im Magnus-Haus auf den Weg geben. Zum einen muss immer wieder unterstrichen werden, dass die Physik, wie Sie es zeitlebens propagiert haben, eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft, Erziehung und Kultur nicht nur gespielt hat, sondern auch zukünftig spielen muss. Deshalb habe ich vor kurzem in meiner Rede zur Übernahme der Präsidentschaft darauf aufmerksam gemacht, dass die Physik in den letzten Jahren zwar viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden hat, dass wir uns aber keineswegs beruhigt zurücklehnen können, um unsere wissenschaftlichen Erfolge und deren Rezeption in der Öffentlichkeit in Ruhe zu genießen. Wir müssen vielmehr den Weg, den Naturwissenschaften und dabei insbesondere der Physik in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Bildung mehr Geltung zu verschaffen, konsequent und mit aller Kraft weiter beschreiten. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir uns derzeit in der vermutlich seit Humboldt größten, sicher aber schnellsten Umwälzung unseres Bildungs- und Wissenschaftssystems befinden, ohne dass uns dies ausreichend bewusst wäre.

Zum anderen ist Ihr Wirken, lieber Herr Mayer-Kuckuk, aber noch aus einer anderen Perspektive von herausragender Bedeutung. Diese betrifft Ihre Rolle eines, so könnte man es nennen, „Kulturattachés“ der DPG in Berlin. Denn physikalische Traditionspflege und Wissenschaftskultur, wofür das Magnus-Haus gleichermaßen symbolisch steht, sind nichts Statisches, sondern bedürfen intensiver Pflege. Sie sind deshalb immer auch Teil des Handlungsauftrags für die nachfolgenden Generationen. Zwar kritisiert Eric Hobsbawm, einer der größten zeitgenössischen europäischen Sozialhistoriker (geboren 1917), in seinem Buch „The Invention of Tradition“ die „erfundenen Traditionen“ in unserer Gesellschaft, die immer dann kreiert oder gezielt konstruiert werden, wenn es an eigenen echten Traditionen fehlt, jedoch zeigt die Physik als Wissenschaft ein anderes Bild. Ihre Vertreter haben sich schon sehr lange mit ihren Wurzeln, ihren frühen Erfindungen und Entwicklungen, d.h. Traditionen, und mit ihren Hauptprotagonisten befasst, die durch ihre Arbeiten großartige Leistungen für die gesamte Gesellschaft geschaffen haben. Sie, lieber Herr Mayer-Kuckuk, haben ganz im Sinne der großen Philosophen die Einheit von natur- und geisteswissenschaftlicher Beschäftigung gesehen. Und Sie besitzen neben Ihrem tiefen Verständnis für die Physik und naturwissenschaftliche Zusammenhänge eine hervorragende Sprachbegabung, sind ein kulturell sehr gebildeter Mensch, den die darstellende Kunst besonders fasziniert, und sind an Gesellschaftspolitik und an der Politik im Allgemeinen im höchsten Maße interessiert. Auch dadurch, durch Ihre Person, ist das Ansehen des Magnus-Hauses so immens gewachsen. Lassen wir deshalb zum Abschluss den zu Ehrenden und zu Verabschiedenden selbst zu Wort kommen. Sie, Herr Mayer-Kuckuk, haben in den Physikalischen Blättern im Juli 1991 Ihr Verständnis für die Physik, die auch Teil unserer Kulturleistung und Teil deutscher Traditionspflege ist, treffend zum Ausdruck gebracht:

„Bei aller Konzentration auf die aktuellen Gegenstände ihrer Forschung sollten Physiker nie vergessen, dass sie die Träger einer großen und wichtigen kulturellen Tradition sind. Sie geht zurück auf die antike Naturphilosophie und Mathematik und hat seit der Renaissance zum modernen naturwissenschaftlichen Denken geführt (…). Was wird wohl in späteren Jahrhunderten als große kulturelle Leistung dieses unseres Jahrhunderts angesehen werden? Werke der Musik, Literatur, Baukunst, Philosophie von bleibendem, die Zeiten überdauerndem Rang? Für all das bieten frühere Jahrhunderte größere Beispiele. Das Erkenntnisgebäude jedoch, das die Physik errichtet hat, wird in Zukunft von unverändertem Bestand sein. Das Wesen physikalischer Einsichten ist, dass sie fortdauernd und universell sind. Universell, weil wir davon überzeugt sind, dass die Zusammenhänge, die wir in irdischen Laboratorien aufgedeckt haben oder von der Erde aus gemacht haben, bis in den entferntesten Winkel des Universums gleichermaßen gültig sind, und fortdauernd, weil wir guten Grund zu der Annahme haben, dass die physikalischen Gesetze gültig sind seit Beginn des Universums und gültig bleiben werden bis in die fernste Zukunft. Diese universellen Einsichten sind ganz wesentlich eine Leistung der jüngeren Vergangenheit. Und ich bin deshalb davon überzeugt, dass die Erkenntnisse der Physik zu den größten kulturellen Leistungen dieses Jahrhunderts gehören.“

Ich glaube, man kann es kaum schöner und treffender ausdrücken, dass die Physik im letzten Jahrhundert unser Leben und Denken, unsere technischen und kulturellen Errungenschaften wie nie zuvor und wie keine andere Disziplin geprägt hat.

Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Mayer-Kuckuk, für die kommenden Jahre Gesundheit, Wohlergehen und unermüdliche Schaffenskraft und möchte Ihnen persönlich und im Namen der DPG und aller Mitglieder ganz ausdrücklich meinen allerherzlichsten Dank und meine Anerkennung für Ihre hervorragende Arbeit aussprechen.

 
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