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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Karlsruhe
am 12. März 2008

Rede des Präsidenten
anlässlich des Festaktes im Darmstadtium

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Festgäste,

ich begrüße Sie sehr herzlich zum heutigen Festakt und zur Preisverleihung der DPG. Ganz besonders herzlich begrüße ich die Preisträger, die Herren Doctores Gabriel Martinez Pinedo, Matthias Christandel und Lars Stollenwerk.

Es ist eine Freude für uns, in Darmstadt eine Frühjahrstagung ausrichten zu können. Darmstadt ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Stadt. Sie wird manchmal auch als „das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des südlichen Rhein-Main-Gebietes“ bezeichnet. Denn Darmstadt steht einerseits mit Ernst Elias Niebergall und Georg Büchner für Sprache und Dichtung und mit dem Chemiker Justus von Liebig für die Naturwissenschaften. Darmstadt wurde auch durch viele Architekten geprägt, sogar in der Moderne noch durch Friedensreich Hundertwasser. Mit dem Jugendstil und der Künstlerkolonie, dem Hochzeitsturm, der Rosen- und Mathildenhöhe, dem Vivarium und dem Botanischen Garten hat Darmstadt, das Tor zum Naturpark Bergstraße-Odenwald, viele „Wahrzeichen“ zu bieten. Und natürlich ist Darmstadt andererseits eine Stadt der Wissenschaft. Ein besonderes Zeichen dafür ist die renommierte TU Darmstadt. In mehreren Rankings jüngerer Zeit findet man sie stets unter den besten Technischen Universitäten Deutschlands. Auch die nimmt laut „Wirtschaftswoche” drei erste Plätze ein. Über 16.000 Studierende erhalten an der Hochschule DarmstadtTechnischen Universität eine hoch qualifizierte Ausbildung. Weitere Beispiele für das Prädikat Wissenschaftsstadt sind die verschiedenen Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft, die die Stadt als Zentrum auch der anwendungsnahen Forschung neben der Grundlagenforschung aufwerten. Weltkonzerne und mittelständische Unternehmen stehen für Fortschritt und Innovation zum Beispiel in Luft- und Raumfahrttechnik, Mechatronik, Softwareentwicklung sowie Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) hat viele neue Elemente entdeckt, unter anderem das Element 110 des Periodensystems das „DARMSTADTIUM“, ein Name der nach Heimatstadt des neuen Elements benannt wurde, und den in der Folge nun auch das Kongresszentrum Darmstadtium tragen darf, in dem wir mit dieser Tagung zu Gast sein dürfen. Und natürlich ist auch ganz besonders zu erwähnen, dass der aktuelle Physiknobelpreisträger Peter Grünberg hier studiert und promoviert hat.

Es ist deshalb eine große Freude für uns, dass wir heute in Darmstadt diesen Festakt mit der Preisverleihung durchführen können. Bevor wir gleich zu letzterer kommen, muss ich Ihnen noch eine Besonderheit vermelden. Sie wissen sicher mittlerweile alle, dass die Deutsche Physikalische Gesellschaft mit etwa 163 Jahren die älteste und mit weit über 50 000 Mitgliedern auch die größte Physikalische Gesellschaft weltweit ist. Ich darf Ihnen nun verkünden, dass wir pünktlich zum Festakt noch ein zusätzliches kleines Highlight feiern können: Am 4. März 2008 konnte die DPG ihr 55.000stes Mitglied begrüßen. Dies allein ist ein sehr schönes und erfreuliches Ereignis. Die DPG hält damit auch weiterhin den Vorsprung als größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Ganz besonders freuen wir uns aber darüber, dass es sich dabei um ein junges weibliches Mitglied handelt, nämlich Frau Wiebke Berndt. Und dabei haben wir nicht gemogelt. Dieses Ergebnis hat der unbestechliche DPG Computer dem unbestechlichen Hauptgeschäftsführer mitgeteilt; es wurde nicht manipuliert. Warum freuen wir über dieses Resultat so besonders? Zum einen sind wir sehr stolz, dass wir mit einem Durchschnittsalter von 34,5 Jahren auch eine der jüngsten Fachgesellschaften überhaupt sind, vielleicht nur unterboten von einigen Fanclubs von Popgruppen. Zum anderen ist es ein wichtiges Anliegen der DPG, den Anteil an Frauen in unseren Reihen kontinuierlich zu erhöhen, denn wir müssen unbedingt mit dem Vorurteil aufräumen, dass Physik überwiegend Männersache sei. Und wir müssen das wissenschaftliche Potenzial, das in vielen Frauen ungenützt schlummert, durch eine aktive Rekrutierung von Frauen für die Physikausbildung und für die Forschung nachhaltig erhöhen. Frau Berndt ist 26 Jahre und passt deshalb in jeder Beziehung zu unseren Zielvorstellungen und zum Trend, denn sie senkt das Durchschnittsalter der DPG Mitglieder ein weiteres Mal. Sie arbeitet in Hannover am Institut für Biophysik. In Ihrer Diplomarbeit beschäftigt sie sich mit computergestützter Auswertung von Messungen mit lasergestützter konfokaler Raman-Mikroskopie von Proben aus dem Life Science-Bereich. Zu diesem Thema wird sie am kommenden Donnerstag hier auf der Tagung einen Vortrag halten. Und das ist die dritte Besonderheit, sie hatte sich ohne Kenntnis ihres besonderen Status als 55000stes Mitglied der DPG genau für diese Tagung angemeldet. Das einzige Problem ist nun, dass uns diesen glücklichen Zufall, diese besondere Koinzidenz keiner glauben wird.

Frau Berndt hat uns nun die große Freude bereitet, heute während des Festakts anwesend zu sein. Ich möchte Sie deshalb nun ganz herzlich zu mir auf die Bühne bitten.

  • Gratulation und Überreichung des Geschenkgutscheins
  • Foto vor der Fotoleinwand

Nun kommen wir zur Verleihung der Preise. Lassen Sie mich zuvor einige wenige einleitende Worte sagen, beginnend mit einem Zitat von Albert Einstein:

„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. Neugier hat ihren eigenen Seinsgrund. Man kann nicht anders als die Geheimnisse von Ewigkeit, Leben oder die wunderbare Struktur der Wirklichkeit ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu fassen (…)."
(Albert Einstein, aus den persönlichen Erinnerungen von William Miller 1955)

Ich habe dieses Zitat gewählt, weil Preisträger Vorbilder dieser Neugierde, Vorbilder für exponierte Inspirationen und Ideen sind. Und selbstverständlich repräsentiert ein Preisträger immer auch die „alltägliche Mühe“ und den hohen persönlichen Einsatz, die mit erfolgreicher Forschungsaktivität verbunden und als elementare Voraussetzung jeglicher erfolgreicher Tätigkeit unverzichtbar sind. Gewiss entspringen manche Entdeckungen der Genialität eines Forschers, andere sind dem glücklichen Zufall geschuldet. Meist jedoch steckt harte Arbeit, unermüdlicher Einsatz und völlige Hingabe hinter großen und kleinen Entdeckungen und Erkenntnissen. Gleichzeitig ist es wichtig, diese Erfahrungen zu kommunizieren, das heißt in möglichst häufig gelesenen Zeitschriften zu publizieren, wobei ich nicht der ungesunden Überschätzung der Impactfaktoren das Wort reden möchte. Natürlich ist es auch wichtig, die Resultate in Form von Vorträgen oder Postern den Wissenschaftskollegen mitzuteilen und sich einer offenen Diskussion zu stellen. Unter anderem und vor allem deshalb kommen wir zu Tagungen wie dieser. Durch Austausch und kontinuierliche Dokumentation der Wissensbestände wird überhaupt erst deutlich, ob eine gewonnene Erkenntnis wirklich neu und herausragend ist und ob sie neue Denkanstöße oder gar neue Sichtweisen zur Folge haben kann. Erst wenn Wissen kommuniziert und damit tradiert wird, kann es seine volle Wirkung entfalten und gegebenenfalls der Menschheit dienen. Nur so wird Erkenntnis allgemeiner Bestandteil unserer Wissenschaftskultur.

Deshalb ist es für jede Wissenschaft – und natürlich auch für die Physik – sehr wichtig, erfolgreiche Forscher öffentlich zu ehren. Ehrungen sind eine wichtige Kulturtechnik um Leistungen der Vergangenheit anzuerkennen und in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und um künftige Leistungen zu stimulieren. Aus diesem Grunde gehört es zu den vornehmsten und angenehmsten Aufgaben der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, bedeutende Leistungen in der Physik öffentlich auszuzeichnen. Wir können damit Zeichen innerhalb unserer Forschergemeinschaft setzen und vielleicht sogar darüber hinaus. Wenn es uns auch noch gelingt, wissenschaftliche Neugier bei ganz jungen Menschen zu wecken, sind wir ganz besonders glücklich, da wir den wissenschaftlichen Nachwuchs ganz besonders fördern und zu Forschungsleistungen anregen sollten. Deshalb freue ich mich ganz besonders, dass wir heute mit dem Gustav-Hertz-Preis und dem AMOP-Dissertationspreis Ehrungen vornehmen, die sich an unsere jüngeren Forscher richten. Beginnen möchte ich mit dem Gustav-Herz-Preis: Mit dem Gustav-Hertz-Preis wird eine hervorragende, kürzlich abgeschlossene Arbeit eines oder mehrerer junger Physiker/innen ausgezeichnet. Diese Arbeit soll aus den Gebieten der experimentellen oder theoretischen Physik stammen, einen gewissen Abschluss zeigen und neue Erkenntnisse enthalten. „Erkenntnis“ wird dabei nicht allein im Sinne der Grundlagen verstanden, sondern es werden auch Ergebnisse im Sinne der Anwendung und Praxis gewertet. „Junge Physiker/innen“ meint übrigens solche mit abgeschlossener Promotion und in besonderen Fällen mit abgeschlossener Habilitation. Heute erhält Herr Dr. Gabriel Martínez Pinedo erhält den „Gustav-Hertz-Preis“ für seine Arbeiten über die Entstehung chemischer Elemente im Inneren der Sterne. Das Forschungsgebiet von Herrn Martínez Pinedo betrifft die nukleare Astrophysik und zwar Kernreaktionen in den Sternen. Ihm ist die Entdeckung des „Neutrino-Proton-Prozesses“ zu verdanken, der die Synthese von Atomkernen beschreibt, die schwerer sind als Eisen. Dieser Prozess erklärt das bisher rätselhafte Vorkommen bestimmter Elemente. Die Vielfalt der Materie beruht auf gut 100 verschiedenen chemischen Elementen, von denen die leichtesten bereits aus dem „Urknall“ hervorgingen, mit dem das Universum vor rund 14 Milliarden Jahren seinen Anfang nahm. Schwere Elemente wie Sauerstoff, Kohlenstoff oder Eisen wurden erst nach und nach von den Sternen produziert und durch Sternexplosionen ins Weltall geschleudert. Das so verteilte Material war und ist Grundlage für neue Sterne und Planeten. Die Elementsynthese ist ein Nebenprodukt des atomaren Feuers, das den Sternen ihre Strahlkraft verleiht. Unsere Sonne und alle Sterne gewinnen Energie durch das Verschmelzen von leichten Atomkernen. Das schwerste Element, das auf diese Weise entstehen kann, ist Eisen. Die noch schwereren Elemente sind Folge anderer kernphysikalischer Prozesse, die beispielsweise während einer Sternexplosion ablaufen. Somit sind die Sterne die Brutstätte der meisten chemischen Elemente. In die Arbeit von Martínez Pinedo sind sowohl astronomische Beobachtungen als auch kernphysikalische Computersimulationen eingeflossen. Erstmalig berücksichtig der von ihm entdeckte Mechanismus die entscheidende Wechselwirkung von Neutrinos mit Kernmaterie während einer Supernova. Dies führt zur Entstehung bestimmter Elemente, die schwerer sind als Eisen. Bisher war die chemische Zusammensetzung mancher Sterne ungeklärt: Anhand des „Neutrino-Proton-Prozesses“ lassen sich diese Befunde nun erklären.

Lassen Sie mich nun kurz den Text der Laudatio verlesen:
„Herr Martínez Pinedo hat einen neuen astrophysikalischen Prozess zur Synthese von Elementen in Sternen entdeckt: den Neutrino-Proton-Prozess. Er hat damit eines der ältesten Probleme auf dem Gebiet der Elemententstehung prinzipiell gelöst und auf elegante Weise eine Verbindung zu astronomischen Beobachtungen hergestellt.“
Nun kommen wir zu der Verleihung des AMOP-Dissertationspreises. Diesen Preis teilen sich in diesem Jahr gleich zwei Preisträger, nämlich Herr Dr. Matthias Christandel und Herr Dr. Lars Stollenwerk. Für die Verleihung des Preises möchte ich nun Herrn Prof. Kleinermans bitten, auf die Bühne zu kommen.

 
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