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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Karlsruhe
am 27. Februar 2008

Rede des Präsidenten
anlässlich des Festakts der DPG
in der Technischen Universität (TU) Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Festgäste,

mit der Rede des Regierenden Bürgermeisters und mit der Ehrung der Nobelpreisträger Peter Grünberg und Gerhard Ertl durften wir bereits zwei echte Höhepunkte auf diesem Festakt erleben. Das macht es mir nicht leichter, mit meiner Rede den Spannungsbogen, den wir aufgrund der zeitlichen Randbedingungen nicht besser anlegen konnten, bis zu der Vergabe der Preise zu halten. Lassen Sie es mich dennoch versuchen.

Gleich zu Beginn möchte ich die Gelegenheit nutzen, allen Organisatoren dieser Tagung sehr herzlich für ihre großartige Leistung zu danken. Das gesamte Programm ist gespickt mit vielen echten Highlights, wobei nicht alle nur für Physiker interessant sind. Die meisten Tagungsschwerpunkte entstammen natürlich der Physik der kondensierten Materie, denn dies ist die Tagung des Arbeitskreises Festkörperphysik, oder wie er nach der Satzungsänderung heißt: Sektion Kondensierte Materie. Darüber hinaus reicht das Themenspektrum von der biologischen Physik über Rüstungskontrolle und Klimawandel bis zu lebenswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragen. Beispiele sind das menschliche Gehör, Vorgänge im Inneren von Körperzellen, Strahlentherapie, die Frauenförderung in den Naturwissenschaften sowie die Physik sozio-ökonomischer Systeme. Letztere betreffen zum Beispiel Aktienkurse, Wählerstimmungen oder die Ausbreitung von Epidemien, alles Vorgänge, die Ähnlichkeiten zu physikalischen Phänomenen zeigen und sich deshalb mit Methoden untersuchen lassen, die ursprünglich für die Physik entwickelt wurden.

Zusammengenommen umfasst das Programm ca. 4.600 Fachbeiträge. In ausgedruckter Form hat das Programmbuch, die traditionsbehafteten "Verhandlungen der DPG" mit 900 Seiten das Ausmaß eines stattlichen Telefonbuchs. Das Gewicht aller gedruckten "Verhandlungen" zusammen genommen beträgt 13,5 Tonnen Papier.

Dies sind beeindruckende und auch ein wenig beängstigende Zahlen. Bis diese Tagung organisiert und diese Verhandlungen gedruckt waren, war ein enormer Aufwand erforderlich, der überwiegend von freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern bewältigt wurde. Deshalb geht mein sehr herzlicher Dank an all diejenigen, die diese größte europäische Physiktagung ermöglicht und zum Erfolg geführt haben. Würdigen möchte zunächst die Arbeitskreis-, Fachverbands- und den Sektionsvorsitzenden für das exzellente wissenschaftliche Programm. Herzlich danken möchte ich nochmals der Technischen Universität Berlin für ihre Gastfreundschaft und der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die wieder sehr großzügige finanzielle Unterstützung. Ganz besonders würdigen möchte ich die hervorragende Arbeit und den großartigen Einsatz des örtlichen Tagungsleiters, Prof. Eckehard Schöll vom Institut für Theoretische Physik, und seinem Team von Freiwilligen sowie der Servicegesellschaft der TU Berlin, dass und vor allem wie sie diese Tagung organisiert haben. Wir alle können ahnen, welch enormen Anstrengungen und Mühen solch eine Großveranstaltung verursacht. Und natürlich möchte ich auch der DPG-Geschäftsstelle meinen Dank aussprechen, stellvertretend Frau Anne Friedrich and Frau Felisa Frömbgen, insbesondere für das Management aller drei DPG-Frühjahrstagungen, für die Teilnehmerregistrierung und die Betreuung der Tagungsbüros.

Das diesjährige Max-Planck-Jahr bietet ähnlich wie das Einsteinjahr eine großartige Chance, die Wahrnehmung der Physik in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Natürlich trägt dazu auch die Stadt Berlin bei. Denn Max-Planck und Berlin sind von besonderer Bedeutung für die Physik in Deutschland, wie auch für die Wahrnehmung der Physik auf internationalem Niveau. Hier in Berlin wurde am 17. Januar 1845 die "Physikalische Gesellschaft zu Berlin" gegründet mit Sitz im Magnus-Haus am Kupfergraben 7. Der spätere dreimalige DPG-Präsident Max-Planck war es, auf dessen Initiative aus der Berliner Gesellschaft die Deutsche Physikalische Gesellschaft hervorging, die heute mit etwa 55.000 Mitgliedern die größte und zugleich älteste Physikalische Gesellschaft der Welt ist. Auch heute ist der Traditionssitz Magnus-Haus in Berlin vielleicht das wichtigste Symbol für die Physik in Deutschland. Unter anderem fand hier die legendäre Sitzung vom 14. Dezember 1900 statt, in der Max Planck sein Strahlungsgesetz und den Wert der universellen Konstante "h", das so genannte "Plancksche Wirkungsquantum", mitteilte. Dieser Vortrag gilt als die Geburtsstunde der Quantenphysik, die uns heute mehr denn je beschäftigt und zu den bedeutendsten physikalischen Erkenntnissen überhaupt zählt.

Weil das Magnus-Haus so traditionsbehaftet ist, wurde es zum 100. Geburtstag von Max Planck, im Jahr 1958, von Oberbürgermeister Friederich Ebert in aller Form der Physikalischen Gesellschaft der DDR (Zitat) "in dauernde Obhut und Pflege übergeben. Und zwar mit der Befugnis und Verpflichtung, es wie ein Eigentümer zu benutzen und zu gestalten". (Zitatende) Diesem Erbe haben sich die Physiker verschrieben. Das Magnus-Haus wurde bis zur deutschen Vereinigung Sitz der Physikalischen Gesellschaft der DDR und damit Zentrum der Physiker in der DDR. Mit dem Zusammenschluss beider Gesellschaften ging das Magnus-Haus als gemeinsames Erbe an die DPG-Mitglieder aus Ost- und Westdeutschland mit der Verpflichtung, es zu nutzen und zu bewahren.

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft setzt sich deshalb dafür ein, dass es auch in Zukunft möglich sein wird, das kulturhistorisch bedeutende Magnus-Haus, Ort des ersten physikalischen Laboratoriums Deutschlands und Schauplatz der Geburt der Quantentheorie weiter zu betreiben. Das Magnus-Haus ist für die Deutsche Physikalische Gesellschaft von eminenter Bedeutung und sollte uneingeschränkt im Sinne des 1994 vom Land Berlin unterzeichneten Nutzungsvertrages als öffentliche, der Wissenschaft und der Kultur gewidmete Begegnungsstätte weiterbetrieben werden. Denn dieses historische Gebäude symbolisiert die Physik wie kaum ein anderer Ort in Deutschland oder auf der Welt. Es ist das Kleinod der Physiker in Deutschland und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

Lassen Sie mich nun einige aktuelle Themen ansprechen, die derzeit die Physiker in Deutschland bewegen und die DPG vor besondere Herausforderungen stellen.

Die Exzellenzinitiative zur Förderung der Hochschulen hat viele Licht-, aber auch einige Schattenseiten. Ein Lichtblick ist die Tatsache, dass 1,9 Milliarden Euro in die notleidenden deutschen Hochschulen gepumpt werden, auch wenn diese Gesamtsumme im Vergleich zum Budget einer einzigen US-amerikanischen Spitzenuniversität eher provinziell anmutet. Lichtblicke sind auch die enormen Aktivitäten, die hohe Kreativität und die Kooperationsbereitschaft über die Fachgrenzen hinweg, die innerhalb der Universitäten entstanden sind, sowie die zahlreichen Netzwerke und intensiven Kooperationen zwischen Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen. Als Lichtblick kann man auch den Entwicklungsschub und die kollektive Aufbruchsstimmung bezeichnen, die in mancher Universität entstanden sind und größtenteils noch anhalten, sofern die Universität zu den Siegern der Exzellenzinitiative gehört. Die Frage ist jedoch, wie groß der Schaden ist, der in den Verlierer Universitäten entstehen wird und ob die beabsichtigte Differenzierung der Hochschullandschaft für manche Universitäten vor allem im Ostteil der Republik nicht zu früh kam. Ich bin gespannt, ob am Ende die Summe der Gewinne, die den Universitäten durch die Exzellenzinitiative insgesamt entstehen, die Summe der Verluste übersteigt, wenn am Ende das ganze Geld ausgegeben ist. Es bleibt allerdings fraglich, ob man dies mit Sicherheit wird herausfinden können.

Eine sehr wichtige Phase im Leben eines Forschers ist die Promotion. Promotionen wiederum sind das Herzstück der Grundlagenforschung, denn mehr als zwei Drittel aller Forschungsleistungen in Deutschland werden von Doktorand(inn)en erbracht. In Würdigung dieser Tatsache freut es mich sehr, dass die Arbeitskreise "Festkörperphysik" AKF und "Atome, Moleküle, Quantenoptik und Plasmen" AMOP jeweils einen Doktorandenpreis für die beste Doktorarbeit in ihrem Fachgebiet eingerichtet haben, die nun jährlich für herausragende Dissertationen verliehen werden. Dass die Auswahl des Preisträgers oder der Preisträgerin in einem zweistufigen Verfahren mit Vorauswahl und Vortragswettbewerb eindeutigen Wettbewerbscharakter hat, erhöht die Attraktivität und Beispiel gebende Wirkung dieser Preise.

Neben diesem positiven Ereignis gibt es im Hinblick auf die Promotion auch Entwicklungen, die die DPG kritisch beobachten muss. Ein solches kritisches Thema ist die strukturierte Promotion, die das Risiko einer Verschulung in sich birgt. Deshalb hat die DPG im Herbst 2007 eine Studie zur Promotion veröffentlicht, die von Politik und Öffentlichkeit stark nachgefragt wird. DPG und der Konferenz der Fachbereiche Physik, KFP, stellen in dieser Studie unmissverständlich klar, dass die Einrichtung von neuen Formen strukturierter Promotionsprogramme in der Physik nicht zu einer Verschulung führen darf. Eine konzentrierte Promotion, die durch optionale Lehr- und Weiterbildungsveranstaltungen und eine klare Betreuungsstruktur flankiert wird, ist durchaus wünschenswert. Sie hilft, die Promotionszeit zu verkürzen, das hohe Niveau der bisherigen Promotionen zu halten oder sogar zu verbessern, und sie kann den Berufseinstieg durch Zusatzqualifikationen erleichtern. Dies gilt aber nur, solange das dominierende Ziel der Promotion wie bisher eine besondere Forschungsleistung ist. Wenn aber, in Anlehnung an andere Fächer oder in vorauseilendem Gehorsam, strukturierende Elemente und Lehrveranstaltungen in die Promotionsphase nach dem Masterstudium eingebaut werden, die einer Verschulung der Promotion Vorschub leisten, so ist dies strikt abzulehnen. Denn dies führt bei gleich bleibender Promotionsdauer zu einer Reduktion der Forschungsleistung. Festzustellen ist auch, dass Doktoranden und Doktorandinnen Wissenschaftler in der ersten Phase Ihres Berufslebens und keine Studierenden mehr sind. Allen Bestrebungen, diesen Status zu verändern und damit das Rad zurück zu drehen, werden wir uns mit Entschiedenheit entgegenstellen.

Außerdem wehrt sich die DPG gemeinsam mit der Konferenz der Fachbereiche Physik gegen eine Ausweitung des Promotionsrechts auf Einrichtungen außerhalb der Universitäten. Wie viele von Ihnen wissen, wird diese Idee im Zusammenhang mit der Einführung von so genannten "Graduate Schools" diskutiert. Aus diesem Grund haben sich die DPG und die KFP Ende letzten Jahres mittels einer Presseerklärung entschieden gegen Überlegungen in diese Richtung gewehrt. Das Promotionsrecht ist ein Alleinstellungsmerkmal der Universitäten und wesentlicher Bestandteil der universitären Einheit von Lehre und Forschung. Dieses Alleinstellungsmerkmal hilft den massiv unterfinanzierten Universitäten, die Augenhöhe mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu wahren und attraktiver Partner in Kooperationen mit diesen zu bleiben. Das Recht zur Promotion muss deshalb und aus Gründen der Qualitätssicherung den Universitäten vorbehalten bleiben. Eine Herauslösung von Graduate Schools aus dem Universitätsverbund und deren Ausstattung mit einem eigenen Promotionsrecht darf es deshalb nicht geben.

Wie im vergangenen Jahr wird uns auch in den nächsten Jahren die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge intensiv beschäftigen. Verantwortlich dafür ist der so genannte Bologna-Prozess, mit dem ein fundamentaler Wandel der wissenschaftlichen Ausbildung eingesetzt hat. Die DPG und die Konferenz der Fachbereiche Physik unterstützen den Bologna-Prozess, der bis zum Jahre 2010 zu einem einheitlichen Hochschulraum mit vergleichbaren Studienabschlüssen in Europa führen soll. Dies bietet Chancen für die Physik, aber auch Risiken, da die Physik in Deutschland mit dem international hoch geschätzten Diplom ein etabliertes Markenzeichen verliert. Bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung konnte die DPG zusammen mit der KFP mit ihren bereits 2004 verabschiedeten Empfehlungen zum BaMa-Studium wertvolle Orientierungshilfen anbieten. Eine erste Zwischenbilanz durch eine Umfrage im Jahr 2007 hat gezeigt, dass diese Empfehlungen von den Fachbereichen annähernd flächendeckend aufgegriffen wurden. Die DPG muss diesen Prozess allerdings weiterhin gut beobachten, denn die praktische Ausgestaltung und die Überfrachtung vor allem der Bachelorstudiengänge gibt zur Sorge Anlass. Auch muss sich die Markteinführung der neuen Abschlüsse erst noch beweisen. Schließlich macht mich die Vielfalt der angebotenen Studiengänge in den Physikfachbereichen vor allem im Masterbereich etwas besorgt, weil die häufig anzutreffenden, interdisziplinären Mischformen die Identität des Faches Physik verwischen. Beispielsweise sind gut 40 % der Masterstudiengänge keine reinen Physikstudiengänge mehr, sondern mehr oder weniger Physik-ähnliche modische Mischformen mit unklarem Marktprofil. Wir müssen verhindern, dass das bisherige klare Profil der Physikausbildung in Deutschland mit seiner internationalen Wertschätzung ohne Not verloren geht, und müssen deshalb die Entwicklung sorgfältig verfolgen.

Um die künftigen Herausforderungen in Deutschland bestehen zu können, ist es erforderlich, dass das Akzeptanzklima von Naturwissenschaften und Technik in der Bevölkerung und bei den Verantwortungsträgern in unserer Gesellschaft wächst. Ebenso müssen auch das Interesse und die Begeisterung für die Naturwissenschaften beim potenziellen wissenschaftlichen Nachwuchs wesentlich besser werden. Die Schlüsselrollen spielen dabei die Schulzeit und die Schule. In der Schule, vielleicht sogar im Kindergarten, werden die Weichen für die spätere Entwicklung gestellt. Dabei kommt den Lehrern, ihrer Ausbildung und ihrer Motivationsfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zu. Genauso wichtig und meist unterschätzt ist der Einfluss der Eltern und der Gesellschaft um die Kinder herum. Wenn sich Filmschauspieler, Politiker oder Fernsehstars öffentlich damit brüsten dürfen, dass sie in Physik und Mathematik in der Schule eine Null waren und dafür auch noch unterstützenden Beifall erhalten, dann ist in unserer Gesellschaft etwas faul, - zumal heute jedermann weiß, dass die Zukunft eines Hochtechnologielandes wie Deutschland entscheidend vom naturwissenschaftlich-technischen Nachwuchs abhängt.

Wir brauchen uns dann auch nicht zu wundern, wenn Schülerinnen und Schüler nur im Notfall oder bei unausweichlicher Zuneigung oder Begabung die genannten Fächer als Studienobjekte wählen. Physiker und Ingenieure werden im Gegensatz zu Politologen und Literaturwissenschaftlern auf dem Markt allerdings dringend gesucht, was sich nicht nur in einer sehr geringen Arbeitslosenquote von 2% für Physiker niederschlägt, sondern der einschlägigen Industrie die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Warum schaffen wir es nicht, die Naturwissenschaften und die Technik zu gleichrangigen Kulturgütern in Augenhöhe mit der Kunst zu erheben? Warum gilt jemand mit profunden Kenntnissen in Literatur, Musik oder Bildender Kunst in gebildeten Kreisen wesentlich mehr als jemand, der die rote Farbe des Sonnenuntergangs erklären kann? Und warum darf jemand - plakativ gesprochen - den Unterschied zwischen Strom und Spannung ignorieren, während er für Schwächen bei der Unterscheidung der Musik von Bach und Brahms mit allgemeiner Verachtung bestraft wird.

In diesem Zusammenhang geben jüngste Bemerkungen von Politikern Anlass zur Sorge, die den ohnehin auf kleine Flamme zurückgefahrenen naturwissenschaftlichen Schulunterricht weiter kürzen wollen, um die notwendige Reduzierung der Lehrinhalte beim Übergang vom neun- auf das achtjährige Gymnasium G8 zu schaffen, wie etwa in Baden-Württemberg. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO), die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) haben deshalb Anfang Februar in einer gemeinsamen Presserklärung gefordert, den Naturwissenschaften unbedingt einen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung angemessenen Platz im G8 einzuräumen bzw. zu erhalten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: es geht mir weder um einen Lobbyismus für das Fach Physik noch um eine Überfrachtung der Lehrinhalte mit der Folge einer Überforderung der Schüler. Es geht mir schlicht darum, eine vorurteilsfreie Analyse der Lehrinhalte vorzunehmen und in allen Gebieten so zu kürzen, dass die fundamental wichtigen Lehrinhalte übrig bleiben. Dabei müssen die Naturwissenschaften ebenso zentraler Bestandteil bleiben wie Deutsch, Mathematik und mindestens eine Fremdsprache. Nicht, um für Physikernachwuchs zu sorgen, sondern um allen Abiturienten eine solide Grundlage in den Naturwissenschaften zu vermitteln. Eine vernünftige Schulausbildung muss uns allen eine absolute Notwendigkeit sein, weil sie den Nachwuchs und damit die Zukunft unserer industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung entscheidend beeinflusst.

Die DPG hat sich an einigen Schwachstellen unseres Bildungssystems aktiv eingebracht. Dazu zählt die Lehrerausbildung an den Hochschulen, die nach unserer Meinung entscheidend verbessert werden muss. Eine Verbesserung der Lehrerausbildung erfordert dabei viererlei: erstens neue Konzepte, wie die DPG vor knapp zwei Jahren in einer Studie zur Lehrerausbildung dargelegt hat, zweitens einen viel höheren Stellenwert der Lehrerausbildung an den Universitäten sowie eine, auf die Anforderungen des Lehrerberufs zugeschnittene Lehrerausbildung, drittens eine einheitliche Ausbildungsstrategie für die Lehrerausbildung in Deutschland, - vielleicht können die Länder da mal über ihren föderativen Schatten springen, und viertens eine bessere Akzeptanz des Lehrerberufs in unserer Gesellschaft. Zu diesem Fragenkomplex zählt auch die Lehrerfortbildung. An dieser Stelle möchte ich der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung abermals herzlich danken. Durch deren großzügige finanzielle Unterstützung kann bereits seit vielen Jahren das Förderprogramm "Physik für Schülerinnen und Schüler" betrieben werden, das bei Schülern und Schülerinnen das Interesse an den Naturwissenschaften weckt und stärkt. Zudem hat sich die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung die Lehrerfortbildung zu einem zentralen Anliegen gemacht und finanziert ein Projekt der DPG zur Lehrerfortbildung. Denn der Fortbildungsbedarf für Lehrerinnen und Lehrer ist in den letzten Jahren stark angestiegen - bei sinkender Bereitschaft der Schulleitungen, ihre Lehrkräfte für mehrtägige Fortbildungen freizustellen. Eine verbesserte Lehrerfortbildung ist dringend erforderlich, insbesondere auch vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl an Quereinsteigern in das Lehramt für Physik.

Meine Damen und Herren, Ehre, wem Ehre gebührt. Mit diesen Worten möchte ich nun meine Rede beenden und freue mich jetzt darauf, die Preise der DPG verleihen zu dürfen, nämlich die Max-Planck- und Stern-Gerlach Medaille. Diese Auszeichnungen sind die höchsten Auszeichnungen, die die Deutsche Physikalische Gesellschaft zu vergeben hat. Sie alle wissen, wie wichtig Preise für die Außenwirkung einer Fachgesellschaft sind und welche Vorbildfunktion und Strahlwirkung Preise auch nach Innen entwickeln, vor allem auch in Richtung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wir alle ahnen auch, welch hohe Anerkennung Preise für die Ausgezeichneten und ihre Arbeitsgruppen bedeuten.

Ich freue mich deshalb, jetzt die Verleihung der Max-Planck Medaille, der höchsten DPG-Auszeichnung auf dem Gebiet der Theoretischen Physik, und der Stern-Gerlach Medaille, der höchsten Auszeichnung auf dem Gebiet der Experimentellen Physik, vornehmen zu dürfen. Beginnen wir mit der Max-Planck Medaille. Sie geht dieses Jahr an Herrn Prof. Detlev Buchholz von der Universität Göttingen.

Ich darf Ihnen kurz Herrn Prof. Buchholz vorstellen:
Geboren 1944 in Danzig, studierte Detlev Buchholz Physik zuerst in Hannover, dann an der University of Pennsylvania und schließlich in Hamburg. Nach seiner 1973 abgeschlossenen Promotion und nach Auslandsaufenthalten an Forschungszentren in Genf, Berkeley, Rom, Paris und Kyoto, habilitierte er 1977 in Hamburg und erhielt 1978 eine Professur an der Universität Hamburg, wo er 20 Jahre lang lehrte, bis er 1997 einem Ruf nach Göttingen folgte. Dort ist er bis heute als Hochschullehrer tätig. Er hat durch sein offenes und kommunikatives Wesen weltweit viele Freunde und Mitarbeiter gewonnen und neben seiner Forschungstätigkeit viel Kraft und Zeit in die Förderung seiner Studenten investiert.

Das Arbeitsgebiet von Herrn Buchholz betrifft insbesondere Fragestellungen aus der statistischen Physik und der Teilchenphysik. 1977 legte er eine von der DPG ausgezeichnete Arbeit zur Stoßtheorie masseloser Teilchen vor. Eine 1982 verfasste Studie zum physikalischen Zustandsraum der Quantenelektrodynamik beinhaltete eine definitive Beschreibung der mit elektrisch geladenen Teilchen verbundenen Infrarotwolken. Zusammen mit Klaus Fredenhagen schrieb Detlev Buchholz über Superauswahlregeln und mögliche Einschränkungen der Lokalisierbarkeit von Ladungen. 1987 erschien eine viel beachtete Studie der Herren Buchholz und Wichmann, die später unter dem Etikett "How small is Phase Space?" bekannt wurde. Im Jahr 1990 schloss sich die Angabe einer universellen Struktur aller lokalen Algebren an, deren Perspektive durch Einbeziehung thermischer Zustände und die Definition einer lokalen Temperatur erweitert wurde. Jüngst entwickelte er eine neue Methode zur Konstruktion von Modellen. Seine vielen Beiträge haben unsere Kenntnisse der relativistischen Quantenphysik außerordentlich bereichert und vertieft.

Ich möchte nun die Urkunde und Medaille überreichen und darf Herrn Buchholz zu mir auf die Bühne bitten.

Herr Buchholz erhält die Medaille in Würdigung
"für seine herausragenden Beiträge zur Quantenfeldtheorie"

Wir kommen nun zur Verleihung der Stern-Gerlach-Medaille an Herrn Prof. Konrad Kleinknecht.

Ich darf Ihnen kurz Herrn Kleinknecht vorstellen:
1940 in Ravensburg geboren, studierte Konrad Kleinknecht Physik in München und Heidelberg. Nach seiner Promotion 1966 und einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt am CERN in Genf, habilitierte er sich 1971 in Heidelberg und wurde ein Jahr später zum Professor an der Universität Dortmund berufen, bis er 1985 eine Professur in Mainz annahm. Als Hochschullehrer engagierte er sich neben der Lehre auch stark in der akademischen Selbstverwaltung und hat sich als Vorsitzender des DPG-Fachverbandes Teilchenphysik, als DPG-Vorstandsmitglied und als Sprecher der Konferenz der Fachbereiche Physik stark engagiert und viele wichtige Anregungen gegeben.

Konrad Kleinknecht erforschte als experimenteller Teilchenphysiker u.a. die unterschiedliche Wirkung der Naturkräfte auf Materie und Antimaterie. Diese Forschungsergebnisse beeinflussten unsere Vorstellungen über die Geschehnisse nach dem "Urknall". Herausragende Ergebnisse erzielte er auf dem Gebiet der schwachen Wechselwirkung von Quarks und der Entwicklung von Teilchendetektoren. Große Beachtung fand seine wissenschaftliche Leistung bei der Erforschung der Verletzung der CP-Symmetrie. Unter Führung von Herrn Kleinknecht fanden sich 1988 am CERN in Genf erstmalig Hinweise dafür, dass sich die "CP-Verletzung" auf die bekannte "Schwache Wechselwirkung" zurückführen lässt. Diese Erkenntnisse wurden durch weitere Untersuchungen, an denen Herr Kleinknecht maßgeblich mitwirkte, bestätigt.

Ich möchte nun die Urkunde und Medaille überreichen und darf nun auch Herrn Kleinknecht zu mir auf die Bühne bitten.

Ich verlese die Laudatio:
Herr Kleinknecht erhält die Stern-Gerlach-Medaille… "in Würdigung seiner führenden Rolle in eleganten Präzisionsexperimenten, insbesondere zur Verletzung der CP-Symmetrie im Ko-System. Die Experimente haben Schlüsselinformationen zum Standardmodell der Teilchenphysik geliefert und auch wesentlich zur Kosmologie beigetragen. Diese Errungenschaften basieren nicht zuletzt auf seinen grundlegenden Entwicklungen auf dem Gebiet von Teilchendetektoren."

 
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