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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Würzburg
am 15. Dezember 2006

Rede des Präsidenten
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V.
anlässlich der Eröffnung der
„Physiker zwischen Autonomie und Anpassung.
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft
im Dritten Reich“
im Magnus-Haus, Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte Sie namens der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sehr herzlich hier in unserem Magnus-Haus begrüßen. Ich bin sehr froh, dass wir heute zusammen mit dem Verlag Wiley-VCH die Studie – Physiker zwischen Autonomie und Anpassung - zur Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Dritten Reich der Öffentlichkeit vorstellen können. Ich möchte deshalb besonders herzlich die beiden Herausgeber, die Wissenschaftshistoriker Mark Walker und Dieter Hoffmann, und die Repräsentanten des Verlags Wiley-VCH Manfred Antoni, Geschäftsführer, und Alexander Grossmann, Verlagsleiter des Programmbereichs Physik, hier begrüßen.

Dieses Buch ist eine wichtige Dokumentation und zugleich eine Analyse der Geschichte der DPG. Es ist damit auch eine Dokumentation der Geschichte der Physik in Deutschland ganz allgemein. Darüber hinaus ist es in hohem Maße eine Arbeit gegen das Vergessen und für die Verantwortung, die wir für die Zukunft tragen. In Sonntagsreden heißt es immer mahnend, wir sollten aus der Geschichte lernen. Das ist richtig, aber gar nicht so einfach, weil Geschichte sich nur scheinbar wiederholt. Was wir aber aus der Geschichte lernen können, ist, ein feines Gespür zu entwickeln, um mögliche Fehlentwicklungen bereits im Frühstadium zu erkennen und rechtzeitig, also sofort, gegenzusteuern. Am Beispiel des Nationalsozialismus lässt sich das sehr gut verfolgen, gründete er doch auf einem sich über einen langen Zeitraum beständig entwickelnden nationalistischen Gedankengut, auf völkischem Rassismus und Antisemitismus, auf der Ablehnung demokratischer Denkweisen und Strukturen, auf der Intoleranz gegenüber Religionen und nichtkonformen Weltanschauungen, auf der Unduldsamkeit gegenüber den vielfältigen, meist neueren kulturellen Entwicklungen sowie auf der Bekämpfung von politischen Strömungen wie Liberalismus und Sozialismus. Dazu kamen eine aggressive Ablehnung und Verachtung alles Fremden, also fremder Völker, Kulturen und Weltanschauungen, aber auch vieler Neuerungen selbst in der Wissenschaft und in der Kunst, wenn diese nicht in das starre Weltbild passten. Die nationalsozialistische Weltanschauung, die ja nicht erst 1933 mit der Machtübernahme durch Hitler begann, sondern viel ältere Wurzeln hat und bereits in den 20er Jahren eine rapide Entwicklung erfuhr, lieferte das ideologische Fundament und die gedanklichen Voraussetzungen für die in den 30er Jahren massiv zunehmende Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, und anderen Minderheiten, sowie für die ab 1939 geführten deutschen Eroberungskriege und schließlich für die Verbrechen des Holocaust, die in der grässlichen Maschinerie der Vernichtungslager gipfelten.

Was können wir aus diesem schlimmsten Teil unserer Geschichte für die Zukunft und vor allem für uns selber lernen? Es sind meines Erachtens zumindest zwei wichtige Dinge:

  • Erstens die Entwicklung einer Sensorik zur Früherkennung, die uns Fehlentwicklungen rechtzeitig identifizieren und bekämpfen lässt. Beispiele für Fehlentwicklungen, an denen wir unsere Sensorik trainieren können, gibt es täglich – angefangen von Vorurteilen und unbedachten Äußerungen zu aktuellen Problemen oder grundsätzlichen Fragen bis hin zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die auch vor tätlichen Angriffen nicht Halt machen.
  • Zweitens die Reflexion des eigenen potenziellen Verhaltens bzw. die Frage, wie man sich selbst in einer ähnlichen Lage verhalten hätte und wie man mit einem Problem wie dem Nationalsozialismus und seinen vielen Pressionen selber umgehen würde. Dabei kann man viel lernen, wenn man die Situation und das Verhalten der Repräsentanten der eigenen Berufsgruppe, in unserem Fall der Physiker, studiert und analysiert.

Für diesen zweiten Gesichtspunkt eignet sich die vorliegende Studie vortrefflich. Stellen wir uns also die Frage, wie sich Physiker in einem Umfeld und in einer Atmosphäre wie der vor etwa 70 Jahren verhalten haben, und lassen wir uns anhand von Beispielen bekannter Kollegen vor Augen führen, welche Entwicklungen möglich waren. Das Buch gibt uns Einblick in das, was war. Das, was morgen geschehen könnte, wenn es wieder zu politischen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen kommen sollte, und wie wir uns selbst in einer solchen Situation verhalten könnten, sollten wir uns mit unserer Phantasie und mit der Erfahrung aus diesem Buch auszumalen versuchen, um die eigenen moralischen Maßstäbe zu überprüfen und Warnsignale für das eigene Verhalten auszubilden.

Wie war es um die Physik im Dritten Reich bestellt? Die Situation der Physiker ist zum einen durch Flucht und Vertreibung gekennzeichnet, die zum Beispiel Albert Einstein noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA vertrieb. Lise Meitner flüchtete 1938 nach Holland, der DPG-Vorsitzende Peter Debye emigrierte 1940 in die USA. Prägend war zum anderen die Konfrontation zwischen den Anhängern der so genannten „Deutschen Physik“, die sich an die klassische Physik des 19. Jahrhunderts anlehnte, und den Verfechtern der modernen Physik, die vor allem die Quantenmechanik, Atomphysik und Relativitätstheorie umfasste. Von besonderer Bedeutung für unser Geschichtsbewusstsein und unsere historische Verantwortung ist dabei das Verhalten derjenigen Physiker, die in jener Zeit Verantwortung trugen und die Entwicklung der Physik und der DPG geprägt haben. Die Analyse und Bewertung ihres Handelns vor dem Hintergrund möglicher Alternativen und der schwierigen Randbedingungen sind zentrale Inhalte dieser Studie, deren Vorstellung im Folgenden ich jedoch nicht vorgreifen möchte.

Im Übrigen ist es eine Ironie der Geschichte, dass die menschenverachtende Politik der NS Diktatur nicht nur viele Menschen gezielt ins Unglück stürzte, sondern dass sie damit Deutschland vieler ausgezeichneter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beraubte, natürlich nicht nur in der Physik, was zu einem teilweisen Niedergang der Wissenschaften in Deutschland führte. Die rassistische Ausgrenzungs- und Repressionspolitik erzeugte also nicht nur ein nie wieder gut zu machendes Unrecht und menschliches Leid, sondern schädigte auch die deutsche Wissenschaft, wie auch natürlich auch die Kunst, auf unermessliche Weise. Dennoch kam die Forschung nicht vollständig zum Erliegen, denn die Physik war mit einigen ihrer Forschungsgebiete sehr hilfreich für die Kriegsmaschinerie. So zählten in besonderem Maße die Akustik, die Funk- und Radartechnik und die Kernphysik zu Forschungsschwerpunkten dieser Zeit.

Welche allgemeinen Schlüsse können wir aus diesen Betrachtungen ziehen? Die Geschichte Deutschlands im Dritten Reich muss immer Mahnung und Auftrag an alle folgenden Generationen - also auch an uns - sein, denn die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus bildet den Kern nachkriegsdeutscher Identität. Wie sich unsere Gesellschaft weiter entwickeln wird, welche Werte dabei tradiert werden und welche Fehler wir machen werden, hängt vor allem auch von der Fähigkeit der heutigen und folgenden Generationen ab, sich immer wieder der eigenen Geschichte zu stellen, auch wenn es schmerzhaft sein mag, und gerade daraus für die Zukunft zu lernen. Lassen Sie mich dazu unseren Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker zitieren:

„Die wichtigste Aufgabe für uns, die wir heute Verantwortung tragen, ist die lebenswerte Zukunft für nachfolgende Generationen. Unsere Nachfahren werden nicht fragen, welche Zukunftsvisionen wir für sie bereithielten; sie werden wissen wollen, nach welchen Maßstäben wir unsere eigene Welt eingerichtet haben, die wir ihnen hinterlassen.“

Eine besondere Verantwortung und Verpflichtung kommt also unserer heutigen deutschen Gesellschaft zu – und damit auch der DPG als einem Teil davon. Geschichtsbewusstsein ist weit mehr als ein bloßes Wissen von der Geschichte, mehr auch als die Summe vergangener individueller Erfahrungen. Geschichtsbewusstsein muss in Verantwortungsbewusstsein resultieren und Maßstäbe für unser moralisches Handeln schaffen, die eine Wiederholung dieser unsäglichen Vergangenheit verhindern helfen.

Der Bezugspunkt, von dem aus Geschichte betrachtet und das eigene Selbstverständnis definiert wird, ist stets die Gegenwart. Die DPG ist gegenwärtig mit über 52.000 Mitgliedern die größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Ihre Wurzeln reichen bis weit vor die Zeit des Nationalsozialismus, nämlich bis auf das Jahr 1845. Sie ist damit die älteste physikalische Gesellschaft und blickt auf eine große Zeitspanne zurück. Zum Ende des 19. Jahrhunderts glaubten die Wissenschaftler nach einer sehr erfolgreichen Phase, die physikalische Forschung sei nun weitgehend abgeschlossen. Diese Meinung wurde um die Jahrhundertwende vollständig auf den Kopf gestellt, denn es begann die bisher aufregendste und ergiebigste Neuerungsphase der Physik. Speziell die Physik in Deutschland erlebte eine außerordentliche Blütezeit. Dabei erwies sich die Weimarer Republik sogar als wissenschaftsfreundlicher als das Kaiserreich. In vielen Bereichen der Physik kam es bekanntlich zu einer besonderen Blüte. In diesen Jahren wurde die DPG übrigens durch Präsidenten wie Emil Warburg, Max Planck und Albert Einstein vertreten, die heute als Symbole für wissenschaftliche Kreativität und physikalische Exzellenz stehen. Vor allem Planck und Einstein gelten als die am weitesten herausragenden Forscher des 20. Jahrhunderts. Die Regierung Hitlers, die sich „national“ nannte und dem Deutschen Reich eine führende Rolle in der Welt erkämpfen wollte, beendete 1933 diese Hochphase der Physik.

Bevor es nun zur Vorstellung des Buches kommt, möchte ich aber noch ein paar Worte zu seiner Entstehungsgeschichte sagen: Schon aufgrund der langen Zeit des Bestehens der DPG und ihrer besonderen Stellung als große naturwissenschaftliche Fachgesellschaft, auch im internationalen Rahmen, ist die Beschäftigung mit ihrer Geschichte ein zentrales Anliegen und eine besondere Verpflichtung der DPG. Dieses Desiderat vor Augen, regte Dieter Hoffmann, Vorsitzender des DPG-Fachverbands „Geschichte der Physik“, im Jahr 2000 anlässlich der Planungen zum Jahr der Physik ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Dritten Reich an. Bis zu diesem Zeitpunkt war wenig über die spezielle Rolle der DPG im politischen Handlungs- und Machtgefüge des Dritten Reiches bekannt, auch wenn im Rahmen von Biographieforschungen und physikhistorischen Entwicklungen partielle Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Physik in Deutschland stattfanden.

Der damalige DPG-Präsident, Alexander Bradshaw, griff diesen Forschungsvorschlag dankenswerterweise sofort und vorbehaltlos auf. Es wurde eine Kommission eingesetzt, die die notwendigen Voraussetzungen und Schritte für eine solche Forschungsarbeit klären sollte. Die Kommission kam zum Ergebnis, dem DPG-Vorstandsrat - gewissermaßen dem Parlament der DPG - im Frühjahr 2001 ein Forschungsprojekt zur Geschichte der DPG im Dritten Reich vorzuschlagen, das von der DPG finanziert werden sollte. Das Projekt wurde bewilligt, und der US-amerikanische Historiker Mark Walker wurde als von der DPG unabhängiger Projektleiter eingesetzt. In Abstimmung mit Mark Walker wurde Dieter Hoffmann als Mit-Projektleiter ernannt, da ein solches Forschungsprojekt natürlich auch auf das in der DPG vorhandene Fachwissen zurückgreifen sollte. Für die Kommunikation zwischen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und den Herausgebern konnte der ehemalige DPG-Präsident, Theo Mayer-Kuckuk, gewonnen werden. In den folgenden Jahren befasste sich eine international zusammengesetzte und unabhängige Gruppe von namhaften Autoren mit den verschiedenen Facetten der Rolle der DPG im Dritten Reich, deren Ergebnisse nun mit dem hier zu präsentierenden Sammelband vorliegen.

Da die Herausgeber das Buch im Folgenden vorstellen werden, bleibt mir lediglich, allen Beteiligten, insbesondere den beiden Herausgebern, Mark Walker und Dieter Hoffmann, sowie den Repräsentanten von Wiley-VCH, Manfred Antoni und Alexander Grossmann, im Namen der DPG meinen großen und herzlichen Dank für die geleistete Arbeit zur Erforschung der Geschichte der DPG im Dritten Reich auszusprechen. Neben der historischen kann die gesellschafts- und wissenschaftspolitische Bedeutung einer solchen Forschung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn hinter der historischen Erfahrung steht immer auch die Sorge um die Gefährdung der aktuellen demokratisch-humanitären Verfassung durch extremistische Propaganda und Gewalt. Forschungsarbeit zum Nationalsozialismus ist deshalb - über die Arbeit gegen das Vergessen hinaus - stets auch ein zentraler Beitrag zur Sicherung der Demokratie und der Kultur Deutschlands.

 
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