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Prof. Dr. Eberhard Umbach, Würzburg
am 2. November 2006

Rede des Präsidenten
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V.
anlässlich der Eröffnung der
10. Physikerinnentagung in der Technischen Universität Berlin

Herr Vizepräsident Steinbach, Herr Vizepräsident Tauber, sehr geehrte Frau Kollegin Ritsch-Marte, liebe Frau Sandow, liebe Frau Roeder, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, Sie zur diesjährigen Physikerinnentagung begrüßen zu dürfen. Für mich ist es ein ungewohntes, aber durchaus angenehmes Erlebnis, bei einer Physiktagung vorwiegend in weibliche Gesichter zu blicken. Häufig schweift der Blick durch das Auditorium um zu überprüfen, ob man sich die Anrede der „Damen“ nicht verkneifen muss, weil es leider immer noch viel zu wenige Physikerinnen gibt. Deshalb freut es mich sehr, hier auf dieser Tagung zu sehen, wie aktiv und erfolgreich Physikerinnen sind. Aus diesem Grund und weil ich die volle Unterstützung des Vorstands der Deutschen Physikalischen Gesellschaft für die Anliegen der Physikerinnen signalisieren möchte, bin ich der Einladung von Frau Sandow zur Eröffnung und Teilnahme an dieser Tagung gerne gefolgt.

Frau Sandow hat mir auch gleich eine ganze Reihe von Fragen zur Mitwirkung der Frauen in der DPG mit auf den Weg gegeben, die ich Ihnen nun beantworten werde. Ich möchte mit einem Rückblick in die Geschichte beginnen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frauen sich ihr Recht, an Universitäten zu studieren und dort Abschlüsse zu erlangen, hart erkämpfen mussten. Erst vor knapp 100 Jahren, im Jahre 1908, wurde Frauen in Preußen das Recht zur Immatrikulation gewährt. Es sollte noch weitere 15 Jahre dauern, bis Margarete von Wrangell die erste ordentliche Professorin an einer deutschen Hochschule wurde.

Auch die Aufnahme in die wissenschaftlichen Fachgesellschaften, die zu dieser Zeit noch aus sehr kleinen auserlesenen Kreisen bestanden, war für Frauen alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Meist hatten Forscherinnen noch nicht einmal Zugang zu den Veranstaltungen der Fachgesellschaften.

Es kann also schon fast als fortschrittlich bezeichnet werden, dass die Deutsche Physikalische Gesellschaft, die am 1. Januar 1899 durch Umbenennung aus der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin hervorging, mit Elsa Neumann bereits am 20. Januar 1899 ihr erstes weibliches Mitglied aufnahm. Knapp einen Monat später wurde Elsa Neumann die erste Doktorin Berlins. Sie promovierte im Fach Physik, ohne jemals ein reguläres Abitur erhalten zu haben. Dazu bedurfte es allerdings einer speziellen Erlaubnis des Kultusministeriums. Nach ihrem sehr frühen Tod im Jahr 1902 wurde die DPG zunächst wieder ein reiner Männerverein.

Obwohl vier Jahre später wieder zwei Physikerinnen als Mitglieder begrüßt werden konnten, blieben Frauen in der DPG noch für lange Zeit die Ausnahme. Erst als die Gesellschaft, die bis dahin sehr stark auf den Berliner Raum konzentriert war, ab 1920 mit der Gründung von so genannten Gauvereinen begann, erhöhte sich nicht nur die Zahl der Mitglieder sprunghaft, auch der Anteil der Frauen wuchs. So hatte die Gesellschaft im Jahre 1926 immerhin 58 weibliche Mitglieder, was einem Anteil von 4% entsprach. Schnelle Kopfrechner haben sicher bereits ausgerechnet, dass die DPG damals etwa 1500 Mitglieder hatte. Über die nächsten 60 Jahre stieg die Gesamtmitgliederzahl nicht sehr wesentlich, nämlich auf etwa 7000. In den letzten 25 Jahren nimmt sie jedoch stetig zu und hat - vor allem infolge des ab 2000 einsetzenden Schulprogramms - vor einem Jahr die „Schallgrenze“ von 50.000 durchbrochen.

Der prozentuale Anteil der Frauen sank allerdings zunächst einmal auf etwa 3 % zu Beginn der 80er Jahre. In den Folgejahren jedoch erhöhte sich dieser Anteil stetig und erfuhr im Jahr 2000 durch das „Jahr der Physik“ noch einmal einen Wachstumsschub. Momentan sind 6.784 der über 52.000 DPG Mitglieder Wissenschaftlerinnen, der Anteil liegt also bei 12,5 %. Ich hoffe und bin da auch sehr zuversichtlich, dass sich diese positive Entwicklung in den kommenden Jahren weiter fortsetzen wird.

Werfen wir nun noch einen kurzen Blick auf die Funktionen, die die Physikerinnen in der DPG ausgeübt haben und heute ausüben. Sind sie nur geduldete Mitglieder oder dürfen sie die Geschicke der DPG mitbestimmen? Für die Gegenwart fällt die Beantwortung dieser Frage sehr leicht. Ein Blick in die Entscheidungsgremien der Gesellschaft zeigt, dass zehn der 31 gewählten Vorstandsratsmitglieder Frauen sind, und auch im zehnköpfigen Vorstand nehmen sie zwei Posten wahr. Dies macht hinreichend deutlich, dass die Physikerinnen äußerst engagiert sind und sich an der Gestaltung der Zukunft der DPG aktiv beteiligen. Wir sind ihnen dafür sehr dankbar.

Doch wie sah es diesbezüglich vor hundert Jahren aus?

Wenn man nach der ersten Wissenschaftlerin in einem Gremium der Gesellschaft sucht, stößt man erstmals auf eine Frau, die sich auch ansonsten als eine Pionierin der Physik hervorgetan hat. Es handelt sich um Lise Meitner. Nachdem sie als zweite Frau an der Wiener Universität im Fach Physik promoviert hatte, kam sie im Jahre 1907 nach Berlin, wo sie noch im Dezember desselben Jahres in die DPG aufgenommen wurde. Obwohl im damaligen Preußen Frauen noch nicht offiziell an den Universitäten studieren durften, fand sie schnell Anschluss an die besten und einflussreichsten Physiker und Chemiker Berlins. Diese guten Verbindungen spielten neben ihren Fähigkeiten sicherlich eine Rolle, als sie 1923 als erste Frau in den Vorstand der DPG gewählt wurde. Sie war im Gauverein Berlin gemeinsam mit Max Planck als Beisitzerin tätig, und auch im Vorstand des Gesamtvereins war sie die erste Frau, die ein Amt bekleidete. Man findet sie übrigens in den Protokollen der Jahre 1930 bis 33 als – Zitat - „Ersatzmann“ des Repräsentanten des Berliner Gauvereins erwähnt.

Die wissenschaftlichen Leistungen von Lise Meitner wurden zwar leider nicht mit dem Nobelpreis gekrönt - dieser wurde bekanntlich Otto Hahn alleine zuerkannt. Aber von der DPG wurden beide Wissenschaftler gemeinsam 1948 mit der selten vergebenen Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet.

Lassen Sie mich zum Schluss eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart dieser Tagung schlagen. Die Physikerin Lise Meitner war nicht nur eines der ersten weiblichen Mitglieder und die erste Frau im Vorstand der DPG, sie war auch Österreicherin. Die österreichischen waren den deutschen Akademikern, was die Rolle der Frauen in den Wissenschaften anbelangt, immer ein Stück voraus. Während in Deutschland erst im Jahre 1896 Frauen als Gasthörerinnen an den Universitäten zugelassen wurden, war dies in Österreich schon fast zwanzig Jahre früher der Fall. Und auch heute sind uns unsere geschätzten Nachbarn wieder einen Schritt voraus. Die Österreichische Physikalische Gesellschaft hat nämlich vor kurzem das erste Mal in ihrer Geschichte eine Frau zur nächsten Präsidentin gewählt. Ich würde es sehr begrüßen, wenn es diesmal keine zwei Jahrzehnte dauerte, bis wir in diesem Punkt mit unseren österreichischen Partnern gleichziehen. Ich habe nämlich die große Freude, meine Kollegin Frau Monika Ritsch-Marte als designierte Präsidentin der ÖPG hier begrüßen zu dürfen. Ich denke, ich spreche im Namen aller, wenn ich sage, dass wir uns ganz besonders über Ihre Anwesenheit und auf Ihren anschließenden Eröffnungsvortrag freuen.

Meine Damen, ich möchte mein Grußwort mit Worten des Dankes und der Anerkennung für die Organisatorinnen beschließen. Ich wünsche Ihnen und uns allen eine interessante und anregende Tagung. Vielen Dank.

 
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