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Prof. Dr. Eberhard Umbach,
am 28. Juni 2006, Bad Honnef

Festrede des Präsidenten
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG)
anlässlich 30 Jahre Physikzentrum Bad Honnef und
100 Jahre Gebäude
der Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

mit großer Freude feiern wir heute ein Doppeljubiläum: 30 Jahre Physikzentrum Bad Honnef und 100 Jahre Gebäude der Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung. Lassen Sie mich mit dem schönen Bauwerk beginnen: Ein 100. Geburtstag ist ein außergewöhnliches Ereignis. Er lenkt den Blick zurück auf bewegte Zeiten und macht uns den rasanten Wandel in dieser Zeitspanne bewusst. Das gilt auch für die Geschichte dieses Anwesens am Rhein mit seinem schönen Park am Fuße des Drachenfels. Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde von der Universität Bonn in den Jahren 1904 – 1906 in Erfüllung eines Vermächtnisses des Ehepaares Hölterhoff errichtet. Ursprünglich war das Haus nicht für Physikerinnen und Physiker gedacht. Denn im Jahre 1897 übertrug der Honnefer Großkaufmann Otto Hölterhoff sein umfangreiches Vermögen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit der Verpflichtung, die „Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung“ als „Heim für Damen höherer Stände ... (und) einer Haushaltsschule für Mädchen aus dem Volke ...“ einzurichten. Das Stiftsgebäude wurde im Juni 1906 bezogen und erfüllte nun für gut 40 Jahre seine ursprüngliche Bestimmung. 1947 wurde die Nutzung durch die Stiftung erstmals verändert; es diente nun der Universität Bonn für besondere Aufgaben in Forschung und Lehre und „älteren Damen aus gebildeten Kreisen“ als Altersheim. Als Ende der Sechzigerjahre in der Physik-Gemeinschaft der Vorschlag gemacht wurde, ein Zentrum für die Physik zu schaffen und sich ein ursprünglich geplanter Neubau im Sauerland nicht verwirklichen ließ, wurde die Idee geboren, das schlossartige Gebäude der Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung in Bad Honnef in eine physikalische Tagungs- und Begegnungsstätte mit Übernachtungskapazitäten umzuwandeln. Dass dieses Unterfangen glänzend gelungen ist, erkennt man nicht nur an dem ausgezeichneten internationalen Ruf, der gleich noch zu würdigen sein wird, sondern auch an der Tatsache, dass wir uns hier versammelt haben, das 30-jährige Bestehen des am 12. Juni 1976 gegründeten Physikzentrums feierlich zu begehen.

Dieses Physikzentrum ist im Laufe der Jahre zum herausragenden Begegnungszentrum und wissenschaftlichen Diskussionsforum der Physik in Deutschland und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft – kurz DPG - geworden. Es hat sich sogar zu einem internationalen Markenzeichen entwickelt, das im Aktivwortschatz der Physikerinnen und Physiker weltweit einen festen Platz innehat. Es kann Ihnen durchaus passieren, dass Ihnen ein Kollege im fernen Japan oder in den USA bei der Erwähnung des Namens Bad Honnef begeistert von einem Seminar erzählt, an dem er teilgenommen hat und das für ihn wegen der herausragenden wissenschaftlichen Atmosphäre und wegen des besonderen Ambiente beispielhaft und denkwürdig ist. Das Physikzentrum wird eindeutig mit Bad Honnef identifiziert: Nutzt man im Internet beispielsweise die Bildersuchfunktion der bekanntesten Suchmaschine, so stellt man erstaunt fest, dass unter dem Stichwort „Bad Honnef“ auf jeder der ersten zehn Seiten mindestens einmal das Physikzentrum in den unterschiedlichsten Kontexten erscheint. Eine Suche auf den chinesischen oder japanischen Internetseiten ergibt hunderte von Treffern mit Beiträgen zu Veranstaltungen im Physikzentrum Bad Honnef. Ein eindeutiger Beleg für den hohen Bekanntheitsgrad dieser Einrichtung im Weltmaßstab.

Ein paar Worte zur Geschichte: zunächst wurde das Physikzentrum von der „Gesellschaft für Physikalische Forschung und Naturwissenschaftlich-technische Weiterbildung e.V.“ als Rechtsträger betreut. Am 1. Januar 1986 übernahm dann die Deutsche Physikalische Gesellschaft, die weltweit älteste und mit mittlerweile mehr als 52.000 Mitgliedern größte physikalische Fachgesellschaft, die Trägerschaft. Ein Kuratorium (heute unter Vorsitz von Herrn Ltd. MinRat a.D. Kurt Seelmann), in dem die drei Partner DPG, die Universität Bonn und das Land NRW vertreten sind, ein Wissenschaftlicher Leiter (Prof. Dieter Meschede) mit einem Wissenschaftlichen Sekretär (Dr. Victor Gomer) und der vom DPG-Vorstandsrat gewählte Wissenschaftliche Beirat (Vorsitz Prof. Gerhard Schäfer) sind für die Arbeit des Physikzentrums verantwortlich.

Mit seinen für das Wissensland Nordrhein-Westfalen unverzichtbaren Angeboten stellen sich dem Physikzentrum finanzielle Herausforderungen, die bis zum heutigen Tag im Sinne einer „Public-Private-Partnership“ gemeistert werden: Das Finanzierungsmodell des Physikzentrums beruht zum einen auf einer Fördervereinbarung vom 9. Juli 1985 zwischen der Universität Bonn, auch als Vertreter der Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung, der DPG und dem Land Nordrhein-Westfalen. Das auf Harmonie der Partner setzende und auf zielkonforme Gestaltung ausgerichtete „kreative“ Finanzierungssystem des Physikzentrums hat bis heute gut funktioniert. Durch seine Mitfinanzierung stärkt das Land ganz im Sinne des Koalitionsvertrages die Grundlagenforschung und erhält sich damit einen unverzichtbaren „Leuchtturm“ der physikalischen Forschung mit weltweiter Ausstrahlung. Zum anderen wird die Finanzierung von Veranstaltungen etwa zur Hälfte von dritter Seite übernommen. Hier sind an vorderster Stelle die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung, dann die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Studienstiftung des Deutschen Volkes, die Volkswagen-Stiftung, verschiedene Bundesministerien sowie das NATO Advanced Study Institute zu nennen. Allein im Jahr 2005 haben die vielfältigen wissenschaftlichen Veranstaltungen im Physikzentrum über 5.000 Wissenschaftler, Studenten und Lehrer erreicht. Die Zahl der Übernachtungen im Physikzentrum hat sich auf 11.500 im Jahr erhöht.

Über die Public-Private-Partnership ist ferner ein anderes zentrales Element des Physikzentrums möglich geworden, nämlich der in jeder Beziehung – übrigens auch architektonisch - gelungene Neubau des „Wilhelm und Else Heraeus-Hörsaals“ aus dem Jahr 2003. Dieser Hörsaal mit modernster Kommunikationsausstattung konnte nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von DPG, Heraeus-Stiftung, Land Nordrhein-Westfalen, VW-Stiftung, Elly Hölterhoff-Böcking-Stiftung und Universität Bonn in einem Gesamtumfang von rund 2,5 Mio. Euro realisiert werden. Es war das Ziel, die Leistungsfähigkeit des Physikzentrums signifikant zu erhöhen und damit auch die Einnahmesituation entscheidend zu verbessern. Mit dem Stolz aller Beteiligten darf ich feststellen, dass dieser Neubau eine Erfolgsgeschichte geworden ist. Mit dem neuen Hörsaal und dessen Ausstattung konnte der Seminarbetrieb modernsten Erfordernissen angepasst werden. 100 sehr angenehme Sitzplätze bietet das lichte Auditorium. Es macht eine neue Vortrags- und Diskussionskultur möglich, die sich in den letzten drei Jahren auch sehr schnell etabliert hat.

Bevor ich noch einmal auf die vielfältigen Veranstaltungen des Physikzentrums zurückkomme, möchte ich kurz auf einen weiteren Nutzer eingehen. Untrennbar mit dem Physikzentrum verbunden ist nämlich auch die Deutsche Physikalische Gesellschaft, die hier ihre Hauptgeschäftsstelle hat und hier auch einige ihrer zentralen Veranstaltungen, zum Beispiel den „Tag der DPG“ abhält. Den Sitz der Hauptgeschäftsführung in Bad Honnef anzusiedeln und hier zu belassen, war in vielerlei Hinsicht eine ausgezeichnete Entscheidung. Der Bad Honnefer Hauptsitz wird durch die Dependance in der Bundeshauptstadt Berlin, das Magnus-Haus, hervorragend ergänzt.

Die DPG, der so ziemlich alle deutschen Physiker, auch die weltberühmten, angehörten und angehören, betreibt selbst keine physikalische Forschung. Vielmehr fördert sie mit Tagungen und Symposien den Gedankenaustausch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, insbesondere im Physikzentrum Bad Honnef. Sie engagiert sich zudem in der gesellschaftlichen Diskussion und äußert sich öffentlich zu Themen wie Klimaschutz, Bildungs- und Hochschulthemen sowie zur Forschungs- und Energiepolitik. Die DPG würdigt physikalische Spitzenleistungen mit Auszeichnungen von internationalem Renommee, wie der Max-Planck-Medaille für Theoretische Physik oder der Stern-Gerlach Medaille für Experimentelle Physik. Seit 1985 wird im Physikzentrum jährlich die Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik an Personen verliehen, die zur Verbreitung naturwissenschaftlich-physikalischen Denkens in hervorragender Weise beigetragen haben. Aktuelle Preisträger sind z. B. „Peter Lustig“ (2002) oder Ranga Yogeshwar (2003). Die DPG unterstützt ferner Schülerwettbewerbe, wie „Jugend forscht“, und zeichnet bundesweit Schülerinnen und Schüler für herausragende Physikleistungen im Abitur aus. Im Rahmen dieser Aktion erhielten 2004 mehr als 8.000 Abiturienten eine kostenfreie DPG Jahresmitgliedschaft. Für die rund 3.000 Jahrgangsbesten stiftete die DPG außerdem ein schönes Buch, das über die aktuelle physikalische Forschung gut verständlich informiert. Die Nachwuchsförderung ist ein zentrales Anliegen der DPG. Sie trägt ganz entscheidend dazu bei, dass die DPG eine sehr junge Gesellschaft ist. Das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder liegt heute bei 34 Jahren; fast die Hälfte sind Studierende oder Schüler. Darüber hinaus sind Wissenschaftsjournalisten und Lehrer in der DPG ebenso vertreten wie Industrieforscher, Patentanwälte, Professoren und Nobelpreisträger.

Um Ihnen die Bedeutung des Physikzentrums noch ein wenig näher zu bringen, möchte ich an dieser Stelle einige Veranstaltungen beispielhaft erwähnen:

Zuallererst sind hier die durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung finanzierten, hervorragenden Heraeus-Seminare nennen. Jährlich finden bis zu 20 dieser spezialisierten Forschungsseminare statt, zu denen auch die Weltspitze der Physiker, u. a. Physiknobelpreisträger der letzten Jahre wie Theodor Hänsch oder Anthony Leggett, als Sprecher und Diskussionspartner eingeladen werden. Diese Fachtreffen laufen meist auf höchstem internationalen Niveau ab und begründen – wie erwähnt - in ganz besonderem Maße den Weltruf des Physikzentrums.

Als zweitgrößten „Kunden“ begrüßen wir immer sehr gerne die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in unserem Hause. Sie veranstaltet jährlich 10 – 15 Begutachtungskolloquien von DFG-Schwerpunktprogrammen und finanziert mehrere kleinere Tagungen.

Von beispielgebender Bedeutung sind die einwöchigen DPG-Schulen für Physik, die ebenfalls von der Heraeus-Stiftung finanziert werden. Seit 1980 fanden fast 60 solcher Schulen im Physikzentrum statt mit insgesamt ca. 3.000 jungen Physikern und Physikerinnen als Hörer. Diese Schulen behandeln aktuelle Themen der modernen Physik und sprechen vor allem junge Forscher an.

Beispielhaft ist außerdem das Engagement des Physikzentrums und der DPG in der Lehrerfortbildung, die schon seit vielen Jahren mit eigenen Mitteln und mit Beiträgen verschiedener Stiftungen betrieben wird. Seit 1990 fanden 32 einwöchige Lehrerkurse mit insgesamt 1.550 Hörern statt. Es wird zu erörtern sein, ob diese Aufgabe wegen des erkennbar großen Bedarfs in Zukunft noch weiter ausgebaut werden soll.

Um dieses Engagement noch zu unterstreichen, findet just in dieser Woche eine Lehrerfortbildungsveranstaltung zum Thema „Regenerative Energien“ statt. Sie wird von dem Kollegen Volkhard Nordmeier, FU Berlin, und Michael Vollmer, FH Brandenburg, organisiert. Die Lehrerfortbildungen stellen keine Konkurrenz zu Veranstaltungen von Universitäten oder privaten Trägern dar. Das Ziel ist vielmehr, aktuelle Physik und physikalische Fragestellungen zu diskutieren, die weit über den „normalen“ Schulstoff hinausgehen und ggf. mit den technischen Möglichkeiten einer Standard-Schulausrüstung zu behandeln sind. Insbesondere aber sollen sie helfen, das Interesse und die Begeisterung der Schüler und natürlich auch der Lehrer zu wecken. Die Vermittlung von naturwissenschaftlichen Kenntnissen und die Förderung der Akzeptanz von Naturwissenschaft und Technik als zentrale Elemente unserer Kultur sind für unsere wissensbasierte Gesellschaft Herausforderungen von eminenter Bedeutung.

Wegen der Bedeutung dieses Themas und wegen der hier gerade stattfindenden Lehrerfortbildung möchte ich einige Worte zur Lehramtsausbildung und zur Einführung des Bachelor/Master-Systems anschließen. Ich halte es für dringend erforderlich, die Ausbildung der Lehrer an den Hochschulen signifikant zu verbessern. Die Physik-Fakultäten haben die Lehrerausbildung in der Vergangenheit oftmals zu wenig ernst genommen oder konnten aus verschiedenen Gründen keine hochwertige und maßgeschneiderte Lehrerausbildung anbieten. Überspitzt könnte man formulieren, dass es meist dem Zufall überlassen bleibt, ob sich infolge unserer Ausbildung gute und hoch motivierte Physiklehrer entwickeln. Ich war höchst erstaunt zu hören, dass im viel zitierten Finnland die besten und motiviertesten Physikstudierenden den Lehrerberuf einschlagen. Das hat vor allem etwas mit dem Sozialprestige des Lehrerberufs und mit dem Stellenwert der Lehrerausbildung in Finnland zu tun. In beiderlei Hinsicht haben wir hier einen beträchtlichen Nachholbedarf.

Die DPG hat sich mit einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Lehrerausbildung in die Diskussion eingeschaltet. Die Studie hat das Anliegen, Schwachpunkte und Unzulänglichkeiten des Status quo aufzuzeigen und die Vision einer eigenständigen Lehrerausbildung „sui generis“ als erstrebenswertes Ziel zu skizzieren. Eine solche Ausbildung der „eigenen Art“ entkoppelt die Lehrerausbildung von den für Forschung und Industrie qualifizierenden Physikstudiengängen. Sie muss auf die Anforderungen eines modernen Schulunterrichts und die Motivierbarkeit der jungen Menschen zugeschnitten sein und auf die Randbedingungen der Lehrerausbildung wie zwei Fächer, dazu Didaktik und Pädagogik Rücksicht nehmen. Idealerweise sollte ein solcher Schritt von einer Anpassung der Prüfungsordnungen und einer Reform der schulischen Curricula begleitet werden. Das Anliegen der DPG ist es, einen Umdenkprozess zu initiieren. Zum Beispiel sollten wir die Hochschulen dazu animieren, die Physiklehrer-Ausbildung zu einem zentralen Anliegen zu machen und den Bedürfnissen angepasst zu reformieren. Und wir sollten öffentlich auf die Probleme aufmerksam machen, die auf politischer Ebene durch Ländereigenheiten und Reformübereifer entstehen.

In diesem Zusammenhang kann ich mir eine Anmerkung zur Umstellung auf Bachelor und Master nicht verkneifen. Diese Umstellung der Lehrerausbildung, die aufgrund der Länderhoheit in Bildungsfragen in den einzelnen Bundesländern bisher schon sehr unterschiedlich war, führt in Zukunft voraussichtlich zu noch größeren Unterschieden. Damit erreichen wir im Gegensatz zur Intention des Pisa-Prozesses eine schlechtere Vergleichbarkeit der Ausbildung in den einzelnen Bundesländern, eine weiter reduzierte Mobilität und Qualitätsunterschiede bei den Lehrern und folglich auch bei den Schülern. Die Qualität des naturwissenschaftlichen Nachwuchses berührt aber die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in fundamentaler Weise. Die Verantwortlichen der Länder sind deshalb gefordert sich zusammenzusetzen, um eine Vereinheitlichung oder zumindest Vergleichbarkeit der Ausbildungsstrategie zu entwickeln. Wir tun unserem Nachwuchs und unserer Gesellschaft nichts Gutes, wenn wir die Schul- und Lehrerausbildung der bildungspolitischen Kleinstaaterei und föderalistischem Konkurrenzdenken opfern.

Lassen Sie mich zum Physikzentrum zurückkommen. Was ist das Besondere an diesem Haus, an diesem Zentrum der Physik? Und was sind unsere Absichten und Ziele? Das Physikzentrum ist ein Haus, in dem sich Physiker und Wissenschaftler anderer Disziplinen, junge Nachwuchswissenschaftler und internationale Spitzenforscher, Freunde und Konkurrenten zur gegenseitigen Information, zum kreativen Meinungsaustausch und zum Schmieden gemeinsamer Pläne zusammenfinden. In diesem Haus werden viele Ideen geboren, Kooperationen vereinbart und gemeinsame Projekte und Anträge ausgeheckt. Tiefgehende Diskussionen bis hin zum wissenschaftlichen Streitgespräch werden zur Klärung wichtiger Fragen und zum Wohle der Wissenschaft geführt. Und das Wichtigste: anschließend geht man nicht auseinander, sondern bespricht sich bei einem oder mehreren Gläsern Bier oder Wein und einem guten Abendessen. Dazu werden die Teilnehmer durch dieses Haus animiert: die jungen Zuhörer und die oft älteren eingeladenen Sprecher - Nachwuchs und Establishment - gehen nach der wissenschaftlichen Veranstaltung nicht in ein Hotel, sondern wohnen meist im Physikzentrum. Sie sitzen oft bis tief in die Nacht zusammen in der Bürgerstube, dem ehemaligen Bügelkeller der Mädchen der Haushaltsschule, und führen tief gründende Gespräche oder heiße Diskussionen. Sie unterhalten sich über ihre Sorgen und Erfahrungen, und sie denken auch über personelle Entwicklungen nach. Gar manche physikalische Karriere hat im Physikzentrum einen entscheidenden Impuls bekommen, sei es durch einen guten Vortrag, kluge Fragen oder Bemerkungen, oder durch Informationsaustausch unter den Entscheidungsträgern. Auch tagsüber gibt es mannigfaltige Möglichkeiten sich auszutauschen, zum Beispiel in einem der gemütlichen Räume oder im Garten oder etwa bei einer Wanderung zum Drachenfels, zum Ölberg oder den Rhein entlang. Das Physikzentrum zieht seine Beliebtheit und seinen Erfolg aus dieser speziellen Atmosphäre. Es ist Klausurort und Kommunikationszentrum zugleich, es hat eine zwanglose Integrationsfähigkeit und bietet den Wissenschaftlern ein „Zuhause“, den jungen Menschen ebenso wie der internationalen Forscherelite, die hier in entspannter Atmosphäre Wissenschaft erleben und tradieren kann. Die internationale Resonanz und steigende Teilnehmerzahlen sind Belege für den Erfolg dieses Konzepts. Als kleine persönliche Bemerkung darf ich hinzufügen, dass auch meine wissenschaftliche Entwicklung seit ziemlich genau 30 Jahren regelmäßig von diesem Zentrum profitiert hat und dass ich in weit mehr als 50 Aufenthalten das besondere Flair dieses Hauses sehr zu schätzen gelernt habe.

Das Physikzentrum in Bad Honnef ist somit im Hinblick auf die künftigen Herausforderungen eine bedeutsame Infrastruktureinrichtung im Bereich der physikalischen Forschung in Deutschland. Sie erfüllt mit ihrem im internationalen Vergleich sehr hohen Leistungsniveau auch in Zukunft unverzichtbare Aufgaben. Sie braucht den europäischen Vergleich mit ihren z. T. sogar durch EU-Mittel geförderten Partnereinrichtungen in Les Houches (Frankreich), Varenna (Italien) und St. Andrews (Schottland) nicht zu scheuen. Im Gegenteil: Für die Zukunft gilt es, die Vernetzung zwischen dem Physikzentrum Bad Honnef und den renommierten internationalen Partnereinrichtungen auszubauen. Die Mathematiker haben es uns vorgemacht: Oberwolfach im Schwarzwald ist auf der Weltkarte der Mathematik genauso prominent vertreten wie etwa Berkeley in Kalifornien. Ziel sollte es deshalb sein, das Physikzentrum Bad Honnef zu einem „Oberwolfach der Physik“ weiterzuentwickeln.

Lassen Sie mich zum Abschluss einen wichtigen Punkt nicht vergessen. Die Ausstrahlung des Physikzentrums wäre nicht möglich ohne einige Menschen, die dem Zentrum ein Gesicht und den Physikerinnen und Physikern eine Heimstätte geben. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Damen und Herren der Infrastruktur, Herr Guthy-Rahn als Wirtschaftsleiter, Herr Dr. Gomer als wissenschaftlicher Sekretär und Professor Meschede - vorher Professor Schoch - als wissenschaftlicher Leiter. Stellvertretend für diese, vor allem aber wegen seiner langjährigen Verdienste um dieses Haus möchte ich Herrn Dr. Joachim Debrus in den Mittelpunkt meiner abschließenden Bemerkungen stellen. Es ist mir ein ganz besonderes Anliegen, ihn als langjährigen und äußerst verdienten, inzwischen aus dem Dienst ausgeschiedenen Wissenschaftlichen Sekretär des Physikzentrums zu ehren. Herr Debrus hat 1971 an der Universität Bonn seine Doktorarbeit in der Kernphysik bei Prof. Mayer-Kuckuk angefertigt. Er ist gewissermaßen ein Urgestein des Physikzentrums: Von 1977 bis September 2003 hat er im Physikzentrum in der genannten Funktion gewirkt und in diesem Rahmen das wissenschaftliche Flair dieser Einrichtung in ganz entscheidendem Maße mitgeprägt. Lieber Herr Debrus, erlauben Sie mir an dieser Stelle einige persönliche Worte an Sie zu richten: In bester Erinnerung ist noch heute Ihr herzlicher, ganz persönlicher und charakteristischer Stil, den Sie im Umgang mit Mitarbeitern und Gästen in diesem Haus pflegten. Dieser wird wohl jedem damaligen Besucher des Physikzentrums – und auch mir ganz persönlich - immer im Gedächtnis bleiben. Sie sorgten mit dafür, dass das Physikzentrum in Bad Honnef die Heimat der Physikerinnen und Physiker und ein ganz besonderes Symbol für die Physik in Deutschland wurde. Ihre Bürotür war immer für Gäste geöffnet, stets hatten Sie ein offenes Ohr für deren Belange. Sie waren für das Management der Tagungen und Veranstaltungen im Physikzentrum zuständig. Ihr Interesse galt – über die Organisation von wissenschaftlichen Veranstaltungen hinaus – in höchstem Maße auch dem guten Erhaltungszustand und der Ausstattung des Gebäudes. Als Experimentalphysiker sind Sie auch Bastler aus Leidenschaft. Von den Küchengeräten bis zu den Dachbalken ist ihnen deshalb kaum eine Stelle, kein Knarren in diesem Gebäude unbekannt. Immer waren Sie einsatzbereit, geschont haben Sie sich niemals, denn in den fast drei Jahrzehnten ihrer Tätigkeit für das Physikzentrum haben Sie nicht einen einzigen Tag krankheitsbedingt gefehlt. Vielmehr haben Sie sogar Teile Ihres Urlaubs geopfert, wenn Not am Mann war, sicher sehr zum Leidwesen Ihrer Frau. Ohne diesen engagierten Einsatz wären etwa der Umbau des alten Hörsaals und Planung und Bau des neuen Hörsaals, um nur zwei besonders prägnante Beispiele zu nennen, kaum zu bewerkstelligen gewesen. Auch kümmerten Sie sich um die ersten Computer und die modernen Präsentationstechniken, sodass die hervorragende technische Infrastruktur des Physikzentrums mit Ihren Ideen und Vorstellungen von einem modernen Tagungszentrum in engster Verbindung stehen. Ihre Schaffenskraft und Ihr Einsatz, lieber Herr Debrus, brachten das Physikzentrum da hin, wo es heute steht. Und ich bin davon überzeugt, dass Ihre Arbeit, die die Traditionen des Physikzentrums mit begründet hat, allen Nachfolgenden Ansporn und Verpflichtung sein wird.

Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, Ihnen für Ihre sehr erfolgreiche langjährige Arbeit im Namen der DPG meinen großen und herzlichen Dank auszusprechen. Nachträglich zum Abschied möchten wir Ihnen ein kleines Geschenk als Symbol unserer Dankbarkeit überreichen.

Ich wünsche uns allen, dass das Physikzentrum auch in Zukunft seinen Platz als nationaler und internationaler Mittelpunkt des wissenschaftlichen Gedankenaustausches halten und ausbauen kann. Ich bin mir sicher, dass das Physikzentrum die Wissenschaftslandschaft in vielerlei Hinsicht weiter bereichern wird und damit der DPG, der Stadt Bad Honnef und dem Land NRW zur Ehre gereichen wird. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen viel Vergnügen bei dem Vortrag von Herrn Prof. Röß sowie bei der sich daran anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Reform der Lehrerausbildung“.

 
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