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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 16. April 2012

Rede der Präsidentin
anlässlich der Präsidentschaftsübergabe am 16. April 2012 im Magnus-Haus Berlin


Lieber Herr Sandner, lieber Herr Litfin, liebe Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, dass ich ab nun an der Spitze der größten Physikalischen Gesellschaft der Welt stehen darf. Ich bedanke mich für das in mich gesetzte Vertrauen. Dabei will ich nicht verheimlichen, dass mich die Idee zunächst erschreckt hat (Herr Litfin wird sich erinnern), als sie im Januar letzten Jahres an mich herangetragen wurde. Erschreckt nicht, weil ich mich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, keine Sorge, sondern weil ich eigentlich schon ganz gut zu tun habe. Aber im Verlauf des letzten Jahres habe ich als designierte Präsidentin bereits genug von der Arbeit des Vorstands und der Geschäftsstelle gesehen, dass ich beeindruckt bin von der Effizienz, mit der die DPG ihre vielfältigen Projekte und Programme organisiert. Hier wird es einer Präsidentin leichtgemacht, glaube ich.

Mit Blick auf die Agenda meiner Präsidentschaft möchte ich mich hier auf einige Kernpunkte konzentrieren. Manches wird sich zusätzlich ergeben.

Grundlagenforschung

Persönlich ist mir sehr gelegen an einer ausgewogenen Balance zwischen anwendungsorientierter- und Grundlagenforschung, da sie untrennbar miteinander verzahnt sind. Deutschland ist in beiden Bereichen traditionell ein herausragender Wissenschafts- und Industrie- und Wirtschaftsstandort. Und auch heute sind wir gut aufgestellt. Für Grundlagen und angewandte Forschung haben wir sowohl bewährte als auch neue Förderinstrumente (die ich hier nicht alle aufzählen will), auf nationaler und europäischer Ebene. Die Forschungslandschaft in Deutschland ist insgesamt gesund, wenn man von der Finanzknappheit der Hochschulen absieht, und hat eine sehr gute Arbeits- und Aufgabenteilung. Dies wird auch außerhalb von Deutschland gewürdigt. So berichtet z.B. ein Artikel in 'Physics Today', der Mitgliederzeitschrift unserer Schwestergesellschaft APS im Dezember 2011 von einem Treffen in Washington, (gesponsert von der deutschen Botschaft und der amerikanischen Information Technology and Innovation Foundation (ITIF)), und dabei wird die deutsche Politik seit 2006 gepriesen: Deutschland sei aus einer Rezession als eine der weltstärksten Wirtschaften hervorgegangen, zum großen Teil durch ein erfolgreiches von Regierung und Industrie gemeinsam gefördertes Programm in angewandter Forschung. "Germany has figured out something over the last decade about how to succeed in a worldwide economy that we haven't" liest man dort.

Die High-Tech Strategie der Bundesregierung listet 5 breite Richtungen für F&E (saubere Energie, Gesundheit und Ernährung, Mobilität, Sicherheit, Kommunikationstechnologie), ähnlich werden auf EU-Ebene 'Grand Challenges' formuliert. Dazu werden national und in der EU-Kommission Schlüsseltechnologien identifiziert (Nanotechnologie, Mikro- und Nanoelektronik,  Photonik, advanced materials, Biotechnologie). Die Physik hat bei all diesen Themen einen zentralen Platz. Wie ist vis-a-vis dieser wichtigen strategischen Ziele die Rolle der Grundlagenforschung zu sehen? Offensichtlich steht sie ganz am Anfang der Innovationskette (von Idee über Entdeckung oder Erfindung zu Innovation zu Produkt), ohne sie würde es in Zukunft keine Innovation geben. Aber da sie keine Anwendung versprechen kann, sollte sie sich damit auch nicht rechtfertigen.

Eine Tatsache ist: häufig erwächst aus Erkenntnissen oder Entdeckungen, die durch von reiner Neugier getriebene Forschung gewonnen wurden, später eine unvorhergesehene und u.U. extrem zukunftsträchtige Anwendung, die ursprünglich nicht Ziel war. Die von Bloch und Purcell unabhängig voneinander 1945 entdeckte Kernspinresonanz war z.B. von Blochs Seite motiviert durch sein Bestreben, das magnetische Moment des Neutrons möglichst genau zu messen. Die später daraus entwickelte Kernresonanzspektroskopie ist zu einem wichtigen Werkzeug der Strukturaufklärung von Molekülen bis zu Biomolekülen geworden; in den letzten 40 Jahren wurde die Kernspintomographie als wichtiges bildgebendes Verfahren in der Medizin etabliert. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist der von Theodor Hänsch entwickelte Frequenzkamm und ebenso der von Peter Grünberg entdeckte Riesenmagnetowiderstand.

Darüber hinaus stellen die Ergebnisse von Grundlagenforschung eine wichtige kulturelle Errungenschaft dar. Eine Gesellschaft wie die unsere muss sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse leisten, so wie wir uns Museen oder Opernhäuser leisten – auch unter Druck in Zeiten fiskaler Notwendigkeiten.

Ein offensichtliches Produkt der Grundlagenforschung sind die von uns ausgebildeten Absolventen, hauptsächlich die Doktoranden. Sie werden in verschiedensten Bereichen der Wirtschaft, des Finanzsektors, der Unternehmensberatung etc. gebraucht und sind weltweit begehrt. Dass wir damit den Bedarf der deutschen Gesellschaft nicht decken können und einen gravierenden Fachkräftemangel in der Physik und den MINT-Fächern haben, wird mich gleich zum nächsten Thema bringen.

Zuletzt möchte ich hier einen Punkt ansprechen, der mir persönlich Sorge macht.  Wissenschaftliche Entdeckungen und Durchbrüche werden von Individuen gemacht. Die brauchen dafür Freiräume, eine gewisse kongeniale Atmosphäre, auch Glück. Dem gegenüber stehen - dramatisch zunehmend - Programme, die sich an Erfolg messen wollen, deren Erfolg gemessen werden will. Ein Maßnahmenkatalog von Qualitätsmanagement rollt auf uns zu (und über uns hinweg?). Wir alle kennen leistungsorientierte Mittelvergabe, Zielvereinbarungen, Qualitätstrichter... Wem dienen sie? Sicher, die quantitativen Qualitätsindikatoren wie Anzahl der Veröffentlichungen oder eingeworbene Drittmittelsummen können damit gesteigert werden, fast wie die Milchleistung einer Kuh, das sehen wir bereits. Aber ist das die Atmosphäre, die fördert, dass ein Wissenschaftler wirklich Neuland betritt? Da ist der Ausgang unsicher, mit Rückschlägen gepflastert. In einem gerade veroeffentlichten Buch ueber Bell Labs (Jon Gertner) liest man: 'in innovation as in hitting home runs in baseball you have to be willing to strike out a lot to be successful'.Kluge Menschen haben sich dazu kürzlich geäußert: Editorial in der 'Angewandten Chemie' von Helmut Schwarz, Präsident der AvH-Stiftung, oder Neujahrsmail des Präsidenten der DFG, Matthias Kleiner. Auch in der Presse hört man ähnliche Stimmen. Ermutigend ist, dass Bundesministerin Schavan in ähnlichem Kontext von Investitionen in Köpfe spricht.

Physik an der Schule

Wenn wir also von der Prämisse ausgehen, dass unsere Gesellschaft Physiker braucht und zunehmend brauchen wird, und wir zugleich realisieren, dass wir mit der Anzahl der Studienabschlüsse bereits jetzt den Bedarf nicht decken können, ist klar, dass wir uns der Schule zuwenden müssen und der Art und Qualität, mit der an den Schulen Physik unterrichtet wird. Und zwar mit zweifachem Augenmerk.  Einmal, wie werden Kinder und Jugendliche für die Physik begeistert, so dass sie sich – bei geeigneter Begabung – für ein Physikstudium entschließen? Was sind die nötigen Voraussetzungen, dass sie in diesem Studium erfolgreich sind? Und zum anderen gibt es den Aspekt einer ausreichenden physikalischen Allgemeinbildung. Und zwar sowohl für diejenigen, die in ihrer späteren Ausbildung gewisse physikalische Kenntnisse und ein physikalisches Denken brauchen, von Ärzten und medizinischen Berufen, zu Berufen in der Biologie, in der Chemie, im Ingenieurwesen und so weiter. Als auch für die breite Allgemeinheit, die zumindest zum Verständnis ihrer Umwelt physikalische Grundlagen und Konzepte benötigt. Wäre es nicht schön, wenn das thermodynamische Prinzip eines maximalen Wirkungsgrads von Politikern, die sich mit Energiepolitik befassen müssen, als physikalische Wahrheit und nicht als rückwärtsgewandte Verbohrtheit verstanden würde? Das ist jetzt vielleicht etwas viel verlangt, soweit kann der Schulunterricht wohl nicht kommen. Aber er kann und muss  vermitteln , dass es sichere physikalische Erkenntnisse gibt, auf denen das Verständnis unserer Welt basiert. Dass man physikalische Gesetze nicht brechen kann wie z.B. Steuergesetze oder das Bankgeheimnis. Hier faellt einem Richard Feynmans Abschlussbemerkung im Rahmen der Challenger Inquiry ein: „For a successful technology, reality must take precedence over public relations, for Nature cannot be fooled“

Wenn man diese Gruppen von Anfang an identifizieren könnte, würde man ihnen vermutlich einen unterschiedlichen Physikunterricht angedeihen lassen. Den künftigen Physikstudenten vielleicht nur ein oder zwei spannende Themen von Grund auf bis zu den modernsten Konzepten erklären. Bei den anderen auf die nötige Breite und das Verständnis der wichtigsten physikalischen Konzepte achten. Wobei hier qualitatives Verständnis wichtiger ist als quantitativ etwas ausrechnen zu können, Formeln zu beherrschen etc.

Was kann und sollte die DPG in diesem Moment tun? Der erste Schritt wäre eine Bestandsaufnahme. Und zwar sowohl demographischer Art: wie viele Physiklehrer in welcher Altersgruppe und mit welcher Ausbildung gibt es in jedem Bundesland? Hier ist die jetzt 2 Jahre alte Quereinsteigerstudie der DPG eine hervorragende Basis. Sie analysiert die Einstellungssituation in den 16 Bundesländern anhand von Daten der Jahre 2002-2008 sowie die Planung der Länder, den Physiklehrermangel durch Quer- und Seiteneinsteiger zu kompensieren.  Allerdings war bemerkenswert, dass zu diesem Zeitpunkt die Länder im Osten Deutschlands mit der Ausnahme von Berlin und Brandenburg keine derartige Möglichkeit geschaffen hatten. Insgesamt erlaubt die Situation keine verlässliche Planung. Ich zitiere aus der Studie:  'Aus den Antworten eine bundesweite und verlässliche Vorhersage über die mittelfristige Entwicklung des Physiklehrkräftemangels zu formulieren, ist kaum möglich'. Hier muss man auf die KMK blicken, die in ihrer Sitzung im Juni 2009 einen Beschluss fasste, eine entsprechende Bedarfsrechnung für diese Dekade zu erarbeiten.

Der zweite Punkt der Bestandsaufnahme ist: wie wird Physik an unseren Schulen unterrichtet? Spezifischer Physikunterricht oder NWT (Naturwissenschaft und Technik)? Inhalte, Stoffkanon, Stundenumfang, wie viel Mathematik, Physikprojekte in und außerhalb des Unterrichts. Erfolg. Leider gehört Physik zu den unbeliebtesten Fächern in der Schule.

Nach der Bestandsaufnahme gibt es einige nötige Schritte, an denen sich die DPG beteiligen kann.

  • Vermittlung des Bedarfs an Physiklehrern an die Öffentlichkeit (Medien), an die Schulen, berufsberatenden Einrichtungen, die Universitäten und Fakultäten
  • Hilfe bei einer länderübergreifenden Planung für Seiten- und Quereinsteiger
  • Mitarbeit an der Entwicklung eines bundesweiten inhaltlichen Kanons für die Mittel- und Oberstufe

Hier können wir uns orientieren an einer Studie (Juni 2011), die von einem Komitee des NRC der American Academy of Sciences, geleitet von der ehemaligen APS Präsidentin Helen Edwards zu diesem Thema erstellt wurde: 'a framework for K-12 Science Education'. Hier wird der Rahmen definiert, anhand dessen dann die wichtigsten Inhalte fuer den Unterricht in naturwissenschaftlichen Faechern formuliert werden. Fuer Mathematik und Sprachen hat ein aehnlicher Prozess zu Standard gefuehrt,  die inzwischen von 46 Bundesstaaten plus D.C. uebernommen wurden.  Bei uns gibt es fuer die Sekundarstufe I Bildungsstandards, die 2004 definiert wurden und fuer die jetzt von der KMK ein Kompetenzstufenmodell vorgeschlagen wird; wir hoffen, als DPG an der Entwicklung von Bildungstandards fuer die Sekundarstufe II mitwirken zu koennen.

Ein anderer Anknüpfungspunkt: 2011 Stellungnahme der Chemieorganisationen (u. A. GdCh plus Industrie) 'Bildungspolitische Positionen und Forderungen', die eine Stärkung der naturwissenschaftlichen Bildung adressiert. Hier könnten wir uns einklinken: die DPG sollte zu einer entsprechenden bildungspolitischen Stellungnahme kommen, idealerweise abgesprochen mit den anderen MINT Fächern.

Die letzte Frage, die ich im Kontext Schule anreißen möchte: ein kleiner Bruchteil der Physiklehrer ist DPG Mitglied (ca. 10%).  Das ist verständlich, da viele unserer Angebote, z.B. die Frühjahrstagungen, nicht den Bedarf von Lehrern erfüllen. Was also kann die DPG für Physiklehrer tun? Es wäre schön, das direkt von Lehrern zu erfahren. Rolle der MNU (deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts) und DPG fuer Physiklehrer: didaktische bzw. fachspezifische Vereinigungen für Lehrer, Mitgliedschaft in beiden koennte attraktiv sein.

Ich freue mich sehr, dass wir als Vorstandsmitglied für die Schule mit Herrn Lehn kürzlich einen aeusserst erfahrenen Physiklehrer gewinnen konnten, mit dem ich bereits in die Planung eingestiegen bin. Und natürlich werden wir eng mit den für die Schulen zuständigen Expertinnen und Experten in der DPG, wie z.B. der AG Schule, zusammenzuarbeiten .

Physiklehrerausbildung und -weiterbildung

Einen ganz wichtigen Faktor im Komplex 'Schule' habe ich bisher ausgelassen, um ihn jetzt separat zu betonen: die Ausbildung und Weiterbildung der Physiklehrer. Sie bekommt im Moment vielfältige Aufmerksamkeit und zurecht.

Schlüssel für einen erfolgreichen Physikunterricht sind gut ausgebildete und motivierte Lehrer. Dies beweisen auch Antworten aus einer von der DPG seit dem Jahr 2007 durchgeführten Langzeit-Abiturientenbefragung (1000 Befragte mit Buchpreisen der DPG für hervorragende Abiturientenleistungen im Fach Physik). Je besser Lehrerinnen und Lehrer in der Physik und den anderen MINT-Fächern aus- und fortgebildet sind, je mehr sie von ihrem Fach und den Inhalten begeistert sind und diese Begeisterung weitervermitteln können, desto eher werden sich ihre Schülerinnen und Schüler für ein entsprechendes Studienfach entscheiden. Interessant ist übrigens ein Unterschied zwischen den Geschlechtern, der die Bedeutung der Schule gerade für den weiblichen MINT-Nachwuchs unterstreicht: Bei den Physikstudentinnen lag die Quote derer, die die Begeisterungsfähigkeit eines Lehrers/einer Lehrerin als ausschlaggebend für ihre Studienfachwahl benannt haben, deutlich höher (58%) als bei den Physikstudenten (42%), wie die aktuelle Auswertung aus dem Jahr 2010 zeigt.

In der Physiklehrerausbildung tut sich im Moment bereits einiges, auch angestoßen von speziellen Heraeus-Seniorprofessuren, die sich mit einem modernen Studiengang für Physiklehrer befassen (Eisele in Heidelberg der erste, ich profitiere von Gesprächen mit ihm; auch Hertel, Berlin, der heute auch hier ist). Die Ausbildung der Physiklehrer muss sich an den akzeptierten Bildungsstandards für den Physikunterricht orientieren und darf sich demnach nicht auf die Vermittlung von Fachwissen allein konzentrieren. Und das bedeutet wohl, dass die Lehrerausbildung nicht ein Schmalspur-Bachelor oder -Master sein darf, sondern einen dedizierter Studiengang oder zumindest ein spezielles Angebot an Lehrveranstaltungen erfordert. In dem Zusammenhang setze ich viel Hoffnung auf eine neue DPG-Studie (finanziert von der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung), die gerade in Gang kommt: „Ausbildung im Lehramt Physik und das Profil von Physik in der Schule“ koordiniert von Herrn Grossmann und Herrn Hertel, Vorstand DPG vertreten durch Lehn/Matzdorf. Wichtig ist hier natürlich die Zusammenarbeit mit der Konferenz der Fachbereiche Physik, deren Vorsitzender Prof. René Matzdorf aus Kassel gleichzeitig auch DPG-Vorstandsmitglied für Bildung und wissenschaftlichen Nachwuchs ist.

Ein wichtiges Thema in diesem Kontext ist die Lehrerfortbildung: interessanter Physikunterricht muss gewisse Elemente der Aktualität haben. Hierzu hat die DPG sich in der Vergangenheit bereits vielfältig eingebracht, etwa durch die DPG-Lehrerfortbildungsseminare im Physikzentrum Bad Honnef; oder das neue DPG-Programm zur Förderung von Lehrerfortbildungen „fobi-Φ“ von der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung gefördert.

DPG und Physiker in Industrie und Wirtschaft

Ein wichtiges Thema wird auch in meiner Präsidentschaft die Förderung von Aktivitäten für Physikerinnen und Physiker in Industrie und Wirtschaft sein. Ich möchte dafür an dieser Stelle dem Ausschuss für Industrie und Wirtschaft (AIW)  und meinen Kollegen im Vorstand, dem Vizepräsidenten Gerd Litfin und dem ehemaligen Vorstand für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen, Lutz Schröter, meine große Anerkennung für das bisher Geleistete aussprechen.

Warum ist das so wichtig? Der Anteil von Industriephysikern in der DPG liegt aktuell bei 10%. Damit sind sie nach den Studierenden und Doktoranden die drittstärkste Gruppe unter den Mitgliedern und liegen noch vor der Gruppe der Hochschullehrer und Mitgliedern aus der außeruniversitären Forschung. U.U. unterschaetzen die 10% sogar den wirklichen Anteil, wenn Mitglieder bereits als Studenten in die DPG eingetreten sind, und inzwischen u.U. seit Jahren in der Industrie und Wirtschaft arbeiten, ohne uns dies je mitgeteilt zu haben. Es ist mir ein Anliegen, den Kollegen in der Industrie zu zeigen, dass die DPG auch für Physiker außerhalb der Hochschule interessant ist.

In dem Zusammenhang freut es mich sehr, dass derzeit mit dem AIW konkrete Maßnahmen vorbereitet werden,  Formate für Physiker in Industrie und Wirtschaft zu etablieren, die bisher keinen Kontakt zur DPG haben. Der vorgeschlagene Maßnahmenkatalog ist ein Abschiedsgeschenk von Herrn Litfin und Herrn Schroeter. Hier ist auch Potenzial für ein deutliches Mitgliederwachstum der DPG: Lediglich rund 10 % der geschätzten 60.000 Industriephysiker in Deutschland sind derzeit in der DPG. Im Vergleich dazu liegt der Organisationsgrad bei den Studierenden bei über 60 %. Wir hoffen sehr, dass es uns gelingt, noch mehr Physiker aus Industrie und Wirtschaft zu gewinnen. Dies sehe ich auch vor dem Hintergrund, den dringend nötigen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Industrie durch die DPG noch stärker als bisher zu befördern. Nur 1-2 Vertreter aus der Industrie im Vorstand (Litfin Bemerkung neulich); in der Tat bedenkenswert, ob man den Anteil nicht deutlich vergrößern könnte

Politikberatung und Öffentlichkeitsarbeit

Wie meine Vorgänger werde ich mich dafür einsetzen, dass sich die DPG als Ansprechpartnerin der Politik, aber auch der Medien und Öffentlichkeit, weiter etabliert und als Beraterin fungiert, wenn physikalische Expertise gefragt ist. Ich stelle befriedigt fest, dass der Austausch mit der Spitze des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in den vergangenen Jahren schon sehr erfolgreich etabliert worden ist, auf Minister- und Staatssekretärsebene, aber auch auf Ebene der verschiedenen Abteilungen.

Die Physik ist die Grundlage der Naturwissenschaften, mit gleichzeitiger breiter Ausstrahlung in Lebens-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. Daher wird die DPG auch in meiner Präsidentschaft einerseits gegenüber der Politik die zentrale Rolle der Grundlagenforschung deutlich machen. Andererseits ist es mir wichtig, dass sich die DPG mit zentralen gesellschaftlichen Themen befasst, die von Fragen der Energieversorgung und dem Klimaschutz, über Bildungsfragen und Gewinnung des wissenschaftlichen Nachwuchses bis zu Physikerinnen und Physiker im Beruf und dem Thema Chancengleichheit reichen.

Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, freue ich mich, dass wir neben den  Pressemitteilungen, Studien und dem „Physik konkret“ über zwei ganz besondere Formate verfügen, die wir beide in Zusammenarbeit und durch Förderung des BMBF realisieren können: das Internetportal „Welt der Physik“ und das jährlich ausgeschriebene und an einem anderen Standort durchgeführte Physikfestival „Highlights der Physik” (Herr Wassermann und Herr Carl sind beide hier). Diese zwei Formate sind von großer Bedeutung, um insbesondere junge Menschen in spannender Weise über physikalische Aspekte zu informieren und sie für die Physik zu gewinnen. Ich freue mich schon darauf, in meiner neuen Funktion dieses Jahr bei den  Highlights in Göttingen dabei sein zu können.

Frauen in der Physik

Hier gibt es zwei Aspekte, die ich ansprechen möchte: den immer noch geringen Anteil von Physikerinnen und die Frage von Chancengleichheit in Studium und Beruf. Ersteres ist interessant unter dem Aspekt, dass wir den Bedarf an Physikern in Deutschland nicht decken können und hier noch großes Potential schlummert. Der zweite Aspekt, die Chancengleichheit, ist für eine moderne Berufsgesellschaft wie die DPG als Thema eine Selbstverständlichkeit.

Von aktuell 61000 DPG Mitgliedern sind 14%  weiblich. Der Anteil nimmt mit der Seniorität ab, allerdings mit der Zeit ständig zu. So war der Bruchteil 1980 nur 2.8%. Der Anteil an den Studienanfängern ist inzwischen fast 30%, bei den Studienabschlüssen und Promotionen knapp 20%. Das zeigt zum einen den zeitlich ansteigenden Trend, andererseits ist im Bundesdurchschnitt leider die (fruehe) Studienabbruchquote bei den Physikstudentinnen höher als bei den männlichen Kommilitonen: ein Vergleich der Drittsemester 2011 mit den Studienanfängern von 2010 zeigt ein Verhaeltnis der Abbrecherquoten von 4:3 fuer  Physikstudentinnen zu Studenten.  Es wird Aufgabe von KFP und DPG sein zu überlegen, mit welchen Mitteln der höheren Abbruchquote von Physikstudentinnen entgegengewirkt werden kann. Von den etwa 1350 Physikprofessuren an deutschen Hochschulen waren 2009 knapp 100, etwa 7%, mit Frauen besetzt. Hier ist ein dramatischer Anstieg im Vergleich zu 77 im Jahr 2007 zu verzeichnen. Als ich übrigens Anfang 1996 nach Heidelberg kam, war ich mit einer gleichzeitig berufenen Kollegin die erste Professorin in der Fakultät, jetzt sind wir 4, hoffentlich bald 5 oder 6.  Dem sind allerdings Grenzen gesetzt, wie wir alle aus leidvollen Erfahrungen in Berufungskommissionen zu berichten wissen. Die Frauenquote bricht nach der Promotion und bereits deutlich vor Berufbarkeit auf eine Professur ein. Und durch vielfältige Anreize motivierte Berufung nicht voll qualifizierter Frauen wäre meiner Meinung nach der größte Schaden, den wir einer echten Chancengleichheit zufügen können.

Dass der Anteil der Frauen in der Physik an den Hochschulen und in der Wirtschaft trotz starken Zuwachses bei den Studienanfängerinnen in den vergangenen Jahren immer noch weit unter dem der Männer liegt, ist auch in strukturellen Problemen speziell in Deutschland begründet. Wir machen es Frauen immer noch nicht leicht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Kinder sind nach wie vor dominant Verantwortung der Frau, eine anspruchsvolle Karriere und Kinderbetreuung sind nicht einfach kompatibel und zumindest ist das teuer. Auch lässt die im deutschen Universitätssystem immer noch sehr späte Sicherheit und Planbarkeit der Karriere diesen Berufsweg für junge Frauen weniger erstrebenswert erscheinen. Allerdings kommt eine derzeit in Arbeit befindliche internationalen Studie der IUPAP zur Situation von Physikerinnen, an der sich auch die DPG beteiligt, in einem ersten Zwischenbericht zu dem Ergebnis, dass Frauen weltweit immer noch nicht die gleichen Karrierechancen haben wie ihre männlichen Kollegen. Frauen mit akademischem Abschluss verdienen zudem weniger als ihre männlichen Kollegen. Dies gilt für Beschäftigte aller Abschlussarten – vom Bachelor an der Fachhochschule über den Master an der Universität bis hin zur Promotion. Im Durchschnitt beträgt die Gehaltslücke 21,5 %, besonders groß ist die Gehaltslücke mit 24 % aber gerade bei Physikerinnen, so die Hans-Böckler-Stiftung. Damit zählt Deutschland zu den Schlusslichtern im europäischen Vergleich. Hier kann die DPG als Gesellschaft etwas tun, indem sie hilft, dass die Zahlen offengelegt werden.

Aber der Schlüssel liegt darin, einen größeren Bruchteil von jungen Frauen zu motivieren, Physik zu studieren und ihnen zu helfen, dann auch dabei zu bleiben. Was dann wieder direkt zusammenhängt mit den beiden bereits von mir angesprochenen Themen Schule und Lehrerausbildung  bzw.  Fortbildung. (Verweis auf den Kerschensteinerpreis 2012: Christian Heilshorns Projekt „Physik für helle Köpfe“). In diesem Zusammenhang wird auch immer auf Funktion geeigneter Role-Models verwiesen. Nun könnte man sagen, in einem Land in dem die Bundeskanzlerin Physikerin ist, kann es da ja an nichts fehlen. Und jetzt auch noch eine Präsidentin der DPG... aber Spaß beiseite, Maßnahmen, wie das Mentoring-Programm der DPG oder Role-Model-Projekte, wie die Lise Meitner Lectures, können einen Beitrag leisten, um jungen Frauen zu zeigen, dass sie es in der Physik genauso zu etwas bringen können wie ihre männlichen Kollegen.

Ausblick

Jetzt freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand und den DPG-Gremien. Da die ehrenamtliche Tätigkeit als DPG-Präsidentin natürlich nur mit einem professionellen Team möglich ist, freue ich mich auch auf die Zusammenarbeit mit der DPG-Geschäftsstelle. Dem Hauptgeschäftsführer Herrn Nunner möchte ich an dieser Stelle dafür danken, dass er im Laufe der letzten Jahre das Personal in den DPG-Geschäftsstellen kontinuierlich erweitert und so eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt hat, die nicht nur zentrale Aufgaben bei der Koordination und Organisation der größten Physikalischen Gesellschaft der Welt und aller DPG-Frühjahrstagungen übernimmt, sondern den DPG-Vorstand darüber hinaus ganz wesentlich bei seinen weiteren vielfältigen Aufgaben und Projekten unterstützt. Danken möchte ich an dieser Stelle auch der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung (Herr Roess ist heute auch hier) für ihre großzügige und langjährige Unterstützung der vielfältigen Projekte und Programme der DPG. Ich konnte die Stiftung durch einige Jahre Taetigkeit im Beirat kennen- und schaetzenlernen.

Um ein Ende zu finden: ich habe schon gelernt, dass man für fast alle Situationen einen geeigneten Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg finden kann. Dieser ist mir letzte Woche im Autoradio zugeflattert - hier lässt er sich darüber aus, dass es besonders schlimm ist, wenn ein Mann ein Amt erhält, für das er nicht genügend qualifiziert ist und schreibt „es ist immer besser, wenn das Amt geringer ist als die Fähigkeiten“. Ich hoffe, dass das in meinem Fall bisher zutrifft.

 
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