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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 20. November 2013

Rede der Präsidentin
anlässlich der Verleihung des Otto-Hahn-Preises an Prof. Ferenc Krausz in der Paulskirche, Frankfurt am Main

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Feldmann,

sehr geehrter Herr Prof. Krausz,

sehr geehrte Frau Prof. Ursula Keller,

sehr geehrter Herr Dr. Geelhaar,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass wir heute den gemeinsamen Otto-Hahn-Preis der Stadt Frankfurt, der Gesellschaft Deutscher Chemiker und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft an Ferenc Krausz, den geschäftsführenden Direktor und Leiter der Abteilung für Attosekunden- und Hochfeldphysik des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik und Professor der LMU in München, verleihen dürfen. Die Laudatio wird natürlich gleich Frau Prof. Keller halten, daher will ich in meiner Begrüßung ein paar andere Gedanken verfolgen.

Wenn man an diesem Ort, hier in der Paulskirche reden darf, ist man natürlich zunächst ehrfürchtig berührt, fühlt sich auch etwas klein angesichts der großen Dinge, die hier gesagt wurden. Die Paulskirche steht als „Wiege der Demokratie“ wie kaum eine andere historische Stätte in Deutschland als Symbol für die Entwicklung der deutschen Einheit und Demokratie in ihrer wechselvollen Geschichte. Jetzt im Büchner-Jahr ist uns allen diese wichtige Zeit, insbesondere auch die vorangehenden 15-20 Jahre, stark in Erinnerung gebracht worden. Demokratische Prinzipien ermöglichen ein freiheitliches Denken, das auch für eine voraussetzungslose Forschung, für Wissenschaft unerlässlich ist. Diese Freiheit ist damit gewissermaßen das Fundament für neue Erkenntnisse, Innovationen und auch für kulturellen Fortschritt. In der NS Zeit haben wir in Deutschland das Gegenteil erlebt und damit den Niedergang einer blühenden Wissenschaftskultur, in der Deutschland in der Physik die führende Rolle gespielt hat. Ein Niedergang, von dem wir uns aus verschiedensten Gründen nicht mehr ganz erholt haben. Umso schöner und wichtiger ist es, herausragende Forschungsleistungen durch Preise auszuzeichnen und zu feiern.

Physik spielt für den kulturellen Fortschritt eine zentrale Rolle: Die Technik, die heute die Welt verändert und uns in einer technischen Kultur leben lässt, ist ein Kind der klassischen Physik Newtons, Clausius‘ und Maxwells einerseits und der modernen, insbesondere quantenphysikalischen Entwicklungen andererseits. Dabei bleibt die Physik das Paradebeispiel einer empirischen Wissenschaft. Das bedeutet, dass physikalische Theorien immer auf Basis von Experimenten bestätigt, ggf. modifiziert oder manchmal sogar als falsch erkannt und ad acta gelegt werden müssen.

Der Astrophysiker und TV-Moderator Harald Lesch hat diesen Prozess in der Physik vor wenigen Tagen in einem Festvortrag bei der Verleihung der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft am Tag der DPG  im Physikzentrum Bad Honnef kurz und pointiert tituliert: „Wir irren uns empor!“

Die Physik ist durch diese Methodik auch – meine Kollegen Chemiker werden mir das bitte verzeihen - die naturwissenschaftlich-technische Grundlagenwissenschaft schlechthin. Auch dort, wo an biologischen, biotechnologischen, chemischen, medizinischen oder materialwissenschaftlichen Fragen gearbeitet wird, kommen physikalische Methoden und physikalische Denkansätze zum Einsatz. Überall, wo Naturwissenschaft drauf steht, ist auch Physik drin – natürlich mal mehr oder mal weniger!

Trotzdem trifft es zu – leider, muss ich als Präsidentin der DPG sagen –, dass physikalische Fragen nur selten die öffentlichen Diskurse über Wissenschaft und Forschung dominieren. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass es zu wenige Themen gibt, an denen die Physik beteiligt ist, sondern dass viele Menschen gar nicht wissen, wo überhaupt Physik drin steckt. Hier müssen wir als DPG weiter hart und kontinuierlich Aufklärungsarbeit leisten.

Neugierde für die Physik ist in der Öffentlichkeit – und vor allem auch bei jungen Menschen – durchaus vorhanden. Dies zeigt sich zum Beispiel in der großen Resonanz auf die jedes Jahr stattfindenden Highlights der Physik, die von der DPG gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung veranstaltet werden. Regelmäßig kommen innerhalb von 5 Tagen etwa 30.000 Besucher zu dieser Physikgroßveranstaltung. Kern dieses Events sind Ausstellungen, Schülerwettbewerbe und Vorträge von Top-Forschern bis zu Astronauten. Auch Fernseh-Moderatoren wie Harald Lesch, Ranga Yogeshwar, Peter Lustig von „Löwenzahn" sowie Armin Maiwald von der „Sendung mit der Maus“ waren schon mit von der Partie. Im Jahr 2007 waren ja die Stadt und die Goethe Universität Frankfurt freundlicherweise Mitveranstalter der Highlights der Physik unter dem Motto „Energie, aber wie?“.

Interessant ist hier auch das Ergebnis einer Umfrage, die die Sendung mit der Maus einmal gemacht hat. Ich zitiere dazu aus einem Interview aus diesem Monat mit Christoph Biemann, den Eltern unter Ihnen vielleicht besser bekannt einfach als „Christoph“ mit seinem Markenzeichen, dem grünen Pullover:

„Wir haben mal eine Aktion gemacht: „Frag doch mal die Maus!“ und 72.000 Zuschriften bekommen. Die am meisten gestellte Frage war: Warum ist der Himmel blau? Häufig kam auch: Wie funktioniert eine CD? Wie entsteht ein Regenbogen?“

Wenn man sieht, dass von diesen 72.000 Zuschriften also die häufigsten Fragen die Physik betreffen, dann kann man positiv formulieren: Das Interesse für physikalische Fragestellungen ist bei vielen Kindern und natürlich auch Erwachsenen da, nur wissen sie es manchmal noch nicht. – Aber das kann und sollte man ändern!

Dazu ist es auch wichtig, dass Forschungsleistungen öffentlich gewürdigt werden, um zu zeigen, mit welchen Fragestellungen und Problemen sich die Physik auseinandersetzt. Die Auszeichnung der Leistungen von Ferenc Krausz mit dem Otto-Hahn-Preis könnte dafür nicht geeigneter sein.

Neben der öffentlichen Wahrnehmung spielt aber auch die politische eine zentrale Rolle. Und zwar ganz konkret mit Blick auf die Sicherung der Grundlagenforschung. Grundlagenforschung ist, langfristig gesehen, von immenser wirtschaftlicher Bedeutung. Aber sie ist auch eine herausragende kulturelle Leistung. Eine Gesellschaft wie die unsere muss sich naturwissenschaftliche Forschung leisten, so wie wir uns Museen oder Opernhäuser leisten – auch unter Druck in Zeiten fiskaler Notwendigkeiten.

Aber zurück zur wirtschaftlichen Bedeutung: häufig erwächst aus Erkenntnissen oder Entdeckungen, die durch von reiner Neugier getriebenen Forschung gewonnen wurden, später eine unvorhergesehene und u. U. extrem zukunftsträchtige Anwendung, die ursprünglich meist gar nicht Zielsetzung war. Hier könnte ich viele Beispiele nennen, werde mit Blick auf die Uhr aber nur eines herausgreifen, das einem vielleicht nicht als erstes einfällt: ein offensichtliches Produkt der Grundlagenforschung sind die von uns ausgebildeten Absolventinnen und Absolventen, hauptsächlich die Doktoranden. Sie werden in verschiedensten Bereichen der Wirtschaft, des Finanzsektors, der Unternehmensberatung etc. gebraucht und sind weltweit begehrt. Dass wir damit den Bedarf der deutschen Gesellschaft nicht decken können und einen signifikanten Fachkräftemangel in der Physik und den MINT-Fächern insgesamt haben, erfüllt mich mit Sorge.

Große Sorgen im Hinblick auf die Grundlagenforschung macht mir auch die Finanzknappheit der Hochschulen. Persönlich ist mir sehr gelegen an einem ausgewogenen Verhältnis zwischen anwendungsorientierter- und Grundlagenforschung, da sie untrennbar miteinander verzahnt sind. Die Innovation von morgen (oder übermorgen) basiert auf der Grundlagenforschung, die wir heute betreiben.

Fakt ist: Deutschland ist für die anwendungsorientierte und für die Grundlagenforschung traditionell ein hervorragender Standort. Nicht zuletzt deshalb ist Deutschland auch ein so starker Wirtschaftsstandort.

Tatsache ist aber auch: Die deutschen Hochschulen leiden bereits seit langem und zunehmend verschärft unter Mittelknappheit, was die Grundfinanzierung angeht. Ironischerweise wurde diese durch die verschiedenen Exzellenzwettbewerbe pointiert. Das ist ein großes Problem denn:

  • Die Hochschulen erfüllen eine spezifische, nicht substituierbare Funktion innerhalb des Wissenschaftssystems.
  • Sie tragen wesentlich zur Zukunftsfähigkeit des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland bei und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Pflege und Entwicklung der kulturellen Grundlagen unseres Gesellschaftsmodells.
  • Ihre dramatische Unterfinanzierung hat direkte Auswirkungen auf die Qualität der Lehre und der Forschung.

Deshalb hat die DPG zusammen mit der Gesellschaft Deutscher Chemiker, der Deutschen Mathematiker Vereinigung sowie dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland Mitte diesen Jahres eine Stellungnahme herausgegeben.

Darin betonen die naturwissenschaftlichen Gesellschaften, dass verlässliche Bedingungen für Forschung und Bildung für die Zukunftsfähigkeit einer modernen Wissensgesellschaft und eines Hochtechnologiestandorts wie Deutschland von vitaler Bedeutung sind! Dafür muss ein angemessenes Verhältnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln im Bereich der Hochschulen sichergestellt werden. Der gordische Knoten, dass die Bundesländer die Hochschulen nicht finanzieren können und der Bund sie nicht finanzieren darf, muss zerschlagen werden. Auch andere haben sich in diese Richtung geäußert, und ich habe daher  Hoffnung, dass Bund und Länder dieses Thema angehen werden, sobald man sich wieder auf Regierungsgeschäfte konzentrieren kann.

Die Bedeutung der Grundlagenforschung und ihr Potenzial, Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen beizutragen, zeigt der heutige Preisträger in beeindruckender Weise. Lassen Sie mich ihn, was seine Vision betrifft, direkt zitieren: Wie können wir elektrische Ströme in immer kleineren und schnelleren Schaltkreisen kontrollieren, um leistungsfähigere Computer und Telekommunikationssysteme zu entwickeln? Wie wird die Struktur von Molekülen durch die Anregung ihrer Elektronen beeinflusst? Welche Vorgänge führen zu Strahlenschäden in biologischen Systemen?

Das sind nur einige der vielen großen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts. Wir brauchen Visionäre, um sie zu adressieren. In diesem Sinne wünsche ich Ferenc Krausz mit seinen hervorragenden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Bereich der Attosekundenphysik weiterhin viel Erfolg und auch Glück, um diese Visionen zu realisieren.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 
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