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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 30. November 2012

Rede der Präsidentin
anlässlich der Lise Meitner Lectures, Universität Wien

 

Sehr geehrter Herr Prof. Ernst,

sehr geehrter Herr Prof. Lang,

sehr geehrte Frau Prof. Loll,

sehr geehrte Frau Prof. Ritsch-Marte,

sehr geehrte Frau Prof. Hitzenberger,

sehr geehrte Frau Prof. Vogt,

liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Studentinnen und Studenten,

liebe Kollegen, verehrte Gäste,

 

Danksagung

  • Dass die Lise Meitner Lectures auch dieses Jahr wieder in Österreich stattfinden,
  • Dank an den Rektor der Universität Wien, Herrn Engl, dass die Lise Meitner Lectures an der Universität Wien stattfinden,
  • Dank an Herrn Ernst, Frau Ritsch-Marte, Frau Hitzenberger und allen Beteiligten für die Organisation,
  • großer Dank an Frau Loll, dass sie ihren Vortrag als Role Model halten wird,
  • Dank an Frau Vogt, dass sie einen historischen Vortrag zu Lise Meitner halten wird.

 

Grußworte

Wenn man Schülerinnen und Schüler oder auch Erwachsene auf ihre Erfahrungen mit Physik in der Schule anspricht, hört man oft Aussagen mit dem Tenor:

„Physik ist doof!“, „Physik ist viel zu schwer“, „Physik ist ein Horrorfach“, „Von Physik habe ich keine Ahnung!“

→ Problem: Physik zählt statistisch bei Schülerinnen und Schülern zu den am wenigsten beliebten Fächern. Nicht selten verlassen junge Menschen, die vielleicht mit einem natürlichen Interesse an Natur und Technik in die Schule kommen, diese eher demotiviert oder gar mit einer Abneigung gegen dieses Fach. Und ich muss gestehen, auch ich selbst habe Physik in der Oberstufe abgewählt, allerdings gezwungen durch die Wahl zwischen Biologie, Chemie und Physik.

 

→ Aber Physik ist von ihrem Inhalt her keineswegs langweilig. Ganz im Gegenteil: sie bildet die Grundlage für das Verständnis der Welt in der wir leben und geht daher alle an. Physik für Schüler kann auch  bedeuten: Entdecken, Beobachten, Beschreiben, Ausprobieren, Phänomene selbst erzeugen, damit spielen und nachfragen. Selbst Erklärungen finden, eigene Modellvorstellungen entwickeln, mit Anderen beraten und überprüfen, sich mit Interessierten in anderen Ländern und Kulturen austauschen.

 

Auch im Leben nach der Schule gibt es viele Beispiele, wo die Physik alle betrifft und interessiert:

  • Wenn es um Astronomie, das Weltall, mögliches außerirdisches Leben, den Ursprung unseres Universums geht, erleben wir immer in Veranstaltungen für die interessierte Öffentlichkeit großes Interesse.
  • Ebenso, wenn wir uns fragen, was wirklich die Elementarteilchen sind und wieviele es gibt, woher Masse kommt, was dunkle Materie oder gar dunkle Energie sind und warum das Weltall immer schneller expandiert,
  • oder die Frage, ob man das menschliche Gehirn verstehen kann, oder was mit unserem Klima passiert, wie wir die Energie-Frage lösen können,
  • ja selbst wenn es um Gags und Effekte in Filmen geht wie Tricks bei James Bond, all das ist Physik.

 

Nicht so ganz klar ist dagegen das Berufsbild des Physikers. Außer in der Forschung an Universitären und Forschungsinstituten oder in Forschungslabors der Industrie arbeiten Physiker in der Entwicklung, Herstellung, im Vertrieb, im Patentwesen, im IT Sektor, in der Industrieberatung, im Finanzsektor, in Ministerien oder Ämtern, in der Publizistik oder Werbung.

Eine Physikerin steht also selten, wie man vielleicht meinen könnte, den ganzen Tag im Labor oder denkt am Schreibtisch nach, sondern Physik geschieht meist nicht im „stillen Kämmerlein“

  • entgegen einem oft gehörten Vorurteil hat die tägliche Arbeit viel mit Menschen zu tun! Gerade in der Physik ist Zusammenarbeit mit anderen und in Arbeitsgruppen von großer Bedeutung (gilt für Entwicklungsabteilungen in der Industrie, aber ebenso für Teams die an großen internationalen  Forschungsprojekten arbeiten wie an Experimenten am  CERN z.B. in der Suche nach dem Higgs-Teilchen),
  • fast immer hat man die Möglichkeit, kreativ zu sein, aber auch sich für andere Menschen, Kulturen und Sprachen zu interessieren, neue Länder kennenzulernen
  • und die von uns, die in der Forschung arbeiten, sind natürlich immer gespannt auf neue Entdeckungen! Langweilig wird es nie, ist meine Erfahrung.

 

Einige Zahlen und Fakten zum Arbeitsmarkt und Physikstudium in Deutschland:

(ein großer Arbeitsmarkt, für den wir gute Zahlen haben)

Physikerinnen im Beruf

  • In der Physik fehlt immer noch Nachwuchs. Dabei sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hervorragend. In Deutschland gibt es geschätzt rund 5.000 offene Stellen. Das steht etwa 3000 jährlichen Abschlüssen in Physik  in Deutschland gegenüber (Arbeitsmarktartikel Physik Journal/Arbeitsmarktstudie DPG).
  • Der deutsche Arbeitsmarkt für Physiker und Physikerinnen hat sich im Jahr 2012 weiterhin gut entwickelt:
    • Anzahl der Stellenmeldungen bei der Bundesagentur für Arbeit ist gegenüber dem Vorjahr erneut leicht gestiegen,
    • Zahl der gemeldeten Arbeitssuchenden ist weiterhin auf niedrigem Niveau (Arbeitsmarktartikel DPG).
  • Diversifizierung macht gegen Marktschwankungen resistent: Physikerinnen und Physiker arbeiten in fast allen Branchen und Berufsgruppen (siehe oben), in Forschungs-Instituten, Hochschulen, Schulen, Industrie, im Gesundheitsbereich, Energie- und Wasserversorgung, Handel, Verkehr,  Unternehmensberatung, in Banken, Kanzleien oder in der Presse – oder natürlich als Bundeskanzlerin! (Arbeitsmarktstudie der DPG).
  • 87% Prozent aller Physikerinnen und Physiker würden übrigens noch einmal Physik studieren! Das ist der höchste Wert im Vergleich zu allen anderen Studienfächern in Deutschland (Schnitt 66%). (Arbeitsmarktstudie der DPG).


Physikerinnen im Studium und in akademischen Karrieren (auch hier beziehe ich mich auf deutsche Zahlen, die mir vorliegen):

  • Der Frauenanteil in der Physik hat sich seit 1999 fast verdoppelt, wenn man sich die Abschlussquote mit Diplom, Master und Promotion anschaut, die aktuell bei rund 20 % liegt (GDCh-Artikel und KFP-Studierendenstatistik). Im Lehramt ist in der selben Zeit der Anstieg von 25 auf 40% zu beobachten.
  • Auch der Anteil der Studentinnen bei den Neueinschreibungen ist mit 26 % erfreulicherweise weiter gestiegen.
  • Mit zeitlicher Verzögerung sieht man den Anstieg auch weiter oben auf der Karriereleiter: der Frauenanteil und Habilitationen und auf Juniorprofessuren ist von 2% Mitte der 80er Jahre auf inzwischen 20% gestiegen (die Juniorprofessorinnen machen sogar 29% aus). Und es gab fast keine Physik-Professorinnen bis Mitte der 1990er Jahre. Im Jahr 2010 111 Professorinnen von ca. 1300 Physik-Professuren. (Quelle: GDCh-Artikel und AKC-Vortrag).
  • Der Physikerinnenanteil ist damit in den letzten Jahren auf allen Ebenen deutlich gestiegen, bleibt aber weiterhin gering (Quelle: AKC-Vortrag). Allerdings sind die Chancen für begabte Frauen sehr gut! Ich kann daher Frauen getrost ermutigen, sich für ein Physikstudium zu entscheiden!

 

Von der Warte derer, die sich um Nachwuchs an Physikern und Physikerinnen bemühen, ist es wichtig:

  • Früh Begeisterung in der Schule wecken,
  • Qualität des Unterrichts und der Lehrerausbildung verbessern,
  • Spannende Veranstaltungen durchzuführen, wie z. B. Highlights der Physik,
  • bei Preisverleihungen im Schulbereich auf Initiativen achten, die Mädchen besonders zu Gute kommen.
  • Personen finden, die junge Menschen so früh wie möglich ermutigen, sich der Physik zu widmen, sprich Vorbilder/ Role Models (wie auch eine Auswertung des Arbeitskreises Chancengleichheit der DPG zeigt).

 

Um Vorbilder zu finden und zu präsentieren, haben ÖPG und DPG die Lise Meitner Lectures ins Leben gerufen. Durch Vorträge und Begegnungen mit weiblichen Vorbildern, wie mit Ihnen, Frau Loll, die gerne bereit sind, über ihren spannenden Beruf als Physikerin zu erzählen, möchten ÖPG und DPG mehr junge Menschen und insbesondere Mädchen und Frauen für die Physik interessieren.

 

Lise Meitner ist übrigens früh in meinen Horizont getreten. Meine Diplom- und Doktorarbeit habe ich am Institut für Kernchemie an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz durchgeführt. Und dieses Institut wurde nach dem Krieg für Fritz Straßmann gegründet, den dritten im Team der Entdecker der Kernspaltung. Der war zu meiner Zeit natürlich schon eine Weile emeritiert, aber gesehen habe ich ihn bei seinen abendlichen Gängen durchs Institut schon noch. Und wir wurden immer mal wieder auf die Ungerechtigkeit des Nobelkomitees gestoßen, Lise Meitner und Fritz Straßmann nicht gemeinsam mit Otto Hahn mit dem Nobelpreis auszuzeichnen; Lise Meitner, weil sie bereits aus Deutschland vertrieben war, und Fritz Straßmann als der 'Junior Partner' bei den Experimenten.

 

Und jetzt wünsche ich Ihnen und uns allen eine schöne Veranstaltung.

 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 18.12.2012, 09:44 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten