DPG
Mitgliedschaft
Veranstaltungen
Programme
Preise
Veröffentlichungen
Presse
Service
 
Druckversion
Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  stachel  >  red_jahrestagung-dresden-2013.html

Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 6. März 2013

Rede der Präsidentin
anlässlich der 77. Jahrestagung der DPG (und DPG-Frühjahrstagung) an der Technischen Universität Dresden


  • Magnifizenz Prof. Müller-Steinhagen,
  • sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Schütte,
  • sehr geehrter Herr Heuer,
  • liebe Kollegen Kobel, Rueckl und Wessels,
  • sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger der DPG,
  • sehr geehrte Gäste, liebe Kollegen und Tagungsteilnehmer,

mit Dresden und der im Exzellenzwettbewerb ausgezeichneten Technischen Universität hat die DPG einen hervorragenden Ort für ihre Jahrestagung gewählt, der auch durch die große Zahl von außeruniversitären Forschungsreinrichtungen sowie durch Forschungsverbünde insbesondere auf den Gebieten Material- und Umweltforschung, Biotechnologie und Medizin beeindruckt. Ich freue mich sehr, dass wir wieder an dieser hochkarätigen Wissenschaftsinstitution zu Gast sein dürfen.

Allen an der DPG-Jahrestagung beteiligten Fachverbänden, Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen sowie allen weiteren Beteiligten möchte ich meinen großen Dank für ein herausragendes wissenschaftliches Tagungsprogramm aussprechen:

  • Mein besonderer Dank geht an die Technische Universität Dresden, und stellvertretend an Sie, Magnifizenz Müller-Steinhagen, für die Gastfreundschaft.
  • Danken möchte ich der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die finanzielle Unterstützung. Dass wir so viele Nachwuchsforscherinnen und -forscher dabei haben, ist auch das Verdienst der Stiftung, die Jahr für Jahr über das „Kommunikationsprogramm“ die Teilnahme von Diplomanden, Masterstudierenden und Doktorandinnen und Doktoranden durch Reisekostenzuschüsse unterstützt: dieses Jahr ist das eine Rekordzahl von 2500 Nachwuchswissenschaftlern, also mehr als jeder 4. Tagungsteilnehmer!
  • Für die Organisation dieser Jahrestagung gilt mein großer Dank dem örtlichen Tagungsleiter, Prof. Michael Kobel, und dem Tagungskoordinator, Michael Rockstroh, beide vom Institut für Kern- und Teilchenphysik der TU Dresden, sowie ihrem gesamten Team.
  • Danken möchte ich schließlich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer DPG-Geschäftsstelle für ihre große Unterstützung der DPG-Jahrestagung sowohl im Vorfeld als auch hier vor Ort.

 

Die Tagung widmet sich u. a. experimenteller und theoretischer Teilchen-, Kern- und Hadronenphysik, Energieforschung und Beschleunigerphysik. Sie bietet zu Beginn des ersten langen shutdown des LHC eine ideale Gelegenheit für eine Zwischenbilanz aller Experimente und deren theoretischer Interpretation. Ein besonderes Highlight ist natürlich die Forschung zum Higgs-Teilchen am CERN.

 

  • Ein Highlight dieser Tagung sind die neuesten Ergebnisse, die die Entdeckung eines Higgs-Bosons am CERN LHC etablieren, wie wir im Vortrag von Karl Jakobs gesehen haben. Und mit Spannung erwarten wir deshalb heute auch den Vortrag von CERN-Generaldirektor Prof. Rolf-Dieter Heuer über das CERN, den LHC und die Zukunftsstrategien.
  • CERN steht nicht nur für exzellente Forschung, sondern ist auch ein Symbol, man kann sogar sagen DAS Symbol, für eine friedliche, europäische Zusammenarbeit – und das schon seit der Gründung im Jahr 1954, mitten im Kalten Krieg.
  • Diese Form der Zusammenarbeit kann auch ein Vorbild für die Lösung der großen Fragen der Zukunft sein, vor denen die Menschheit steht.
  • Und die Zusammenarbeit am CERN ist von eminenter Bedeutung für die Grundlagenforschung!

Die Suche nach dem Higgs-Boson am LHC ist ein Paradebeispiel exzellenter Neugier-getriebener Grundlagenforschung, und dasselbe kann man für die Präzisionsmessungen im B-Sektor und die Untersuchung des Quark-Gluon-Plasmas sagen. Ausgehend von theoretischen Berechnungen wurden die Experimente von langer Hand sorgfältig geplant, es wurden Strukturen geschaffen, diese in großen internationalen Kollaborationen zu bauen. Ein sehr ehrgeiziges F&E-Programm wurde aufgelegt, um die völlig neuen technischen Herausforderungen zu meistern und schließlich wurden die Detektoren über eine Zeit von 10-15 Jahren gebaut und gleichzeitig mit dem Beschleuniger, dem LHC, fertiggestellt.

Hier zeigt sich auch, wie bei den anerkannten, großen Fragen eine weltweite Wissenschafts-Community gemeinsam Prioritäten setzt und damit wissenschaftliche Ziele erreicht. Die hier gestellten Fragen werden in erster Linie unser Wissen, unser Verständnis der Natur, erweitern; das ist ihr erklärtes Ziel. Allerdings um einen erheblichen Erkenntnisgewinn zu erzielen und z.B. den Ursprung der Masse zu verstehen. Was daraus sonst entstehen wird, wer weiß? Gewiss, einige der technischen Entwicklungen werden breite Anwendung finden. Vielleicht wird das „Grid-Computing“ einmal in anderen wissenschaftlichen Disziplinen sonst nicht mögliche Durchbrüche erlauben. Und wenn das z.B. in der Klimaforschung der Fall sein sollte, dann kann das jeden betreffen. Ich will hier nicht spekulieren, aber in der Vergangenheit gab es so viele Beispiele dieser Art.

Fakt ist: Wir dürfen die Grundlagenforschung nicht vernachlässigen: Die Erfahrung zeigt uns, die Innovation von morgen beruhen auf den physikalischen Grundlagen, die von Neugierde getriebene Wissenschaftler heute untersuchen. In diesem Zusammenhang fand ich die Worte, die Staatssekretär Schütte gerade an uns gerichtet hat, sehr ermutigend. Und ein Produkt der Grundlagenforschung ist uns sicher: gut ausgebildeter wissenschaftlicher Nachwuchs, den unsere Hochtechnologiegesellschaft dringend braucht.

Im Fokus der DPG werden auch in diesem Jahr neben Tagungen und wissenschaftlichen Veranstaltungen der Physiknachwuchs und der Schulbereich stehen. Die Basis dafür bilden die sehr erfolgreichen „Highlights der Physik“, gefördert durch das BMBF, die jetzt zum 13. Mal gemeinsam von BMBF, DPG und jeweils einer Gastuniversität veranstaltet werden. Austragungsort ist in diesem Jahr Wuppertal. Letztes Jahr in Göttingen hat die Veranstaltung in fünf Tagen 34.000 Besucher, insbesondere auch Schülerinnen und Schüler angelockt. Und das zeigt ihre große Bedeutung, um insbesondere junge Menschen in spannender Weise über physikalische Aspekte zu informieren und sie für die Physik zu gewinnen.

Ich freue mich auch sehr, dass das „Netzwerk Teilchenwelt“ vom BMBF für die nächsten drei Jahre weitergefördert wird. Schirmherrin des Netzwerks ist die DPG. Im Netzwerk Teilchenwelt haben sich Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler aus 24 Forschungsinstituten in ganz Deutschland und vom CERN auf die Fahne geschrieben, Teilchen- und Astroteilchenphysik Jugendlichen und Lehrkräften zugänglich zu machen. Sie haben ein Portfolio von attraktiven  Angeboten entwickelt. So werden z.B. so genannten „Masterclasses“ angeboten, in denen Jugendliche und Lehrkräfte sogar mit aktuellen Daten vom CERN arbeiten können.

Leider gehört die Physik in der Schule zu den unbeliebtesten Fächern, immer noch! Aber woran liegt das? Dazu ist eine Bestandsaufnahme der jetzigen Situation an Schulen unumgänglich:

  • Wie wird Physik an unseren Schulen unterrichtet? Spezifischer Physikunterricht oder NWT (Naturwissenschaft und Technik)?
  • Wie sieht die Lehrersituation an Schulen aus und wie das Wahlverhalten von Schülerinnen und Schülern.
  • Gibt es Physikprojekte in und außerhalb des Unterrichts?

Dazu führt die DPG aktuell eine bundesweite Umfrage an Schulen durch. Ziel ist es, belastbare Aussagen zur Lehrerversorgung im Fach Physik und zur Stellung des Fachs Physik an Gymnasien oder anderen allgemeinbildenden Schulformen mit Abitur zu erhalten.

  • Geplant ist eine stichprobenartige Umfrage an ca. 5% der Schulen pro Bundesland über einen Fragebogen.
  • Über das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme wird die DPG dann die politischen Entscheidungsträger und Öffentlichkeit informieren und sich mit ihrer Expertise einbringen.

Fakt ist: Auf dem Arbeitsmarkt sind Absolventinnen und Absolventen der Physik mit einem Masterabschluss so begehrt wie früher mit einem Physikdiplom. Und obwohl die Zahl der Studierenden der Physik sich erfreulich entwickelt, fehlt es weiterhin deutlich an Physiknachwuchs auf dem Arbeitsmarkt: Die offenen Stellen liegen in der Größenordnung von bis zu zwei Physikabsolventenjahrgängen – und zwar an allen deutschen Universitäten zusammen. Diese Schere zwischen Bedarf und Absolventen dürfte in der Zukunft noch weiter auseinandergehen.

In diesem Zusammenhang liegt mir die Finanzierung der Hochschulen sehr am Herzen: Die Universitäten leisten einen unersetzbaren Beitrag für die Wissenschaft und die Gesellschaft. Aber ihre Lage ist angesichts bereits akuter oder sich abzeichnender Finanzengpässe teilweise äußerst prekär! Die Universitäten nehmen innerhalb des Wissenschaftssystems eine ganz besondere  und „hochgradig systemrelevante“ Stelle ein.

Zunächst sind sie (1) ein Ort der Forschung. Hervorragende Forschung wird in Deutschland auch an anderen Institutionen geleistet. Bei weitem die meiste Grundlagenforschung wird in Deutschland an Universitäten betrieben. Daher müssen die Universitäten auch weiterhin in der Lage bleiben, in der international obersten Liga der Forschung mitzuspielen. Dies ist auch deshalb wichtig, weil die Universitäten (2) für den wissenschaftlichen Nachwuchs zuständig sind, und eine akademische Ausbildung erfordert einen engen Kontakt zur Forschung. Bei der Ausbildung haben die Universitäten ein Alleinstellungsmerkmal – Man könnte es so formulieren: Nicht alle Nobelpreisträger forschen an einer Universität, aber alle sind sie an einer Universität ausgebildet worden. Universitäre Lehre geht aber (3) noch weiter: Auch künftige Lehrerinnen und Lehrer werden an Universitäten ausgebildet, und gute Schulen sind von eminenter Bedeutung; zu Recht werden an die Ausbildung der Lehrkräfte daher höchste akademische Ansprüche gestellt, wie sie nur eine universitäre Ausbildung gewährleisten kann. Auch fast alle Führungskräfte in Wirtschaft und Gesellschaft haben eine akademische Ausbildung.

Einen weiteren Punkt möchte ich, gerade in meiner Eigenschaft als DPG-Präsidentin, zumindest andeuten: Universitäten sind (4) die zentrale Stätte für die Pflege der wissenschaftlichen Kultur; anders als in spezialisierten Forschungsinstituten müssen sie ein Fach in einer gewissen Breite vertreten und die Errungenschaften des gesamten Faches an die nächste Generation weitergeben. Hierzu gehören neben den fachlichen Inhalten vor allem auch die jeweiligen wissenschaftlichen Standards samt den Kriterien für diese Standards, aber auch die impliziten wissenschaftstheoretischen und auch wissenschaftsethischen Grundlagen dieses Faches, mit einem Wort: die gesamte Fachkultur.

Alles in allem: Leistungsfähige Universitäten sind für eine moderne Wissensgesellschaft eine absolute Notwendigkeit. Und deshalb stimmt es so bedenklich, dass mehr und mehr Universitäten zunehmend unter knappen Finanzen leiden. Zwar gibt es die Hochschulpakte und die Exzellenzinitiative, für die wir sehr dankbar sind. Im Moment verdecken sie noch die dramatischsten Folgen der jahrelangen Unterfinanzierung. Alle diese Initiativen bieten nur kurzfristige Linderung und laufen zudem in absehbarer Zeit aus. Neben solchen projektgebundenen Mitteln braucht es daher jetzt und in Zukunft dringend eine auskömmliche Grundausstattung an allen Universitäten – und dies gilt im Übrigen in gleicher Weise für die Fachhochschulen! Hier ist ein wirklicher Befreiungsschlag vonnöten, soll es nicht in wenigen Jahren zu einem Kollaps zahlreicher Fachbereiche und Universitäten führen – und das können Sie mit Blick auf den Zustand vieler Universitätsgebäude ganz wörtlich verstehen. Wenn aber die Universitäten ihre ureigene Aufgabe in Forschung und Lehre nicht mehr angemessen wahrnehmen können, hätte dies unabsehbare Folgen nicht nur für die Wissenschaft in Deutschland, sondern für unsere ganze Gesellschaft.

Deshalb nochmals mein dringender Appell an die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern: Holen sie aus zu einem wirklichen Befreiungsschlag von den überkommenen Förderstrukturen, damit unsere Universitäten ihren Aufgaben nachklommen können!

Die Preisträger der DPG

Physikerinnen und Physiker sind wie alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitgehend selbstmotiviert, aber gelegentliche Anerkennung durch einen Preis kann einen wichtigen Beitrag leisten, die lebenslange Motivation aufzufrischen. Wir werden gleich natürlich die Goldmedaillen der DPG, den Dissertationspreis für den wissenschaftlichen Nachwuchs und die DPG-Ehrenmitgliedschaften verleihen. Da es aber noch Preise der DPG gibt, die nicht beim Festakt vergeben werden, möchte ich Ihnen an dieser Stelle alle Preisträgerinnen und Preisträger nennen:

  • Max-Planck-Medaille an Prof. Dr. Werner Nahm,  Dublin Institute for Advanced Studies, Irland
  • Stern-Gerlach-Medaille an Prof. Dr. Dieter Pohl, Zürich
  • Walter-Schottky-Preis an Prof. Dr. Claus Ropers, Courant Forschungszentrum Georg-August-Universität Göttingen
  • Gustav-Hertz-Preis an Dr. Eleftherios Goulielmakis, MPI für Quantenoptik, Garching
  • Robert-Wichard-Pohl-Preis an Prof. Dr. Michael Vollmer FH Brandenburg
  • Marian-Smoluchowski-Emil-Warburg-Preis an Prof. Dr. Krzysztof Redlich, Universitaet Breslau (PL)
  • Herbert-Walther-Preis an Prof. Dr. H. Jeff Kimble, California Institute of Technology (USA)
  • Gentner-Kastler-Preis an Prof. Dr. Peter Wölfle, KIT, Karlsruhe
  • Max-Born-Preis an Prof. Dr. Max Klein, University of Liverpool (UK)
  • Hertha-Sponer-Preis an Dr. Kerstin Tackmann, DESY, Hamburg
  • Georg-Kerschensteiner-Preis an Joachim Lerch, Förderverein Science und Technologie, Tenningen
  • Georg-Simon-Ohm-Preis an Magdalena Rohrbeck, M.Sc. (RheinAhrCampus der Hochschule Koblenz)
  • International Young Physicists‘ Tournament
    • Paul Hege, Wilhelmsgymnasium Kassel-Wilhelmshöhe (Hessen)
    • Lars Dehlwes, Ohm-Gymnasium Erlangen (Bayern)
    • Clemens Borys, Friedrichgymnasium Kassel (Hessen)
    • Tobias Schemmelmann, Hans-Thoma-Gymnasium Lörrach (Baden-Württemberg)
    • Michael Kern, Wieland-Gymnasium Biberach (Baden-Württemberg).
  • Internationale Physikolympiade
    • Georg Krause, Marin-Andersen-Nexö-Gymnasium in Dresden (Sachsen),
    • Qiao Gu, Johann-Vanotti-Gymnasium in Ehingen (Baden-Württemberg),
    • Vu Phan Thanh, Dr.-Wilhelm-Meyer-Gymnasium Braunschweig (Niedersachsen),
    • Lorenz Eberhardt, Kant-Gymnasium in Weil am Rhein (Baden-Württemberg),
    • Sebastian Linß, Carl-Zeiss-Gymnasium in Jena (Thüringen).

Allen Preisträgerinnen und Preisträgern möchte ich noch einmal im Namen der DPG und auch persönlich meinen herzlichen Glückwunsch aussprechen.

 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 30.06.2014, 14:26 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten