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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 19. März 2014

Rede der Präsidentin
anlässlich der 78. Jahrestagung der DPG (und DPG-Frühjahrstagung), Humboldt-Universität zu Berlin


Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks,

sehr geehrter Herr Prof. Olbertz (Präsident der HU Berlin),

sehr geehrter Herr Prof. Benson (Örtlicher Tagungsleiter),

sehr geehrte Frau Prof. Jelena Vuckovic (Festvortragende),

sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich heiße Sie herzlich willkommen zur 78. Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Berlin, bei der sich die Sektion AMOP sowie weitere Fachverbände (extraterrestrische P., Gravitation/Relativitätstheorie, theor. und mathem. P., Umweltp.), Arbeitskreise (AKC, AKE) und -gruppen der DPG treffen.

Ich freue mich sehr, dass wir hier an der von Exzellenz und Internationalität geprägten Humboldt-Universität tagen dürfen, direkt im Herzen Berlins. Das Leitbild der Universität, die als Reformuniversität gegründet wurde, um in eigener Verantwortung herausragende wissenschaftliche Leistungen zu ermöglichen und durch kritisches Wissen die gesellschaftliche Entwicklung zu fördern, passt in besonderer Weise zu den Zielen und Leitlinien der DPG. Deshalb freut es mich sehr, dass die DPG mit Ihrer Jahrestagung einen Beitrag dazu leisten darf, dieses Ideal im Sinne Humboldts weiterführen zu können.

Auch die DPG ist in Berlin fest verwurzelt, denn hier wurde unsere Gesellschaft gegründet. Im Jahr 1840 erwarb Professor Gustav Magnus direkt hier um die Ecke das sogenannte „Magnus-Haus“. Dort hatte bereits der berühmte Mathematiker Lagrange gewohnt. In diesem Haus richtete Gustav Magnus ein privates physikalisches Laboratorium ein, das auch für die Universitätslehre zur Verfügung stand und als ältestes Physikalisches Institut Deutschlands gilt. Aus dem Teilnehmerkreis des von Magnus eingerichteten physikalischen Colloquiums ist 1845 die Physikalische Gesellschaft hervorgegangen, damals noch mit wenigen Mitgliedern. Daraus hat sich die mit gegenwärtig mehr als 63.000 Mitgliedern größte nationale physikalische Fachgesellschaft der Welt entwickelt. Zu den Kernaufgaben der DPG gehören einerseits der Wissenstransfer innerhalb der Wissenschafts-Community durch Veranstaltungen und insbesondere die großen DPG-Frühjahrstagungen, zu denen regelmäßig auch die größte Physiktagung Europas zählt. Andererseits liegt der DPG die Vermittlung der physikalischen Expertise an die Politik und eine interessierte Öffentlichkeit sehr am Herzen. Denn Physik steckt überall „drin“: Von dem Mobiltelefon, den Festplatten im Computer über die Laser- und NMR-Anwendungen in der Medizin bis zu Kraftwerken zur Energieversorgung.

Das vielfältige Programm dieser Jahrestagung spiegelt die besondere Rolle der Physik als Grundlegende Wissenschaft wider: Über 2000 Vortrags- und Posterbeiträge zu den neuesten Forschungsergebnissen innerhalb vielfältiger Symposien und Veranstaltungen umfasst das Programm. Das breite Spektrum der diskutierten Themen reicht von grundlegenden Quantenphänomenen in ultrakalten Atomen über die Sternentstehung bis hin zu neuen Quantentechnologien für die sichere Informationsübertragung. Die schnellsten und genauesten Messmethoden zur Ergründung der fundamentalen physikalischen Theorien werden genauso präsentiert wie der Klimawandel und die Energiewende als große gesellschaftliche Herausforderungen aus der Sichtweise der Physik.

Darüber hinaus finden Vorträge von herausragenden Persönlichkeiten statt. Hier möchte ich nur nennen:

  • den heutigen Festvortrag von Jelena Vuckovic, Stanford University,
  • die Lise Meitner Lecture mit einem Vortrag zum Higgs-Teilchen (insbesondere auch für Schüler) von Felicitas Pauss, ETH Zürich, gestern Abend,
  • der Vortrag des Physiknobelpreisträgers und früheren Energieministers der USA, Steven Chu in der Eröffnungssitzung am Montag und
  • die Max-von-Laue-Lecture von Roy MacLeod, University of Sydney, morgen.

 

Für dieses großartige Tagungsprogramm möchte ich allen beteiligten Fachverbänden, Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen sowie allen weiteren Beteiligten, die diese Arbeit fast ausschließlich im Ehrenamt ausgeführt haben, meinen großen Dank aussprechen.

Bedanken möchte ich mich ebenso bei der Humboldt Universität zu Berlin für die Gastfreundschaft. Mein ganz besonderer Dank gilt dem örtlichen Tagungsleiter, Prof. Oliver Benson, Institut für Physik der Humboldt-Universität zu Berlin, und seinem Team für die Organisation der Jahrestagung.

Meinen besonderen Dank möchte ich auch der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung aussprechen. Dass regelmäßig so viele junge Menschen an den Tagungen der DPG teilnehmen, ist ein großer Verdienst der Stiftung. Jedes Jahr ermöglicht die Heraeus-Stiftung rund 2500 Nachwuchswissenschaftlern, d. h. Diplomanden, Masterstudenten und Doktoranden, die Teilnahme an den Tagungen durch Zuschuss zu den Reisekosten. Dies trägt auch dazu bei, dass die Hälfte der DPG-Mitglieder 29 Jahre oder weniger jung ist und wodurch die DPG sehr stabil für die Zukunft aufgestellt ist.

Schließlich möchte ich auch der DPG-Geschäftsstelle in Bad Honnef meine Anerkennung für ihre Leistung zum Gelingen der diesjährigen Frühjahrstagungen aussprechen.

Wir kommen nun direkt zu einem ersten Höhepunkt des Festakts, nämlich der Verleihung der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik und der DPG-Ehrennadel. Anschließend werden sie dann zwei Reden hören, nämlich die meinige und die der Bundesumweltministerin Hendricks, da Frau Hendricks erst gegen 11:00 Uhr eintreffen kann.

Im Anschluss daran erfolgt dann die Verleihung der beiden Goldmedaillen der DPG sowie des Dissertationspreises der DPG.

Mein sehr geehrten Damen und Herren, bevor wir zu der Preisverleihung schreiten, möchte ich Ihnen zuerst noch alle anderen Preisträger der DPG nennen, deren Preisurkunden nicht jetzt beim Festakt verliehen werden:

  • Gustav-Hertz-Preis: PD Dr. Till Nikolaij Jahnke, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
  • Walter-Schottky-Preis: Prof. Sven Höfling, University of St. Andrews, Schottland (Großbritannien)
  • Robert-Wichard-Pohl-Preis: Prof. Gert Strobl, Universität Freiburg
  • Herbert-Walther-Preis: Prof.  Massimo Inguscio, LENS , Universität Florenz
  • Max-Born-Preis: Prof. Alexander I. Lichtenstein, Universität Hamburg
  • Gentner-Kastler-Preis: Directeur de Recherches François Biraben, Laboratoire Kastler Brossel, Paris (Frankreich)
  • Hertha-Sponer-Preis: Dr. Anne Schukraft, Fermilab (USA) und RWTH Aachen
  • Georg-Kerschensteiner-Preis: Prof. Michael Kobel, Technische Universität Dresden
  • Georg-Simon-Ohm-Preis: Andrej Krimlowski, B.Sc., Technische Hochschule Wildau (FH)

Schülerinnen- und Schülerpreis (IYPT):

  • Lars Dehlwes, Ohm-Gymnasium Erlangen (Bayern)
  • Mats Ole Ellenberg, Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra Meißen (Sachsen)
  • Yiyang Huang, Herder-Gymnasium Berlin-Charlottenburg (Berlin)
  • Michael Kern, Wieland-Gymnasium Biberach (Baden-Württemberg)
  • Marcel Neidinger, Hans-Thoma-Gymnasium Lörrach (Baden-Württemberg).

Schülerinnen- und Schülerpreis (Internationale Physik-Olympiade):

  • Lars Dehlwes, Ohm-Gymnasium Erlangen (Bayern)
  • Sascha Lill, Gymnasium „Werner von Siemens“ Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt)
  • Lucas Rettenmeier, Hariolf-Gymnasium Ellwangen (Baden-Württemberg)
  • David Schmidt, Stiftsgymnasium Xanten (Nordrhein-Westfalen)
  • Michael Sonner, Landesgymnasium für Hochbegabte Fichtenberg (Baden-Württemberg)

 

Beginnen möchte ich nun mit der Verleihung der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik:

Die Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik 2013, haben Herr Dr. Thomas Bührke und Dipl.-Phys. Roland Wengenmayr gemeinsam erhalten. Diese wird heute an Dr. Thomas Bührke überreicht, da er am eigentlichen Tag der Verleihung im November 2013, dem „Tag der DPG“, im Physikzentrum Bad Honnef nicht persönlich teilnehmen konnte, sondern von einer lang geplanten Reise aus Kambodscha nur per Videokonferenz zugeschaltet war. Wir möchten deshalb heute beim Festakt die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen, sehr geehrter Herr Bührke, die Medaille jetzt persönlich übergeben zu können.

Thomas Bührke studierte in Göttingen und Heidelberg Physik und wurde 1986 mit einer Arbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie promoviert. Nach zweijähriger Postdoc-Zeit entschied er sich für eine Laufbahn im Bereich der Popularisierung naturwissenschaftlich-technischer Themen in Printmedien. 1992 wechselte er zu „Physik in unserer Zeit“, das er bis heute (seit 2001 zusammen mit Roland Wengenmayr) redaktionell betreut. Neben dieser Redakteurstätigkeit betätigt sich Thomas Bührke als freiberuflicher Wissenschaftsjournalist.  In Tageszeitungen sowie populärwissenschaftlichen Magazinen hat er innerhalb von knapp 25 Jahren weit mehr als 1000 Artikel veröffentlicht. Darin behandelte er hauptsächlich Themen aus der Astrophysik, Raumfahrt sowie Technik und Physik.

Um Sie und Ihre Arbeit zu beschreiben, möchte ich gerne die Worte des Laudators in Bad Honnef,  Prof. Hinrich Meyer, Universität Wuppertal und DESY Hamburg, zitieren: „Den beiden Preisträgern gelingt es, in ständigem Kontakt mit kompetenten Wissenschaftlern neuere Entwicklungen im Blick zu behalten. Ihre langjährige Erfahrung als Buchautoren und Verfasser eigener Einzelbeiträge in allen Bereichen der Wissensvermittlung kommt ihnen dabei zugute. Sie liefern ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man sich in einer verwirrenden Informationslandschaft sehr erfolgreich behaupten kann, und diese Leistung wird mit der Verleihung der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik zu Recht gewürdigt“, so der Laudator Prof. Hinrich Meyer

(Es folgt die Übergabe der Medaille)

 

Nun möchte ich zur Verleihung der DPG-Ehrennadel kommen:

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft verleiht Mitgliedern, die sich in herausragender Weise für die Belange der Gesellschaft eingesetzt haben, eine Ehrennadel. Diese wird heute an Herrn Prof. Dr. Ingo Peschel verliehen.

Ingo Peschel studierte Physik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 1970 wurde er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit einer Dissertation über "Kristallfeldeffekte in Metallen" promoviert. Anschließend folgten mehrere Postdoc-Aufenthalte unter anderem in Harvard, wo Peschel in den Jahren 1974/75 einflussreiche Arbeiten im Gebiet der statistischen Feldtheorie veröffentlichte. Im Mai 1978 folgte Peschel dem Ruf an die Freie Universität Berlin, wo er sich vornehmlich mit statistischer Physik und lösbaren Problemen in niedrigdimensionalen Systemen beschäftigte.  Am Fachbereich Physik arbeitete er stets an einer Verbesserung der Lehre.

In seiner Zeit als Professor engagierte sich Peschel in der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin, deren Vorsitz er von 1982 bis 1984 innehatte. Außerhalb seiner Forschungstätigkeit hat sich Peschel im Rahmen der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft für die deutsche Sporthistorie sowie im Rahmen des Organisationskomitees des Deutschen Turnfests und der Gymnaestrada für den Breitensport engagiert. In den letzten Jahren widmete er sich wieder stärker der Forschung und arbeitete primär an Verschränkung in Quantensystemen. 2008 wurde Peschel emeritiert. Herr Peschel erhält heute die Ehrennadel der DPG für seine Verdienste um die DPG.

(Es folgt die Übergabe der Ehrennadel)

 

Rede von Bundesumweltministerin Hendricks:

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks. Da wir heute die besondere Ehre haben, Sie als Gast willkommen zu heißen, möchte ich das Thema Energieversorgung und Klimawandel in den Fokus meiner Rede stellen in Verbindung mit der dazu notwendigen Grundlagenforschung und Nachwuchsförderung.

Der DPG ist das Thema Klima und Energieversorgung in der Tat ein zentrales Anliegen. Die Folgen des anthropogenen Klimawandels stellen eine der größten Herausforderungen für die weltweite Zivilisation dar. Die Schaffung einer klimagerechten und nachhaltigen Energieversorgung gehört deshalb zu den „Großen Herausforderungen“ dieses Jahrhunderts. Hier müssen über Ländergrenzen und Disziplinen hinweg effiziente Lösungen gesucht und gefunden werden.

In diesem Bereich engagiert sich die DPG schon seit vielen Jahrzehnten und zählt zu den ersten Organisationen, die vor der drohenden Klimakatastrophe durch den CO2-Anstieg gewarnt haben, und zwar bereits 1971. Damals warnte die DPG die Presse und die Öffentlichkeit bei ihrer Physikertagung in Essen gemeinsam mit dem „Verband Deutscher Meteorologischer Gesellschaften“ vor den Gefahren durch den CO2-Anstieg. In einer Pressemitteilung wurden Fakten präsentiert, dass Menschen das Klima über Industrialisierung und Bevölkerungswachstum beeinflussen. Noch drastischer warnte die DPG dann 1986 im Rahmen einer Pressekonferenz in Bonn durch ihren Arbeitskreis Energie und sprach von einer sich abzeichnenden „Klimakatastrophe“.

Vor diesem Hintergrund sieht es die Deutsche Physikalische Gesellschaft als ihre Verpflichtung an, sich den vielfältigen umwelt- und energiepolitischen Herausforderungen zu stellen und den politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit mit ihrer Expertise zur Verfügung zu stehen.

Dies geschieht insbesondere durch Tagungen und Informationsveranstaltungen. Die Pressekonferenz dieser Tagung war deshalb dem Thema Klimawandel gewidmet und konkret der Frage, ob es derzeit eine Erderwärmungspause gibt. Wenn man den Ozean einbezieht, kann dies klar verneint werden. Die Tagung wurde eröffnet durch den Vortrag des Nobelpreisträgers und früheren Energieministers der USA, Steven Chu „meeting the energy challenge“ und am selben Tag fand zu diesem Thema das Symposium „Physik für die Energiewende“ statt.

Darüber hinaus informiert die DPG politische Entscheidungsträger und Multiplikatoren mittels Studien, Stellungnahmen sowie des Faktenblatts „Physik konkret“. Themen, mit denen sich die DPG beschäftigt bzw. beschäftigt hat sind insbesondere:

  • die Frage, ob es mit Blick auf den Klimawandel derzeit eine Erderwärmungspause gibt,
  • die Bedeutung des Netzausbaus im Rahmen der Energiewende,
  • die Gefahren durch Eingriffe in das Klima durch sogenanntes 'Climate-Engineering',
  • die Bedeutung von Solarthermischen Kraftwerken.
  • Die Bedeutung der Energiespeicherung, einen Schlüssel für den Erfolg der Energiewende.

 

Wenn wir von einem Schlüssel für die Energiewende sprechen, gilt das z.B. auch für die Lagerung und Verringerung des Atommülls. Dazu ist die DPG bereits mit ihren Experten im Gespräch. Auch im Zusammenhang mit der Katastrophe von Fukushima haben sich die DPG und ihr damaliger Präsident Sandner durch tägliche Information der Öffentlichkeit und Medien basierend auf Information durch ihr Expertennetzwerk eingebracht.

Die Herausforderung der Verringerung und Endlagerung von Atommüll ist in der Tat eine „Aufgabe von nationaler Bedeutung“, wie Sie, verehrte Frau Hendricks, es bezeichnet haben. Im Jahr 2013 hat die DPG auch ein „Physik konkret“ herausgegeben, das sich der sogenannten „Transmutation“ von Atommüll widmet. Transmutation ist die von aussen induzierte Umwandlung von chemischen Elementen (genauer: von deren Isotopen) in kurzlebigere Isotope. Hochrechnungen zeigen, dass mithilfe der Transmutation die Radiotoxizität von Reaktorbrennstoff nach wenigen hundert Jahren sogar unter das Niveau natürlicher Uranvorkommen sinken könnte. Die für die Transmutation nötigen Neutronen könnten z. B. aus einem Teilchenbeschleuniger kommen. Das sind Optionen, die man in Erwägung ziehen muss.

Diese Beispiele zeigen, dass wissenschaftliche, aber auch gesellschaftliche Verantwortung der Physik bei der Lösung dieser großen Herausforderungen eine Rolle spielt. Die DPG ist sehr gerne bereit, mit ihrer physikalischen Expertise zur Verfügung zu stehen.

Das Beispiel Transmutation zeigt darüber hinaus, welches Potential die Grundlagenforschung – hier die Beschleunigertechnologie – zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen birgt. Fakt ist: Wir dürfen die Grundlagenforschung nicht vernachlässigen: Die Erfahrung zeigt uns, die Innovationen von morgen beruhen auf den physikalischen Grundlagen, die von Neugier getriebene Wissenschaftler heute untersuchen. Und ein Produkt der Grundlagenforschung ist uns zudem sicher: gut ausgebildeter wissenschaftlicher Nachwuchs an den Universitäten. Deshalb möchte ich zum Abschluss auch noch einen Blick auf die Situation der Hochschulen und der Physikausbildung in Deutschland werfen.

Die Hochschulen erfüllen eine spezifische, nicht substituierbare Funktion innerhalb des Wissenschaftssystems. Die meiste Grundlagenforschung passiert an den Hochschulen und  dort wird der Nachwuchs ausgebildet. Die Hochschulen tragen wesentlich zur Zukunftsfähigkeit des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland bei und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Pflege und Entwicklung der kulturellen Grundlagen unseres Gesellschaftsmodells.

Tatsache ist jedoch: Die Hochschulfinanzierung in Deutschland hält schon seit Jahren nicht mit den gewachsenen Aufgaben der Hochschulen Schritt. Das bereitet der DPG große Sorgen. Die dramatischen Folgen der jahrelangen Unterfinanzierung werden derzeit zum Teil noch durch die Exzellenzinitiative und Hochschulpakte verdeckt. So hilfreich diese Maßnahmen waren, stellen sie doch keinen Ersatz dar für eine fehlende solide Grundfinanzierung. Im Gegenteil, stark gestiegene Zweit- und Drittmittel stellen starke Forderungen an die Infrastruktur der Universitäten. Overheadpauschalen von 20% decken diese nicht. Zudem laufen diese Maßnahmen in absehbarer Zeit aus, ohne klar wäre, wie die dadurch entstehenden zusätzlichen Finanzlücken geschlossen werden könnten. Die deutschen Hochschulen müssen auch in Zukunft in der Lage sein, ihre spezifische Rolle als tragende Säule innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems adäquat auszufüllen. Um eine nachhaltige Finanzierung der Hochschulen sicherzustellen, ist dabei ein angemessenes Verhältnis von Grundfinanzierung zu Drittmitteln sicherzustellen.

Aus diesem Grund hat die DPG 2013 zusammen mit den drei großen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachgesellschaften Deutschlands – die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV), die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) sowie dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) – eindringlich auf diesen Missstand hingewiesen.

Sorgen bereitet uns auch die Gewinnung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Physik, der für Forschung und Innovation z.B. zur Energieversorgung unerlässlich ist. Deshalb engagiert sich die DPG seit vielen Jahren in den Bereichen Schule und Lehramtsausbildung. Die Physik ist und bleibt die naturwissenschaftlich-technische Grundlagenwissenschaft schlechthin – insbesondere auch für die Ingenieurswissenschaften und die anderen MINT-Fächer. Leider gehört die Physik in der Schule immer noch zu den am wenigsten beliebten Fächern. Sie wird als schwer empfunden, oft abgewählt und als Abiturfach zunehmend vermieden – insbesondere und auffällig von Mädchen!

Ein Alarmsignal ist aber auch, dass der Anteil der Physik in den Stundentafeln der Schulen in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert worden ist. Damit untrennbar verbunden ist andererseits die Frage, wie die Ausbildung für das Lehramt Physik zu verbessern ist. Die derzeit vorgegebenen Leistungspunkte für die Fachausbildung Physik mit ca. 80 im Vergleich zu 300 für einen Fach-Bachelor und -Master sind so knapp bemessen, dass spezielle, für die Lehramtsausbildung optimierte Lehrveranstaltungen nötig sind, was bei den Hochschulen zusätzliche Ressourcen erfordert. Darüber hinaus ist auch für erfahrende Physiklehrerinnen und -lehrer fortwährende Weiterbildung unverzichtbar. Sie muss endlich verpflichtend für alle Lehrkräfte werden.

Deshalb hat die DPG gerade zwei Studien fertiggestellt und zwar:

  • eine „Studie zur Unterrichtsversorgung im Fach Physik und zum Wahlverhalten der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf das Fach Physik“
  • sowie „Empfehlungen zur fachlichen und fachdidaktischen Ausbildung für das Lehramt Physik in den Sekundarstufen I und II“.

 

Den Autoren dieser Studien, Herrn Sinzinger, Frau Struck, Herrn Heise und Frau Wodzinski, für die Schulumfrage, sowie stellvertretend den Kollegen Großman und Hertel für die Lehramtsstudie, möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank für das große Engagement aussprechen.

Lassen Sie mich abschließend sagen: Es ist ganz klar, wir benötigen junge Menschen, die sich mit Begeisterung einem naturwissenschaftlichen Studium, insbesondere der Physik zuwenden und danach den Wissenschafts- sowie den Wirtschaftsstandort Deutschland bereichern. Und dazu braucht die Gesellschaft gut ausgebildete und motivierte Lehrerinnen und Lehrer, die es verstehen, die jungen Menschen für die Physik zu begeistern. Nur so werden wir es meistern, die großen Fragen dieses Jahrhunderts, seien es Klimawandel, eine nachhaltige Energieversorgung oder globale Gesundheitsversorgung zu meistern.

Vielen Dank! Damit gebe ich nun das Wort an Frau Bundesministerin Hendricks.

 

(Es folgt die Rede der Bundesministerin)

 

Verleihung der Goldmedaillen der DPG:

Beginnen möchte ich mit der Max-Planck-Medaille. Die Max-Planck-Medaille ist die höchste Auszeichnung der DPG für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der theoretischen Physik. Sie wird namentlich für solche Beiträge vergeben, die sich an Max Plancks Werk anschließen. Zur Verleihung bitte ich Herrn Prof. David Ruelle auf die Bühne.

David Ruelle schloss sein Studium der Mathematik und Physik im Jahr 1957 an der Université Libre de Bruxelles ab und wurde dort 1959 promoviert. Grundlage seiner Dissertation waren Untersuchungen, die er an der ETH Zürich unter der Anleitung von Prof. Res Jost durchgeführt hatte. Nach Postdoktorandenjahren an der ETH Zürich und am Institute for Advanced Study in Princeton wurde Ruelle als Professor an das Institut des Hautes Études Scientifiques, Bures-sur-Yvette, in der Nähe von Paris berufen, wo er seit 1964 arbeitet. Ruelle wurde für seine Forschungsarbeiten vielfach ausgezeichnet und ist Mitglied von fünf Akademien.

David Ruelle hat die Entwicklung der mathematischen Physik seit mehr als fünfzig Jahren sowohl inhaltlich wie auch hinsichtlich des wissenschaftlichen Stils nachhaltig geprägt. Begonnen hat er seine höchst erfolgreiche Forscherkarriere mit mehreren bedeutsamen Beiträgen zur allgemeinen Theorie lokaler relativistischer Quantenfelder. Besondere Erwähnung verdient seine grundlegende Arbeit über Streutheorie, die auf Ideen von Rudolf Haag aufbaut (Haag-Ruelle Theorie). Bald darauf entwickelte er ein tiefes Interesse an llstatistischer Mechanik, das ihm bis in die Gegenwart erhalten geblieben ist. Wir verdanken Ruelle fundamentale Resultate über die Existenz und die Eigenschaften des thermodynamischen Limes thermodynamischer Potentiale und von Korrelationsfunktionen, eine allgemeine Beziehung zwischen translationsinvarianten Gleichgewichtszuständen und dem Druckfunktional in Klassen von Gittersystemen sowie eine allgemeine Charakterisierung der Gleichgewichtszustände in der klassischen statistischen Mechanik (Dobrushin-Lanford-Ruelle Gleichungen). Weiterhin hat er bedeutende Ergebnisse über die Existenz, bzw. die Abwesenheit, von Phasenumwandlungen abgeleitet.

Seit Beginn der 1970er Jahre befasst sich Ruelle auch mit der Theorie dynamischer Systeme und insbesondere mit dem Problem der Turbulenz. Weithin bekannt geworden sind das von ihm zusammen mit F. Takens und S. Newhouse entwickelte Szenario der Entstehung von Turbulenz, sein Konzept der „seltsamen Attraktoren”, und seine Gedanken über das Phänomen der empfindlichen Abhängigkeit der Bahnen dynamischer Systeme von den Anfangsbedingungen. In neuerer Zeit hat sich Ruelle erfolgreich mit Fragestellungen zum Nichtgleichgewicht in der statistischen Mechanik befasst, wie etwa mit der Entropieproduktion in stationären Zuständen fern vom thermischen Gleichgewicht, mit Fluktuations-Dissipations-Relationen sowie mit Transporttheorie, z. B. dem Fourierschen Gesetz der Wärmeleitung. Ruelle ist unter anderem Autor von sieben prägnant geschriebenen Büchern, von denen einige – insbesondere die Monographie „Statistical Mechanics: Rigorous Results” – gerade auch in Deutschland sehr einflussreich waren.

(Es folgt die Übergabe der Medaille)

 

Damit komme ich nun zu der Stern-Gerlach-Medaille. Die Stern-Gerlach-Medaille ist die höchste Auszeichnung der DPG für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der experimentellen Physik. Sie wird für Arbeiten aus dem gesamten Bereich der Physik vergeben.

Gerhard Abstreiter studierte Physik an der Technischen Universität München, wo er im Anschluss an seine Diplomarbeit auch bei Fred Koch promovierte. In seiner Doktorarbeit konnte er erstmals das zweidimensionale Elektronensystem in Silizium-Inversionsschichten spektroskopisch nachweisen und legte damit schon sehr früh den Grundstein für seine außergewöhnliche Karriere. Anschließend arbeitete er vier Jahre lang am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart bevor er zunächst als Dozent und im Zuge einer Rufabwehr 1987 als Direktor des neu geschaffenen Walter-Schottky-Instituts wieder an die TU München zurückkehrte.

Gerhard Abstreiter hat viele Auszeichnungen erhalten, darunter den Walter-Schottky-Preis, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz Preis und den Max-Born-Preis, um nur einige zu nennen, und ist seit vielen Jahren Gastprofessor an mehreren Universitäten in USA und Japan. Gerhard Abstreiter ist als Autor von über 620 Publikationen, die fast alle grundlegenden Eigenschaften von Halbleiterhetero- und Nanostrukturen überdecken, und mit mehr als 16 000 Zitierungen einer der weltweit bekanntesten und angesehensten Wissenschaftler in der Halbleiterphysik und den Nanowissenschaften.

Gerhard Abstreiter hat das Gebiet der niederdimensionalen Elektronensysteme in breiter und außerordentlich vielfältiger Hinsicht begründet und weltweit anerkannte Pionierarbeit in diesem Gebiet geleistet. Dies gilt für die ersten Bestimmungen der Ladungsträgereigenschaften in Silizium MOS-Systemen ebenso wie für seine bahnbrechenden Erkenntnisse, dass sich in Silizium-Germanium durch Verspannung hochbewegliche Elektrongase erzeugen lassen. Abstreiter ist auch einer der Erfinder des Heterostruktur-Feldeffekt-Transistors, und er hat das Gebiet der Halbleiter-Quantenpunkte durch den ersten Nachweis der diskreten Schalenstruktur der Elektronen und Exzitonen begründet und mit vielen weiteren Pionierarbeiten zur Blüte gebracht.

(Es folgt die Übergabe der Medaille)

 

Für die Verleihung des Dissertationspreises übergebe ich nun wieder an den Moderator.

(Es folgt die Übergabe der Urkunde durch den Sektionssprecher und die DPG-Präsidentin)

 

Vielen Dank.

 
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