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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 20. März 2014

Rede der Präsidentin
anlässlich der DPG-Frühjahrstagung, Goethe-Universität Frankfurt


Sehr geehrter Herr Vizepräsident der Goethe-Universität, Prof. Schubert-Zsilavecz,

sehr geehrter Herr Dekan, lieber Joachim Stroth,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, dass die Deutsche Physikalische Gesellschaft in diesem Jahr ihre Frühjahrstagung in Frankfurt am Main und an der inzwischen schon traditionsreichen Goethe-Universität durchführen darf – und das im Jahr ihres 100-jährigen Bestehens. Als viertgrößte Universität in Deutschland bietet die Goethe-Universität Frankfurt ein hervorragendes Umfeld für Forschung und Lehre, das insbesondere durch das Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg, die Max-Planck-Institute oder den Physikalischen Verein gekennzeichnet ist. Für uns Physikerinnen und Physiker bedeutend: sechs deutsche Physiknobelpreisträger haben in Frankfurt entweder gelehrt, geforscht oder studiert, darunter z. B. Max von Laue, Max Born und Otto Stern. Kurz gesagt: Frankfurt und Physik: Das passt zusammen!

Es freut mich besonders, dass wir auf der Tagung nicht nur Physikerinnen und Physiker zu Gast haben, sondern heute Abend einfach an Physik interessierte Bürgerinnen und Bürger. Denn es ist mir ein großes Anliegen, dass sich möglichst viele Menschen für die Physik interessieren.

Das Gute ist: Es gibt eigentlich sehr viele Menschen, die sich für Physik interessieren. Das glauben Sie mir vielleicht jetzt nicht sofort, Sie denken, dass ich das als Präsidentin der DPG  sagen muss. Deshalb möchte ich gerne eine hoch angesehene Einrichtung für die Beantwortung auch der schwersten Fragen unserer Kultur in Deutschland zu Wort kommen lassen: Nämlich die Sendung mit der Maus! Hier berichtete Christoph Biemann, also „Christoph“ mit dem grünen Pullover:

„Wir haben mal eine Aktion gemacht: ‚Frag doch mal die Maus!‘ und 72.000 Zuschriften bekommen. Die am meisten gestellte Frage war: Warum ist der Himmel blau? Häufig kam auch: Wie funktioniert eine CD? Wie entsteht ein Regenbogen?“

Warum erzähle ich Ihnen das? Wenn man sieht, dass von 72.000 Zuschriften die häufigsten Fragen zur Physik gestellt werden, dann kann man positiv formulieren: Das Interesse für physikalische Fragestellungen ist bei vielen Menschen da, nur wissen sie es manchmal vielleicht noch nicht – Aber das kann und sollte man ändern!

Denn: Warum brauchen wir eine Gesellschaft mit einer guten physikalischen Grundausbildung? Die Physik ist die naturwissenschaftlich-technische Grundlagenwissenschaft schlechthin – insbesondere auch für die Ingenieurswissenschaften und die anderen sogenannten MINT-Fächer (also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Physik und naturwissenschaftliche Bildung gehören zu den Schlüsselfaktoren für unsere Kultur. Um die komplexen Probleme, die sich unserer Gesellschaft im Bereich Umwelt, Energie, medizinische Versorgung z.B. stellen, als mündige Bürger einordnen und beurteilen zu können, braucht man ein physikalisches Grundverständnis. Für angehende Ärzte, Biologen, Chemiker, Ingenieure und viele mehr ist die Physik eine wichtige Grundlage. Und natürlich braucht unsere Gesellschaft auch ausgebildete Physikerinnen und Physiker an Universitäten, Forschungsinstituten, in der Wirtschaft und an den Schulen. Der Bedarf ist  schon jetzt deutlich zu spüren und die Schere zwischen Abgängern der Hochschulen und dem Bedarf wird in Zukunft weiter aufgehen. Die Gewinnung von mehr jungen Menschen für die Naturwissenschaften und Investitionen in diese berührt deshalb eine Kernfrage für den Fortbestand unserer Gesellschaft. 

Dafür sind gut ausgebildete und motivierte Schülerinnen und Schüler in naturwissenschaftlichen Fächern eine entscheidende Voraussetzung. Nur dann werden sie sich auch später für ein Studium in diesem Bereich entscheiden. Eine Begeisterung für die Naturwissenschaften und speziell die Physik zu wecken ist eine große Herausforderung für uns alle. Wir müssen Sorge dafür tragen, für die Ausbildung und Qualifizierung junger Menschen bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen. Allerdings gehört die Physik in der Schule leider zu den am wenigsten beliebten Fächern. Sie wird als schwer empfunden, oft abgewählt und als Abiturfach zunehmend vermieden – insbesondere und auffällig von Mädchen!

Auch die Lehrerausbildung spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle!

Hier stellt sich die DPG auch die Frage: Erfüllt unser heutiger Physikunterricht eigentlich die an ihn gestellten Anforderungen? Sicher nicht überall in ausreichendem Maße. Oder spielt auch eine grundlegende Abneigung der Gesellschaft der gegenüber der Physik eine Rolle oder mangelndes Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen? Letzteres glaube ich eigentlich nicht. Die grundlegende Neugier von Kindern belegte ja gerade die Umfrage der Sendung mit der Maus.

Allerdings: Nur mit einem positiven und spannenden Physikbild, das frühzeitig im Elternhaus, durch die Medien und in der Schule vermittelt wird, können wir Schülerinnen und Schüler längerfristig ernsthaft für die Physik interessieren. Die DPG engagiert sich deshalb stark in diesem Bereich! Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: im letzten Dezember haben wir mit der 'Physik im Advent' einen physikalischen Adventskalender gestartet, der täglich Fragen gestellt hat, die Kinder selbst durch kleine Experimente mit Materialien, die sie leicht bei sich zuhause finden konnten, beantworten konnten (ein Auflösungsvideo kam jeweils am nächsten Tag). Die „youtube spots“ wurden 230.000 Mal angeklickt, 14.000 Kinder haben die ganze Serie der Fragen beantwortet, die Begeisterung war groß. Dies zeigt, man muss Physik früh und spielerisch vermitteln, Kinder etwas selbst machen lassen. Auch außerschulische Wettbewerbe wie das IYPT, Physikolympiaden und „Jugend forscht“ spielen eine wichtige Rolle. All dies braucht motivierte und fachlich und didaktisch gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.

Wie wäre es, wenn wir die kommenden schülerschwachen Jahrgänge nutzen würden, anstatt Stellen zu streichen, die Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten für Fortbildungen, die verpflichtend werden sollten, oder außerschulische Angebote, die den Lehrkräften auch angerechnet werden. Dafür setzt sich die DPG im Interesse unserer Gesellschaft ein und ich appelliere an Sie alle, sich ebenfalls dafür einzusetzen.

Und jetzt hoffe ich, dass Sie während des kommenden Vortrags auch selbst etwas Gefallen an der Physik finden werden!  Vielen Dank!

 
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