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Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 1. April 2014

Rede der Präsidentin
anlässlich der DPG-Frühjahrstagung, Technische Universität Dresden



 

Sehr geehrter Herr Prof. Biedenkopf, Sächsischer Ministerpräsident a.D.,

sehr geehrter Herr Prof. Rödel, Prorektor Forschung TU Dresden,

sehr geehrter Herr Prof. Kopnarski, Präsident der Deutschen Vakuumgesellschaft,

sehr geehrter Herr Prof. Schultz, Örtlicher Tagungsleiter,

dear Prof. Dresselhaus, Festrednerin,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft an der Technischen Universität Dresden, einer der insgesamt elf Exzellenzuniversitäten in Deutschland. Ein Grund für diese Ausnahmerolle sind auch der Austausch und die Kooperation zwischen Wissenschaften, Wirtschaft und Gesellschaft, die von der TU Dresden gepflegt und gefördert werden. Diese Aufgaben decken sich auch in besonderer Weise mit den Zielen der DPG und ihren Tagungen. Es freut mich deshalb sehr, dass die DPG ihren Beitrag dazu leisten darf, die TU Dresden als herausragende Stätte der Wissensgewinnung und der Weitergabe dieses Wissens in die Gesellschaft zu unterstützen.

Das diesjährige Tagungsprogramm der Frühjahrstagung ist wieder vielseitig und spannend: Die Themen der Tagung erstrecken sich über alle Fachgebiete der Physik der kondensierten Materie, Biophysik, Chemischen Physik, Physik in der Industrie, u. v. m.

Eine besondere Bedeutung kommt der Tagung auch als Plattform für Studierende zu; hier tragen viele erstmals über ihre Master- oder Doktorarbeitsthemen vor und diskutieren sie mit erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Dominanz von Vorträgen des wissenschaftlichen Nachwuchses im Tagungsprogramm ist ein Charakteristikum der DPG-Tagungen. Zugleich sind die Tagungen ganz wichtig, um Kontakte zu knüpfen oder den künftigen Berufs- und Karriereweg zu planen.

Und es ist mir eine ganz besondere Ehre und Freude, dass wir heute Herrn Prof. Kurt Biedenkopf zu Gast haben. Bundeskanzlerin Merkel hat Sie, sehr geehrter Herr Biedenkopf, einst als „einen Grenzgänger zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft“ bezeichnet. Als ehemaliger Ministerpräsident des Landes Sachsen, früherer Rektor der Ruhr-Universität Bochum und Mitbegründer des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, um nur einige Stationen aus Ihrer Biographie zu nennen, sind Sie in der Tat ein herausragender Mittler zwischen Wissenschaft und Politik. Ich freue mich deshalb sehr, dass Sie, Herr Biedenkopf, unsere Einladung angenommen haben und eine Rede bei diesem Festakt halten werden.

Now I switch to English to welcome our special lecturer,  Prof. Mildred Dresselhaus:

It is a great pleasure to welcome with Mildred Dresselhaus, MIT, an outstanding researcher; we are grateful and proud that you have accepted our invitation for the special lecture today. Recent research activities of Prof. Dresselhaus are in the areas of carbon nanotubes, bismuth nanowires, and low-dimensional thermoelectricity. Prof. Dresselhaus has received numerous awards, including the US National Medal of Science, the Fermi Award, the Kavli Award, and 31 honorary doctorates worldwide. And last but not least, Mildred Dresselhaus is committed to the promotion of women in physics. In fact, she was our first role model at the inception of the Lise Meitner Lectures in 2008!

Eine solche Tagung ist nur mit dem größten Einsatz vieler Beteiligter möglich und insbesondere von der Bereitschaft abhängig, im Ehrenamt einen enormen Einsatz für die DPG zu erbringen. Zuerst möchte ich mich deshalb bei der TU Dresden für die Gastfreundschaft und die Unterstützung bedanken. Mein großer Dank geht gleichsam an die beteiligten Fachverbände für ein faszinierendes wissenschaftliches Programm. Ganz besonders möchte ich mich auch bei dem Örtlichen Tagungsleiter, Professor Ludwig Schultz, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, sowie beim Tagungssekretariat, Frau Dr. Anke Kirchner, ebenfalls IFW, und dem gesamten Team bedanken. Für die Unterstützung und Betreuung der DPG-Frühjahrstagungen danke ich zudem der DPG-Geschäftsstelle ganz herzlich.

Danken möchte ich zudem in besonderer Weise der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die großzügige Unterstützung aller DPG-Frühjahrstagungen. Dass jedes Jahr rund 2.500 Nachwuchswissenschaftler, d. h. Diplomanden, Masterstudenten und Doktoranden die Tagungen besuchen, ist das Verdienst der Stiftung durch einen Zuschuss zu den Reisekosten der jungen Menschen. Diese Förderung aus dem „Kommunikationsprogramm“ ist ein zentraler Baustein, damit jedes Jahr so viele junge Menschen die DPG-Tagungen besuchen können.

Da wir heute auch Nichtphysiker zu Gast haben und natürlich Sie, Herrn Biedenkopf, möchte ich auf zwei Themen näher eingehen, die zwar die Physik betreffen, aber auch kultureller Natur sind. Nämlich die Themen Grundlagenforschung und Nachwuchsförderung.

Beginnen möchte ich mit der Grundlagenforschung:

Der Aphoristiker und Physiker Georg Christoph Lichtenberg hat einmal spitz formuliert: „Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben, aber nicht vom Wahrheit sagen.“

Da Physiker meist nicht als Wahrsager tätig sind, sondern im Gegenteil danach streben, überprüfbare wissenschaftliche Erkenntnisse zu finden und z.B. durch gezielte Experimente theoretische Modelle zu testen, müssen wir darauf zählen, dass die Arbeit an wissenschaftlicher Wahrheit einen anerkannten Platz in unserer Kultur hat. Auch in Zeiten großer gesellschaftlicher Herausforderungen in den Sektoren Energie, Klima, Gesundheit, Ernährung und generell Ressourcen dürfen wir die Grundlagenforschung nicht vernachlässigen: Die Erfahrung zeigt, die Innovationen von morgen, die für den Alltag und den Fortbestand unserer Gesellschaft notwendig sind, beruhen auf den physikalischen Grundlagen, die von Neugier getriebene Wissenschaftler heute erforschen. Dafür möchte ich einige kurze Beispiele geben:

  • Als Brian Josephson als Student 1962 den später nach ihm benannten Effekt eines Tunnelstroms zwischen zwei Supraleitern vorhersagte  (für den er 1973 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde), konnte er keine Ahnung haben, was dieser Effekt für die Messbarkeit kleinster Magnetfelder 50 Jahre später bedeuten könnte: Magnetoenzephalographie, Magnetogastrographie, Kardiologie (MFI), Übersichtsmessungen zur geothermischen Energie und vielleicht in Zukunft auch Quantencomputing benutzen diesen Effekt. Der von Peter Grünberg und Albert Fert 1988 entdeckte Riesenmagnetowiderstand, ein quantenmechanischer Effekt von Spinabhängigkeit der Streuung von Elektronen an Grenzflächen, wurde relativ schnell von IBM in einen neuen Lesekopf von Festplatten umgesetzt. Als Richard Feynman sich dafür interessierte, wieweit man die Minitiaturisierung betreiben könnte, bevor man durch die Quantenmechanik limitiert wird und in seinem Vortrag in Caltech 1959 feststellte „there is plenty of room at the bottom“, begründete er mit seiner Vision, die gesamte Enzyklopaedia Brittanica in der Spitze eines Stiftes zu speichern, die Grundlage der Nanotechnologie.
  • Ein anderes Beispiel aus der Physik ist der Beitrag der Grundlagenforschung im Zusammenhang mit der gesellschaftspolitischen Diskussion um die Endlagerung von Atommüll. Durch sogenannte Transmutation können langlebige radioaktive Isotope von Elementen in viel kurzlebigere umgewandelt (transmutiert) werden. Zu dieser Methode hatte die DPG im Jahr 2012 eine Ausgabe des Faktenblatts 'Physik Konkret' veröffentlicht. Hier kommen über viele Jahrzehnte gewonnene Erkenntnisse über Kernreaktionen und Beschleunigertechnologie zum tragen. Die Transmutation könnte u.U. die Radiotoxizität von Reaktorbrennstoff nach wenigen hundert Jahren – anstatt Millionen von Jahren – sogar unter das Niveau natürlicher Uranvorkommen senken. Die dafür nötigen Neutronen könnten z. B. aus einem Teilchenbeschleuniger kommen. Das sind Optionen, die man in Erwägung ziehen muss.
  • Und ein Produkt der Grundlagenforschung ist uns zudem sicher: gut ausgebildeter wissenschaftlicher Nachwuchs für die Wissenschaft, aber auch direkt für Industrie und Wirtschaft.

Diese Beispiele sollen genügen um zu zeigen, welches Potential die Grundlagenforschung zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen birgt. Um dieses dann auch sicherzustellen, sind in besonderer Weise die Hochschulen zuständig. Die meiste Grundlagenforschung passiert an den Universitäten und dort wird der Nachwuchs ausgebildet. Die Hochschulen tragen damit wesentlich zur Zukunftsfähigkeit unseres Gesellschaftsmodells und des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland bei.

Tatsache ist jedoch: Die Hochschulfinanzierung in Deutschland hält schon seit Jahren nicht mit den gewachsenen Aufgaben der Hochschulen Schritt. Auch der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek, immerhin hochrangiger Vertreter der außeruniversitären Forschung, hat sich in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) Ende Februar diesen Jahres besorgt über das Sparen bei den Hochschulen geäußert. Daran sieht man, wie kritisch die Situation für die Hochschulen ist. Die dpa fasste es in dem Artikel so zusammen: „In der Wissenschaftsgemeinde in Deutschland herrscht Besorgnis und Unruhe, denn ihre künftige Finanzausstattung ist weiterhin unklar.“

Auf diesen Missstand hatte auch die DPG bereits im Jahr 2013 zusammen mit den drei großen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachgesellschaften Deutschlands – der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV), der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) sowie dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) in einer öffentlichen Stellungnahme eindringlich hingewiesen.

Fakt ist: Die dramatischen Folgen der jahrelangen Unterfinanzierung werden zwar derzeit zum Teil noch durch die Exzellenzinitiative und Hochschulpakte überlagert. Sie stellen aber keinen Ersatz dar für eine fehlende solide Grundfinanzierung. Im Gegenteil, stark gestiegene Zweit- und Drittmittel stellen starke Forderungen an die Infrastruktur der Universitäten. Overheadpauschalen von 20% decken diese nicht. Zudem laufen diese Maßnahmen in absehbarer Zeit aus, ohne dass klar wäre, wie die dadurch entstehenden zusätzlichen Finanzlücken geschlossen werden könnten. Die deutschen Hochschulen müssen auch in Zukunft in der Lage sein, ihre spezifische Rolle als tragende Säule innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems adäquat auszufüllen. Um eine nachhaltige Finanzierung der Hochschulen sicherzustellen, ist dabei ein angemessenes Verhältnis von Grundfinanzierung zu Drittmitteln sicherzustellen.

 

Damit möchte ich auf die Gewinnung von Nachwuchs zu sprechen kommen:

Bundeskanzlerin Merkel hat einmal zum Thema Innovations- und Fortschrittskultur gesagt: „Eine solche Kultur ergibt sich nicht automatisch, sie muss vielmehr von Generation zu Generation immer wieder aufs Neue belebt werden. Das fängt bereits im Elternhaus und in der Schule an.“

Diese Worte aus dem Munde der bekanntesten Physikerin in Deutschland möchte ich gerne aufgreifen, denn sie berühren ein Kernthema unserer Gesellschaft: Das frühzeitige Wecken von Interesse für die Naturwissenschaften, insbesondere die Physik. Für angehende Ärzte, Biologen, Chemiker, Ingenieure und viele mehr ist die Physik eine wichtige Grundlage. Und natürlich braucht unsere Gesellschaft auch gute Physikerinnen und Physiker an Universitäten, Forschungsinstituten, in der Wirtschaft und an den Schulen. Der Bedarf ist schon jetzt deutlich zu spüren und die Schere zwischen Abgängern der Hochschulen und dem Bedarf wird nach Prognosen, die wir haben, in Zukunft weiter aufgehen.

Die Gewinnung von mehr jungen Menschen für die Naturwissenschaften und Investitionen in diese berührt deshalb eine Kernfrage für den Fortbestand unserer Gesellschaft. Nur mit einem positiven und spannenden Physikbild, das frühzeitig im Elternhaus, durch die Medien und in der Schule vermittelt wird, können wir Schülerinnen und Schüler längerfristig ernsthaft für die Physik interessieren. Die DPG engagiert sich deshalb stark in diesem Bereich und hat heute zwei Studien veröffentlicht, und zwar zur Unterrichtsversorgung im Fach Physik sowie zur Ausbildung im Lehramt Physik.

Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist die „Physik im Advent“. Hier hat ein Team an der Universität Göttingen im Namen der DPG einen physikalischen Adventskalender gestartet. Mit täglichen durch einfache Experimente zu lösenden Rätseln und deren Auflösung am nächsten Tag wurde ein großartiges Vehikel geschaffen, Schüler der Klassen 5 bis 10 für physikalische Fragen zu begeistern. Die 230 tausend clicks in 24 Tagen beweisen das. Und unter den Fans sind fast so viele Mädchen wie Jungen. Dies zeigt, man muss Physik früh und spielerisch vermitteln, Kinder etwas selbst machen lassen. Auch außerschulische Wettbewerbe wie das IYPT, Physikolympiaden und 'Jugend forscht' spielen eine wichtige Rolle. All dies braucht motivierte und fachlich und didaktisch gut ausgebildete Lehrer.

Wie wäre es, wenn wir die kommenden schülerschwachen Jahrgänge nutzen würden, anstatt Stellen zu streichen, die Lehrer zu entlasten für Fortbildung, der Zeit gewidmet werden sollte, oder außerschulische Angebote, die den Lehrern auch angerechnet werden. Dafür setzt sich die DPG im Interesse unserer Gesellschaft ein und ich appelliere an Sie alle, sich ebenfalls dafür einzusetzen.

Für die Nachwuchsgewinnung müssen wir uns aber auch mit ganzer Kraft für Chancengleichheit von Frauen auf ihrem Karriereweg einsetzen. Dafür engagiert sich die DPG mit vielfältigen Aktivitäten und Programmen. An dieser Stelle möchte ich nur die Lise Meitner Lectures zusammen mit der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft nennen. Die Lise Meitner Lectures sind eine Veranstaltungsreihe, bei der Role Models aus der Physik über ihre Arbeit berichten, um junge Frauen zu motivieren, ihren Weg mit einem Physikstudium zu gehen – auch wenn es Widerstände im sozialen oder beruflichen Umfeld geben sollte. Und wie ich schon gerade auf Englisch berichtet habe, ist eines dieser herausragenden Role Models Mildred Dresselhaus.

Bundesforschungsministerin Wanka hat im Zusammenhang mit der Chancengleichheit in einem Interview für eine Zeitung im März 2014 (Mitteldeutsche Zeitung, 12.03.2014) gesagt: „Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, ob sie Frauen und Männern beides möglich macht: Karriere und Familie. Ich habe auch Frauen kennengelernt, die für den Beruf bewusst auf Kinder verzichtet haben. Das ist völlig legitim. Die Gesellschaft muss aber so organisiert sein, dass beides möglich ist – und das ist auch für Männer wichtig.“ Ich selbst habe mich auch in der Vergangenheit so geäußert und kann das nur unterstützen.

Damit möchte ich schließen. Ich wünschen Ihnen eine spannende Tagung und viele neue Erkenntnisse.

Vielen Dank!

 

 
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