DPG
Mitgliedschaft
Veranstaltungen
Programme
Preise
Veröffentlichungen
Presse
Service
 
Druckversion
Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  stachel  >  red_ausstellung_lenard-2012.html

Prof. Dr. Johanna Stachel, Heidelberg
am 20. November 2012

Rede der Präsidentin
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Konstruierte Wirklichkeit - Philipp Lenard 1862-1947“, Deutsches Museum, München

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist sehr angemessen, dass das Deutsche Museum sich mit der Ausstellung „Konstruierte Wirklichkeit -  Philipp Lenard 1862-1947“ der Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus widmet und ich freue mich, Sie auch im Namen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur Eröffnung der Ausstellung zu begrüßen. „Wir können und wollen die Verfehlungen des Pseudopolitikers Lenard nicht verschweigen oder entschuldigen, aber als Physiker gehörte er zu den Großen“. Mit diesen Worten seines Nobelpreisträgerkollegen Max von Laue auf der Physikertagung 1947 in Göttingen anlässlich des Todes von Lenard ist schon das ganze Dilemma zusammengefasst; Lenard - bis zur Mitte seines Lebens ein herausragender Physiker seiner Zeit, später ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus.

Ich sehe die Ausstellung als Arbeit gegen das Vergessen und Ausdruck der Verantwortung der Wissenschaft und der Gesellschaft als Ganzes, die wir jetzt und auch für die Zukunft tragen müssen. Die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten brachten Tod, Vertreibung und unendliches Leid für Millionen von Menschen. Der Nationalsozialismus muss uns deshalb immer Mahnung und Auftrag zugleich sein. Wir müssen Sorge tragen, dass sich die heutige und künftige Generationen immer wieder der eigenen Geschichte stellen, auch wenn die meisten heute Lebenden nach der Nazizeit geboren sind und sich oft für die Verfehlungen und Verbrechen der Eltern und Vorfahren nicht zuständig fühlen. Nach dem Motto „das war früher einmal und könnte heute nicht passieren, wir haben doch ein ganz anderes System“. Sicher ist unsere Demokratie nicht so fragil, wie die Weimarer Republik; dennoch, Rechtsextremismus, Antisemitismus und fremdenfeindliche Übergriffe sind leider auch in unserer heutigen Gesellschaft und der unserer Nachbarländer immer noch präsent. Daher muss stets das Bewusstsein jedes Einzelnen geschärft werden für die persönliche Verantwortung.

Lenards Leben ist ein Lehrstück, wie ein brillanter Wissenschaftler sich dennoch ideologisch verstricken und so letztlich als Mensch gänzlich scheitern kann. Zunächst fing für Lennard alles gut an, nach ersten eher enttäuschenden Versuchen in Wien und Budapest studierte er in Heidelberg und Berlin bei berühmten Lehrern Physik und Mathematik und promovierte bereits nach sechs Semestern in Heidelberg bei Quincke. Bereits in seinen ersten Assistentenjahren begann er die Arbeiten, die ihn später berühmt machen sollten, das Studium der Kathodenstrahlen. Nach Positionen als Assistent in Heidelberg, London, Breslau und Bonn trat er eine erste außerordentliche Professur in Breslau an, allerdings für theoretische Physik. Diese Stelle verlässt er für eine geringere Dozentenstelle in Aachen und dann eine apl. Professur in Heidelberg, um bessere Experimentierbedingungen zu haben, bis er schließlich im Alter von 36 Jahren 1898 eine ordentliche Professur in Kiel antritt. Diese Jahre sind die Zeit seiner größten wissenschaftlichen Produktivität. Lennard muss ein brillanter Experimentator gewesen sein, angetrieben von einer sehr guten Intuition. Die Auswertung und Dokumentation seiner Ergebnisse ist ebenfalls stets makellos. Bei der theoretisch physikalischen Interpretation greift Lenard allerdings oft daneben. Und das führte dazu, dass manche seiner an sich bahnbrechenden Erkenntnisse nicht genug beachtet wurden. Seine Messungen zur Frequenzabhängigkeit der Photonenenergie führten zum korrekten Verständnis des Photoelektrischen Effekts durch Einstein und bilden die experimentelle Grundlage der Quantenphysik. Als Lenard 1905 im Alter von 43 Jahren mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, war er wohl der angesehenste Physiker in Deutschland und hatte den Zenit seiner wissenschaftlichen Karriere erreicht. Wenig später kehrte er 1907 als Direktor des Physikalisch-Radiologischen Instituts an seine Alma Mater, die Universität Heidelberg, zurück, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Er setzte sich energisch für den Bau eines großen und kostspieligen neuen Instituts ein. Dieses Projekt war durch sein damaliges Ansehen erfolgreich und 1913 wurde das neue Institut am Philosophenweg 12 eingeweiht. Das ist die eine Seite von Philipp Lenard, einem der damals renommiertesten Physiker. Man muss allerdings sagen, dass er im Neuen Institut zwar eine große und gut ausgestattete Arbeitsgruppe aufbaute, trotzdem, bahnbrechende Arbeiten hat er bis zu seiner Emeritierung 1931 nicht mehr gemacht.

Die andere Seite ist die des später glühenden Anhängers des Nationalsozialismus und des Antisemiten. Das war überraschend, denn ursprünglich war er laut Zeitzeugen „einer der unpolitischsten Menschen (…) teils, weil er keine anderen Interessen neben der Wissenschaft gelten ließ (...)“. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs änderte sich das schlagartig. Ab diesem Zeitpunkt steigerte sich Lenard zunehmend in völkische und nationalistische Ideen. Ab 1924 trat Lenard öffentlich für die Anführer des Hitlerputsches und die NSDAP ein. Zudem versucht er, die Physik im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu verändern. Dazu versucht er auch, sich der Physikalischen Gesellschaft zu bedienen, deren Mitglied Lenard seit 1911 war. Bis zum Jahr 1925 versuchte er, eine Veränderung der inneren Struktur der DPG zu erreichen, die er mit einer Diskussion um einen deutschen „Wissenschaftsnationalismus“ verbunden wissen wollte. So schlug er bereits 1921 eine Satzungsänderung vor, durch die die DPG die „deutschen Physiker einander näher bringen und in ihrer Gesamtheit nach außen vertreten“ sollte. In der heftig geführten Auseinandersetzung um die künftige Struktur kritisierte Lenard 1925 in einem Brief an Franz Himstedt scharf die „Berliner Juden und Internationalisten“ innerhalb der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Als er sich nicht durchsetzen konnte, kündigte er seine Mitgliedschaft. In Folge brachte er an seiner Zimmertür einen Zettel an mit der Aufschrift: „Mitglieder der sogenannten Deutschen Physikalischen Gesellschaft haben keinen Zutritt.“ Bereits 1925 war sein ganzes Institut auf der völkischen Linie gleichgeschaltet.

 

1936 erschien Lenards vierbändiges Werk „Deutsche Physik“. Schon im Vorwort mit antisemitischen Äußerungen machte er klar, dass er mit „Deutscher Physik“ „arische Physik oder Physik der nordisch gearteten Menschen“ meint und die Internationalität der Wissenschaft für einen Irrtum hält. Allerdings ist sein Einfluss auf die Physik in Deutschland während des Dritten Reiches gering und nicht einmal die führenden Nationalsozialisten kann er für seine „Deutsche Physik“ gewinnen. Die propagierten Ideen sind absurd. Das Reichserziehungsministerium genehmigt deshalb den Gebrauch eines entsprechenden Lehrbuchs auch nach verschiedensten Interventionen nicht.

Das Verhältnis zu vielen seiner Kollegen und im Nachhinein seinen akademischen Lehrern ist von Neid, Missgunst und Gehässigkeit geprägt. Besonders ist dabei die Auseinandersetzung zwischen Lenard und Albert Einstein zu erwähnen. Ursprünglich war das Verhältnis von gegenseitiger Hochachtung geprägt. In seinen ersten Heidelberger Jahren hegte Lenard sogar die Idee, dass Heidelberg jemanden wie Einstein als Professor der Theoretischen Physik gebrauchen könnte. Allerdings erkennt Lenard die von Einstein 1905 veröffentlichte korrekte Erklärung des Photoeffekts in seiner Nobelpreis-Rede nicht als solche. Stattdessen verharrte Lenard in seinen Ideen von Äther und Materie und dies belastete die Beziehung zunehmend. Während Lenard zunächst anerkannte, dass an der speziellen Relativitätstheorie etwas Richtiges sein könnte, attackierte er die von Einstein 1915/1916 veröffentlichte allgemeine Relativitätstheorie ab 1918 mit zunehmender Schärfe. Der Austausch eskaliert schließlich und im August 1920 mokierte sich Einstein öffentlich in einem Artikel im Berliner Tageblatt über Lenard und die „anti-relativitätstheoretische GmbH“. Lenard war zutiefst gekränkt. Vergeblich versuchte der damalige DPG-Präsident Sommerfeld zu vermitteln. Einstein anerkannte zwar in einem Brief an Max Born, dass sein Artikel eine, Zitat, „Dummheit“ war, aber er zieht ihn nicht zurück. Im Gegenteil: Einstein und Lenard trafen wenig später auf der berühmten Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Bad Nauheim aufeinander, auf der die „Einsteindebatte“ um die Relativitätstheorie vehement geführt wurde und Lenard sich vor den Teilnehmenden mit seinen Äußerungen wissenschaftlich blamierte. Das Verhältnis zerbricht endgültig und sein Hass auf Einstein, dem er wissenschaftlich in der Sache unterlegen war, wurde ab jetzt ideologisch verbrämt.

Diesen zwei Seiten Lenards widmet sich die Sonderausstellung über den Physiker und Ideologen Philipp Lenard mit einem umfassenden kritischen Blick auf seine Arbeit und sein Leben auf der Grundlage des wissenschaftlichen Nachlasses im Archiv des Deutschen Museums. Neben der Information über Lenards Biografie und Arbeit soll die Ausstellung vor allem daran erinnern, dass sein Leben letztlich ein trauriges Lehrstück ist, aus dem künftige Generationen wichtige Lehren ziehen müssen. Ein Resümee könnte man in dem folgenden Satz aus einem Artikel zu Philipp Lenard sehen, den anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Heidelberger Universität  Reinhard Neumann und Gisbert zu Putlitz, 1986 Rektor der Universität, verfassten: „Lenard (hat) aus heutiger Sicht den moralischen Kredit verspielt, der ihm als einem der Großen in der Physik ursprünglich zustand.“

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung, dass sie einen Beitrag zu unserem Verständnis der Geschichte der Physik im 20. Jahrhundert leistet und auf viele interessierte Besucherinnen und Besucher treffen wird.

 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 17.12.2012, 14:57 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten