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Prof. Dr. Wolfgang Sandner, Berlin
am 29. Februar 2012

Rede des Präsidenten anlässlich der DPG-Frühjahrstagung an der Georg-August-Universität Göttingen

 

Verehrte Frau Präsidentin Beisiegel,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Meyer,
lieber herr Kollege Quadt,
dear Professor Michael Turner,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden,
verehrte Festgäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der DPG und auch persönlich möchte ich Sie sehr herzlich zur DPG-Frühjahrstagung der Fachverbände Teilchenphysik, Gravitation und Relativitätstheorie sowie Theoretische und Mathematische Grundlagen der Physik begrüßen.

Ich freue mich, dass die DPG in diesem Jahr wieder einmal an der traditionsreichen und renommierten Georg-August-Universität Göttingen zu Gast sein darf. Aus Sicht der Physik hätte der Zeitpunkt kaum passender sein können. Diese DPG-Tagung findet im Rahmen des 275. Jubiläums der Universität Göttingen statt. Ich erinnere mich übrigens persönlich an das Jahr 1987, als Fachverbände der heutigen Sektion SAMOP in Göttingen tagten und damals den 250. Geburtstag der Universität feierten. In einer Festsitzung redeten damals Friedrich Hund (immerhin schon 91 Jahre alt), der Nobelpreisträger Gerhard Herzberg und Theodor Hänsch, damals gerade aus USA zurückgekehrt, lange bevor er 2005 mit dem Nobelpreis geehrt wurde.

Physik wurde an der Georg-August-Universität schon ab 1737, also von der Gründung an gelehrt – damals so etwas Revolutionäres wie die Newton'sche Mechanik, wobei diese laut Überlieferung ausgerechnet von einem Professor für Medizin und Experimentelle Physik gelehrt wurde. Die Verbindung von Medizin und Physik hat seither nichts von ihrem Charme verloren, wie Generationen von Medizinstudenten aus ihren vorklinischen Examen immer wieder gerne berichten. Und vielleicht nicht zufällig wird die Georg-August-Universität -  inzwischen eine Hochburg der modernen Physik - heute von eine Medizinerin, der Professorin  Ulrike Beisiegel geleitet.

Der erste wichtige Physikprofessor wurde der Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-99, Professor ab 1770). Dass er gleichzeitig Philosoph und begnadeter  Aphoristiker war, sieht man an Zitaten wie diesem:

Mein unerschütterliche Glaube an die Dummheit des Tieres Mensch hat mich nie enttäuscht und ist mir im Lauf des Lebens oft zustatten gekommen.“

Hätte er 150 Jahre später gelebt, in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, wären ihm wohl ernste Zweifel an der Allgemeingültigkeit seiner Aussage gekommen. Damals war Göttingen neben Kopenhagen und Berlin die Hochburg der Entwicklung der Quantenmechanik, der vielleicht wichtigsten Grundlage der modernen Physik. Als Theorie war sie ein Triumph unkonventioneller und kreativer Geister, die nicht nur das klassische Weltbild Newtons sondern auch die Philosophie und Wissenschaftstheorie veränderten.

Prägend war vor allem Max Born, dessen Sohn Gustav (übrigens auch ein Professor der Medizin) mit seiner Frau heute hier anwesend ist. Zusammen mit Kollegen und Schülern  wie Pauli, Heisenberg, Hund, Weißkopf, Jordan, Maria Goeppert-Mayer, Dirac, Oppenheimer, Wigner, von Neumann, Fermi  und etlichen anderen prägten sie das „Goldene Jahrzehnt“ der Physik in Göttingen, ohne dessen Ergebnisse die heutige Physik nicht denkbar wäre.

Vermutlich war es hilfreich, dass es in Göttingen seit Gauß auch eine ähnlich bedeutende Mathematik gab, mit Namen wie Minkowsky, Klein und David Hilbert. Letzterer stand an Zynismus Lichtenberg nur wenig nach, wenn er behauptete:

Die Physik ist doch viel zu kompliziert für die Physiker

Ich sehe angesichts dieses Zitats die Riege der etablierten Physiker, wozu man sich mit zunehmendem Lebensalter gerne selbst zählt, nachsichtig und scheinbar besser wissend schmunzeln. Physik ist immerhin gut genug verstanden, um die Grundlage aller Natur- und Technikwissenschaften, teilweise auch der Lebenswissenschaften und der Medizin zu sein, und sie dringt zunehmend in Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ein. Ohne die Physik gäbe es keinen technischen Fortschritt, aber auch keine Grundlage zur Bewältigung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Ich sehe dann andererseits junge Studenten und erinnere mich an die Frage, die sich jeder Physikstudent irgendwann stellt: bin ich den Anforderungen dieses Fachs gewachsen? Hat David Hilbert nicht vielleicht doch recht, ist die Physik nicht viel zu kompliziert, zumindest für Physikstudenten? Auch hier glauben wir Älteren zu wissen: Nein natürlich nicht, wartet nur, die Erkenntnis wird schon kommen. Das ist richtig, reicht aber nicht. Deshalb sieht sich die DPG in großer Verantwortung, an der Verbesserung der Struktur und der Qualität des Physikstudiums, aber auch der schulischen Physikausbildung bis hin zur Begeisterung der Gesellschaft für die Physik mitzuwirken.

In Zeiten des Lehrermangels mit Quer- und Seiteneinsteigern in den Schuldienst, der Bologna-Reform mit Bachelor und „Master of Anything“ statt des traditionsreichen Diplomphysikers, in Zeiten der Juniorprofessur mit ungewissen Berufsperspektiven für den Hochschullehrernachwuchs – in diesen Zeiten ist es die Pflicht der DPG, positive Entwicklungen zu stärken und den Finger in die Wunden von Fehlentwicklungen zu legen. Zu den angesprochenen Themen hat sie dies mit eigenen Studien getan. Eine der Folgerungen aus diesen Studien lautet als Empfehlung für die jungen Studenten: belaßt es nicht beim Physik-Bachelor, sondern macht weiter bis zum Master, dann sind eure Berufsaussichten - wie für Physiker generell - exzellent.

Am effektivsten ist aber, ganz im Sinne St. Exuperys, die Sehnsucht nach der Erkenntnis und deren Faszination in den jungen Menschen zu wecken. Hierzu pflegt die DPG eine ganze Reihe von Instrumenten. Die Frühjahrstagungen sind dafür besonders prädestiniert. In ihrer Gesamtheit sind sie jährlich die größten Physiktagungen Europas. Sie tragen ganz wesentlich dazu bei, dass die DPG beständig neue Mitglieder hinzugewinnt. In diesem Jahr wurde die 61.000 Mitglieder-Marke überschritten, was mehr als eine Verdoppelung seit dem Jahr 2000 bedeutet.

Die größte Altersgruppe innerhalb der DPG ist diejenige zwischen 20 und 30 Jahren. Für sie sind die Tagungen von ganz besonderer Bedeutung. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler halten hier oftmals ihren ersten Vortrag – eine lebenslang prägende Erfahrung - und knüpfen Kontakte für ihren weiteren wissenschaftlichen Werdegang.

Die Themen der hiesigen Frühjahrstagung sind ganz besonders geeignet, die Faszination für die Physik zu wecken. Die Suche nach dem „Higgs“, die Bestätigung oder Widerlegung einer fundamentalen Theorie, ist dabei nur ein Beispiel, das nicht nur für Physiker, sondern auch für eine breite Öffentlichkeit eine magische Anziehungskraft besitzt. Daher wird sie auch das Thema des heutigen öffentlichen Abendvortrags von Arnulf Quadt sein. Generell geht das Themenspektrum der diesjährigen Tagung in die tiefsten Grundlagen der Physik, wofür die beteiligten Fachverbände Teilchenphysik, Gravitation und Relativitätstheorie sowie Theoretische und Mathematische Grundlagen der Physik stehen.

Die Faszination physikalischer Erkenntnis liegt im Wechselspiel zwischen Theorie und Experiment, wobei das Experiment das letzte Wort hat, ohne Theorie aber keine Erkenntnis möglich ist. Scherzhaft, aber mit einem wahren Kern pflege ich zu meinen Studenten zu sagen „Jede Theorie ist falsch“, womit ich meine, dass sie nur solange gilt, bis sie durch ein bahnbrechendes Experiment als verbesserungsbedürftig oder gar falsch erkannt wird.

Das „Goldene Jahrzehnt“ der Göttinger Quantenmechanik ist ein historisches Beispiel dafür, und vielleicht erleben wir gerade ein weiteres Jahrzehnt des physikalischen Umbruchs. Nicht umsonst wurde der letztjährige Nobelpreis an ein Phänomen vergeben, das experimentell unstrittig ist, ohne dass es bisher eine bestätigte Theorie dafür gibt: das beschleunigt expandierende Universum und die dahinter liegende dunkle Energie sind eben so wenig verstanden wie die dunkle Materie, die zusammen 95% unseres Universums ausmachen. Das heißt, die Atome, Kerne und Teilchen unseres physikalischen Weltbildes beschreiben nur 5% des Universums, der Rest ist unbekannt und unverstanden!

Hat Hilbert also doch recht: Ist die Physik zu kompliziert für die Physiker?

Eines steht fest: Die Physik ruht nicht auf abgeschlossenen axiomatischen Teilgebäuden wie die Mathematik. Obwohl verlässliche Grundlage aller Technik- und Ingenieurwissenschaften, ist sie in ihren eigenen Fundamenten immer im Umbruch. Sie lebt von neuen Erkenntnissen und davon, dass hinter jeden geöffneten Tür drei neue, verschlossene erscheinen. Manches, wie scheinbar superschnelle Neutrinos, mag oder mag sich nicht als Irrweg erweisen, aber selbst daraus kann man lernen.

Den physikalischen Erkenntnisprozess live mitzuerleben und aktiv zu gestalten – darin liegt die echte Faszination der Physik. Die heutige Zeit bietet wie wenige andere in der Geschichte Gelegenheit für neugierige und kreative Geister, ihren Forscherdrang zu befriedigen. Geben wir diese Botschaft unserer jungen Generation als ultimative Erkenntnis und gleichzeitig als Ermunterung mit auf den Weg!

Bei aller Faszination – etwas anderes sollten wir ihnen auch mit auf den Weg geben, und auch dafür steht der Name Göttingen: Das Bewußtsein für die Verantwortung der Wissenschaft, und das Eintreten für hohe moralische Werte, wie es die berühmten 18 Göttinger Wissenschaftler im Jahre 1957 getan haben, als sie sich gegen eine atomare Bewaffnung der damals noch jungen Bundesrepublik wandten. Die Erklärung stellt ein herausragendes Symbol für Werte in Forschung und Gesellschaft, auch gegen politische Widerstände dar. Der Geist der Göttinger 18 klang wieder in einem Gedenksymposium am vergangenen Montag an, organisiert von Arnulf Quadt, in Gegenwart des Sohns von Werner Heisenberg, Prof. Jochen Heisenberg, Dr. Elisabeth Raiser, Tochter von Carl Friedrich von Weizsäcker, Dr. Henrik G. Bohr, Enkel von Niels Bohr, und Prof. Gustav Born, Sohn von Max Born. Mich haben die Reden von Elisabeth Raiser, Gustav Born und Arnulf Quadt zur Würdigung der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker und Victor Weißkopf sehr beeindruckt.

Der Verantwortung der Wissenschaft sollen wir uns immer bewußt sein, sowohl als Individuen als auch als Deutsche Physikalische Gesellschaft. In Fragen wie der atomaren Bewaffnung hat die DPG immer eine sehr klare und eindeutige Haltung vertreten. Sie stellt sich auch subtileren Fragen der Politikberatung, etwa zum richtigen Weg zur Energiewende und einer klimaverträglichen Energiepolitk, eine Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen. Auch dazu hat sich die DPG mit einer eigenen Studie zu Wort gemeldet und wird sich auch in Zukunft zu den großen Herausforderungen unserer Gesellschaft wie Energie, Klima, Mobilität, Gesundheit, Altersforschung und anderen äußern. Erinnern wir uns: ohne die Physik wird die Gesellschaft und die Politik diese Probleme nicht lösen.

Damit, meine Damen und Herren, möchte ich diese Ausführungen schließen, hoffentlich noch im Geiste Lichtenbergs, wenn er feststellte:

Es ist keine Kunst, etwas kurz zu sagen, wenn man etwas zu sagen hat.“

Ich freue mich um so mehr auf den anschließenden Festvortrag von Michael Turner – I very much look forward to the keynote lecture by Professor Michael Turner, who will soon be the President of the American Physical Society and who will join me in inspiring you for the fascination of physics through his talk on the „Mystery of Cosmology“. I would guess that he will elaborate more on dark energy and dark matter which I could mention only briefly.

Bevor ich schließe möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die diese Tagung in Göttingen möglich gemacht und im Ehrenamt einen enormen Einsatz für die DPG in ihrer knappen Freizeit geleistet haben. Mein erster Dank gilt der Georg-August-Universität Göttingen für die Gastfreundschaft und die große Unterstützung. Danken möchte ich ebenfalls der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die großzügige Unterstützung aller DPG-Frühjahrstagungen. Mein großer Dank geht an die beteiligten Fachverbände für ein faszinierendes wissenschaftliches Programm. Ganz besonders möchte ich mich zudem bei dem Örtlichen Tagungsleiter, Professor Dr. Arnulf Quadt vom II. Physikalischen Institut der Universität Göttingen, und seinem Team bedanken. Für die Unterstützung und Betreuung der DPG-Frühjahrstagungen danke ich zudem der DPG-Geschäftsstelle ganz herzlich.

Ich wünsche Ihnen und uns allen eine ereignisreiche Tagung und viele neue Erkenntnisse!

 

 

 
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