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Prof. Dr. Wolfgang Sandner, Berlin
am 29. Oktober 2010

Rede des Präsidenten
anlässlich der Lise Meitner Lectures 2010 in der Universität Göttingen

Sehr verehrte Frau Frebel, sehr geehrte Frau Ritsch-Marte, sehr geehrte Frau Sandow, lieber Herr Kollege Litfin, liebe Schülerinnen und Schüler, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute an dieser Veranstaltung teilzunehmen und gleich an dem Vortrag von Frau Frebel teilnehmen zu dürfen. Wenn auch eine Einführungsrede des DPG-Präsidenten zu dieser Veranstaltung gehört, weiß ich, dass ich mich kurz zu fassen habe, um der faszinierenden Astronomie der ältesten Sterne nicht länger im Wege zu stehen. Ein paar Worte sollen jedoch deutlich machen, warum es die Lise Meitner Lectures gibt und warum sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft zusammen mit ihrer österreichischen Schwestergesellschaft hier engagiert.

Beginnen möchte ich mit einem großen Dank: Ich möchte Ihnen, Frau Frebel, herzlich dafür danken, dass Sie heute bei uns sind und die weite Reise aus den USA zu uns auf sich genommen haben! Sie sind hier in Göttingen zur Schule gegangen, was für Ihr späteres Studium und Ihre Berufslaufbahn sicherlich eine sehr gute Basis gewesen ist. Vielleicht ist es Zufall, vermutlich aber weitsichtige Planung, dass die diesjährigen Lise Meitner Lectures nicht nur vorgestern an der Universität Innsbruck, sondern auch heute an der Universität Göttingen im Rahmen der Ausstellung „Frauen, die forschen“ durchgeführt werden können. Dafür möchte ich der Universität meinen Dank aussprechen. Die Vorbereitung einer solchen Veranstaltung ist nur mit großem Engagement möglich, wofür ich Ihnen, sehr geehrte Frau Sandow und Ihnen, lieber Herr Kollege Litfin, sowie allen Beteiligten herzlich danken möchte.

Ziel der Lise Meitner Lectures ist es, insbesondere Schülerinnen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge zu interessieren sowie Hochschulabsolventinnen für Karrieren in Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft zu gewinnen.

Die jährlich stattfindenden Lise Meitner Lectures sind eine bi-nationale Veranstaltung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft. Die Österreicherin Lise Meitner war eine der bedeutendsten Physikerinnen ihrer Zeit und ist durch ihr herausragendes wissenschaftliches und soziales Engagement im besten Sinne ein Vorbild. Dies, obwohl Lise Meitner noch zu der letzten Generation von Frauen zählte, die keinen Zugang zum Abitur erhielten und für die eine Karriere in der Wissenschaft eigentlich undenkbar war. Lise Meitner musste sich das nötige Fachwissen für den Besuch einer Universität extern aneignen. Frauen war erst 1899 offiziell der Zugang zur Universität erlaubt. 1906 war sie die zweite Frau, die an der Universität Wien promovierte. Sie arbeitete dann mehr als 30 Jahre in Berlin und lieferte 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung. In Berlin musste sie in den ersten Jahren ohne Gehalt und ohne Stelle arbeiten, während ihr fast gleichaltriger Kollege, der Chemiker Otto Hahn, von vornherein eine Professur innehatte. Schlimmer noch: sie musste in den ersten Jahren das Gebäude immer durch den Hintereingang betreten und durfte als Frau die Vorlesungsräume und Experimentierräume der Studenten nicht betreten!

Erst Jahre später erhielt sie eine Professur und arbeitete gleichberechtigt mit Hahn zusammen, was kurz nach ihrer Emigration zur Entdeckung der Kernspaltung führte. Es gehört jedoch zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, dass ihr unstrittiger Beitrag im Nobelpreis Hahns und Strassmanns nicht berücksichtigt wurde, und sogar die gemeinsame Forschungsstätte bis letzten Mittwoch nur „Otto Hahn Bau der Freien Universität Berlin“ hieß. Es war mir eine besondere Freude, am vorgestrigen Festakt zur Umbenennung in „Hahn-Meitner-Bau“ teilnehmen zu dürfen, weshalb ich leider nicht gleichzeitig in Innsbruck sein konnte.

Lise Meitner hat in ihrem Leben damit nicht nur großartige wissenschaftliche Pionierleistungen vollbracht, sondern auch viel Mut, Durchhaltevermögen und ein gehöriges Maß an Weitblick gezeigt. Dass Physikerinnen auch heute noch diese fachlichen und persönlichen Qualitäten haben, möchten wir mit den Lise Meitner Lectures durch Vorträge von herausragenden Physikerinnen im Beruf sichtbar machen.

Ich freue mich sehr, dass heute so viele junge Gäste zu dem Vortrag von Frau Frebel gekommen sind. Wir alle werden mit Sicherheit viele neue und spannende Eindrücke erhalten. Die Astronomie ist ein faszinierendes Berufsfeld, das nicht nur mit Physik, sondern auch viel mit unserer Kultur und unserem Weltbild zu tun hat. Der Blick zum nächtlichen Sternhimmel berührt seit Jahrtausenden nicht nur den Verstand, sondern auch das Gemüt der Menschen. Möglicherweise wären wir ohne die Folgen romantischer Sternennächte als Gattung längst nicht so zahlreich. Aber die Astronomie ist auch die Mutter der Mathematik und der Naturwissenschaften: Beobachtung und insbesondere Vorhersagen astronomischer Phänomene waren im Altertum das Herrschaftswissen von (meist männlichen) Priestern und Gelehrten. Später legten Galilei, Kepler und andere durch astronomische Beobachtungen und Theorien den Grundstein aufgeklärter Naturwissenschaften bis hin zur modernen Kosmologie und Astro-Teilchenphysik. Aber immer wenn wir denken, wir haben etwas verstanden, kommen aus dem All neue fundamentale Rätsel auf uns zu, ganz aktuell in Form von dunkler Energie und dunkler Materie, die möglicherweise unser Weltbild bald wieder grundlegend umstürzen werden.

Mit den Lise Meitner Lectures, in deren Rahmen uns Frau Frebel heute in den Weltraum entführen wird, will die DPG die Faszination der Physik an junge Menschen vermitteln im Rahmen ihrer Verantwortung für die Nachwuchsförderung. Wir wollen möglichst viele junge Menschen für die Naturwissenschaften und insbesondere für die Physik begeistern. Mit ihren fast 60.000 Mitgliedern ist die DPG die größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Ihre Wurzeln reichen bis in das Jahr 1845 zurück. Albert Einstein, Hermann von Helmholtz und Max Planck waren Präsidenten der DPG, und unter den heutigen Mitgliedern finden sich neun Nobelpreisträger. Die DPG ist als Verein alt und jung zugleich: Über die Hälfte der DPG-Mitglieder sind Studierende oder Schülerinnen und Schüler. In keiner Altersgruppe hat die DPG so viele Mitglieder wie bei denen zwischen 19 und 29 Jahren. Seit einigen Jahren organisieren sich die Studentinnen und Studenten in der „jungen DPG“, deren Gruppen sich an mittlerweile 27 Hochschulstandorten um die Anliegen und Interessen der Physik-Studierenden kümmern – hoffentlich bald auch in Göttingen. Ich empfehle hier besonders die Schnupperveranstaltungen für am Physikstudium interessierte Schülerinnen und Schüler.

Dass wir so viele Studierende in unseren Reihen haben, kommt nicht von ungefähr, denn mit einem Physikabschluss sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hervorragend. Das liegt daran, dass Physikerinnen und Physiker etwa in Industrie und Wirtschaft oft in Schnittstellenberufen tätig sind. Zudem sucht die Industrie zunehmend Fachkräfte für innovative Entwicklungen. Physikerinnen mit ihrem sehr breiten Wissensspektrum und ihrer Fähigkeit, komplexe Probleme zu analysieren und zu lösen, gehören hier für Unternehmen aller Branchen zur ersten Wahl.

Auch angesichts dieser guten Berufsperspektiven möchte ich Ihnen ans Herz legen: Trauen Sie sich! Entscheiden Sie sich für die Physik und ein Physikstudium! Physik und Naturwissenschaften sind trotz gegenteiliger und hartnäckiger Gerüchte keineswegs trocken. Ich gebe zu, dass der Physikunterricht manchmal Durchhaltevermögen verlangt – viel weniger als Lise Meitner und inzwischen ohne Geschlechterdiskriminierung, aber dafür mit hervorragenden Aussichten.

Physikalisches Grundverständnis ist nicht nur für den Beruf, sondern auch für das Verständnis einer modernen Industriegesellschaft wichtig. Kurz gesagt: Die Physik ist Bestandteil und eine der wichtigen Grundlagen unserer Kultur, so wie es ihre Teildisziplin Astronomie im Altertum war. Das Verständnis naturwissenschaftlicher Prinzipien ist unerlässlich für eine fundierte Urteilsbildung in den Entscheidungsprozessen unserer Gesellschaft. Die Flut von häufig widersprüchlichen Aussagen, mit denen wir tagtäglich überhäuft werden, zeigt, wie komplex die heutigen Probleme sind, denen wir uns zu stellen haben, insbesondere wenn es um Schicksalsfragen wie etwa Energieversorgung und Klimawandel geht.

Grundlagen der Naturwissenschaften zählen daher genauso zur Allgemeinbildung wie das Wissen darüber, wie der Bundespräsident gewählt wird, wann der siebenjährige Krieg stattfand oder woher die Narbe auf der Stirn von Harry Potter stammt. Auf einer Party damit zu kokettieren, dass man immer schlecht in Physik war, ist heute nicht mehr cool, sondern einfach nur doof.

Voraussetzung dafür sind Lehrerinnen und Lehrer, die Unterrichtsplanung und eine spannende Ausgestaltung so meistern, um für die Physik zu begeistern und nicht abzuschrecken. Das verlangt unter den zum Teil sehr unzureichenden Rahmenbedingungen, die an deutschen Schulen im Bereich der Naturwissenschaften herrschen, von Schülerinnen und Schülern großes Durchhaltevermögen und von Lehrerinnen und Lehrern größten Einsatz. Nicht immer gelingt dieser Spagat. Ein zentrales Problem dabei ist, dass sich leider immer noch sehr wenig Mädchen für einen Physik-Leistungskurs entscheiden. Das ist sehr schade, da Mädchen, die sich dazu entschließen und im Anschluss Physik studieren, oftmals überdurchschnittlich erfolgreich im Studium sind.

Deshalb liegt der DPG die Förderung von jungen Mädchen und Frauen sehr am Herzen. Deshalb hat die Deutsche Physikalische Gesellschaft den so genannten „Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen“ unterzeichnet. MINT – das meint den ganzen Bereich von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dieser Pakt wurde auf Initiative von Bundesbildungsministerin Annette Schavan gestartet. Unter dem etwas holprigen Motto „Komm, mach MINT!“ haben sich mittlerweile über 70 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik konkrete gemeinsame Ziele gesetzt: Der Anteil der Studienanfängerinnen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern soll um durchschnittlich fünf Prozentpunkte steigen, bei Neueinstellungen im MINT-Bereich sollen Frauen mindestens entsprechend ihres Anteils an den Absolventen berücksichtigt und ihr Anteil in Führungspositionen deutlich erhöht werden. Eine wichtige Leitfigur für unser Engagement als DPG ist dabei Lise Meitner, deren wissenschaftliches Wirken und deren Mut uns Vorbild und Ansporn ist.

Um deutlich zu machen, dass die Physik und die Naturwissenschaften unverzichtbar sind, aber auch neugierig und Spaß machen, brauchen wir Persönlichkeiten, die im besten Sinne Vorbilder sein können: Role Models für die Bedeutung von Bildung und Physik sind. Was wir brauchen, sind die Lise Meitners von heute, um die Lise Meitners von morgen zu erreichen. Deshalb ist es mir nun eine außerordentliche Freude, das Wort an Frau Frebel zu übergeben.

Vielen Dank.

 
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