DPG
Mitgliedschaft
Veranstaltungen
Programme
Preise
Veröffentlichungen
Presse
Service
 
Druckversion
Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  sandner  >  red_lernwelten-naturwissenschaften_2011.html

Prof. Dr. Wolfgang Sandner, Berlin
am 21. Oktober 2010

Rede des Präsidenten anlässlich der Fachtagung „Lernwelten der Naturwissenschaften“ am DESY, Hamburg

Sehr geehrter Herr Scherf*, sehr geehrter Herr Dr. Kube**, sehr geehrter Herr Haupt***, sehr geehrter Herr Dr. Durst****, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die die Schirmherrschaft über die Lernwelten der Naturwissenschaften übernommen hat, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Die Tagung ist für die Förderung der Naturwissenschaften von zentraler Bedeutung, denn sie dient nicht nur dem Wissenstransfer, sondern ist zugleich ein wichtiges Signal an die Politik, dass die Förderung der Naturwissenschaften auch in Zeiten von schwierigen Staatsfinanzen unverzichtbar ist und bleiben muss. Wir brauchen die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, mit ihrem Innovationspotenzial dringender denn je, denn es gilt, Deutschland als Wissenschafts- und Hightech-Standort abzusichern und auszubauen.

Aus diesem Grund möchte ich der Klaus-Tschira-Stiftung und Nordmetall für die Förderung und allen Beteiligten, allen voran den Organisatoren dieser Tagung, Herrn Kube und seinem Team von „Welt der Physik“, und natürlich den Verantwortlichen am DESY, meinen großen Dank und meine Anerkennung für die Ausrichtung der Tagung ein herausragendes wissenschaftliches Programm aussprechen. Mein besonderer Dank geht gleichfalls an das Programmgremium bestehend aus Manuela Welzel-Breuer, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Andrea Niehaus, Deutsches Museum Bonn, Dietmar Höttecke, Uni Hamburg sowie Herrn Kube.

Die DPG hat sehr gerne die Schirmherrschaft für die „Lernwelten der Naturwissenschaften“ übernommen, denn die DPG betreibt mit den Lernwelten „Welt der Physik“ und „Highlights der Physik“ schon seit vielen Jahren Wissenschaftskommunikation und Unterstützung der außerschulischen Lehre im Bereich der Physik. Mit diesem Engagement möchten wir als DPG unsere große Verantwortung für die Nachwuchsförderung zum Ausdruck bringen und möglichst viele junge Menschen für die Naturwissenschaften und ein Studium in der Physik sowie im MINT-Bereich insgesamt begeistern. Mit ihren fast 60.000 Mitgliedern ist die DPG die größte physikalische Fachgesellschaft der Welt, deren Wurzeln bis in das Jahr 1845 zurückreichen. Damit ist die DPG als Verein schon recht alt, was aber nicht bedeutet, dass die Mitglieder ebenfalls besonders betagt sind, ganz im Gegenteil. Über die Hälfte der DPG-Mitglieder sind Studierende oder sogar Schülerinnen und Schüler. Die größten Mitgliederzahlen finden sich bei den jungen DPG-Mitgliedern in den Alterskohorten zwischen 19 und 29 Jahren. Dies freut mich insbesondere deshalb sehr, da die DPG dadurch einen Beitrag leisten kann, den dringend notwendigen wissenschaftlichen Nachwuchs für den Innovationsstandort Deutschland zu gewinnen.

Unstrittig ist, dass naturwissenschaftliche Bildung zu den Schlüsselfaktoren für ein erfolgreiches Bestehen im Wettbewerb der Hochtechnologieländer gehört. Die Gewinnung von mehr jungen Menschen für die Naturwissenschaften berührt also eine Kernfrage unserer Gesellschaft. Wie dies geschehen kann, dazu soll die Fachtagung einen wichtigen Beitrag leisten, um zu erfahren, wie Schülerlabore und außerschulische Lernangebote in den Naturwissenschaften am besten mit Schulen zusammenarbeiten, was sich Schulen von den außerschulischen Lernorten wünschen oder wie die Zusammenarbeit überhaupt organisiert sein soll.

Das fächerübergreifende Tagungsprogramm mit den unterschiedlichsten Beiträgen von Akteuren aus Schule, Wissenschaft, Fachdidaktik und Lernort-Praxis zeigt, wie wichtig es ist, innovative Lehrkonzepte- und Lernkulturen anzustoßen, um die gewohnte Lernumgebung zu verlassen, das Neue zu durchdenken und zu schaffen. Diese Feststellung ist in der Theorie einfach, aber die Umsetzung in der Praxis keineswegs trivial, denn dieses Thema ist hochkomplex. Es gilt nicht nur die Kinder- und Jugendlichen direkt anzusprechen, sondern auch Eltern von einer Karriere ihrer Kinder im Bereich der Naturwissenschaften zu überzeugen. Leider sind viele Eltern immer noch nicht davon überzeugt, dass auch Mädchen für MINT-Fächer oder die sogenannten „harten“ Naturwissenschaften geeignet sind. Gleichzeitig müssen wir es schaffen, Kinder möglichst früh, idealerweise bereits im Kindergarten und in der Grundschule anzusprechen. Zudem müssen wir die sogenannten bildungsfernen Schichten erreichen, und natürlich muss das Thema Bildungsförderung auch vor dem integrationspolitischen Hintergrund geführt werden. Leider wird das Thema Integrationspolitik in den letzten Wochen nicht immer sachlich geführt, sondern stark parteipolitisch eingesetzt, was wenig hilfreich ist. Darauf werde ich aber mit Blick auf das Thema der heutigen Tagung nicht weiter eingehen, auch wenn dies natürlich große Fragen unserer Gesellschaft sind, da dies Herausforderungen sind, die in erster Linie von der Politik zu lösen sind.

Zudem ist die Politik nur die eine Seite. Das Thema der Tagung ist auch aus fachlicher und pädagogischer Sicht eine große Herausforderung: Fragen wie „Warum ist der Himmel blau? Kann man Wärme sehen? Und: Wieso fällt ein Flugzeug nicht vom Himmel?“ sind nicht nur spannend, sondern hinter ihnen verbergen sich naturwissenschaftlich hochkomplexe Zusammenhänge. Die anschauliche Behandlung bereits solch scheinbar einfacher Fragen, das wissen natürlich die Pädagogen unter Ihnen, erfordern manchmal die raffiniertesten Konzepte und Experimente.

In diesem Zusammenhang freut es mich sehr, dass Ende April in Dresden der Programmstart des vom BMBF geförderten „Netzwerk Teilchenwelt“ erfolgt ist. Schirmherrin des Netzwerks Teilchenwelt ist ebenfalls die DPG. Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren und Lehrkräfte erhalten die Möglichkeit, in sogenannten Masterclasses und weiterführenden Veranstaltungen unter fachkundiger Betreuung von DoktorandInnen die Welt der kleinsten Teilchen kennen zu lernen. Dabei können Jugendliche und Lehrkräfte auch selbst aktiv werden – von der Organisation von Projekttagen an der eigenen Schule bis hin zu Workshops oder Projektwochen am CERN und der Mitarbeit an deutschen Forschungsinstituten.

Ein solches Programm begrüße ich aus Sicht der Physik natürlich sehr, da das Fach bei Schülerinnen und Schülern, die keine faszinierenden Einblicke in die Physik erlebt haben, nicht sehr beliebt ist und deshalb in der Sekundarstufe II möglichst frühzeitig abgewählt wird. Damit geht uns großes Potenzial verloren. Einen solchen „Brain Drain“kann sich Deutschland, das als Hightech-Standort auf die Ergebnisse der Physik und ihrer Grundlagenforschung zentral angewiesen ist, nicht leisten. Das Resultat ist ein gravierender Mangel an Studierenden und hochqualifizierten Arbeitskräften im MINT-Bereich.

Aus diesem Grund ist die DPG bereits seit vielen Jahren mit verschiedenen Programmen in diesem Bereich aktiv, und zwar insbesondere den Highlights der Physik, Welt der Physik, DPG-Lehrerfortbildungen und Physik für Schülerinnen und Schüler, die ich kurz vorstellen möchte. Highlights der Physik Das jährliche Wissenschaftsfestival hat seinen Ursprung in den Veranstaltungen zum Wissenschaftsjahr 2000, dem „Jahr der Physik“. Die damit zusammenhängenden Aktionen, waren von großer Bedeutung für die Wahrnehmung und Wertschätzung der Physik. Mehr als hunderttausend Menschen besuchten seinerzeit die Veranstaltungen. Diese Resonanz war in dem Ausmaß nicht vorhersehbar und hatte entsprechend positive Konsequenzen: Inzwischen sind die Wissenschaftsjahre in Deutschland auch für andere Disziplinen zu einer festen Einrichtung geworden. Beflügelt durch diesen Erfolg wurden im Jahr 2001 durch das BMBF und die DPG die Highlights der Physik ins Leben gerufen, die bis heute jedes Jahr in einer anderen Stadt gastieren und zwischen 20.000 und 30.000 Besuchern in spannender Form die Physik und naturwissenschaftliche Prinzipien näher bringen.

Das Verständnis physikalischer Prinzipien ist aus meiner Sicht das einzige Rezept gegen die Flut von widersprüchlichen Aussagen, mit denen die Gesellschaft überhäuft wird, wenn es um Schicksalsfragen wie Energieversorgung und Klimawandel geht. Man muss nicht alle Details verstehen, doch zählen Grundlagen der Naturwissenschaften genauso zur Allgemeinbildung wie Goethe, Beethoven oder Michelangelo. Etwas anderes kann sich eine moderne Industriegesellschaft gar nicht mehr leisten. Um es einmal in der Sprache der Kinder zu sagen: Von Physik und Mathe rein gar nichts zu verstehen, ist heute einfach uncool!

Eine herausragende und seit vielen Jahren etablierte Einrichtung, bei sich insbesondere auch Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler über physikalische Inhalte oder Anwendungen in der Praxis informieren, ist natürlich das Internet-Portal Welt der Physik, herausgegeben von BMBF und DPG, koordiniert durch den Projekträger DESY. Über Welt der Physik, die diese Tagung ermöglich hat, möchte ich an dieser Stelle nun aber gar nicht mehr sagen, denn das würde bedeuten, die berühmten Eulen nach Athen zu tragen. Ich möchte aber an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen und dem Chefredakteur, Herrn Kube, und seinem ganzen Team herzlich für die ausgezeichnete Arbeit bei Welt der Physik zu danken.

Seit 1990 engagiert sich die DPG in der Aus- bzw. Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer, die mit eigenen Mitteln und mit Beiträgen der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung betrieben wird. Dazu finden regelmäßig im Physikzentrum Bad Honnef einwöchige Lehrerkurse statt, die von den Lehrerinnen und Lehrern sehr gut angenommen werden. Ergänzend zu den Angeboten im Physikzentrum Bad Honnef baut die DPG seit dem Jahr 2008 ein bundesweites Lehrerfortbildungsnetzwerk aufgebaut.

Mit ihrem Förderprogramm „Physik für Schülerinnen und Schüler“möchte die DPG gemeinsam mit der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung den angesprochenen Engpässen in den öffentlichen Schulen entgegenwirken, unter denen der naturwissenschaftliche Unterricht in besonderem Maße leidet. Im Rahmen dieses Programms können finanzielle Mittel für musterhafte Projekte an Schulen beantragt werden, die in besonderer Weise geeignet sind, das Interesse von mehr Schülerinnen und Schülern an diesen Fächern zu stärken, wie zum Beispiel rechnergestütztes Messen und Auswerten im Physik- und Profilunterricht, Bau und Programmierung von Robotermodellen oder die Erstellung einer Lärmkarte.

Dass Programme zur frühzeitigen Motivationsförderung für das Fach Physik erfolgreich im Hinblick auf die spätere Studienwahl sein können, belegt ein erstes Zwischenergebnis einer Langzeitstudie mit den Preisträgern des DPG-Schülerpreises aus dem Jahr 2007. Der Schülerpreis wird durch die DPG bundesweit an Schülerinnen und Schüler für herausragende Physikleistungen im Abitur verliehen. Im Rahmen dieser Aktion erhalten rund 8.000 Schülerinnen und Schüler eine kostenlose Mitgliedschaft und davon die 3.000 Jahrgangsbesten einen Buchpreis der DPG, nämlich ein Buch, das über aktuelle physikalische Forschung gut verständlich informiert. Die DPG-Studie hat zum Ziel, die Studien- und Karrierewege dieser naturwissenschaftlichen „high potentials“ zu verfolgen. Das Zwischenergebnis zeigt, dass über 90 % derjenigen, die im Jahr 2007 den Schülerpreis der DPG, d. h. kostenlose Mitgliedschaft und zum Teil zusätzlich auch noch den Buchpreis, erhalten haben, ein Studium aufgenommen haben. Von den Studierenden haben sich dabei fast 50 % für ein Studium im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich entschlossen, weitere knapp 40 % für ein Ingenieursstudium. Dieses Ergebnis möchte ich Ihnen mitteilen, um alle Akteure im Bereich der Nachwuchsarbeit und -förderung in Ihrem Engagement zusätzlich zu bestärken.

Einsatz für die Naturwissenschaften zahlt sich aus, wenn wir uns alle konsequent dafür einsetzen und die vielen guten Aktivitäten, die bereits existieren konsolidieren und zusätzlich innovative Konzepte einzubringen. Damit komme ich zum Schluss und möchte die Tagung eröffnen. Ich freue mich sehr auf ein Programm, dass ein breites fachliches Spektrum von Aktivitäten aus Wissenschaft, Didaktik und Schule abdeckt. Ihnen und uns allen wünsche ich ein viele neue Erfahrungen und gute Gespräche.

Vielen Dank.

*Verwaltungsdirektor DESY
**Tagungsleiter und Chefredakteur Welt der Physik
***Studiendirektor am Studienseminar für Gymnasien in Kassel, Gründer und Leiter des „PhysikClubs“ der Kinder- und Jugendakademie Kassel
****Erlanger Schülerforschungszentrum für Bayern
 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 21.06.2011, 14:40 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten