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Prof. Dr. Wolfgang Sandner, Berlin
am 15. März 2011

Rede des Präsidenten anlässlich des Festakts 2011 in Dresden

Festakt Teil I: Politischer Teil

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Hasenpflug,
sehr geehrter Herr Rektor Prof. Müller-Steinhagen,
sehr geehrte Ehrengäste und Preisträger,
lieber Herr Schultz,
lieber Jan Michael Rost Rost,
lieber Herr Schön,
liebe Fachverbandsleiter der teilnehmenden Fachverbände,
liebe Kolleginnen und Kollegen, Studierende und Nachwuchswissenschaftler aus der Physik,
meine sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur 75. Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Dresden.

Für alle, die es nicht wissen: was als „DPG Jahrestagung“ relativ harmlos klingen mag, ist in Wirklichkeit die größte Physikkonferenz Europas dieses Jahres, und sicher eine der größten weltweit. Wir haben bereits heute hier in Dresden deutlich über 7600 Anmeldungen aus aller Welt, darunter etwa 1350 Studierende (allein 200 aus Dresden) und sicher etwa 2000-3000 Doktoranden, Diplomanden und angehende Physik Bachelors und Masters. Zusammen mit den anderen Frühjahtrstagungen dieses Jahres in Karlsruhe, Münster und Kiel erwarten wir wieder über 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Ich freue mich sehr, dass die Jahrestagung wieder hier in Dresden stattfindet. Dresden ist eine Stadt der Kultur. Insofern sind wir hier richtig, da in einer hochtechnisierter Nation nicht nur die schönen Künste und die Geisteswissenschaften, sondern natürlich auch die manchmal als trocken angesehenen Naturwissenschaften und die Mathematik unverzichtbarer Bestandteil der Kultur sind. Vielleicht sollten wir uns gerade in diesen Tagen, wo die Beziehungen zwischen Naturwissenschaften, Technik und Gesellschaft unter besonderen Umständen diskutiert werden, daran erinnern.

Dresden ist ein gelebtes Beispiel dafür. Einerseits entstanden hier über Jahrhunderte Bauwerke von Weltruf: Die Frauenkirche, das Residenzschloss, der Dresdener Zwinger, die Semperoper, die Elbschlösser, die Hellerauer Gartenstadt oder die preisgekrönten Bauten moderner Architektur. Hier finden sich zudem berühmte Sammlungen von der Gemäldegalerie „Alte Meister“ bis zum berühmten „Grünen Gewölbe“.

Andererseits ist Dresden aber auch die Stadt der Wissenschaft. Hier konzentrieren sich mit der TU Dresden, vertreten durch Herrn Müller-Steinhagen, dem Leibniz- Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung von Herrn Schultz, dem Max Planck Institut für die Physik komplexer Systeme von Jan-Michael Rost und seinen Kollegen, zwei weiteren Max-Planck- und sieben Fraunhofer-Instituten, dem Forschungszentrum Rosssendorf der Helmholtz Gemeinschaft sowie dem Universitätsklinikum herausragende Forschungseinrichtungen. Forschung und Entwicklung an nahezu allen Materialien und im Bereich der Nanotechnologie sowie Spitzenforschung mit einem Fokus auf molekularem Bioengineering begründen Dresdens herausragende Stellung als Wissenschafts- und Innovationsregion, eingebettet in eine ausnehmend starke Wirtschaftsregion.

Diese große DPG-Jahrestagung passt deshalb hervorragend an diesen Ort. Neben den Sektionen Kondensierte Materie sowie Atom- und Molekül- und Optische Physik, tagen viele kleinere Fachverbände, Arbeitskreise und fachübergreifende Symposien wie Energieforschung, Umweltphysik, medizinische Physik, Biophysik, Strahlenphysik, die Physik sozio-ökonomischer Systeme, Frauenförderung und Chancengleichheit, bis hin zu den spannenden Grenzgebieten zwischen Physik und Philosophie. Diese Vielfalt macht unsere Frühjahrstagungen nicht für für gestandene Wissenschaftler interessant und sind ein Beitrag zu den Großen Gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, auf die ich gleich noch zurückkommen werde. Die Frühjahrstagungen sind insbesonder ein lebenslang prägendes Erlebnis für fast alle Absolventinnen und Absolventen der Physik, wenn sie mit großem Herzklopfen und Adrenalinschüben ihre wissenschaftlichen Ergebnisse erstmals vor einem internationalen Publikum vortragen. Die DPG ist stolz auf ihre jungen Mitglieder. Das Durchschnittsalter unserer fast 60.000 Mitglieder liegt knapp über 34 Jahren, die zahlenmäßig stärkste Altersgruppe ist die zwischen 19 und 29 Jahren. Sie rekrutiert sich aus den Abiturientinnen und Abiturienten, von denen die besten in Physik von der DPG einen Buchpreis und eine einjährige Mtigliedschaft gestiftet bekommen – in diesm Jahr werden wir den 30.000. Preis dieser Art vergeben.

Viele junge Mitglieder bedeutet auch, sich für deren Belange einzusetzen, und das tut die DPG auf verschiedenen Ebenen und mitunter sehr vernehmlich. Ganz aktuell ist die laufende Diskussion zum Bologna-Prozess, speziell zum Bachelor-Abschluss. „Bachelor welcome“ war die Erklärung vieler deutscher Konzerne aus dem Jahr 2008. Im Internet liest man, dass dieser Grundsatz auch weiterhin gelte, und es werden hohe Zahlen und Prozentsätze von neu eingestellten Bachelors zum Beispiel im Versicherungs- und Bankgewerbe genannt. Stutzig macht, dass High.Tech- Unternehmen wie die Lufthansa in den selben Quellen keine Zahlen nennen kann, grundsätzlich sei der Bachelor aber „genauso willkommen wie andere Abschlüsse“. Das ist ein typischer Fall für eine empirische Wissenschaft wie die Physik, weshalb die DPG eine Umfrage unter 28 ausgewählten Firmen, die bevorzugt Physiker einstellen, gemacht hat. Darunter waren 6 DAX-Unternehmen mit mehreren 100.000 Mitarbeitern ebenso wie kleine High-tech Firmen mit 20-30 Mitarbeitern. Das Ergebnis, gestern erstmals in Dresden vorgestellt, war eindeutig: 90 Prozent der Firmen stellen praktisch keine Physik-Bachelors ein, obwohl die meisten nach eigenen Angaben durchaus vertraut mit dem Konzept des Bachelor sind und fast alle sehr daran interssiert sind, Physik-Absolventen mit Master- und Diplom-Abschluss einzustellen – deren Berufsaussichten sind laut einer früheren DPG-Studie sogar ausgezeichnet!

Was lernen wir daraus? Ist der Bachelor etwa nicht berufsqualifizierend? Sollen wir gar die Bologna-Reform über Bord werfen und zurück zum Diplom? Oder sollen wir den Studenten vom Physikstudium abraten, weil die Industrie den Physik-Bachelor nicht liebt?

Natürlich nichts davon! Insbesondere denkt die DPG gar nicht daran, den Bologna Prozess in Frage zu stellen, und sieht auch keinen Grund dafür. Die Studie gibt nicht mehr und nicht weniger wieder als die aktuelle Einstellungs-Politik der Industrie und enthält an die Studierenden im Wesentlichen die folgende Nachricht: studiert Physik, wir brauchen euch und stellen auch gerne ein, aber haltet durch bis zum Master – wenigstens zur Zeit noch! Diese Botschaft ist allerdings eindeutig! Für die Politik bedeutet sie: stellt an den Universitäten genügend Ressourcen zur Verfügung, damit der Übergang vom Bachelor zum Master in Physik reibungslos gelingt.

Wo viele Studierende sind, werden neue Hochschullehrer gebraucht, aber deren Situation ist nicht immer einfach. Gefördert von der Wilhelm und Else Heraeus- Stiftung und unterstützt von den Physik-Fachbereichen hat die DPG im Dezember eine Studie zum Zugang zur Hochschullehrerlaufbahn im Fach Physik vorgelegt. Darin wird als größtes Problem die fehlende Perspektive jenseits der Nachwuchswissenschaftlerphase identifiziert. Forscherinnen und Forschern muss schon zu Anfang ihrer Qualifizierungsphase eine langfristige Perspektive geboten werden, insbesondere durch den Tenure Track. Dafür werden wir uns gemeinsam mit der Konferenz der Fachbereiche Physik einsetzen.

Dabei muss es unserer Ziel sein, den Frauenanteil bei den Nachwuchswissenschaftler(inne)n im Fach Physik signifikant zu steigern. Die DPG ist stolz darauf, dass der nächste Präsident der DPG eine Präsidentin ist, die erste in der langen Tradition der Gesellschaft, die bis 1845 zurückreicht. Ich freue mich auf die künftige Zusammenarbeit mit Prof. Johanna Stachel aus Heidelberg, die nach einem Jahr designierter Präsidentin im April 2012 die Leitung der DPG übernehmen wird. Aber auch jetzt schon engagiert sich die DPG mit ihrem Mentoring-Programm für junge Physikerinnen und Physiker am Übergang zwischen Hochschule und Arbeitswelt und mit dem Role-Model-Projekt „Lise Meitners Töchter“, das als Teil des BMBF-MINT-Pakts erfolgreiche Physikerinnen als Vorbilder für studieninteressierte Mädchen und junge Frauen insbesondere auf Postern vorstellt. An dieser Stelle haben wir mit etwa 14% Frauenanteil in unserer Gesellschaft und in der Physik insgesamt noch viel nachzuholen.

Nachwuchs und Ausbildung sind zwei Schwerpunkte der DPG Aktivitäten, Vermittlung physikalischer Fakten und Methodik ein weiterer. Das Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und der Gesellschaft ist grundsätzlich im Wandel. Die Welt sieht sich vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Energieversorgung, Klimawandel, Mobilität oder Gesundheits- und Altersforschung. Mit ihrer Studie zu einem nachhaltigen und klimaverträglichen Energiesystem hat sich die DPG in die politische Energiedebatte des vergangenen Sommers eingeschaltet – nicht mit einem weiteren Energiekonzept, sondern mit objektiver physikalischer Hintergrundinformation zu allen wichtigen Energieträgern und deren Klimaverträglichkeit.

Energie ist natürlich ein hochaktuelles Thema wegen der Vorgänge in Japan. Ich möchte allerdings die Katastrophe in Japan nicht auf die Störfälle in den Kernkraftwerken reduziert wissen, die allein schon katastrophal genug sind. Wir sind als DPG auf dieser Frühjahrstagung aber zusätzlich sehr betroffen über individuelle Schicksale unserer japanischen Kollegen und Konferenzteilnehmer, die eigentlich zu unserer Tagung kommen wollten. Ein Beispiel betrifft mein persönliches wissenschaftliches Umfeld, wo ein Kollege aus Sendai auf dem Weg nach Dresden in Bangkok umkehren musste und zeitweise große Schwierigkeiten hatte, mit seiner Familie überhaupt in Kontakt zu treten. Wir haben bereits ein Schreiben der DPG an unsere japanische Schwesterorganisation vorbereitet, wo wir unsere Anteilnahme mit dem Schicksal unserer Kollegen und der Nation ausdrücken.

Und dann natürlich die Kernkraft. Die Vorgänge in Fukushima sind dramatisch und heute, Mittwoch nachmittag, noch keineswegs abschließend zu beurteilen. Wir erleben ein Beispiel dafür, dass unwahrscheinliche Ereignisse nicht unmöglich sind. Dieser feine Unterschied ist tägliches Brot für uns Physiker, wird aber in der Politik und Gesellschaft häufig vergessen oder verdrängt und trifft sie dann um so härter, wenn seltene, aber unwahrscheinliche Störfälle tatsächlich eintreten. Was dann kommt, ist die selbe Reaktion mit umgekehrtem Vorzeichen: pltötzlich verlangen die Medien und die Gesellschaft, dass wir Physiker verbindliche und sichere Aussagen über den Ausgang oder die weitere Entwicklung der Katastrophe in Fukushima machen, obwohl die Faktenlage äußerst dünn und teilweise unzuverlässig ist. Man kann nur schwer damit umgehen, dass wir Physiker uns aus unserer Verantwortung heraus weigern, vorschnelle Aussagen zu machen – weder beschwichtigend noch Panik machend.

Allerdings können wir durchaus fundierte Aussagen machen: Die DPG und insbesondere der Präsident sind in ständigem Kontakt mit einer Reihe von Experten und Forschungseinrichtungen, die ganze Arbeitsgruppen von Physikern, Ingenieuren, Geowissenschaftlern, Radiologen und Meteorologen darauf angesetzt haben, die vorliegenden Fakten zu analysieren und numerische Simulationsrechnungen daraus abzuleiten. Natürlich sind auch hier auf der Konferenz ganze Fachbereiche und viele Experten, die dazu etwas zu sagen haben, und wir sind dankbar, dass wir dieses Spektrum an Expertise und Fachdisziplinen in unserer Gesellschaft haben. Das ist der Vorteil und gleichzeitig die große Verantwortung, die die Physik gegenüber der Gesellschaft hat: Fakten zu sammeln, sie mit den Methoden der Physik zu analysieren und daraus weitere Schlüsse zu ziehen, und bei alledem immer den Unterschied zwischen naturwissenschaftlichem Faktenwissen und gesellschaftlichen oder politisch motivierten Handlungsweisen zu beachten – ersteres ist unser Sache, letzteres nicht. Wir können und müssen allerdings versuchen, gesellschaftliche Diskussions- und Entscheidungsprozesse auf eine rationale Basis zu stellen – dazu müssen wir uns zu Wort melden, aber auch gehört werden, und zwar nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler und insbesondere europäischer Ebene.

Zwei Dinge machen die Physikerin oder den Physiker aus: Verpflichtung auf reine Fakten in der Wissenschaft und die Fähigkeit, diese Fakten mit Hilfe physikalischer Methodik in eine gemeinsame, eindeutigen Sprache der Mathematik zu übersetzen – weitgehend international und fern von Ideologien, weshalb Physiker es gewohnt sind, über Grenzen und sogar Eiserne Vorhänge hinweg zu kommunizieren und sogar Freundschaften zu schließen.

Mit Sicherheit hilft uns die gemeinsame Sprache der Mathematik auch – und damit komme ich zum letzten Punkt meiner Ausführungen - in unserer Arbeit und Methodik nur die höchsten Standards von Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und wissenschaftlicher Sorgfalt gelten zu lassen. Diese Verpflichtung ist, wie wir alle wissen, nicht unverbindlich, sondern seit langem in den Grundsätzen zur “Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis” der Deutschen Forschungsgemeinschaft festgelegt. Verstöße werden in allen öffentlich geförderten Wissenschafts- und Forschungsorganisationen mit Sanktionen belegt und bedeuten im Allgemeinen das Ende einer wissenschaftlichen Karriere.

Sie wissen, die DPG hat sich aus aktuellem Anlass zu dieser Diskussion ganz unmißverständlich geäußert (ich zitiere):
„Derartige Wertemaßstäbe sind die einzige Möglichkeit, das Vertrauen der Politik und Gesellschaft in wissenschaftliche Arbeit und Methodik zu rechtfertigen und gleichzeitig deren Qualität als Grundlage für die Zukunft des Landes zu sichern. Nur wenn Exzellenz, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit die Bewertungskriterien sind, sind junge Menschen bereit, das erhebliche berufliche, finanzielle und persönliche Risiko einer Karriere in Wissenschaft und Forschung einzugehen.

Dieser Wermaßstäbe sind in den letzten Wochen leichtfertig zur Disposition gestellt worden. Verstöße gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis wurden als zweitrangig gegenüber politischen Einzelinteressen dargestellt – ein Schlag ins Gesicht der Qualitätskontrolle in der Wissenschaft. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft fordert, dieser unseligen Diskussion ein sofortiges Ende zu bereiten. Sie fordert alle verantwortlichen Politiker, insbesondere die amtierende Regierung, auf, ein klares und eindeutiges Bekenntnis zu den Grundsätzen der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis abzulegen. Für die Öffentlichkeit muß damit ein deutliches Signal gegeben werden, dass diese unter keinen Umständen verhandelbar oder relativierbar sind – unabhängig von politischen Konstellationen, Personen oder Interessen.“

Hoffen wir, meine Damen und Herren, dass die Politik in sich geht und dieses überfällige Signal gibt und damit die Kollateralschäden für die Wissenschaft, die aus einer unseligen politischen Diskussion enstanden, wieder beseitigt.

Ich danke allen beteiligten Sektionen, Fachverbänden, Arbeitskreisen und der Fachgruppe für ein wieder exzellentes wissenschaftliches Programm sowie insbesondere dem Örtlichen Tagungsleiter, Ludwig Schultz, und seinem Team („Arbeits-Phi“) für die Realisierung und Organisation dieser Jahrestagung. Danken möchte ich an dieser Stelle aber auch der DPG-Geschäftsstelle für die hervorragende Betreuung aller DPG-Frühjahrstagungen.

 
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