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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 1. Juli 2008

Rede des Präsidenten anlässlich Einweihungsfeier des Physikneubaus an der TU Chemnitz

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Stange, sehr geehrter Herr Rektor Matthes, sehr geehrter Herr Radons, sehr geehrter Herr Nienhaus, sehr geehrter Herr Heckl, sehr geehrte Festgäste,

die heutige Feier anlässlich der Einweihung des Neubaus für das Institut für Physik der Technischen Universität Chemnitz ist von ganz besonderer Bedeutung für die Förderung der Physik in Deutschland. Bundespräsident Horst Köhler hat jüngst in seiner Berliner Rede am 17. Juni 2008 angemahnt:

„Nötig sind Schulen und Hochschulen, deren Qualität wieder Weltruf genießt – nicht aus Freude am Weltruf, sondern aus Verantwortung für die Schüler und Studenten.“

Eben diese große Verantwortung haben Sie mit dem Neubau in herausragender Weise für Forschung und Lehre in der Physik übernommen. Dafür möchte auch ich im Namen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und auch persönlich allen Beteiligten meinen herzlichen Dank und meine große Anerkennung aussprechen. Sie alle dürfen heute mit berechtigtem Stolz auf die Realisierung Ihres Werkes blicken. Wir brauchen solche exzellenten und vorbildhaften Hochschulen von Weltniveau für die Physik. Das Engagement der TU Chemnitz ist unerlässlich für eine Gesellschaft, deren Zukunft in höchstem Maße von naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Innovationen abhängt.

Ganz besonders freue ich mich deshalb auch, dass Sie zeitlich so ideal geplant haben und dieses Gebäude pünktlich zum 150. Geburtsjahr von Max Planck fertig geworden ist. Das Max-Planck-Jubiläum bietet wie das Einsteinjahr eine großartige Chance, die Wahrnehmung der Physik in der Öffentlichkeit in hohem Maße zu stärken. Dies hilft uns insbesondere zu vermitteln, dass die umwälzenden technischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert eng verbunden sind mit der Grundlagenforschung und neuen experimentellen Methoden. Zentrale, für die heutige Bevölkerung selbstverständliche, technologische Errungenschaften beruhen im hohen Maße auf Forschungen in der Physik, die ursprünglich gar nicht die Anwendung zum Ziel hatten. So hat die Erfindung eines unscheinbaren Transistors unsere gesamte elektronische Technik praktisch revolutioniert.
Ohne diesen und andere Halbleiterbauelemente und deren Miniaturisierung in hochintegrierten elektronischen Schaltungen würden weder die Computertechnik, noch die Technik der Steuerung elektrischer Geräte, noch die moderne Informationstechnik existieren. Zudem haben modernste optische Technologien wiederholt die Erkenntnisse und Methoden der Medizin entscheidend verbessert. Eine zentrale Rolle wird die Photonik, eine der Schlüsseltechnologien dieses Jahrhunderts, in den kommenden Jahren spielen, um neue hocheffiziente Heilmethoden gegen Volkskrankheiten wie Krebs und Infektionen zu entwickeln. Schließlich gäbe es ohne den von Wolfgang Paul im Jahr 1924 erstmals postulierten Kernspin weder die Kernspinthomographie noch die Atomuhr als wesentliches Element der heutigen Telekommunikation und der satellitengestützten Navigation (GPS).

Diese wenigen Beispiele mögen genügen um zu zeigen, dass die Physik mit ihrer Grundlagenforschung sowie die Naturwissenschaften sowohl unsere Technik als auch unsere Kultur maßgeblich geprägt haben und auch in Zukunft prägen werden. Denn Wissenschaft und Technik hatten und haben in Deutschland traditionell einen hohen Stand. Aus diesem Grund muss der freien Entwicklung der Grundlagenforschung ebenso wie der Abschätzung und der Verhinderung großer Risiken eine hohe Priorität eingeräumt werden. Wir brauchen eine umfassende Grundlagenforschung als Basis für Innovationen. Innovationen sind das höchste Gut der Wirtschaft. Deshalb sind Universitäten und großes Engagement wie hier an der TU Chemnitz unerlässlich. Ohne ihre hervorragenden und unermüdlichen Leistungen würden der Industrie, die zum Teil leider immer noch zu wenig eigene Grundlagenforschung betreibt, kaum die benötigten wirtschaftlich verwertbaren Innovationen zur Verfügung stehen.

Dennoch, trotz dieser wichtigen Rolle für unsere Zivilisation sowie der Tatsache, dass Physikerinnen und Physiker auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt sind, gibt es leider immer noch viel zu wenige junge Menschen, die sich an deutschen Hochschulen für einen Physikstudiengang einschreiben. Dieser Mangel an Fachkräften im Bereich der Physik und der Naturwissenschaften stellt schon heute die Wissenschaft und den Arbeitsmarkt vor große Probleme. An jeder Stelle, für die eine Physikerin oder ein Physiker gebraucht würde und die aus Mangel an Absolventen nicht besetzt werden kann, hängen zahlreiche Facharbeiterstellen, die dann gleichfalls unbesetzt bleiben müssen. Der Fachkräftemangel wirkt sich somit unmittelbar auf die Wirtschaftsleistung und die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands aus. Eine Studie der Bundesregierung hat unlängst gezeigt, dass der Schaden, den die deutsche Wirtschaft durch unbesetzte Stellen im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich pro Jahr erleidet, bereits mehrere Milliarden Euro beträgt.

Aus diesem Grund begrüßt die DPG auch sehr eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die zum Ziel hat, dem Fachkräftemangel zu begegnen und mehr Studien- und Berufsabschlüsse in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz MINT) zu fördern. Ganz besonders dramatisch ist dabei der geringe Frauenanteil in diesen Berufen. Dies macht leider deutlich, dass sich in Deutschland immer noch viel zu wenige Frauen für naturwissenschaftliche oder technische Studiengänge interessieren bzw. entscheiden.
Deshalb hat die DPG im Juni in Berlin gemeinsam mit Bundesministerin Schavan und weiteren rund 40 Spitzenverbänden, wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Unternehmen den nationalen Pakt für mehr Frauen in MINT-Berufen unterzeichnet. Ziel des Pakts ist es vor allem, mehr junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern und den Anteil der Studienanfängerinnen in diesen Fächern um fünf Prozent zu steigern. Zum Vergleich: Während in der gesamten Europäischen Union 27 Prozent der Ingenieurstudenten weiblich sind, liegt der Frauenanteil in Deutschland bei nur 22 Prozent. Dies müssen wir im Hinblick auf den Erhalt und den Ausbau des Wissenschaftsstandortes Deutschland dringend ändern.

Um die Bedeutung der Physik für unsere Gesellschaft zu vermitteln und Begeisterung für die Physik und die Naturwissenschaften zu wecken, müssen parallel dazu bereits im Kindergarten und in der Schule die Grundlagen gelegt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung meinen größten Dank aussprechen, die durch ihre großzügige Förderung dafür sorgt, dass in den nächsten drei Jahren rund 20.000 Lehrerinnen und Lehrer im Fach Physik im Zusammenwirken mit der DPG fortgebildet werden können. Dabei geht es nicht nur um die fachliche Weiterbildung. Vielfach erzählen mir Physikerinnen und Physiker, dass sie nur zur Physik gekommen sind, da sie in der Schule engagierte und gute Physiklehrerinnen und Lehrer hatten, die Inhalte spannend und anschaulich präsentieren konnten. Freude an der Physik zu vermitteln muss somit in ganz besonderem Maße unser Ziel sein.

Meine Damen und Herren. Nur wenn Deutschland künftig im Wissenschaftsbereich an vorderster Stelle stehen kann, wird es im internationalen Wettbewerb bestehen. Dafür ist eine exzellente Bildung und Ausbildung an den Hochschulen die entscheidende Voraussetzung. Oder, wie es Benjamin Franklin einmal so schön gesagt haben soll:

„Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.“

In diese Wissensvermehrung und deren Tradierung hat die TU Chemnitz ganz hervorragend investiert, wofür ich allen Beteiligten noch einmal meinen großen Dank ausspreche. Ich wünsche Ihnen und uns nun, dass der Neubau viele „Zinsen“ erbringt und zu einer Begegnungsstätte und einem Mittelpunkt der physikalischen Forschung wird, der die wissenschaftliche Infrastruktur Deutschlands in jeder Beziehung bereichern wird.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 
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