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Prof. Dr. Gert Litfin, Göttingen
am 14. November 2008

Rede des Präsidenten zur Einführung in die Diskussionsveranstaltung „Frauen in die Physik! Studium, Aufstieg, Leitfiguren“ im Physikzentrum Bad Honnef

Sehr geehrte Frau Feiden, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich möchte Sie ganz herzlich zur Podiumsdiskussion am Tag der DPG begrüßen und sie kurz in unser heutiges Thema einführen. Naturwissenschaften bilden eine zentrale Grundlage für neue Entdeckungen und Innovationen für unsere Gesellschaft. Deshalb müssen wir ihnen eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft beimessen und Begeisterung für sie wecken. Mit den Jahren aber und – wie pädagogische Untersuchungen belegen – oftmals schon in der Grundschulzeit verringert sich das Interesse der Mädchen an Naturwissenschaft und Technik.

Mit den Auswirkungen dieser Entwicklung beschäftigt sich die heutige Diskussionsrunde, die wir unter das Motto „Frauen in die Physik! Studium, Aufstieg, Leitfiguren“ gestellt haben. Sie haben das Ausrufezeichen hinter dem Titel der Veranstaltung mitgehört: „Frauen in die Physik!“ – Es geht nicht darum, einen Zustand zu beklagen, sondern Wege aufzuzeigen, die den Trend umkehren und die Physik attraktiver machen: Für Mädchen in der Schule, für junge Frauen bei der Entscheidung für einen Studiengang, für Frauen als Berufs- und Arbeitsfeld.

Uns allen muss die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses und insbesondere von jungen Mädchen und Frauen in Verbindung mit der Förderung von Chancengleichheit ein zentrales Anliegen sein und bleiben. Wir müssen die Motivation und das Interesse an naturwissenschaftlichen Fragestellungen an den wissenschaftlichen Nachwuchs und damit insbesondere auch an Schülerinnen und Schüler als die potenziellen Physikerinnen und Physiker der Zukunft weitergeben. Darin besteht das besondere Anliegen der DPG, denn leider müssen wir immer noch feststellen, dass Naturwissenschaften in Deutschland noch zu wenig Begeisterung hervorrufen. Für die Förderung des Bildungs- und Wissenschaftsstandortes Deutschland hat dies dramatische Auswirkungen. Studien und Erhebungen belegen leider, dass uns schon in einigen Jahren der naturwissenschaftliche Nachwuchs ausgehen wird. Mit jeder Stelle, für die eine Physikerin oder ein Physiker gebraucht und die aus Mangel an Fachkräften nicht besetzt wird, sind zahlreiche Facharbeiterstellen verbunden, die dann ebenfalls nicht besetzt werden können. Bereits heute verliert die Deutsche Wirtschaft durch unbesetzte Stellen im naturwissenschaftlichen und Ingenieur-Bereich pro Jahr mehrere Milliarden Euro. Studien zeigen zudem, dass Deutschlands generelle Innovationsfähigkeit – gemessen an den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen – international nur im Mittelfeld liegt. Deshalb muss es unser Ziel sein, Frauen auch besser in den Innovationsprozess zu integrieren. Zwar hat Deutschland eine überdurchschnittlich forschungsintensive Industrie, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erhoben hat. Auch der Anteil der dort beschäftigten Frauen gemessen an allen erwerbstätigen Frauen liegt über dem internationalen Durchschnitt. Bezogen auf die beschäftigten Männer gilt allerdings das Gegenteil: Gerade in den Innovationsstarken forschungs- und wissensintensiven Bereichen ist der so gerechnete Frauenanteil in Deutschland im internationalen Vergleich leider besonders gering. Im Innovationsindikator 2008, Herausgegeben von BDI und der Telekom Stiftung, wurde gemessen, wie viel Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren in der Wissenschaft und der Beschäftigen mit akademischer Ausbildung in den Unternehmen Frauen sind. Die Ergebnisse zeigen, dass den Frauen die Türen der Firmen wesentlich offener stehen als die der Universitäten. So ist in Deutschland jeder zweite Beschäftigte in einem Unternehmen mit einem wissenschaftlichen Hochschulabschluss eine Frau. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit auf Rang 7. Beim Anteil der Frauen an den wissenschaftlichen Assistenten und Professoren reicht es für Deutschland dagegen nur zu Rang 15. Dies bestätigen auch die Fakten aus der Physik: Zu Studienbeginn liegt der Frauenanteil bei lediglich 27 Prozent. Der Frauenanteil bei den Diplomprüfungen sinkt noch einmal auf 20 Prozent. Bei den Promotionen finden wir in der Folge nur noch einen Frauenanteil von 17 Prozent und unter den Hochschuldozenten in der Physik beträgt dieser schließlich nur noch magere fünf Prozent. Für den niedrigen Anteil der Frauen macht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kulturelle und strukturelle Hindernisse verantwortlich.

Ich zitiere:
„Zum einen erscheine Frauen eine wissenschaftliche Karriere weniger attraktiv, weil sie als unflexibel und kaum familienfreundlich eingestuft werde. Zum anderen herrsche im deutschen Wissenschaftsbetrieb noch eine gewisse Voreingenommenheit. So haben Studien ergeben, dass Frauen in den Naturwissenschaften trotz gleicher Qualifikation und Berufserfahrung geringere Karrierechancen haben. Subtile Formen der Diskriminierung zeigen sich beispielsweise in Einstellungsverfahren und Bewertungen von wissenschaftlichen Arbeiten.“

Das Thema: „Förderung des weiblichen Nachwuchses“ soll also heute eine zentrale Rolle spielen. Aus diesem Grund freut es mich sehr, dass sich am heutigen Tag der DPG die Gelegenheit bietet, einem ungemein aktiven und wichtigen Gremium innerhalb unserer Gesellschaft zu seinem zehnjährigen Bestehen zu gratulieren. Ich meine den Arbeitskreis Chancengleichheit, der sich 1998 im Rahmen der zweiten Deutschen Physikerinnentagung konstituiert hat und am 14. November 1998 – also auf den Tag genau vor zehn Jahren – vom Vorstandsrat der DPG offiziell eingerichtet wurde. Mit über 230 Mitgliedern ist der Arbeitskreis Chancengleichheit einer der größten interdisziplinären Arbeitskreise der DPG, der mit vielfältigen Aktivitäten die Situation von Frauen in der Physik verbessert. Ihnen, Frau Kluge, möchte ich stellvertretend für alle Mitglieder des AKC meinen herzlichen Dank für ihre tolle Arbeit und Ihr großes Engagement aussprechen.

Meine Damen und Herren, wir alle müssen und können dazu beitragen, die völlig veraltete Wahrnehmung zu verändern, die suggeriert, Technik und Wissenschaft wären eine Männerdomäne. Vielmehr gilt es Mädchen zu ermutigen, sehr viel stärker Mathematik, Physik und die weiteren naturwissenschaftlich-technischen Fächer als Leistungsfächer in der Schule zu belegen, und dabei zu helfen, die oftmals tradierten Vorurteile gegen naturwissenschaftliche Fächer abzubauen. Den Naturwissenschaften muss unbedingt ein ihrer Bedeutung angemessener Platz eingeräumt und erhalten werden. Nur so haben wir eine Chance, junge Frauen für Studiengänge und Ausbildungsberufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu gewinnen. Derzeit sind junge Frauen überwiegend in kaufmännischen Berufen, medizinischen Assistenzberufen und im Dienstleistungssektor tätig, so eine Analyse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Um aber überhaupt Frauen in der Physik den Weg in Leitungsfunktionen zu bahnen, müssen wir an der Basis beginnen und die Physik für Mädchen und Frauen in Schule, Studium und Beruf attraktiver machen. Hier sieht sich die DPG im Einklang mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung angeregten nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen, den ich in meiner Funktion als DPG-Präsident Anfang Juni in Berlin unterschrieben habe. Die Pakt-Partner haben sich konkrete gemeinsame Ziele gesetzt: Der Anteil an Studienanfängerinnen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern soll in den nächsten drei Jahren um durchschnittlich fünf Prozentpunkte steigen, bei Neueinstellungen im MINT-Bereich sollen Frauen mindestens entsprechend ihres Anteils an den Absolventen berücksichtigt und ihr Anteil an Führungspositionen deutlich erhöht werden.

Die DPG bringt sich in diesen MINT-Pakt konkret mit den Lise Meitner Lectures ein, die im Oktober dieses Jahres in Wien und Berlin im Rahmen eines binationalen Projekts der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft sowie der DPG gestartet worden sind. Die Österreicherin Lise Meitner, deren 130. Geburtstag wir in diesem November feiern, war eine der bedeutendsten Physikerinnen ihrer Zeit – übrigens auch die erste Frau im Vorstand der DPG – und ist durch ihr herausragendes wissenschaftliches und auch gesellschaftliches Engagement im besten Sinne ein Vorbild. Für die Zukunft sind im Rahmen der Lise Meitner Lectures neben öffentlichen und allgemein verständlichen Vorträgen Treffen mit Schülerinnen und Schülern sowie Diskussionen mit jungen Frauen, Studierenden und Nachwuchsforschern geplant.

Über den MINT-Pakt hinaus engagiert sich die DPG bereits seit Jahren mit einer Reihe von Aktivitäten und Projekten. Dass Physik keine Männersache ist, macht etwa Jahr für Jahr die im Zusammenhang mit dem AKC genannte Deutsche Physikerinnentagung deutlich, die gemeinsam durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung und die DPG gefördert wird. Die diesjährige 12. Physikerinnentagung fand vor einer Woche in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster statt. Rund 250 Physikerinnen aus Universität, Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft kamen dort zusammen. Davon, wie lebhaft der Austausch zwischen den Teilnehmerinnen über die neuesten Forschungsgebiete und wie intensiv die Fachdiskussionen waren, konnte ich mich bei der Eröffnungsveranstaltung selbst überzeugen. Begleitend zur Tagung richtete sich unter dem Motto „Abenteuer Universum“ ein abwechslungsreiches Programm an Schülerinnen der Oberstufe. Den jungen Frauen konnte so über den Schulstoff hinaus ein Bild von aktueller Forschung in der Physik und von dem spannenden Beruf der Physikerin vermittelt werden. Denn damit sich talentierte Mädchen und Jungen für die Physik oder einen anderen naturwissenschaftlichen Beruf entscheiden, müssen sie natürlich auch wissen, was sie konkret einmal in der Praxis erwarten könnte. Gute Statistiken, die hervorragende Berufschancen im Bereich der Physik prognostizieren, reichen dafür oft nicht aus.

Ein seit vielen Jahren sehr erfolgreiches Projekt, junge Frauen und Mädchen, aber natürlich auch Jungen, für die Naturwissenschaften zu begeistern, sind die so genannten „Highlights der Physik“. Inspiriert durch den Erfolg des Jahres der Physik im Jahr 2000 veranstalten die DPG und das BMBF seit 2001 diese Großveranstaltung, die jährlich wechselnd in einer anderen Stadt stattfindet. Das Programm besteht aus einer großen Wissenschaftsshow mit „Quarks & Co“-Moderator Ranga Yogeshwar und Gästen aus Politik und Wissenschaft, einer interaktiven Ausstellung mit Physik „zum Anfassen und Ausprobieren“, Live-Experimenten, einem Schülerwettbewerb und spannenden Vorträgen von Top-Forschern. Mehrere Nobelpreisträger und sogar "Löwenzahn" und Peter Lustig waren schon mit von der Partie.

Eine große Freude ist es mir auch, dass wir im letzten Jahr ein Projekt zur Lehrerfortbildung starten konnten. Wie so oft gebührt der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung dafür unser großer Dank, die dieses Projekt finanziert. Innerhalb von drei Jahren sollen in einem Netzwerk rund 20.000 Lehrerinnen und Lehrer fortgebildet werden. Wenn wir junge Mädchen für die Physik begeistern möchten, dann brauchen wir noch mehr engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die die Faszination der Physik vermitteln und Begeisterung wecken können. Eine verbesserte Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer ist auch dringend vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl an Quereinsteigern in das Lehramt für Physik erforderlich.

Neben diesen Projekten gibt es natürlich auch weitere Initiativen und Bemühungen im Bereich der Wissenschaften und der Forschungspolitik, die unser Anliegen der Förderung von Frauen in den Naturwissenschaften unterstützen. Ich erinnere hier nur an die im November 2006 vom Plenum der Hochschulrektorenkonferenz verabschiedeten „Empfehlungen zur Verwirklichung von Chancengleichheit im Hochschulbereich“, in denen, bezogen auf alle Fächer und Fachbereiche, konstatiert wird:

„Die unzureichende Beteiligung von Frauen bedeutet ein Effizienz- und Exzellenzdefizit für den Hochschulbereich, denn das in Wissenschaft und Forschung liegende Innovationspotenzial kann zur Gänze nur genutzt werden, wenn herausragende Talente unabhängig vom Geschlecht in möglichst großer Zahl im Wissenschaftsbereich verbleiben und nicht auf dem Weg zu ihrer höchsten Leistungsfähigkeit in andere Beschäftigungsbereiche abwandern. Männer und Frauen müssen auf allen Ebenen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gleichberechtigt beteiligt werden.“

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat unlängst bei ihrer Mitgliederversammlung im Juli 2008 forschungsorientierte Gleichstellungsstandards beschlossen, die hinsichtlich der Strukturen wie der Personen Gleichstellung auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebs garantieren sollen.

Besonders erwähnen möchte ich auch eine im Juni 2008 veröffentlichte Studie des Londoner „Centre for Economic Policy Research“. Die Autoren haben an den Eingangsexamina der HEC School of Management, einer französischen „grand école“ und wichtigsten Kaderschmiede für Frankreichs Wirtschaftselite, die Beobachtung gemacht, dass in diesen wettbewerblich organisierten Eingangsprüfungen, in denen die Bewerberinnen und Bewerber um eine begrenzte Zahl von Studienplätzen konkurrieren, die männlichen Bewerber signifikant besser abschneiden als ihre weiblichen Konkurrentinnen. Beim französischen Zentralabitur hatten jedoch die Bewerberinnen zuvor deutlich besser abgeschnitten als die Bewerber, und auch unter den zur HEC zugelassenen Studentinnen und Studenten erzielen die Frauen im Studium wiederum deutlich bessere Leistungen. Die Autoren der Studie schließen daraus, dass Männer in der Situation der unmittelbaren Konkurrenz – wie hier um die begehrten Plätze an der Elitehochschule – erfolgreicher agieren als gleich oder besser qualifizierte Frauen. Wenn dem so wäre, könnte das erklären, warum der Anteil von Frauen in Leitungspositionen geringer ist, als es ihre Qualifikation erwarten ließe. Der Weg in diese Positionen, so die Studie, gleiche einer Folge von Konkurrenzsituationen, in denen sich – aufgrund welcher Dispositionen oder Verhaltensmuster auch immer – häufiger Männer als Frauen durchsetzen. Vielleicht lassen sich von hier aus Strategien finden, die auch dem viel zu geringen Anteil von Professorinnen in der Physik entgegenwirken können? Dies möchte ich auch gerne in der Podiumsdiskussion aufgreifen.

Das Podium soll sich einerseits mit der Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses, andererseits mit den Karriereverläufen von Frauen und ihrem Aufstieg in Spitzenpositionen von Wissenschaft, Wirtschaft und im öffentlichen Leben befassen. Hier stehen neben dem naturwissenschaftlichen Interesse auch ganz besonders Fragen der persönlichen Karriereplanung sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt.

 
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