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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 26. November 2009

Rede des Präsidenten
anlässlich der Verleihung des Otto-Hahn-Preises an Stefan W. Hell,
Paulskirche, Frankfurt am Main


(Es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Roth, sehr geehrter Herr Müllen, sehr geehrter Herr Hell, meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, heute gemeinsam mit der Stadt Frankfurt und der Gesellschaft Deutscher Chemiker den Otto-Hahn-Preis an Herrn Prof. Dr. Stefan Hell, Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, für die Entwicklung der „STED-Mikroskopie“ vergeben zu dürfen. Es ist mir zudem eine besondere Ehre, für die ich Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin Roth und der Stadt Frankfurt, sehr danke, dass die Preisverleihung des Otto-Hahn-Preises hier in der Frankfurter Paulskirche an so historisch bedeutsamer Stätte erfolgen kann. Die Paulskirche ist als „Wiege der Deutschen Demokratie“ das nationale Symbol für Freiheit und Demokratie in Deutschland schlechthin. Dieser freiheitliche Gedanke ist auch die Voraussetzung für erfolgreiche Wissenschaft, für die Möglichkeit des freien Gedankenaustausches, Grundlage aller Innovationskraft und wissenschaftlicher Kreativität. Die kürzlich begangene Feier zum Mauerfall vor 20 Jahren hat uns dies einmal mehr ins Bewusstsein gerufen; denn damit wurde auch die Vereinigung der beiden deutschen Physikalischen Gesellschaften ermöglicht. Dies hat die Deutsche Physikalische Gesellschaft – auch dank großzügiger und langjähriger Förderung durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung – zur größten Physikalischen Gesellschaft der Welt werden lassen.

Die Ergebnisse freiheitlichen wissenschaftlichen Denkens anzuerkennen und öffentlich zu würdigen, ist für jede Wissenschaft von zentraler Bedeutung. Dadurch wird einerseits eine herausragende Arbeit geehrt, andererseits stellt eine Preisverleihung immer auch eine zentrale Kulturtechnik zur Weitergabe von Wissen und Traditionen dar. Ohne diese Wissenstradierung verlöre die moderne Welt ihre Natur und unsere Gesellschaft ihre Zukunft. Mit Ihrer wissenschaftlichen Leistung im Bereich der Optischen Technologien, verehrter Herr Hell, haben Sie einen exzellenten Beitrag geleistet, der für die Wissenschaft und Gesellschaft von herausragender Bedeutung ist. Dabei ist Ihre Erfindung überhaupt nicht für möglich gehalten worden. In den Standardlehrbüchern der Physik oder Biologie kann man nachlesen, dass der Lichtmikroskopie eine natürliche Grenze gesetzt ist. Der Thüringer Physiker Ernst Abbe hatte Ende des 19. Jahrhunderts formuliert, dass unter einem Lichtmikroskop nichts abzubilden ist, was kleiner ist als eine halbe Lichtwellenlänge also etwa 200 Nanometer, das entspricht einem fünftausendstel eines Millimeters. Dass man dennoch kleinere Strukturen mit Licht nachweisen kann, haben Sie mit der STED-Mikroskopie bewiesen. Sie haben damit den Einblick in die lebende Zelle ermöglicht und für ein neues Werkzeug in der Zellbiologie gesorgt, welches bis in den Bereich weniger Nanometer auflösen kann.

Einstein hat treffend formuliert:

Wichtig ist, dass man nie aufhört zu fragen.“

Dies trifft auf Sie in ganz herausragender Weise zu. Ohne Ihre Neugierde und Ihren Mut, neue Ideen und Wege zu verfolgen, aber auch ohne die damit verbundenen Entbehrungen, würde sich die Naturwissenschaften nicht weiterentwickeln, würden keine neuen Erkenntnisse hervorgebracht. Ihre Entwicklung ist ein ganz hervorragendes Beispiel für exzellente Innovationen im Bereich der Optischen Technologien, die aus der Fertigungstechnik, der Medizin, der Telekommunikation, den Medien oder dem Straßenverkehr nicht mehr wegzudenken sind.

Herausragend ist die STED-Mikroskopie als Teil der Optischen Technologien natürlich in besonderer Weise für die moderne Medizin mit Blick auf die großen Fragen der Gesundheitsforschung. An der Schnittstelle zwischen Physik und Biologie können Ihre Erkenntnisse dabei helfen, die Lebensqualität von Menschen aller Generationen, von Frauen, Männern und Kindern zu erhöhen und gleichzeitig die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems zu sichern. Durch die STED-Mikroskopie können die sogenannten „Bausteine des Lebens“, wie etwa Eiweißmoleküle, also die bekannten Proteine, innerhalb einer Zelle viel besser erkannt, ihre Funktionen und dynamischen Abläufe beobachtet und damit die Entstehung von Krankheiten besser verstanden werden.

Die Entwicklung und Verbesserung durch Ihre Methode legt einen wichtigen Grundstein, dass Krankheiten wie Krebs, Aids, Demenz- und Augenerkrankungen ursächlich behandelbar und sicherer diagnostizierbar werden. Die Zukunft liegt deshalb in der sogenannten „präventiven Medizin“, wobei die STED-Mikroskopie ein ganz ausgezeichnetes Beispiel ist, neue Perspektiven für die Medizin zu eröffnen. Die schulmedizinische Versorgung war und ist heute größtenteils noch Reparaturmedizin. Doch die Zukunft wird stärker in der Gesundheitsvorsorge statt der Krankheitsnachsorge liegen! Dazu nur eine Zahl: Derzeit werden drei Viertel der Mittel in der globalen Gesundheitsvorsorge für die symptomatische Behandlung fortgeschrittener Krankheitsbilder ausgegeben. Dies ist eine unglaubliche Summe. Forschungen wir die Ihrige, Herr Hell, können einen wichtigen Beitrag leisten, diese Mittel in Zukunft noch effizienter einzusetzen und zeigen in hervorragender Weise die Bedeutung der Forschung im Bereich der Optischen Technologien für Deutschland.

Der Nobelpreisträger und Physiker Theodor Hänsch hat einmal gesagt:

Fast alles, war wir über die Welt wissen, haben wir durch das Licht gelernt. Hochgenaue optische Messinstrumente werden auch in Zukunft zu grundlegenden Entdeckungen führen.“

Selbst wenn Theodor Hänsch in einem ganz anderen physikalischen Feld arbeitet, so gilt dieses Zitat auch wunderbar für Ihre Arbeit auf dem Gebiet der nichtlinearen Optik, Herr Hell. Mit Ihrer Forschung tragen Sie mit dazu bei, dass Deutschland im Bereich der optischen Technologien an vorderer Stelle in der Welt steht, um so mit hervorragenden Forschungsergebnissen und innovativen Produkten einen großen Beitrag zur Lösung von globalen Problemen wie Klimaschutz, Energieversorgung, funktionierenden Gesundheitssystemen, Medizintechnik und natürlich dem gesamten Bereich der Life-Sciences zu leisten. Dafür investiert in den nächsten 10 Jahren allein die Industrie mehr als 15 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung der Photonik. Gleichzeitig sind die Optischen Technologien ein echtes Wachstumsfeld: Bis 2015 ist mit einem durchschnittlichen Wachstum von 7,6 Prozent pro Jahr und mehr als 40.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen zu rechnen. Damit wird die Branche in Deutschland insgesamt 140.000 Menschen beschäftigen, die sich neben gut ausgebildeten Fachkräften zu einem hohen Anteil aus Fachkräften mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss rekrutieren. Zur Förderung der Optischen Technologien hat deshalb ein wichtiger Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Industrie stattgefunden. Unterstützt wird dieses Engagement in besonderer Weise durch das BMBF-Förderprogramm „Optische Technologien – made in Germany“. Im Rahmen dieser Projektförderung arbeiten Forschungsverbünde von Instituten und Unternehmen zusammen an gemeinsamen Forschungszielen.

Um die dafür benötigten Fachkräfte zu erhalten, gilt es den Bildungssektor in Deutschland in ganz herausragender Weise zu stärken. Dazu müssen wir die gesamte Bildungskette betrachten, beginnend im Kindergarten über Grundschule, Schule und Hochschule bis hin zur beruflichen Bildung und Weiterbildung. Studien und Erhebungen belegen nämlich leider immer noch, dass uns schon in einigen Jahren der naturwissenschaftliche Nachwuchs dramatisch zu Neige gehen könnte. Die Absicht der Bundesregierung, Deutschland zu einer „Bildungsrepublik“ zu machen, ist deshalb sehr willkommen und unverzichtbar. Dies ist jedoch nicht nur eine nationale, sondern auch eine europäische Herausforderung, denn in Europa fehlen uns schätzungsweise 700.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Die aktuellen alarmierenden Modelle zur Demographieentwicklung in Deutschland zeigen, was mit Blick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs passieren könnte, wenn wir jetzt nicht mit aller Kraft etwas unternehmen. Im Jahr 2060 werden in Deutschland fast genauso viele Menschen über 80 wie Kinder und Teenager unter 20 leben. Während heute nur etwa jeder Zwanzigste in Deutschland 80 Jahre oder älter ist, wird im Jahr 2060 also jeder Siebte hochbetagt sein. Sollten sich diese Prognosen bewahrheiten, sind die Folgen für die Wissenschaft dramatisch.

Dies betrifft in besonderer Weise die Physik, die heute leider bei Schülerinnen und Schülern zu den am wenigsten beliebten Fächern zählt. Das führt dazu, dass nicht selten junge Menschen, die mit einem natürlichen Interesse an Natur und Technik in die Schule kommen, diese eher demotiviert oder gar mit einer Abneigung gegen dieses Fach verlassen. Problematisch an diesem negativen Fachimage ist in ganz besonderer Weise, dass sich gerade junge Frauen oftmals gegen ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden. Obwohl erfreulicherweise bereits 56% der Abiturientinnen in Deutschland weiblich sind, trifft dies für Studienanfängerinnen in der Physik bisher leider nur auf ein gutes Viertel zu. Dies gilt in noch geringerem Ausmaß auch für die Ingenieurswissenschaften. Physik-Professorinnen kann man heute leider nur mit dem Vergrößerungsglas finden, da sie nur einen Anteil von fünf Prozent in Deutschland haben. Diese Zahl ist so unglaublich niedrig, dass sie, erlauben Sie mir den Kommentar, bei manchen physikalischen Messungen im sogenannten „Rauschen“ untergehen würde.

Damit ist gerade in den innovationsstarken forschungs- und wissensintensiven Bereichen in Deutschland der Frauenanteil im internationalen Vergleich extrem gering. Das stellt uns vor große Probleme mit Blick auf den Wissenschaftsstandort Deutschland. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf. Das möchte ich betonen, da ich bei einigen Unternehmen und auch den Medien gelegentlich den Eindruck habe, dass diese glauben, der Fachkräftemangel wäre durch die Folgen der Wirtschaftskrise bereits abgemildert. Eine solche Haltung ist höchstgefährlich und setzt ein völlig falsches Signal. Um es ganz klar zu sagen: Selbst wenn derzeit einige Arbeitsplätze wirtschaftsbedingt wegfallen bzw. weggefallen sind, benötigt Deutschland mehr denn je hochqualifizierte Arbeitskräfte und Arbeitsplätze, um sich krisenfester zu machen und international konkurrenzfähig zu bleiben. Wir können auf das Potenzial von exzellent ausgebildeten Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern nicht verzichten.

Was können wir tun? Hier gibt es verschiedene Ansätze und Wege, von denen die Deutsche Physikalische Gesellschaft überzeugt ist, dass sie auf Dauer erfolgreich sein werden: Wir müssen einerseits junge Menschen durch begeisternden Schulunterricht, gute Lehrerausbildung, spannende und exzellente Forschung, wie die Ihrige, Herr Hell, naturwissenschaftliche Festivals, wie z. B. die vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten „Highlights der Physik“ oder Ausstellungen wie „Faszination Licht“ oder „Science Express“, Role-Model-Konzepte, Mentoring-Programme und besondere Aktionen für Schülerinnen und Schüler für die Physik begeistern. Andererseits müssen wir die Chancengleichheit deutlich verbessern, um die Voraussetzung in Deutschland zu schaffen, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu verantwortungsvollen beruflichen Positionen erhalten. Aus diesem Grund begrüßt die Deutsche Physikalische Gesellschaft auch sehr den nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), initiiert durch das BMBF. Dieser Pakt soll als Bestandteil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung das Bild der MINT-Berufe in der Gesellschaft verändern, junge Frauen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge gewinnen und zu Karrieren in der Wirtschaft ermutigen. Zudem engagiert sich die DPG in der Initiative „MINT-Zukunft schaffen“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nur so können wir das unverzichtbare Potenzial weiblicher Fachkräfte integrieren und ausschöpfen.

Und natürlich leisten Sie, verehrter Herr Hell, mit Ihren Arbeiten einen herausragenden Beitrag, dass wir auch in Zukunft als Wissenschafts- und Hightech-Standort hervorragend aufgestellt sind mit großartigen Perspektiven für unseren wissenschaftlichen Nachwuchs. Ihr Engagement ist damit ein hervorragender Beitrag, zur Sicherung und weiteren Konsolidierung des Wissens-, Bildungs-, und Forschungsstandorts Deutschlands.

Damit möchte ich schließen und gratuliere Ihnen, verehrter Herr Hell, noch einmal ganz herzlich zu Ihrem Preis. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 
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