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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 7. Februar 2009

Rede des Präsidenten anlässlich der 40. Physikolympiade im DLR-School-Lab Göttingen

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sehr verehrte Gäste,

ich freue mich sehr, heute an der Siegerehrung der Dritten Runde des Auswahlverfahrens der 40. Internationalen Physikolympiade hier im DLR-School-Lab Göttingen mitwirken zu dürfen. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern möchte ich meine große Anerkennung für Ihre hervorragenden Leistungen aussprechen.

Sie haben bereits zwei Ausscheidungsrunden erfolgreich gemeistert und können zu Recht stolz darauf sein, mit dem Erreichen dieser dritten Runde zu den 51 Besten von rund 300 Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmern zu gehören. Nun haben Sie sich hier am DLR erneut gemessen, diesmal unter Klausurbedingungen. Aber nicht nur das. Zusätzlich konnten Sie an einem umfangreichen Seminar- und Exkursionsprogramm teilnehmen und Kontakte zu vielen anderen hervorragenden jungen Physikerinnen und Physikern knüpfen.

Aus diesem Grund muss eines ganz klar betont werden: Unabhängig davon, ob Sie Ihre Reise von Göttingen sogar noch bis nach Merida in Mexiko führen wird, sind Sie mit der von Ihnen gezeigten Leistung alle Gewinner. Sie haben mit Bravour bewiesen, dass Sie nicht nur das physikalische Fachwissen hervorragend beherrschen, sondern, dass Sie es verstehen, komplexe Aufgaben methodisch anzugehen und sich in neue Arbeitsgebiete rasch einzuarbeiten. Gleichzeitig haben Sie Einsatzbereitschaft, unermüdlichen Forscherdrang und Kreativität bewiesen. Damit besitzen Sie Schlüsselqualifikationen, die Ihnen nicht nur in diesem Wettbewerb und in der Schule weiterhelfen, sondern bei einem – so hoffe ich – späteren Physikstudium und natürlich im Berufsleben.

Natürlich bedeutet es in einem solchen physikbegeisterten Kreis, die berühmten Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich Ihnen von den Vorzügen des Physikstudiums berichte. Erlauben Sie mir dies aber als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft dennoch und zudem den Hinweis darauf, dass nicht nur das Studium der Physik höchst spannend, sondern auch die späteren Berufsaussichten nach dem Studium für Sie sehr gut sind. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht: Physikalische Expertise ist Grundlage für technische Innovationen. Physikerinnen und Physiker entwerfen Mikrochips, optimieren Fahrzeugmotoren und entwickeln neue Werkstoffe. Sie bauen Licht- und Lasersysteme, Messinstrumente und medizinische Geräte. Sie sehen also, Daniel Düsentrieb ist nicht nur Ingenieur, er muss auch Physik studiert haben!

Darüber hinaus hat sich das Beschäftigungsfeld für Physikerinnen und Physiker in den letzten 20 Jahren drastisch erweitert. Jenseits des klassischen Bereichs „Forschung und Entwicklung“ haben viele Nachwuchskräfte auf „physikfernen“ Gebieten Fuß gefasst. Sie arbeiten in der IT-Branche, bei Banken und Versicherungen, in Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen.

Neben diesem breiten Aufgabenspektrum ist aber auch Fakt: Die Nachfrage der Wirtschaft nach physikalischem Know How ist so groß, dass die Nachfrage nach Physikerinnen und Physikern auf absehbare Zeit nicht zu sättigen sein wird. Nach aktueller Datenlage sind derzeit rund 5.000 offene Stellen kaum zu besetzen. Um Ihnen eine etwas griffigere Vorstellung von dieser Zahl zu geben: Dieser Bedarf entspricht zwei kompletten Jahrgängen an Hochschulabsolventen. Aus diesem Grund ist die Arbeitslosenquote unter Physikerinnen und Physikern ebenfalls sehr gering und liegt bei etwa zwei Prozent.

Aus diesem Grund freut es mich sehr, dass es einen so herausragenden Wettbewerb wie die Physikolympiade gibt. Ein solcher Wettbewerb trägt in ganz besonderer Weise dazu bei, wissenschaftliche Neugierde bei dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Physik und naturwissenschaftliche Bildung gehören zu den Schlüsselfaktoren für ein erfolgreiches Bestehen im Wettbewerb der Hochtechnologieländer. Gleichzeitig wirkt naturwissenschaftliche Bildung weit über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Disziplinen hinaus in alle Lebensbereiche. Als Stichworte möchte ich nur die großen gesellschaftsrelevanten Themen wie Energie, Klima oder Gesundheit nennen, zu denen die Physik durch engagierte Forscher wie Sie mit wissenschaftlicher Neugierde bedeutsame Erkenntnisse und Innovationen liefern kann. Man könnte es deshalb auch so formulieren: Physik ist immer auch eine Kulturwissenschaft.

Dafür sind gut ausgebildete und motivierte Schülerinnen und Schüler in naturwissenschaftlichen Fächern eine entscheidende Voraussetzung. Nur dann werden sie sich auch später für ein Studium in diesem Bereich entscheiden, das ihnen faszinierende Einblicke und hervorragende berufliche Perspektiven bietet. Diese Begeisterung an den Naturwissenschaften zu wecken ist vielleicht eine der größten Herausforderungen für uns alle. Wir müssen Sorge dafür tragen, die für die Ausbildung und Qualifizierung junger Menschen bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen.

Natürlich ist dies auch eine ganz besondere Aufgabe der DPG, die mit über 56.000 Mitgliedern die größte physikalische Fachgesellschaft der Welt ist. Die Förderung naturwissenschaftlicher Bildung im Allgemeinen und der Physikausbildung im Besonderen liegt uns in ganz besonderer Weise am Herzen. Wir müssen feststellen, dass leider immer noch viel zu wenig junge Menschen ein Studium der Naturwissenschaften und der Physik anstreben. Wir setzen uns deshalb mit ganzer Kraft dafür ein, die Bedeutung hochwertiger Physikausbildung an Schulen hervorzuheben. Auch muss es uns gelingen, das erforderliche Qualitätsniveau für das Fach Physik herauszustellen und die damit verbundenen strukturellen, personellen und finanziellen Anforderungen anzumelden. Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass es in Deutschland immer noch zu wenige Lehrerinnen und Lehrer für Physik gibt, weshalb der Schulunterricht übrigens zunehmend von Akademikern gestaltet wird, die kein Lehramtsstudium absolviert haben.

Deshalb möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: Die wichtigste Motivation der Forscher lag ursprünglich und liegt heute noch, wie auch Ihr Einsatz bei diesem Wettbewerb zeigt, in der Neugierde und Suche nach Wahrheit und neuen Erkenntnissen. Oder, wie es Alexander von Humboldt einmal gesagt hat:

„Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart, lässt auf ein höheres, noch unerkanntes schließen.“

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie sich diese wissenschaftliche Neugierde weiterhin und dauerhaft bewahren – es lohnt sich! Als Unterstützung dafür, aber auch als kleine Anerkennung Ihrer Leistung vergibt die Deutsche Physikalische Gesellschaft als Preis für alle 51 Teilnehmer der dritten Runde der Internationalen Physik Olympiade in Göttingen ein einjähriges Abo des Verlags "Spektrum der Wissenschaft".

 
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