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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 21. November 2008

Rede des Präsidenten anlässlich der Mint-EC Tagung in der DLR, Göttingen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und ein besonderes Anliegen, auf der heutigen pädagogischen Fachtagung des Vereins mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen zu sprechen. Als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft möchte Ihnen zunächst kurz erläutern, wer die Deutsche Physikalische Gesellschaft überhaupt ist.

Die DPG, deren Wurzeln bis in das Jahr 1845 zurückreichen, ist die älteste und mit gegenwärtig mehr als 55.000 Mitgliedern größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Berühmte Präsidenten waren insbesondere Albert Einstein, Hermann von Helmholtz und Max Planck. Die DPG versteht sich als Forum und Multiplikator für die Physik. Sie unterstützt den Gedankenaustausch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, fördert den Physik-Unterricht und möchte darüber hinaus allen Neugierigen ein Fenster zur Physik öffnen.

In der DPG sind Professorinnen und Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, in der Industrie tätige oder einfach nur an Physik interessierte Personen ebenso vertreten wie Wissenschaftsjournalisten, Patentanwälte und gegenwärtig neun Nobelpreisträger. Da sich die DPG in ganz besonderem Maße auch der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses widmet, freut es mich ganz besonders, dass die DPG mit einem mittleren Alter ihrer Mitglieder von 34,5 Jahren im internationalen Vergleich eine sehr junge Fachgesellschaft ist. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die junge DPG, die ein Netzwerk von jungen Physikerinnen und Physikern in der DPG ist. Die junge DPG wächst stetig und ihre Mitglieder engagieren sich mit größtem Einsatz.

Der Sitz der Geschäftsstelle der DPG ist in dem am 12. Juni 1976 gegründeten Physikzentrum Bad Honnef in einem historischen Gebäude von 1906. Dieses Physikzentrum hat sich im Laufe seines über 30jährigen Bestehens zum herausragenden Begegnungszentrum und wissenschaftlichen Diskussionsforum der Physik in Deutschland und der DPG entwickelt. Es hat sich als ein internationales Markenzeichen etabliert, das im Aktivwortschatz der Physikerinnen und Physiker weltweit einen festen Platz inne hat.

Das Physikzentrum stellt eine Plattform dar, auf der international hochrangige Spitzenforscher ihre neuesten Ergebnisse vorstellen und durch die Einbindung von jungen Menschen deren wissenschaftliche Neugier befördern. Die vielfältigen wissenschaftlichen Veranstaltungen im Physikzentrum haben im Jahr 2008 weit über 5.000 Wissenschaftler, Studenten und Lehrer erreicht, die Zahl der Übernachtungen im Physikzentrum liegt jährlich bei über 12.000, Tendenz steigend.

Von zentraler Bedeutung für die Aktivitäten des Physikzentrums Bad Honnef ist die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung. Seit Jahren finanziert sie die exzellenten Heraeus-Seminare. Bis zu 20 dieser Forschungsseminare finden jährlich im Physikzentrum statt.

Der Bad Honnefer Hauptsitz wird durch die Dependance in der Bundeshauptstadt Berlin, das Magnus-Haus, hervorragend ergänzt. Seit ihrer Vereinigung mit der Physikalischen Gesellschaft der DDR im Jahre 1990 unterhält die Deutsche Physikalische Gesellschaft dieses Haus. Das 1760 vollendete Stadtpalais, das den Namen des Naturforschers Gustav Magnus trägt, ist eng mit der Geschichte der DPG verbunden: Aus einem Gelehrtentreffen, das hier regelmäßig stattfand, ging im Jahre 1845 die „Physikalische Gesellschaft zu Berlin“, später die DPG hervor. Heute finden hier Kolloquien und Vorträge zu physikalischen und gesellschaftspolitischen Themen statt. Gleichzeitig befindet sich im Magnus-Haus auch das historische Archiv der DPG.

Eine wichtige Aufgabe der DPG ist neben der Pflege der Mitgliedschaft und der Verbreitung physikalischen Wissens auch die Übernahme von Verantwortung gegenüber unserer Gesellschaft durch den Dialog mit der Politik. Dazu erstellt die DPG Studien zu relevanten Fragestellungen der Gesellschaft. So haben wir in den letzten Jahren Studien zur Promotion im Fach Physik, zu Klimaschutz und Energieversorgung und Thesen für ein modernes Lehramtsstudium erstellt und verbreitet.

Neben der Übernahme von Verantwortung und dem Dialog müssen wir aber auch Sorge tragen, dass wir auch in Zukunft über naturwissenschaftlichen Nachwuchs verfügen. Damit möchte ich auf die Rolle der Naturwissenschaften zu sprechen kommen. Naturwissenschaften bilden eine zentrale Grundlage für neue Entdeckungen und Innovationen für unsere Gesellschaft. Deshalb müssen wir ihnen eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft beimessen und Begeisterung für sie wecken. Diesem Anliegen widmet sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG). Studien und Erhebungen belegen leider, dass uns schon in einigen Jahren der naturwissenschaftliche Nachwuchs ausgehen wird.

Mit jeder Stelle, für die eine Physikerin oder ein Physiker gebraucht und die aus Mangel an Fachkräften nicht besetzt wird, sind zahlreiche Facharbeiterstellen verbunden, die dann ebenfalls nicht besetzt werden können. Bereits heute verliert die Deutsche Wirtschaft durch unbesetzte Stellen im naturwissenschaftlichen und Ingenieur-Bereich pro Jahr mehrere Milliarden Euro, wie das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in einer Studie aus dem Jahr 2007 festgestellt hat. Wir müssen uns deshalb mit größtem Engagement dafür einsetzen, Begeisterung für die Naturwissenschaften gerade bei jungen Menschen zu wecken. Das Gute dabei ist, dass Naturwissenschaften spannend und Physikerinnen und Physiker auf dem Arbeitsmarkt zugleich heiß begehrt sind.

Ein bereits seit vielen Jahren sehr erfolgsbewährtes Projekt, junge Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern, sind die so genannten „Highlights der Physik“. Inspiriert und begeistert durch den Erfolg des Jahres der Physik im Jahr 2000 veranstaltet die DPG mit Finanzierung des BMBF seit 2001 die Highlights der Physik, die jährlich wechselnd in einer anderen Stadt stattfinden. Im Jahr 2008 gastierten die Highlights der Physik in Halle an der Saale. Das Programm umfasste eine Ausstellung mit Physik zum Anfassen und Ausprobieren, Live-Experimente, Auftritte und Vorträge von herausragenden Wissenschaftlern, einen Schülerwettbewerb sowie Showelemente. Die Resonanz war auch im Jahr 2008 wieder großartig: Mehr als 30.000 Besucher aller Altersgruppen waren bei den Highlights zu Gast. Dabei durfte die DPG insbesondere die beiden Nobelpreisträger Peter Grünberg und Klaus von Klitzing, den Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Herrn Reiner Haseloff, sowie den Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Volker ter Meulen, begrüßen.

Am 17. Juni 2008 habe ich in meiner Funktion als DPG-Präsident an der Unterzeichnung des nationalen Paktes zur Förderung des weiblichen Nachwuchses bzw. von Frauen in den Naturwissenschaften teilgenommen. Dieser Pakt wurde auf Initiative von Bundesbildungsministerin Schavan gestartet. Unter dem Motto „Komm, mach MINT!“ will die Bundesregierung mit mehr als 40 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik das Engagement aller Beteiligten stärken und bündeln. Der Pakt ist Teil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung. Die Paktpartner haben sich konkrete gemeinsame Ziele gesetzt: Der Anteil an Studienanfängerinnen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern soll um durchschnittlich fünf Prozentpunkte steigen, bei Neueinstellungen im MINT-Bereich sollen Frauen mindestens entsprechend ihres Anteils an den Absolventen berücksichtigt und ihr Anteil an Führungspositionen deutlich erhöht werden.

Die DPG bringt sich in diesen Pakt derzeit konkret mit den Lise Meitner Lectures ein, die Ende Oktober in Wien und Berlin gestartet worden sind. Auf Initiative der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft sollen mit den Lise Meitner Lectures in den nächsten Jahren herausragende Wissenschaftlerinnen einem breiten Publikum vorgestellt werden. Als Vortragende konnte in diesem Jahr Frau Prof. Dr. Mildred Dresselhaus, Massachusetts Institute of Technology (USA), gewonnen werden. Ihr Vortrag fand in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt. Frau Dresselhaus sprach zu dem hochaktuellen Thema „nano-carbons“. Für die Zukunft sind neben öffentlichen und allgemein verständlichen Vorträgen Treffen mit Schülerinnen und Schülern so wie Diskussionen mit jungen Frauen, Studierenden und Nachwuchsforschern vorgesehen. Hierzu arbeitet die DPG eng mit dem VDI zusammen, der seinerseits Projekte für das MINT-Projekt entwickelt und die Koordination mit dem BMBF übernommen hat.

Ein besonderes Anliegen ist uns auch die Deutsche Physikerinnentagung, gemeinsam gefördert durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung und die DPG. Diese findet jährlich statt, in diesem Jahr bereits zum 12. Mal, und zwar vom 6. bis 9. November 2008 in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Deutsche Physikerinnentagung zeichnet sich dadurch aus, dass sie Physikerinnen aus Universität, Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft zusammenbringt und so den Austausch zwischen den Teilnehmerinnen über die neuesten Forschungsgebiete fördert und anregende Fachdiskussionen ermöglicht. Ein weiteres Highlight dieser Tagung ist dabei das Schülerinnen-Programm. Dieses abwechslungsreiche Programm richtet sich an Schülerinnen der Oberstufe, die Interesse für physikalische Themen haben. Ganz besonders sollen junge Frauen angesprochen werden, die sich über den Schulstoff hinaus ein Bild von aktueller Forschung in der Physik und dem spannenden Beruf der Physikerin machen und über das Physikstudium informieren möchten. Denn damit sich talentierte Mädchen und Jungen für die Physik oder einen anderen naturwissenschaftlichen Beruf entscheiden, müssen sie natürlich auch wissen, was sie konkret einmal in der Praxis erwarten könnte. Gute Statistiken, die hervorragende Berufschancen im Bereich der Physik prognostizieren, reichen dafür oft nicht aus.

Ein ganz besonderer Höhepunkt stellte in diesem Jahr wieder die Verleihung der Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik dar. Diese ging an die „Sendung mit der Maus“. Der Vorstand der DPG hat sich für die Maus ausgesprochen, um die großartige Arbeit der „Sendung mit der Maus“ zur Popularisierung und Erklärung von naturwissenschaftlichen und physikalischen Themen zu würdigen. Die Sendung mit der Maus ist generationenübergreifend und trägt in ganz hervorragender Weise dazu bei, Neugier und Begeisterung für die Naturwissenschaften bei Kindern und auch bei Erwachsenen zu wecken. Die Resonanz in der Presse und den Medien war bereits großartig. Fast täglich wird darüber seit der Bekanntgabe in ganz Deutschland berichtet. Die Preisverleihung fand am 14. November 2008 im Physikzentrum Bad Honnef statt. Den Preis wurde von den Fernseh-Repräsentanten der „Maus“ Armin Maiwald und Ralph Caspers entgegengenommen.

Um bereits Schülerinnen und Schüler für die Naturwissenschaften zu begeistern, setzt die DPG schon seit vielen Jahren auf verschiedene Programme. Dazu zählen insbesondere:

  • Preise für die besten AbiturientInnen im Fach Physik.
  • Das Laborbesichtigungsprogramm der DPG „Ein Tag vor Ort“ durch das angehende Physikerinnen und Physiker sich in mehr als 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen ein Bild von ihrem späteren Beruf machen können.
  • Förderung der internationalen Physikwettbewerbe Physik-Olympiade und International Young Physicists´ Tournament.
  • Sonderpreise bei dem deutschlandweiten Wettbewerb „Jugend forscht.

Wir alle wissen es aus Erfahrung: Besonders wichtig ist die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer. Der Schulunterricht auf dem Gebiet der Naturwissenschaften prägt und motiviert die jungen Menschen für ihr Leben und entscheidet damit, ob sie möglicherweise ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium aufnehmen. Wir brauchen noch mehr engagierte Lehrkräfte in den Naturwissenschaften, die es verstehen, Jugend für die Physik zu begeistern. Deshalb organisiert die DPG Fortbildungen für Physiklehrerinnen und -lehrer. In einem durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung geförderten Lehrerfortbildungsprojekt sollen in den nächsten drei Jahren zudem rund 20.000 Lehrerinnen und Lehrer fortgebildet werden. Dies ist besonders deshalb von größter Bedeutung, da die Zahl von Quer- und Seiteneinsteigern bei den Physiklehrern derzeit dramatisch zunimmt. Allein im Jahr 2008 haben wir deutschlandweit mehr als 2700 Physiklehrer eingestellt, die kein ordentliches Lehramtsstudium und zum Teil auch kein Referendariat absolviert haben.

Resümee: Naturwissenschaftliche Bildung muss bereits in Kindergärten und in Grundschulen gefördert und gestärkt werden. Denn Fakt ist: Physik und naturwissenschaftliche Bildung gehören zu den Schlüsselfaktoren für ein erfolgreiches Bestehen im Wettbewerb der Hochtechnologieländer. Nur dann kann Deutschland in den zukunftsweisenden Technologien auch in Zukunft eine international führende Rolle einnehmen.

Damit möchte ich schließen. Ich wünsche Ihnen noch eine spannende Veranstaltung, viele neue Erkenntnisse und interessante Gespräche. Vielen Dank.

 
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