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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 28. Oktober 2009

Rede des Präsidenten aus Anlass der Lise Meitner Lectures in Wien

Sehr geehrte Frau Jarlskog, sehr geehrte Frau Ritsch-Marte, sehr geehrter Herr Gornik, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Schülerwettbewerb,

ich freue mich sehr, heute an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen und bedanke mich bei der ÖPG für diese Einladung. Natürlich danke ich auch Ihnen, Frau Jarlskog, ganz herzlich, dass Sie sich bereit erklärt haben, als Role Model zur Verfügung zu stehen und im Rahmen der Lise Meitner Lectures einen spannenden Vortrag zur Physik zu halten. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem Schülerwettbewerb möchte ich natürlich meine große Anerkennung für Ihre hervorragenden Leistungen aussprechen. Unabhängig davon, ob Sie heute einen Preis erhalten, sind Sie mit den von Ihnen bearbeiteten Projekten alle Gewinnerinnen und Gewinner. Gleichzeitig helfen Sie uns mit Ihrer Teilnahme und tragen ganz wesentlich dazu bei, dass die Rolle der Naturwissenschaften auch bei jungen Menschen positiv wahrgenommen wird. Warum betone ich das?

„Physik ist doof!“, „Physik ist viel zu schwer“, „Physik brauche ich nicht!“, „Physik habe ich in der Schule nie verstanden und bin sogar stolz darauf“.

Solche oder ähnliche Äußerungen nicht nur von Schülerinnen und Schülern, sondern auch von gestandenen Politikern und prominenten Persönlichkeiten in den Medien sind leider keine Seltenheit, wenn es um die Physik geht. Physik zählt statistisch bei Schülerinnen und Schülern leider zu den am wenigsten beliebten Fächern. Nicht selten verlassen junge Menschen, die mit einem natürlichen Interesse an Natur und Technik in die Schule kommen, diese eher demotiviert oder gar mit einer Abneigung gegen dieses Fach.

Problematisch ist an dem negativen Bild in ganz besonderer Weise, dass sich gerade junge Frauen oftmals gegen ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden. Dies führt zum Beispiel dazu, dass in den Innovationsstarken forschungs- und wissensintensiven Bereichen in Deutschland der Frauenanteil im internationalen Vergleich leider besonders gering ist. Dies bestätigen auch Zahlen aus dem Physikstudium: Zu Studienbeginn liegt der Frauenanteil bei lediglich 27 Prozent. Der Frauenanteil bei den Diplomprüfungen sinkt dann noch einmal auf 20 Prozent ab. Bei den Promotionen finden wir in der Folge nur noch einen Frauenanteil von 17 Prozent und unter den Hochschuldozenten in der Physik beträgt dieser schließlich nur noch magere fünf Prozent.

Diese Unterrepräsentanz von Frauen in naturwissenschaftlichen Berufen hat in besonderer Weise mit drei noch existierenden „Stolpersteinen“ zu tun, wie Studien der Europäischen Kommission aufzeigen: Da gibt es als Erstes das Phänomen der „leaky pipeline“. Hiermit wird die Tatsache gekennzeichnet, dass der Frauenanteil mit steigender Qualifikation abnimmt. Können sie sich trotzdem halten, so werden sie auf der Aufstiegsleiter häufig durch sogenannte „glass ceilings“, also unsichtbare, aber real vorhandene Decken, abgebremst, die den männlichen Wissenschaftlern den Aufstieg in die Spitzenpositionen vorbehält. Gleichzeitig treffen sie auf ein weiteres Hindernis, nämlich den „sticky floor“ – oder klebrigen Boden –, der ihr berufliches Dasein auf wenig kreative Aufgaben beschränkt und sie daran hindert, auf der Karriereleiter emporzusteigen.

Mit den Lise Meitner Lectures haben DPG und ÖPG deshalb durch Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine Veranstaltung mit der Zielsetzung ins Leben gerufen, mehr junge Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern. Wir möchten informieren, Rat geben und Mut machen, sich für eine Karriere in diesem Bereich zu entscheiden. So entwerfen Physikerinnen und Physiker Mikrochips, bauen medizinische Geräte, optimieren Flugzeuge und Fahrzeugmotoren, bauen Licht- und Lasersysteme und könnten sogar Spezialgeräte für James Bond entwickeln. Sie sehen also, Daniel Düsentrieb ist nicht nur Ingenieur, er muss auch Physik studiert haben!

Die Berufsaussichten für Physikinteressierte sind zudem sehr gut: Die Nachfrage der Wirtschaft nach physikalischem Know-how wird auf absehbare Zeit nur schwer zu sättigen sein, denn es fehlen langfristig die Fachkräfte. Für die Förderung des Bildungs- und Wissenschaftsstandortes Deutschland hat dieses Fehlen von Fachkräften schon heute große Auswirkungen, was in den nächsten Jahren noch dramatischer wird. Sie sehen also, eine physikalische Karriere ist auf jeden Fall lohnenswert und aussichtsreich.

Deshalb gilt es, die völlig veraltete Wahrnehmung in leider immer noch zu vielen Köpfen zu verändern, die fälschlicherweise behauptet, Technik und Wissenschaft wären eine Männerdomäne. Gleichzeitig gilt es, junge Frauen zu ermutigen, sehr viel stärker Mathematik, Physik und die weiteren naturwissenschaftlich-technischen Fächer als Leistungsfächer in der Schule zu belegen. Wir müssen dazu Motivation und das Interesse an naturwissenschaftlichen Fragestellungen an den wissenschaftlichen Nachwuchs und damit insbesondere auch an Schülerinnen und Schüler als die potenziellen Physikerinnen und Physiker von morgen weitergeben und dafür Sorge tragen, Vorurteile gegen die Naturwissenschaften und die Physik abzubauen.

Es müsste aus diesem Grund viel öfter gesagt werden „Physik ist cool!“

Wir sind Ihnen, Frau Ritsch-Marte und Herr Präsident Gornik, deshalb sehr dankbar, dass sich die ÖPG gemeinsam mit der DPG dieser Aufgabe widmet.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 
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