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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 20. Oktober 2008

Rede des Präsidenten aus Anlass der Lise Meitner Lectures am 20. Oktober 2008 in Wien

Sehr geehrter Vizerektor Juremitsch, verehrte Frau Prof. Ritsch-Marte, sehr verehrte Frau Prof. Dresselhaus, sehr verehrte Frau Rektorin Dr. Ingela Bruner, sehr verehrte Frau Prof. Dr. Renee Schröder, meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und ein wichtiges Anliegen, dass wir als Deutsche Physikalische Gesellschaft hier in Wien zur Feier des 130. Geburtstag von Lise Meitner gemeinsam mit der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft den offiziellen Start der Lise Meitner Lectures begehen können. Die Österreicherin Lise Meitner, Jahrgang 1878, war eine der bedeutendsten Physikerinnen ihrer Zeit und ist durch ihr herausragendes wissenschaftliches und soziales Engagement im besten Sinne ein Vorbild. Dies, obwohl Lise Meitner noch zu der letzten Generation von Frauen zählte, die keinen Zugang zum Abitur erhielten und für die eine Arbeit in der Wissenschaft praktisch undenkbar war. Auch Lise Meitner musste sich mit größtem Einsatz das nötige Fachwissen für den Besuch einer Universität extern aneignen. Der Besuch der Hochschule wurde möglich, da Frauen in Österreich 1899 offiziell der Zugang erlaubt wurde. Nach der Zulassung von Frauen zum Studium in Österreich gehörte sie zu den ersten Studentinnen und war 1906 die zweite Frau, die an der Universität Wien promovierte. Sie arbeitete mehr als 30 Jahre in Berlin und lieferte 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung.

Lise Meitner ist damit im besten Sinne ein so genanntes Role Model, d. h. ein Vorbild für junge Mädchen im Besonderen und junge Menschen im Allgemeinen. Wir benötigen solche Vorbilder, wie es auch Frau Dresselhaus eines ist, um junge Frauen für die Physik und die Naturwissenschaften zu begeistern. Erfreulicherweise wird dies auch in Politik und Öffentlichkeit erkannt, wodurch sich die Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen und das Stichwort „Role Models“ in Politik und Medien etablieren. Wir benötigen einen wirklichen Aufbruch und Frauen, die aufzeigen, dass Naturwissenschaften ihnen nicht nur beruflich hervorragende Möglichkeiten bieten, sondern auch große Freude bereiten. Naturwissenschaften sind zudem keineswegs trocken, sondern höchst spannend und sind ein zentraler Baustein unserer Kultur und unserer Bildung. Sie sind die Grundlage für neue Entdeckungen sowie Innovationen, ohne die eine auf den Erkenntnissen der Wissenschaft fußende Gesellschaft nicht auskommen kann, wenn sie in einer globalisierten Welt bestehen möchte. Es muss deshalb für uns alle ein großes Bestreben sein, junge Menschen für Studiengänge und Ausbildungsberufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu gewinnen und zu motivieren.

Wir sind Ihnen Frau Ritsch-Marte und allen Beteiligten deshalb sehr dankbar, dass Sie dieses binationale Projekt angeregt und initiiert haben. Ebenso wie die ÖPG setzt sich die DPG, deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht und die damit die älteste und mit mehr als 55.000 Mitgliedern auch die größte physikalische Gesellschaft weltweit ist, in ganz besonderer Weise für die Förderung von Mädchen und Frauen in naturwissenschaftlichen Ausbildungsgängen und Berufen ein. Gerade im Hinblick auf die Förderung von Mädchen und jungen Frauen gibt es noch sehr viel zu tun. Wir müssen daran arbeiten, eine völlig veraltete und falsche Vorstellung zu verändern, dass nämlich Technik und Wissenschaft eine Männerdomäne sind. Gleichzeitig gilt es deutlich zu machen, dass Physikerinnen und Physiker auf dem Arbeitsmarkt zugleich heiß begehrt sind. Häufig stehen sie vor der reizvollen Herausforderung, sich einen Arbeitsplatz aus einer Reihe von guten Stellenangeboten aussuchen zu können. Diese erfreuliche Entwicklung gilt übrigens auch für ältere, berufserfahrene Physikerinnen und Physiker.

Dennoch bleiben die Zahl der Studienanfängerinnen sowie gerade auch die Zahl der Absolventinnen insbesondere in den Natur- und Ingenieurswissenschaften in Deutschland noch deutlich hinter dem Bedarf westlicher Industrienationen zurück. Lassen Sie mich dies anhand von einigen Fakten verdeutlichen: In der Physik in Deutschland liegt der Frauenanteil zu Studienbeginn bei 27 Prozent. Das ist nicht gerade viel. Im weiteren Verlauf der akademischen Ausbildung gibt es dann noch weniger Physikerinnen. Bei den Diplomprüfungen beträgt der Frauenanteil nur noch 20 Prozent, bei den Promotionen 17 Prozent und unter den Hochschuldozenten in der Physik schließlich nur drei Prozent Frauen. Damit sind wir europaweit Schlusslicht. Dieser beständige Verlust an jungen und qualifizierten Frauen, die eigentlich auf dem Karriereweg in Führungspositionen sein sollten, ist gegenwärtig ein großes Problem. Dieser negative Verlauf gilt auch für andere Wissenschaften und Berufszweige. In der Genderforschung bezeichnet man dies Phänomen als „leaky pipeline“. Leckende Pipeline also, was bedeutet, dass der Frauenanteil mit steigender Qualifikation abnimmt. Dies stellt die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vor große Schwierigkeiten. Mit jeder Stelle, für die eine Physikerin oder ein Physiker gebraucht und die aus Mangel an Fachkräften nicht besetzt wird, fallen bis zu zehn Facharbeiterstellen weg und dies führt zu Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen.

Mit den Lise Meitner Lectures möchten wir diesem negativen Trend entgegentreten. Uns allen muss die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses, insbesondere von jungen Mädchen und Frauen in Verbindung mit der Durchsetzung von Chancengleichheit im Karriereweg, ein zentrales Anliegen sein und bleiben. Dies beeinflusst nicht nur nachhaltig die Zukunft der Forschung, der industriellen und der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern ebenfalls die Kultur unserer Gesellschaft.

Ich wünsche Ihnen und uns allen nun einen erfolgreichen Start der Lise Meitner Lectures. Vielen Dank.

 
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