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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 24. Oktober 2008

Rede des Präsidenten aus Anlass der Lise Meitner Lectures in Berlin

Sehr verehrte Frau Prof. Dresselhaus, sehr verehrte Frau Prof. Ritsch-Marte, sehr verehrte Frau Dr. Sandow, meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und ein wichtiges Anliegen, dass wir zur Feier des 130. Geburtstags von Lise Meitner heute den offiziellen Start der Lise Meitner Lectures in Deutschland begehen. Die Österreicherin Lise Meitner, Jahrgang 1878, war eine der bedeutendsten Physikerinnen ihrer Zeit und ist durch ihr herausragendes wissenschaftliches und soziales Engagement im besten Sinne ein Vorbild. Dies, obwohl Lise Meitner noch zu der letzten Generation von Frauen zählte, die keinen Zugang zum Abitur erhielten und für die eine Arbeit in der Wissenschaft praktisch undenkbar war. Lise Meitner musste sich mit größtem Einsatz das nötige Fachwissen für den Besuch einer Universität extern aneignen. Der Besuch der Hochschule wurde möglich, da Frauen in Österreich 1899 offiziell der Zugang erlaubt wurde.

Aus Anlass ihres Geburtstags haben wir gemeinsam mit der österreichischen physikalischen Gesellschaft die Lise Meitner Lectures ins Leben gerufen. Durch Vorträge, Schülerwettbewerbe und Ausstellungen sollen in den nächsten Jahren im Rahmen der Lise Meitner Lectures erfolgreiche deutsche und österreicherische aber auch international tätige Naturwissenschaftlerinnen als Vorbilder – Stichwort „Role Models“ – vorgestellt werden, um in der Öffentlichkeit und insbesondere bei Mädchen und Frauen Interesse an der Physik zu wecken. Deshalb ist es mir eine außerordentliche Freude, dass wir heute mit Frau Prof. Dr. Mildred Dresselhaus eine international so herausragende Persönlichkeit und Wissenschaftlerin als Vortragende gewinnen konnten und sie zu dem hochaktuellen sowie spannenden Thema „narno-carbons“ sprechen wird.

Die Idee der Lise Meitner Lectures ist deshalb von großer Bedeutung, weil Naturwissenschaften die zentrale Grundlage für neue Entdeckungen und Innovationen bilden und ein wichtiger Bestandteil unserer Bildung und damit Garant unserer Kultur sind. Es muss deshalb für uns alle ein prioritäres Bestreben sein, junge Menschen für Studiengänge und Ausbildungsberufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu gewinnen und zu motivieren. Wir sind Ihnen Frau Ritsch-Marte deshalb sehr dankbar, dass Sie als Vorsitzende der ÖPG dieses binationale Projekt angeregt und initiiert haben. Im gleichen Maße möchte ich Ihnen, Frau Sandow, und allen Beteiligten für die erfolgreiche Realisierung der Lise Meitner Lectures in Deutschland meinen großen Dank aussprechen.

Ebenso wie die ÖPG setzt sich die DPG, deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht und die damit die älteste und mit mehr als 55.000 Mitgliedern auch die größte physikalische Gesellschaft weltweit ist, in ganz besonderer Weise für die Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern und insbesondere für die Förderung von Mädchen und Frauen in naturwissenschaftlichen Ausbildungsgängen und Berufen ein. Hier gibt es noch viel zu tun.

Als Lise Meitner nach ihrer Habilitation im Jahr 1922 eine erste Vorlesung mit dem Titel ‚Kosmische Physik’ ankündigte, konnte sich der berichtende Reporter nicht vorstellen, dass eine Frau ernsthafte Wissenschaft betreibt. Frau Meitner werde über ‚Kosmetische Physik’ sprechen, schrieb er.
Diese Begebenheit liegt zwar schon lange zurück, doch leider ist das zugrunde liegende Missverständnis auch in der Gegenwart noch präsent: Wir müssen ein völlig veraltetes Bild verändern, das suggeriert, Technik und Wissenschaft seien eine Männerdomäne. Vielmehr gilt es Mädchen zu ermutigen, sehr viel stärker Mathematik, Physik und die weiteren naturwissenschaftlich-technischen Fächer als Leistungsfächer in der Schule zu belegen und dabei zu helfen, die oftmals tradierten Vorurteile gegen naturwissenschaftliche Fächer abzubauen. Den Naturwissenschaften muss unbedingt ein ihrer Bedeutung angemessener Platz eingeräumt und erhalten werden. Nur so haben wir eine Chance, junge Frauen für Studiengänge und Ausbildungsberufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu gewinnen. Derzeit sind junge Frauen überwiegend in kaufmännischen Berufen, medizinischen Assistenzberufen und im Dienstleistungssektor tätig, so eine Analyse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). In den Naturwissenschaften haben wir nur in der Biologie hohe Frauenquoten bei den Studenten.

Lassen Sie mich einige Fakten nennen, die die Dramatik für die Physik konkret verdeutlichen: Derzeit liegt der Frauenanteil in der Physik zu Studienbeginn bei lediglich 27 Prozent. Bei den Diplomprüfungen sinkt der Frauenanteil noch einmal auf 20 Prozent. Bei den Promotionen finden wir in der Folge nur noch einen Frauenanteil von 17 Prozent und unter den Hochschuldozenten in der Physik beträgt dieser schließlich nur noch magere drei Prozent. Damit ist Deutschland europaweit das Schlusslicht. Dieser beständige Verlust an jungen und qualifizierten Frauen, die eigentlich auf dem Karriereweg noch oben sein sollten, ist leider gegenwärtig ein großes Problem. Die Genderforschung hat für diesen Trend den Begriff der so genannten „leaky pipeline“ geprägt, leckende Pipeline also, der die Tatsache kennzeichnet, dass der Frauenanteil mit steigender Qualifikation abnimmt.

Die DPG sieht es daher als dringende Aufgabe, mehr Frauen für die Physik zu gewinnen und engagiert sich neben den Lise Meitner Lectures bereits seit vielen Jahren in dem wichtigen Bereich der Nachwuchsförderung. Lassen Sie mich dazu einige aktuelle Beispiele nennen:

In Verbindung mit dem Arbeitskreis Chancengleichheit der DPG, der in diesem Jahr sein 10jähriges Bestehen feiert, werden wir die Podiumsdiskussion am diesjährigen Tag der DPG dem Titel „Frauen in die Physik“ versehen. Dabei geht es einerseits um die Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses, andererseits um die Karriereverläufe von Frauen im Berufsleben und ihren Aufstieg in Spitzenpositionen von Wissenschaft, Wirtschaft und im öffentlichen Leben. Hier geht es neben dem naturwissenschaftlichen Interesse auch ganz besonders um Fragen der persönlichen Karriereplanung und um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da stets hochrangige und prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Teilnehmer der Podiumsdiskussion sind, kann das Thema Chancengleichheit so über die DPG hinaus in die Öffentlichkeit getragen werden.

Ganz im Sinne der Lise Meitner Lectures und der Bemühungen von DPG und ÖPG ist auch die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die zum Ziel hat, dem Fachkräftemangel zu begegnen und eine höhere Zahl an Studien- und Berufsabschlüssen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz MINT) zu erreichen. Wie die Lise Meitner Lectures soll der MINT-Pakt zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft das Bild der MINT-Berufe in der Gesellschaft verändern, junge Frauen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge begeistern und ermutigen sowie Hochschulabsolventinnen für Karrieren in der Wirtschaft gewinnen. Der Pakt ist Bestandteil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“. Deshalb hat die DPG im Juni in Berlin gemeinsam mit Bundesministerin Schavan und weiteren rund 40 Spitzenverbänden, wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Unternehmen den nationalen Pakt für mehr Frauen in MINT-Berufen unterzeichnet. Ziel des Pakts ist es vor allem, mehr junge Frauen für MINT-Berufe zu interessieren und den Anteil der Studienanfängerinnen in diesen Fächern um fünf Prozent zu steigern.

Ein bereits seit vielen Jahren sehr erfolgsbewährtes Projekt, junge Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern, sind die so genannten „Highlights der Physik“. Inspiriert und begeistert durch den Erfolg des Jahres der Physik im Jahr 2000 veranstalten die DPG gemeinsam mit dem BMBF seit 2001 die Highlights der Physik, die jährlich wechselnd in einer anderen Stadt stattfinden. Im Jahr 2008 gastierten die Highlights der Physik in Halle an der Saale. Das Programm umfasste eine Ausstellung mit Physik zum Anfassen und Ausprobieren, Live-Experimente, Auftritte und Vorträge von herausragenden Wissenschaftlern, einen Schülerwettbewerb sowie Showelemente. Die Resonanz war auch im Jahr 2008 wieder großartig: Mehr als 30.000 Besucher aller Altersgruppen waren bei den Highlights zu Gast.

Besonderes wichtig ist uns auch die Deutsche Physikerinnentagung, gemeinsam gefördert durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung und die DPG. Diese findet jährlich statt, in diesem Jahr bereits zum 12. Mal, und zwar vom 6. bis 9. November 2008 in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Deutsche Physikerinnentagung zeichnet sich dadurch aus, dass sie Physikerinnen aus Universität, Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft zusammenbringt und so den Austausch zwischen den Teilnehmerinnen über die neuesten Forschungsgebiete fördert und anregende Fachdiskussionen ermöglicht. Ein weiteres Highlight dieser Tagung ist das Schülerinnen-Programm. Dieses abwechslungsreiche Programm richtet sich an Schülerinnen der Oberstufe, die Interesse für physikalische Themen haben. Ganz besonders sollen junge Frauen angesprochen werden, die sich über den Schulstoff hinaus ein Bild von aktueller Forschung in der Physik und dem spannenden Beruf der Physikerin machen und über das Physikstudium informieren möchten. Denn damit sich talentierte Mädchen und Jungen für die Physik oder einen anderen naturwissenschaftlichen Beruf entscheiden, müssen sie natürlich auch wissen, was sie konkret einmal in der Praxis erwarten wird. Gute Statistiken, die hervorragende Berufschancen im Bereich der Physik prognostizieren, reichen dafür offensichtlich nicht aus.

Aus diesem Grund hat die DPG bereits vor einigen Jahren das Besichtigungsprogramm „Ein Tag vor Ort“ ins Leben gerufen. Dieses Programm informiert angehende Physikerinnen und Physiker über ihre Berufschancen: Von November 2008 bis Mai 2009 laden bundesweit mehr als 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen zum Besuch ihrer Labors und Entwicklungsabteilungen ein. Veranstalter ist der Arbeitskreis Industrie und Wirtschaft der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Das Angebot von „Ein Tag vor Ort“ ist daher breit gefächert: Die teilnehmenden Unternehmen stammen unter anderem aus der Vakuum- und Messtechnik, der Chemie und der Optik sowie dem Patentwesen und dem Automobilbau. Mittelständische Betriebe sind ebenso vertreten wie internationale Konzerne. Auch Forschungseinrichtungen stellen ihre Arbeitsfelder den angehenden Physikerinnen und Physiker vor.

Begeisterung wecken bzw. Motivation steigern kann man auch durch die Würdigung von sehr guten Leistungen. Konkret unterstützt die DPG deshalb Schülerwettbewerbe, wie „Jugend forscht“, und zeichnet seit dem Jahr 2000 auch bundesweit Schülerinnen und Schüler für herausragende Physikleistungen im Abitur aus. Diese Auszeichnung besteht aus einer kostenfreien DPG-Jahresmitgliedschaft. Die rund 3.000 Jahrgangsbesten erhalten zudem ein Buch, das über die aktuelle physikalische Forschung verständlich informiert. So möchten wir die Motivation und das Interesse an naturwissenschaftlichen Fragestellungen an den wissenschaftlichen Nachwuchs und damit insbesondere an Schülerinnen und Schüler weitergeben. Die kostenlose Jahresmitgliedschaft in Verbindung mit dem Buchpreis trägt ebenfalls entscheidend dazu bei, dass die DPG mit einem mittleren Alter ihrer Mitglieder von 34,5 Jahren im internationalen Vergleich eine sehr junge Fachgesellschaft ist.

Wenn wir Interesse und Begeisterung bei jungen Menschen wecken möchten, dann sind dafür natürlich auch in ganz außerordentlicher Weise motivierte Lehrerinnen und Lehrer gefragt, die diese naturwissenschaftlichen Inhalte spannend vermitteln können. Vielfach wird dies jedoch erheblich durch den zum Teil noch immer geringen Stellenwert der Naturwissenschaften an Schulen und durch knappe Ressourcen bzw. unzureichende Ausstattung in Schullaboren erschwert. Die Unterstützung von Lehrerinnen und Lehrern ist deshalb ein weiteres zentrales Element der Arbeit der DPG. Diese Projekte sind im ganz besonderen Maße mit der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung verbunden, der wir für ihre langjährige Förderung im höchsten Maße dankbar sind. Durch ihre großzügige finanzielle Unterstützung kann bereits seit vielen Jahren das Förderprogramm „Physik für Schülerinnen und Schüler“ betrieben werden. Dadurch werden u. a. musterhafte Projekte von Lehrerinnen und Lehrern unterstützt, die zur Steigerung der Attraktivität des Physikunterrichts beitragen.

Seit dem letzten Jahr finanziert die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung überdies ein Projekt der DPG zur Lehrerfortbildung. Mit bundesweit stattfindenden Fortbildungskursen soll dieses Projekt die bereits etablierten Lehrerfortbildungen der DPG im Physikzentrum Bad Honnef ergänzen. Eine verbesserte und intensivere Lehrerfortbildung ist zudem vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Zahl an Quereinsteigern in das Lehramt für Physik unbedingt nötig. Konkret soll im Rahmen des Lehrerfortbildungsprojekts darauf hingewirkt werden, die Inhalte des physikalischen Schulunterrichts zu reformieren. Das bedeutet, dass ein Teil der formalen, eher wenig ansprechenden Vermittlung von Formeln und Fakten durch eine anschaulichere, praxisorientiertere und motivierendere Behandlung spannender Themen aus Physik und Technik ersetzt werden soll.

Damit möchte ich zum Ende kommen. Uns allen muss die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses und insbesondere von jungen Mädchen und Frauen in Verbindung mit der Förderung von Chancengleichheit im Karriereweg ein zentrales Anliegen sein und bleiben. Dies beeinflusst nicht nur nachhaltig die Zukunft der Forschung, der industriellen und der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern ebenfalls die Kultur unserer Gesellschaft. Dazu möchten wir mit den Lise Meitner Lectures einen Beitrag leisten.

Ich wünsche Ihnen und uns allen einen guten Start der Lise Meitner Lectures, einen interessanten Vortrag und viele neue Erkenntnisse. Vielen Dank.

 
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