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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 2. November 2009

Rede des Präsidenten anlässlich der Sitzung der Plenarversammlung der Konferenz der Fachbereiche Physik am 2. November 2009 im Magnus Haus Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

leider kann ich heute nicht vor Ort sein, um Sie hier im Magnus-Haus zu begrüßen und Ihnen über aktuelle Entwicklungen in der Arbeit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu berichten. Ein grippaler Infekt hindert mich daran, die Reise nach Berlin anzutreten. Die enge Zusammenarbeit mit der Konferenz der Fachbereiche Physik ist der DPG ein wichtiges Anliegen. Ich bin sehr froh, dass durch Herrn Nienhaus als Sprecher der KFP und als Vorstandsmitglied der DPG, aber auch über die Arbeit des KFP-Exekutivausschusses, in dem der Präsident die DPG vertritt, diese Kooperation sichergestellt ist und intensiv gelebt wird. Dazu gehört auch, dass die DPG auch personelle Ressourcen ihrer Geschäftsstelle zur Verfügung stellt, um den KFP-Sprecher in seiner Arbeit zu unterstützen. An dieser Stelle möchte ich deshalb Ihnen, Herr Nienhaus meinen herzlichen Dank für Ihre Arbeit aussprechen.

In der letzten Sitzung habe ich berichtet, dass sich die DPG im besonderen Maße auf den wichtigen Bereich der Bildungsförderung und der Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses konzentriert. Gemäß diesem Fokus haben wir in den vergangenen Monaten verschiedene Aktivitäten unternommen, über die ich im Anschluss berichte. Zudem haben wir als einen weiteren Schwerpunkt unserer DPG-Aktivitäten den Bereich Klima und Umwelt noch stärker ins Visier genommen und werden uns hierzu auch zukünftig mit besonderem Engagement einbringen. Auch darauf gehe ich noch näher ein.

Beginnen werde ich jedoch mit dem Bildungsbereich, in dem ich über einige Veranstaltungen und Studien berichten kann. Zunächst möchte ich einige grundsätzliche Bemerkungen zu dem Bereich Bildung machen: Die Absicht der künftigen Berliner Koalition, die Ausgaben im Zukunftsbereich Bildung und Forschung bis Ende der Legislaturperiode auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern und Deutschland so zu einer „Bildungsrepublik“ zu machen, lässt hoffen. Wir werden dieses Versprechen aufmerksam verfolgen und gegebenenfalls hörbar daran erinnern. Das Ziel der neuen Regierung ist sehr ambitioniert, aber dringend notwendig, zumal es nicht nur um eine deutsche, sondern natürlich um eine europäische Herausforderung geht. Europa, so gaben die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten bereits im Jahr 2000 vor, soll zu einer modernen Wissensgesellschaft ausgebaut werden, die alle Talente der Union nutzt – innovativ, erfinderisch und mit einer effizienten Forschungslandschaft ausgestattet. Um die Ziele von Lissabon bis zum Jahr 2010 zu erreichen, fehlen Europa allerdings schätzungsweise 700.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dies ist ein wichtiger Grund, Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern. Nur wenn wir alle das Potenzial der hochqualifizierten Frauen zu nutzen, werden wir diese hohe Zahl an zusätzlichen benötigten wissenschaftlichen Fachkräften erreichen können. Zwar sind inzwischen in Deutschland 56 Prozent der Abiturienten weiblich, doch sind Frauen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) leider immer noch unterrepräsentiert – vor allem in Führungspositionen!

Im EU-Vergleich zeigt sich auch, dass Deutschland hinsichtlich des Anteils an Wissenschaftlerinnen hinter anderen Ländern in der EU zurückbleibt. Der Schnitt ist in Deutschland in allen Disziplinen niedriger als in den übrigen EU-Ländern. Besorgniserregend ist das Gefälle bei den Natur- und Ingenieurswissenschaften. Der EU-Schnitt liegt bei den Naturwissenschaften bei 29,1 Prozent, in Deutschland beträgt er lediglich 17,7 Prozent. Die Verhältnisse ändern sich nur langsam, dazu ein Beispiel: Der Anteil der Professorinnen an deutschen Hochschulen hat sich zwar zwischen 1992 und 2004 von 6,5 auf 13,6 Prozent verdoppelt. Dennoch sind Frauen in Führungspositionen vor allem in außeruniversitären Einrichtungen deutlich in der Minderzahl, wie eine Studie des BMBF zeigt. Dieser Verlust an jungen und qualifizierten Frauen, die eigentlich auf dem Karriereweg nach oben sein sollten, wird von der Genderforschung auch als „leaky pipeline“ bezeichnet. Eine „leckende Pipeline“ also, die symbolisch dafür steht, dass der Frauenanteil mit steigender Qualifikation abnimmt. Dies können und müssen wir ändern. Es gilt also, einerseits mehr junge Menschen und insbesondere Frauen für die Naturwissenschaften zu begeistern, andererseits dafür zu sorgen, dass die verschiedenen Stolpersteine und Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die Frauen den Zugang in Führungspositionen erschweren.

Zum Engagement der DPG im Bildungsbereich gibt es verschiedene Aktivitäten: Zuerst möchte ich das Physikzentrum Bad Honnef erwähnen, das für die DPG von zentraler Bedeutung ist, um eine Vielzahl von Fortbildungsveranstaltungen durchzuführen. Warum betone ich das? In diesem Jahr ist eine großartige Nachricht zu vermelden, nämlich ein neuer Vertrag zwischen der Universität Bonn und der DPG. Zum Hintergrund: Die DPG betreibt seit dem Jahr 1976 das Physikzentrum, das für die Physik in Deutschland gar nicht mehr wegzudenken ist. Allerdings war die Nutzung des Physikzentrums durch die DPG bisher rechtlich nicht abgesichert, eine Kündigung des Vertrages wäre also relativ kurzfristig möglich gewesen. Dadurch unterblieben auch notwendige Sanierungsmaßnahmen, die für den wissenschaftlichen Tagungsbetrieb dringend erforderlich sind. Im Jahr 2005 wurden deshalb Verhandlungen zwischen der DPG und der Universitätsleitung begonnen, die im Juli 2009 zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnten. Es gibt nun einen Nutzungsvertrag, der der DPG ein Nutzungsrecht von 30 Jahren mit einer Verlängerungsoption einräumt. Dieses Recht ist grundbuchrechtlich abgesichert und schließt die Nutzung der bisherigen und künftigen Investitionen mit ein. Der Vorstandsrat der DPG hat diese Vereinbarung auf einer Sondersitzung im Juli 2009 einstimmig gebilligt und ich konnte die entscheidende Notarurkunde am 24. August unterzeichnen. Somit ist das Physikzentrum für die DPG langfristig gesichert und wir können uns alle auf künftige Sitzungen in diesem Gebäude freuen. Auch Sie als KFP nutze das Physikzentrum ja jedes Jahr für ihre Plenarversammlung in der Woche nach Pfingsten. Alle Beteiligten möchte ich für diesen großartigen Erfolg meinen ganz herzlichen Dank aussprechen.

Damit komme ich nun zu Veranstaltungen der DPG im Bildungsbereich:

Podiumsdiskussion am Tag der DPG
Da ich gerade über das Physikzentrum gesprochen habe, möchte ich an dieser Stelle die Podiumsveranstaltung am kommenden Tag der DPG am 13. November im Physikzentrum Bad Honnef erwähnen, die dem Thema „Physiker als Unternehmensgründer“ gewidmet ist. Die Physik ist wie kaum eine andere Wissenschaft in der Verantwortung, den Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland zu sichern und voranzubringen. Dazu tragen auch Unternehmensgründungen durch Physikerinnen und Physiker bei. Schon heute sind beispielsweise deutsche Unternehmen Weltmarktführer in verschiedenen Bereichen der Optischen Technologien. Dabei stellen Produktion, Gesundheit, Kommunikation, Energie und Umwelt Leitmärkte dar. Diese Position gilt es nicht nur zu halten, sondern auszubauen. Gleichzeitig wird durch Unternehmensgründungen durch Physiker die Beschäftigungssituation für Physikabsolventen verbessert. Aus diesem Grund soll bei der Podiumsdiskussion am Tag der DPG im November 2009 mit erfolgreichen Unternehmensgründern aus der Physik über Chancen und Risiken von Unternehmensgründungen diskutiert werden.

Highlights der Physik
Zur Förderung des Interesses an den Naturwissenschaften bei insbesondere jungen Menschen haben im September 2009 die Highlights der Physik unter dem Motto „Adresse Milchstraße“ in Köln stattgefunden. Rund 20.000 Besucher aller Generationen nahmen an dem einwöchigen Wissenschaftsfestival teil. Die Veranstaltung aus der Reihe „Highlights der Physik“, die Sterne, Planeten und den Weltraum zum Thema hatte, war mit einer von Ranga Yogeshwar moderierten Wissenschaftsshow gestartet, an der Bundesministerin Schavan, der Rektor der Universität Köln, Herr Freimuth, der Vertreter der jungen DPG, Herr Heinrich, und ich in meiner Funktion als DPG-Präsident teilgenommen haben. Zudem war auch der Beststeller-Autor Frank Schätzing Gast der Highlightsshow. Zu dem Festivalprogramm zählten neben ausgestellten Exponaten auch Vorträge, ein Schülerwettbewerb und physikalische Vorführungen in der Kölner Fußgängerzone. Mitwirkende waren neben zahlreichen Wissenschaftlern und Studierenden auch die Astronauten Ulf Merbold und Reinhold Ewald, sowie Armin Maiwald von der „Sendung mit der Maus“. Dadurch konnte die DPG wieder erfolgreich junge Menschen mit der Physik in Kontakt bringen.

fobinet
Das Lehrerfortbildungsnetzwerk fobinet etabliert sich zunehmend als bundesweite Plattform für Fortbildungsveranstaltungen, die von Lehrerinnen und Lehrern als erste Adresse bei der Suche nach Fortbildungen genutzt wird. Die Datenbank wächst kontinuierlich, so dass inzwischen ca. 850 Fortbildungsveranstaltungen im Netzwerk gesammelt wurden und ca. 170 Experten für die Durchführung von Lehrerfortbildungen zur Verfügung stehen. Auch Organisationen wie Lehrerfortbildungszentren und Science Center arbeiten mit dem fobinet zusammen. Ein weiteres wichtiges Feld, auf dem fobinet arbeitet, ist die Kooperation mit den Landesinstituten, die in den einzelnen Bundesländern für die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern zuständig sind. Ein wichtiger Erfolg ist, dass das Landesinstitut Rheinland-Pfalz als erstes Landesinstitut fobinet-Veranstaltungen voraussichtlich bereits ab dem nächsten Jahr als anerkannte Fortbildungsveranstaltungen anbieten wird. So erhält die DPG mit fobinet auch die Möglichkeit, auf die inhaltliche Gestaltung von Fortbildungen im Sinne der Physik Einfluss zu nehmen. Ebenfalls unter Einbeziehung der Landesinstitute hat fobinet eine bundesweite Umfrage zum Bedarf an Lehrerfortbildungen durchgeführt. Durch diese Umfrage liegen erstmals in Deutschland Fakten über den inhaltlichen Bedarf für Lehrerfortbildungen in der Physik vor. Dies ist vor allem deswegen interessant, da ähnliche Umfragen von anderen Stellen bisher stets gescheitert sind.

Lise Meitner Lectures mit Schülerwettbewerb
Um speziell Mädchen in Kontakt mit den Naturwissenschaften bzw. der Physik zu bringen, hat die DPG zusammen mit der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft in der vergangenen Woche wieder die Lise Meitner Lectures durchgeführt, gefördert durch das BMBF. In Berlin und Wien fand auch ein Schülerwettbewerb mit dem Titel „Auf den Spuren großer Entdeckerinnen“ statt. Die Lise Meitner Lectures sollen jungen Menschen Role Models aus der Physik vorstellen, um sie so für die Physik zu begeistern. An beiden Veranstaltungen in Wien und Berlin haben die Präsidenten von ÖPG und DPG teilgenommen. Gastrednerin und Role Model war die schwedische Physikerin Cecilia Jarlskog, die einen Vortrag in Wien und Berlin über die Bedeutung von Symmetrien in der Natur gehalten hat. Frau Cecilia Jarlskog arbeitet unter anderem auf dem Gebiet der Teilchenphysik. Sie ist Professorin an der Universität Lund und war von 1989 bis 2000 Mitglied des Nobelpreiskomitees für Physik. Seit Juli diesen Jahres steht zudem die Role-Model-Ausstellung von DPG und ÖPG, d. h. Poster mit Biographien von Role Models aus der Physik, bundesweit allen Einrichtungen, die junge Menschen für die Physik und MINT-Berufe begeistern möchten, kostenlos als Download im DPG-Internetauftritt (www.role-models-physik.de) zur Verfügung. Die Ausstellung wird derzeit um weitere sechs Role Models erweitert, und zwar insbesondere aus dem Bereich Industrie.

Partner bei „MINT Zukunft schaffen“
Zur Förderung von jungen Menschen ist die DPG auch Partner der Initiative MINT Zukunft schaffen e.V. geworden. Die Schirmherrschaft hat Bundeskanzlerin Merkel. Die Initiative richtet sich an junge Menschen, um sie frühzeitig für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu begeistern. „MINT Zukunft schaffen” will in den kommenden sechs Jahren bis 2013 den zahlreichen, seit vielen Jahren erfolgreich vorhandenen MINT-Einzelinitiativen der Verbände und Unternehmen eine breite Plattform bieten, um durch ein gemeinsames Auftreten eine kritische Masse zu erreichen und politischen Forderungen öffentlichkeitswirksam entscheidenden Nachdruck zu verleihen: Unterricht und Lehre in den MINT-Fächern müssen an Schule und Hochschule quantitativ und qualitativ deutlich verbessert werden. Mitglieder sind z. B. BDA und BDI, aber etwa auch die Deutsche Mathematiker-Vereinigung. Die DPG hat sich deshalb bereit erklärt, ihre Projekte und Programme auf der Internetplattform der Initiative einzubringen, als Ansprechpartner für die Physik zu fungieren und sogenannte „Botschafter“ für die Physik zu benennen. Botschafter sind Persönlichkeiten, die Projekte durchführen, um für die Physik oder die Naturwissenschaften zu werben. Herr Schröter, DPG-Vorstandsmitglied für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen, nimmt heute für die DPG an der Konferenz dieser Initiative teil und stellt dort die Aktivitäten der DPG vor.

In der nächsten Zeit wird die DPG auch mehrere Studien herausgeben:

Arbeitsmarktstudie
Direkt mit der Bildung verknüpft sind die Arbeitsmarktchancen. Die DPG beobachtet diesen Markt regelmäßig und veröffentlicht jährlich einen Artikel über den Arbeitsmarkt für Physikerinnen und Physiker. Die Veröffentlichung basiert auf den Daten der Bundesagentur für Arbeit, deren Angaben sich für die konkrete Fragestellung der DPG allerdings immer schlechter eignen. Daher hat die DPG eine Studie in Auftrag gegeben, in der der Arbeitsmarkt für Physikerinnen und Physiker sowie die Physikergesamtheit detailliert untersucht werden. Die repräsentative Studie wird kurzfristig fertig gestellt werden. Es konnten zum Teil Zahlen erhoben werden, die bisher nur durch grobe Abschätzungen zugänglich waren, so zum Beispiel exakte Daten über die Gesamtheit der erwerbstätigen Physiker in Deutschland. Weitere Kapitel der Studie beschäftigen sich mit dem Einkommen und der Demographie von Physikerinnen und Physikern sowie der Branchenverteilung.

Abi-Studie
Wir alle stellen uns die Frage, wie genügend junge Menschen motiviert werden können, ein naturwissenschaftlich-technisches Studium aufzunehmen. Das betrifft die Physik-Fachbereiche unmittelbar, da es um Ihre Studentinnen und Studenten geht. Das betrifft aber ebenso den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland, der für seine Wettbewerbsfähigkeit auf zahlreiche gut ausgebildete Physiker, Ingenieure, Informatiker und so weiter angewiesen ist. Initiativen, den Nachwuchs in diesen „MINT“-Fächern zu sichern, gibt es einige, und auch die DPG engagiert sich hier. Was aber oft fehlt, ist das Wissen, welche Schülerinnen und Schüler sich aus welchen Gründen eigentlich für oder gegen ein Studium von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik entscheiden. Wie Sie wissen, vergibt die DPG seit Jahren einen Schülerpreis an Abiturientinnen und Abiturienten mit hervorragenden Physik-Leistungen. Die Preisträger des Abiturjahrgangs 2007 beobachtet die DPG in einer Langzeituntersuchung. Die Befragung am Ende des Jahres 2008, deren Ergebnisse wir demnächst veröffentlichen, erlaubt uns sehr interessante Einblicke in die Berufs- und Studienentscheidungen dieser jungen „High Potentials“, die für die Debatten um den MINT-Nachwuchs wichtig sind. Rund 1700 Schülerpreisträger des Abiturjahrgangs 2007 haben sich an der Umfrage beteiligt, und erstaunliche 33 % von ihnen studieren ein Jahr nach dem Abitur tatsächlich Physik. Rechnet man alle MINT-Fächer zusammen, sind es sogar fast 90 %, die Naturwissenschaften und Technik studieren! Gute Schülerinnen und Schüler, die entsprechend gefördert werden – denn erst aufgrund hervorragender Physik-Abiturleistungen konnten Sie von ihren Schulen für den DPG-Schülerpreis vorgeschlagen werden –, sind also offensichtlich auch motiviert, entsprechende Studienfächer und Berufsziele zu wählen. Bei den Gründen, warum sie sich für ein Physikstudium entschieden haben, spielten übrigens die Inhalte des Physikunterrichts und die Begeisterungsfähigkeit des Physiklehrers eine entscheidende Rolle. Ein Grund mehr, sich intensiv um die Qualität der Physiklehrerausbildung zu kümmern!

Ich bin sehr froh, dass Sie sich bei der heutigen Plenarversammlung auch mit diesem Thema beschäftigen werden. Übrigens erhalten – auch das ist ein Ergebnis unserer Befragung – die Physik-Schülerpreisträger etwa fünfmal so häufig ein Stipendium wie andere Studierende. Das macht uns sehr stolz, da die DPG mit dem Schülerpreis offenbar tatsächlich besonders begabte und qualifizierte Abiturienten auszeichnet. Oder umgekehrt: Die Auszeichnung mit dem DPG-Schülerpreis ist ein echter Pluspunkt und ein deutliches Unterscheidungsmerkmal bei der Bewerbung um ein Stipendium.

Quereinsteigerstudie
Wenn wir Daten über gute Abiturienten gewinnen möchten, dann dürfen die Lehrerinnen und Lehrer natürlich nicht fehlen. Derzeit wird eine DPG-Studie erstellt, die sich konkret mit Quer- und Seiteneinsteigern in das Lehramt befasst. Diese Erhebung wendet sich insbesondere an die Kultusministerkonferenz. Ausgangspunkt der DPG-Studie ist eine Ausgabe von Physikkonkret zum Thema Quer- und Seiteneinsteiger in das Lehramt Physik, in dem erstmalig öffentlich gemacht wurde, dass fast 50% Quer- und Seiteneinsteiger in das Lehramt Physik zu verzeichnen sind. Dies ist eine beunruhigend hohe Zahl, wenn diese Lehrer nicht entsprechend für den Physikunterricht fortgebildet werden. Mit der kommenden bundesweiten Studie möchten wir diese Daten untermauern und gleichzeitig zu möglichst allen Bundesländern exakte Daten liefern. Wir werden auch den Fortbildungsbedarf für angehende Physiklehrerinnen und –lehrer darstellen, um auf dieser Faktenbasis mit der KMK in einen Dialog zu dem zu treten. Es ist geplant, die Studie spätestens Anfang 2010 zu veröffentlichen.

Nun komme ich zu dem Bereich Energie und Umwelt
Die DPG widmet sich diesem Bereich in besonderer Weise, denn die Folgen des Klimawandels werden in mehr oder weniger großem Ausmaß unabwendbar sein. Gegenmaßnahmen müssen dringend entwickelt werden. Der Klimaschutz bzw. Maßnahmen, den Wandel abzufedern, sind deshalb oberstes Gebot bei dem Umbau hin zu einem CO2-armen Energiesystem. Hier liegt eine besondere Verantwortung für alle Physikerinnen und Physiker. Eines ist klar: Als Physiker können wir nicht die Zukunft voraussagen, und wir werden auch keine kurzfristigen neuen Lösungen zu bieten haben, die Politiker immer wieder so gerne präsentieren und über die die Medien berichten. Dies betrifft z. B. eine mir in den letzten Monaten oft gestellte Frage, welches denn die richtige Energieversorgung für die Zukunft sei. Da uns als Physiker dafür noch die berüchtigte Glaskugel fehlt, können wir nur auf der Basis von wissenschaftlichen Fakten sagen, dass wir alle Energieformen so gut als möglich erforschen müssen, und dass es verschiedene Ansätze gibt, die erfolgversprechend erscheinen und durchaus kurzfristig Erfolge zeitigen könnten, um spätere Generationen möglichst gut in die Lage zu versetzen, die jeweils angebrachte Technik zu nutzen. Wichtig ist deshalb, dass möglichst umfangreiche Grundlagenforschung betrieben wird, damit die künftigen Generationen genügend Optionen für eine CO2-arme Energieversorgung vorfinden.

Um diesen Standpunkt deutlich zu machen, haben wir uns bei verschiedenen Veranstaltungen und in Publikationen zu Wort gemeldet. Am 11. September 2009 war die DPG deshalb nicht nur Gastgeber, sondern zugleich Gast eines Pressegesprächs des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland, der regelmäßig im Magnus-Haus Berlin tagt. Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten, Herrn Umbach, wurden wir von 16 internationalen Medienvertretern zwei Wochen vor der Bundestagswahl über die Herausforderungen der Energieversorgung in Deutschland, Ziele der Energieforschung und energiepolitische Konzepte der Bundestagsparteien befragt. Wir haben betont, dass die DPG zum Thema Energie und Umwelt nach der Wahl mit jeder Regierung ins Gespräch kommen möchte, um aus wissenschaftlicher Sicht die Probleme von Atomkraft, CO2-Reduktion, regenerativen Energien und Klimaschutz sachlich zu erläutern. Hier besteht aus unserer Sicht noch erheblicher Aufklärungsbedarf in Politik und Öffentlichkeit.

Einen Beitrag zu diesem Informations- und Aufklärungsauftrag der Physik sollten auch die beiden letzten Ausgaben von „Physik konkret“ zu den Themen „Energieversorgung in Deutschland“ und „Solarthermie“ leisten, die erfreulicherweise nicht nur von Politikern, sondern auch immer stärker von Physiklehrern als Unterrichtsmaterial angefordert werden. Die kommende Ausgabe wird aus gegebenem Anlass die Frage behandeln, was überhaupt Atommüll ist. Auch hier zeigt sich in erschreckender Weise, dass in der politischen Diskussion und in den Medien zum Teil überhaupt nicht verstanden wird, über was hier eigentlich verhandelt wird.

Ein besonderes Ereignis, und damit komme ich nun zum Schluss meiner Rede, war eine Veranstaltung mit der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler. Wie Sie sicherlich wissen und in den letzten Tagen in den Zeitungen lesen konnten, ist die VDW vor 50 Jahren von der Gruppe besorgter Physiker gegründet worden, die sich zwei Jahre zuvor mit der „Göttinger Erklärung“ gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen hatten. Carl Friedrich von Weizsäcker, Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg und andere schlossen sich im Oktober 1959 am Rande einer Tagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur VDW zusammen. Diese gemeinsame Geschichte war der Anlass, dass VDW und DPG am 24. und 25. Oktober in der „Urania“ Berlin gemeinsam zum Thema „Verantwortung von Wissenschaft und Forschung“ getagt haben.

In den Vorträgen und Diskussionen ging es, wie schon gesagt, um das Thema Energie und Umwelt, aber auch um die aktuellen Möglichkeiten der nuklearen Abrüstung, um die Verantwortung der Wissenschaft für Bildung und Ausbildung und um die Rolle der Wissenschaft in der globalisierten Welt. Mich hat an den Ergebnissen der oft sehr lebhaften und manchmal kontroversen Diskussionen vor allem eines beeindruckt: Unsere Zivilisation rast mit hoher Geschwindigkeit auf eine Katastrophe zu, wenn sich nicht unser Umgang mit den Ressourcen dieses Planeten grundlegend wandelt. Das gilt nicht allein für die begrenzten Vorräte an fossilen Energieträgern, sondern in gleichem Maße für die zahlreicher anderer Rohstoffe und, nicht zuletzt, für den Nahrungsmittelanbau und die Wasserversorgung. Auch die Szenarien für die Folgen des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten sind alles andere als beruhigend. Wir als Wissenschaftler – und vielleicht ganz besonders wir als Physiker – sind aufgefordert dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft mit diesen Fakten vertraut gemacht werden. Das bedeutet zum einen, verständliche Informationen bereitzustellen und aktiv anzubieten. Das bedeutet aber auch, verantwortungsbewussten und gut ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden – und Sorge zu tragen, dass kompetente Physiklehrerinnen und -lehrer dafür sorgen, dass jeder Schulabgänger soviel naturwissenschaftliches Verständnis erworben hat, dass er sich faktenbasiert eine Meinung zu diesen Überlebensfragen der Menschheit bilden kann – gerade in den Punkten, bei denen die Bedrohung klar, die Lösungen und Handlungsoptionen aber hochkomplex und noch umstritten sind. Hier sehe ich Sie als Hochschullehrer, aber genauso die gesamte Physik und die Deutsche Physikalische Gesellschaft in der Verantwortung.

Damit möchte ich schließen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen erfolgreichen Verlauf Ihrer Konferenz.

 
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