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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 29.01.2010

Rede des Präsidenten zur 3. Runde des Auswahlverfahrens der 41. Internationalen Physikolympiade, DLR_School_Lab Göttingen

Liebe Olympioniken, meine sehr verehrten Damen und Herren,

als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ist es mir eine große Freude, auch in diesem Jahr an der Verleihung der Preise im Rahmen der Siegerehrung der dritten Runde des Auswahlverfahrens der 41. Internationalen Physikolympiade hier im DLR mitwirken zu dürfen. Es ist beeindruckend zu sehen, dass der Saal hier in Göttingen wieder so voll mit physikbegeisterten Teilnehmern besetzt ist.

Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der dritten Runde möchte ich an dieser Stelle zu Ihren hervorragenden Leistungen herzlich gratulieren. Ihr Engagement ist umso erfreulicher, wenn man berücksichtigt, dass das Fach Physik mit Abstand zu den unbeliebtesten Schulfächern überhaupt zählt. Damit tragen die Physikolympiade und Sie als Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmer dazu bei, dass den allgemein bekannten – und leider häufig anzutreffenden – Negativerlebnissen im Schulunterricht mit einem großartigen Beispiel für die Vermittlung von Freude an der Physik entgegenwirkt wird. So richtig zu verstehen ist es ohnehin nicht, dass Physik und Mathematik unbeliebte Fächer sind. Sind es doch die einzigen Fächer, in denen man ohne Auswendiglernen von Vokabeln, Gedichten Hauptstädten und Flussbezeichnungen oder Jahreszahlen auskommt. Was man verstanden hat, ist auch unwiderruflich gelernt.

Begeisterung für die Physik zu wecken, wie die Physikolympiade erfolgsbewährt demonstriert, deckt sich in höchstem Maße mit den Zielen der DPG, die mit über 57.000 Mitgliedern die größte, und gegründet im Jahr 1845, auch die älteste physikalische Gesellschaft der Welt ist. Alt sind die Mitglieder der DPG aber keineswegs, im Gegenteil, fast die Hälfte der Mitglieder der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sind Studierende oder Schüler. Die DPG ist also von der Mitgliederstruktur her eine sehr junge Gesellschaft. Sie versteht sich als Forum und Sprachrohr der Physik und verfolgt als gemeinnütziger Verein keine wirtschaftlichen Interessen. Mit Tagungen und Veranstaltungen unterstützt sie den Gedankenaustausch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, fördert den Physik-Unterricht und möchte darüber hinaus allen Neugierigen und naturwissenschaftlich Interessierten ein Fenster zur Physik öffnen. Allein bei ihren Tagungen kann die DPG jährlich rund 10.000 Besucher begrüßen. Viele davon sind Diplomanden, die auf einer DPG-Tagung vor der wissenschaftlichen Community zum ersten Mal einen Vortrag zum Thema ihrer Diplomarbeit halten. Dadurch ergeben sich oftmals gute Möglichkeiten mit etablierten Physikerinnen und Physikern aus den unterschiedlichen Berufsbereichen Kontakt aufzunehmen und den weiteren Karriereverlauf zu planen. In diesem Jahr ist Bonn Gastgeber der „Jahrestagung“ mit der zentralen Festsitzung der DPG und der Verleihung der Max-Planck- und der Stern-Gerlach-Medaille, den beiden höchsten Auszeichnungen der DPG.

Von herausragender Bedeutung zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind auch die Highlights der Physik, die gemeinsam vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF) und der DPG ausgerichtet werden und das größte Physikfestival mit Shows und Ausstellungen in Deutschland sind. Regelmäßig finden sich hier zwischen 20.000 und 30.000 Interessierte ein, insbesondere junge Menschen. Zudem unterstützt die DPG herausragende Projekte zur Nachwuchsförderung, wie die Physikolympiade oder das International Young Physicsts Tournament und zeichnet jedes Jahr bundesweit mehrere tausend Schülerinnen und Schüler mit einem Buchpreis für herausragende Physikleistungen im Abitur aus. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft vergibt auch die Physikpreise im Bundeswettbewerb Jugend Forscht. Außerdem betreibt die DPG zusammen mit dem BMBF das Internet-Portal „Welt der Physik“ mit verständlich und spannend aufbereiteten Themen rund um die Physik und engagiert sich in der Lehrerfortbildung.

Diese Beispiele zeigen, dass der DPG und auch mir ganz persönlich die Nachwuchsförderung ganz besonders am Herzen liegen. Die DPG möchte Rat geben und Mut machen, sich für ein Physikstudium zu entscheiden. Das ist von großer Bedeutung für eine Gesellschaft, die in hohem Maße auf den Entdeckungen und Innovationen in den Naturwissenschaften aufbaut. Physik ist mehr als trockene Formeln und abstrakte Gedankenmodelle. Die Physikolympiade ist ein wunderbares Beispiel dafür. Alle Teilnehmer an diesem Wettbewerb zeigen ganz eindeutig, dass es besonders motivierend ist, wenn man als Schülerin oder Schüler die Möglichkeit hat, eigenständig Problemstellungen anzugehen, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Sie brauchen dazu eine unterstützende soziale Umgebung, aber vor allem Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wie sie vorgehen wollen, und das Erlebnis eigener Kompetenz. All dies macht die Physik Olympiade möglich.

Spannend bleibt die Physik übrigens auch im späteren Berufsleben, denn mit einem Studium der Physik haben sie vielfältige Möglichkeiten. So entwerfen Physikerinnen und Physiker Mikrochips, bauen medizinische Geräte, optimieren Flugzeuge und Fahrzeugmotoren, bauen Licht- und Lasersysteme und könnten sogar Spezialgeräte für James Bond entwickeln. Besonders schön dabei ist, dass die Berufsaussichten für Physikinteressierte zudem weiterhin trotz Wirtschaftskrise sehr gut sind. Physiker gehören für Unternehmen Branchen übergreifend zur ersten Wahl. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Physiker naturwissenschaftliche Generalisten sind. Im Rahmen ihres Studiums lernen sie die Fähigkeit, mathematisch-analytische Denkmuster auf hohem Niveau anzuwenden, komplexe wissenschaftliche Experimente durchzuführen und auch in der Praxis komplexe technische Probleme zu lösen. Zudem verfügen sie in der Regel über profunde EDV-Kenntnisse. Da Physikerinnen und Physiker mit diesen Kompetenzen einen Querschnittscharakter aufweisen und folglich nicht nur in spezifischen Berufsfeldern zum Einsatz kommen, können Physiker in vielen Berufsprofilen sowie in zahlreichen Branchen arbeiten. Die hohe berufliche Flexibilität von Physikern stellt im Vergleich zu anderen Studiengängen einen großen Vorteil dar.

Natürlich hängen die Chancen am Arbeitmarkt auch für Physikerinnen und Physiker von der konjunkturellen Entwicklung ab. Allerdings sind für Physikabsolventen die Aussichten deshalb so gut, da die Nachfrage in Forschung, Industrie und Wirtschaft nach physikalischem Know-how auf absehbare Zeit nur schwer zu sättigen sein wird, es fehlen ganz einfach schon jetzt die Fachkräfte. Für die Förderung des Bildungs- und Wissenschaftsstandortes Deutschland hat dieser Mangel von Fachkräften schon heute große Auswirkungen, was in den nächsten Jahren noch dramatischer wird. Diesem Trend muss unbedingt entgegengewirkt werden. Deshalb, studieren Sie Physik!!

Um dem Fachkräftemangel begegnen zu können, ist es außerdem dringend notwendig, über exakte und aktuelle Fakten zu verfügen, um überhaupt zuverlässige Voraussagen treffen zu können. So erfreulich die aktuellen Schlagzeilen in den Medien wie „der Bedarf an Physikern und Physikerinnen steigt zunehmend“ oder „Jobaussichten für Physiker wieder ausgesprochen gut“ auch sind, sie haben ein Problem: Die Daten sind bisher aus dem Ingenieurwesen oder allgemein steigenden Beschäftigungsquoten abgeleitet und damit kaum auf die Physik zu übertragen. Sie lassen keine Rückschlüsse auf die Dynamik oder den Bezug zu einzelnen Berufsfeldern für Physikerinnen und Physiker zu. Diese Schwierigkeit liegt an der gerade genannten guten Ausbildung von Physikerinnen und Physikern, die es ihnen ermöglicht, sehr flexibel und häufig an den Schnittstellen zwischen technischen, naturwissenschaftlichen und sogar betriebswirtschaftlichen Berufen zu arbeiten. Aus diesem Grund hat die DPG erstmalig eine bundesweite und repräsentative Studie zum Arbeitsmarkt für Physikerinnen und Physiker in Auftrag gegeben, die in wenigen Tagen erscheinen wird. Einige Zahlen und Fakten zum Arbeitsmarkt möchte ich Ihnen heute schon exklusiv präsentieren, um Ihnen einen kleinen Ausblick auf Ihre Zukunftschancen mit einem Physikstudium am Arbeitsmarkt zu geben:

In Deutschland gibt es etwa 120.000 Physikerinnen und Physiker. Davon arbeiten allerdings nur einer von vier gelernten Physikern auch als „reiner“ Physiker. Viele Physikerinnen und Physiker sind in verwandten technisch-naturwissenschaftlichen Berufen tätig, etwa im Bereich der Informatik, der Mathematik oder im Ingenieurwesen. Zudem arbeiten Physiker auch in physikfremden Berufen, mehr als zehn Prozent sind Manager oder Unternehmensberater. Mehr als zwei Drittel aller Physiker sind im Dienstleistungssektor und lediglich knapp ein Drittel im Produzierenden Gewerbe beschäftigt. Die höchste Physikerdichte gibt es in den Branchen Forschung und Entwicklung, Datenverarbeitung und Datenbanken sowie im Hochschulbereich. Unsere Studie zeigt übrigens auch, dass Physikabsolventen mit ihrer Studienwahl überdurchschnittlich zufrieden sind: 87 Prozent würden das Fach wieder studieren.

Sie sehen also, der Arbeitsmarkt für Physikerinnen und Physiker bietet ein reichhaltiges Angebot für vielfältige Interessen. Das leider oft zu hörende Vorurteil, Physik hätte „nichts mit Menschen zu tun“, lässt mich nur staunen, da diese Mutmaßung völlig an der Realität vorbeigeht. Auch Physiker müssen kommunikativ sein und natürlich Fremdsprachen beherrschen. Gerade im Physikbereich ist Teamarbeit und internationaler Wissensaustausch an der Tagesordnung. Das gilt für die Arbeit in einer Großforschungsanlagen wie dem CERN in Genf genauso wie für die Tätigkeit und Abstimmungsprozesse in einem Industrie- oder kleinen Wirtschaftsunternehmen.

Diese Fakten zeigen, Physikerinnen und Physiker sind für eine wissensbasierte Gesellschaft unerlässlich. Helfen Sie mit, dass sich noch mehr junge Menschen für ein Physikstudium entscheiden. Natürlich spielt dafür auch die Schulausbildung und die hier vermittelte Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Physik eine entscheidende Rolle. Deshalb brauchen wir in Deutschland dringend motivierte und von der Physik begeisterte Lehrerinnen und Lehrer, die die Begeisterung und das Interesse für die Physik an Schülerinnen und Schüler weitergeben können. Neben dem Nachwuchs in Forschung, Industrie und Wirtschaft brauchen wir Physikinteressierte, die sich für ein Lehramt entscheiden, um den Wissensstandort Deutschland zu sichern. Auch dies möchte ich Ihnen heute mit auf den Weg geben.

Damit möchte ich schließen und wünsche Ihnen allen noch eine schöne Veranstaltung.

 
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