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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 24. März 2009

Rede des Präsidenten anlässlich des Festakts 2009 in Dresden

Sehr geehrte Frau Ministerin Stange,
sehr geehrter Herr Prorektor Weber,
sehr geehrter Herr Kollege Schultz,
sehr geehrter Herr Kollege Haug,
sehr geehrte Preisträger,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zur diesjährigen Frühjahrstagung der DPG in Dresden, dem größten Physikkongress Europas, zu dem wir in diesem Jahr rund 5.000 Fachleute aus dem In- und Ausland erwarten.

Im Fokus der Tagung stehen Mikroelektronik, Nanotechnologie, Materialforschung und weitere Bereiche der Festkörperphysik. Spannende Fragen drehen sich um die Zukunft von Bluray-Videoscheiben, Nanomaschinen, Quantencomputern, Spintronik-Rechnern, optomechanischen Robotern oder supraleitenden Systemen. Ebenfalls vertreten ist die „Physik sozio-ökonomischer Systeme“, die physikalische Methoden fachübergreifend unter anderem zur Analyse von Verkehrsstaus und sozialen Netzwerken, aber auch Börsenkursen oder für die Entstehung von Epedemienanwendet. Damit sind auch die Finanzwelt und die Wirtschaftkrise, traditionelles Metier der Wirtschaftswissenschaftler, zum Forschungsobjekt der Physik geworden. Auch aus diesem Grund sollten die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft uns Physikern in Dresden sehr aufmerksam zuhören.

Die Themen dieser Tagung sind keinesfalls akademische Fragen für den gern zitierten Elfenbeinturm, sondern sie sind von großer gesellschaftspolitischer Dimension. Das möchte ich an dieser Stelle ganz besonders betonen, denn leider, und dies gebe ich zu, ist der Physikerberuf in seiner Bedeutung oft nicht so einfach und vermeintlich klar darstellbar wie etwa der Beruf des Hals-Nasen-Ohrenarztes.

Das Verständnis in der Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Physik ist jedoch von grundlegender Bedeutung, denn die Förderung der Physik ist auch in Zeiten von Wirtschaftskrise und schwieriger Staatsfinanzen unverzichtbar. Die Physik mit ihrer Grundlagenforschung und ihrem Innovationspotenzial brauchen wir jetzt umso mehr, um Deutschland als Wissenschafts- und Hightech-Standort abzusichern und auszubauen. Dazu bedarf es hervorragend ausgebildeter, motivierter Menschen in ausreichender Zahl. Menschen sind unsere wichtigste Ressource und der Umgang mit Bildung und ihrer Förderung ist das Schlüsselthema für den Fortbestand unserer Kultur.

Deshalb engagiert sich die DPG mit ganzer Kraft, die Faszination der Physik erlebbar zu machen und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Hier haben wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und als DPG eine ganz besondere Verantwortung. Die DPG, deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht, ist die älteste und mit mehr als 56.000 Mitgliedern auch die größte physikalische Gesellschaft weltweit. Wir müssen uns dieser Verantwortung stellen, um gesamtgesellschaftliche Lösungen und Strategien für Themen wie Ressourceneffizienz, Schadstoffemission, Klimawandel und Energiepolitik zu finden und zu entwickeln.

Elementare Basis für die Ausbildung der benötigten Fachkräfte ist der Physikunterricht in der Schule. Leider geben die Ergebnisse einer bundesweiten Studie im Hinblick auf die Qualität des Physikunterrichts in Deutschland großen Anlass zur Sorge.

Fakt ist: In Deutschland fehlen Lehrerinnen und Lehrer für Physik, weshalb der Schulunterricht immer häufiger ausfällt oder von Lehrkräften ohne pädagogische Ausbildung übernommen wird. In den Jahren 2002 bis 2007 hatten 45 Prozent der Physik-Referendare und –Referendarinnen für die gymnasiale Oberstufe kein Lehramtsstudium absolviert, so das Ergebnis einer von der DPG mitfinanzierten Studie der Universität Frankfurt. Dies ist eine fast unglaubliche Zahl. Denn trotz in der Regel guter Fachkompetenzen sind Quer- und vor allem Seiteneinsteiger unzureichend auf die physikdidaktischen und pädagogischen Anforderungen in der Schule vorbereitet. Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu Bemühungen, die Lehrerausbildung zu professionalisieren und praxisnäher zu gestalten. Sie steht auch im Widerspruch zu den von der Kultusministerkonferenz im Oktober 2008 beschlossenen Standards für die Ausbildung von Lehrkräften. Deshalb hat sich die DPG im Februar 2009 mit einer aktuellen Ausgabe des Informationsblatts Physik konkret und einer gemeinsamen Stellungnahme von DPG, der Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik (GDCP) sowie des Deutschen Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) öffentlich an die verantwortlichen Politiker und Entscheidungsträger gewandt.

Diese Aktion hat große Resonanz in Politik, Lehrerschaft, Presse und Öffentlichkeit hervorgerufen. Fast täglich erreichen mich oder die DPG-Geschäftsstelle Schreiben und Anrufe aus den Ministerien, von Lehrerinnen und Lehrern, aber auch von Eltern. Reaktionen übrigens, die überwiegend Zustimmung zeigen bzw. die Haltung der DPG bestärken. Die jetzige Situation im Hinblick auf den Physikunterricht ist untragbar, trotz der vielen sehr positiven Beispiele für erfolgreiche und im höchsten Maße engagierte Quer- und Seiteneinsteiger, die es ohne Zweifel gibt und die viele von uns aus eigener Erfahrung ebenfalls kennen. Seiten- und Quereinsteiger sind deshalb keine schlechten Lehrer. Es handelt sich in der Regel um hoch spezialisierte Fachleute, die jedoch auf die Themenvielfalt und die pädagogischen und fachdidaktischen Anforderungen des Schulunterrichts nur unzureichend vorbereitet sind. Aus diesem Grund ist es dringend geboten, dass diese Lehrkräfte intensiver als bislang fortgebildet werden.

Wir erwarten von den Kultusministerien der Bundesländer deshalb verpflichtend eine umfassende Weiterbildung für Lehrkräfte durchzuführen, die kein Lehramtsstudium durchlaufen haben. Die Physik-Lehrer-Misere liegt im besonderen Maße an den Personalplanungen der Kultusminister der Länder. Diese hat in der Vergangenheit leider vollkommen den Bedarf an naturwissenschaftlichen Lehrkräften übersehen, was sich nun rächt. Die gegenwärtigen ad-hoc durchgeführten Notprogramme zur Einstellung von Lehrkräften gefährden die Qualität des Physikunterrichts. Ich kann Ihnen deshalb versichern, dass wir die weitere Entwicklung genau verfolgen werden. Hier steht die DPG den Kultusministerien gerne beratend zur Verfügung.

Als DPG fordern wir aber nicht nur, sondern fördern auch selbst, um die Situation zu verbessern. So hat die DPG bereits im Jahr 2006 Thesen für ein modernes Lehramtsstudium im Fach Physik entwickelt, um Standards in der Ausbildung im Fach Physik zu setzen. Darauf basierend, und in konsequenter Fortsetzung der seit den 80er-Jahren durchgeführten und sehr gut besuchten Lehrerfortbildungen im Physikzentrum Bad Honnef und im Magnus-Haus Berlin, wird derzeit das bundesweite Lehrerfortbildungsprojekt fobinet der DPG aufgebaut. Wir möchten damit zu einem modernen und ansprechenden Physikunterricht beitragen, damit die Qualität des Physikunterrichts langfristig gesichert wird. Zur Qualität gehört aber auch, dass wir die veralteten Sammlungen und Räume an den Schulen durch moderne ersetzen.

Selbst wenn in Dresden die Zeichen in der Wirtschaft nicht gerade positiv sind, so sind Physikerinnen und Physiker heute nicht nur in der Bundesrepublik nur schwer zu bekommende Fachleute, was sich auch auf dem Arbeitsmarkt widerspiegelt. Hier ist die Nachfrage nach Physikerinnen und Physikern nach wir vor trotz Finanz- und Wirtschaftskrise nur wenig beeinflusst. Die Arbeitslosenquote unter Physikerinnen und Physikern liegt noch immer bei nur etwa zwei Prozent. Vor kurzem gab es noch rund 5.000 offene Stellen in der Bundesrepublik, die kaum zu besetzen waren. Dieser Bedarf entspricht zwei kompletten Jahrgängen an Hochschulabsolventen aus der Physik. Fachkräftemangel wird Deutschland als Wissenschafts- und Hightech-Standort kurz- und langfristig vor große Probleme stellen – auch mit erheblichen gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Dennoch bleibt die Zahl an Studienanfängern sowie die Zahl an Absolventen noch deutlich hinter dem langfristigen Bedarf zurück.

Besonders kontraproduktiv ist deshalb die Tatsache, dass die Zahl der Professuren an Physikfachbereichen von Universitäten innerhalb der letzten Dekade um fast 12% reduziert worden ist. Das hat eine Studie der DPG zusammen mit der Konferenz der Fachbereiche Physik gezeigt. Dies ist ein gewaltiger Aderlass, den wir nicht akzeptieren können. Zum Vergleich: Die Physik ist von diesem erheblichen Stellenabbau viel stärker betroffen als die Mathematik und die Naturwissenschaften insgesamt. Dort liegt der Rückgang bei 4,3 Prozent. Im Lichte der Exzellenzinitiative ist dies sicherlich das falsche Signal. Durch diese Entwicklung wird die Qualität und Attraktivität der Naturwissenschaften im Allgemeinen und des Physikstudiums im Besonderen stark gefährdet. Deshalb fordern die DPG und die Konferenz der Fachbereiche Physik die Wissenschaftsminister der Länder auf, sofort Maßnahmen zu ergreifen, die einen weiteren Rückgang der Professuren verhindern und den Trend umkehren. Nur dann ist gewährleistet, dass die Physik-Fachbereiche an den Universitäten ihre Aufgaben in Forschung und Lehre erfüllen und den Fachkräftemangel lindern können, die Ausbildung von Physikerinnen und Physikern weiterhin auf international höchstem Niveau erfolgt und die Physik in Deutschland attraktiv bleibt.

Einen Teil dieser Attraktivität macht auch der besondere Stellenwert aus, den die Promotion im Fach Physik und in den Naturwissenschaften überhaupt in Deutschland genießt. Die Promotion dient dem Erwerb einer für die Ausübung des Berufs des Physikers oder der Physikerin wichtigen Qualifikation – der belastbaren Professionalität und Selbständigkeit unter hohem Leistungs- und Wettbewerbsdruck. Arbeit unter Risikobedingungen, Betreten von Neuland, Eigenverantwortlichkeit nicht unter abstrakten, sondern unter den realen Bedingungen des eigenen Fachs, das sind die Fähigkeiten, die im Rahmen der Promotion entwickelt werden. Ohne sie kommen weder der Wissenschaftsbetrieb noch Industrie und Wirtschaft aus. Deutschlands international geschätzte und anerkannte Promotionskultur, die die Doktorarbeit als eine erste Phase selbständiger Berufstätigkeit sieht, ist durch den laufenden Umstrukturierungsprozess der europäischen Hochschullandschaft latent gefährdet. Während in Deutschland der größte Teil der physikalischen Forschungsergebnisse von Doktoranden in selbständiger wissenschaftlicher Arbeit erbracht wird, sehen die Dokumente des Bologna-Prozesses die Promotion als „Dritten Zyklus“ der Hochschulbildung – also eben nicht als Phase selbstverantwortlicher wissenschaftlicher Berufstätigkeit. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz, die in Deutschland den Bologna-Prozess koordinieren, haben gegenüber den internationalen Gremien inzwischen deutlich gemacht, dass die nationalen Besonderheiten der Promotionskulturen in Europa erhalten bleiben sollen. Diese Haltung unterstützen wir in aller Deutlichkeit. Unser Anliegen ist es, die Verantwortlichen darin zu bestärken, die Bedeutung und das Ansehen des deutschen „Dr. rer. nat.“ weiter zu schützen und die Vielfalt der Promotionskulturen in Europa zu erhalten. Gemeinsam mit den Vertretern der anderen Natur- und Technikwissenschaften werden wir der deutschen Bologna-Delegation vor der Ministerkonferenz Ende April 2009 in Leuven diese Position noch einmal in Erinnerung rufen.

In einer modernen, demokratischen Wohlstandsgesellschaft ist es selbstverständlich Frauen und Männern gleichberechtigt den Zugang zu Bildung und Ausbildung zu gewähren. Dies gilt natürlich ebenso für Managementpositionen in Forschung und Industrie in allen Führungsebenen. Diese Chancengleichheit ist für unseren weiblichen Nachwuchs ganz offensichtlich noch nicht gegeben. Immerhin schafft das „Professorinnen-Programm“ von Bund und Ländern 200 neue Professuren nur für Frauen. Ein wichtiges Signal, aber bei rund 38.000 Professuren im Lande ist dies noch kein Durchbruch. Es ist beschämend festzustellen, dass von rund 1.100 Hochschullehrern in der Physik in Deutschland nur etwas über 70 Frauen sind. Die DPG engagiert sich gemeinsam mit dem BMBF und vielen anderen Gruppierungen im Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen. Wir sind verpflichtet auf allen Ebenen unser Äußerstes zu tun, um die zu beobachtende Schieflage des Anteils von Frauen in MINT-Berufen und an Spitzenpositionen in Wirtschaft und Wissenschaft zu beseitigen.

Dazu brauchen wir auch dringend Mentoring-Programme, die junge Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft auf Führungsaufgaben vorbereiten. Diese Mentoring-Kultur ist noch keineswegs ausreichend in Deutschland verankert, das muss sich dringend ändern. Hier möchte die DPG als größte physikalische Fachgesellschaft der Welt ihren Beitrag leisten und richtet aus diesem Grund aktuell ein eigenes Mentoring-Programm ein, um interessierten und neugierigen Physiker-Nachwuchs mit Experten zusammen zu bringen, Persönlichkeitsentwicklung zu fördern sowie Netzwerkbildung und Berufsplanungen zu erleichtern.

Um die Faszination der Physik und des Berufsfeldes einer Physikerin, aber auch eines Physikers, sichtbar zu machen, versuchen wir, jungen Menschen möglichst frühzeitig einen Einblick in hochaktuelle Arbeitsgebiete in Industrie und Forschung zu geben. Hier stimme ich auch Bundesministerin Schavan voll und ganz zu, die dies unlängst gefordert hat. Die DPG sorgt dafür bereits zum Beispiel im Rahmen ihres Laborbesichtigungsprogramms und den jährlich stattfindenden Highlights der Physik, die gemeinsam vom BMBF und der DPG ausgerichtet werden. Wir möchten so jungen Menschen zeigen, dass Physikerinnen und Physiker neben der Grundlagenforschung zu einem großen Teil in industriellen Forschungslabors tätig und an innovativen Produktentwicklungen beteiligt sind, z. B. bei der Entwicklung von innovativen Werkstofftechnologien oder bei der Suche und Erzeugung von CO2-armen Technologien, um dem Klimawandel zu begegnen.

Dieser Klimawandel ist untrennbar mit unseren Bildungsbemühungen verbunden. Dies ist gar nicht deutlich und schonungslos genug zu betonen, deshalb ist es mir ein großes Anliegen, auch auf diesen Punkt zum Abschluss meiner Rede einzugehen. Nur mit Spezialisten wird es uns gelingen, Klimaschutzmaßnahmen hin zu einem CO2-armen Energiesystem zu entwickeln. Selbstverständlich muss unser Fokus dabei sein, natürliche Energiequellen zu nutzen, soweit dies möglich ist. Wir Physiker haben ja ein originäres Interesse daran, Neues zu untersuchen und zu erforschen. Dennoch, Fakt ist: Derzeit kann nur ein Energiemix unter Einbeziehung der Kernkraft den Energiebedarf Deutschlands decken und dabei gleichzeitig die CO2-Emissionen wesentlich senken. Darauf hat die DPG bereits vor drei Jahren in ihrer vielbeachteten Studie hingewiesen, deren Schlussfolgerungen noch heute unverändert gültig sind. In dieser Studie, die noch immer zitiert wird und von der es neben 3.000 verteilten Exemplaren mittlerweile über 30.000 Downloads gibt, spricht sich die DPG deshalb auch für die Verlängerung der Laufzeiten von deutschen Kernkraftwerken aus, wenn die von der Bundesregierung erwarteten Emissionsminderungen in erreichbare Nähe rücken sollen. Diese Ziele würden nicht erreicht, wenn die Kernenergie, heute der Hauptträger CO2-freier Elektrizitätserzeugung in Deutschland, entsprechend den politischen Vorgaben wegfallen wird. Dass die DPG zu dieser Thematik gehört wird, zeigt auch die große Presseresonanz auf die Pressekonferenz während der DPG-Jahrestagung in Hamburg, wo wir dieses Problematik erneut und deutlich angesprochen haben.

Wir brauchen deshalb sowohl eine realistische Energiepolitik unter Berücksichtigung der regenerativen Energien und auch der Kernenergie als auch erhöhte Anstrengungen in der Energieforschung. Einfache Patentrezepte gibt es nicht und viele Lösungsansätze werden noch mehrere Jahrzehnte benötigen, bis sie die erhofften Beiträge liefern können. Angesichts der globalen Dimensionen der Umweltprobleme sind Lösungen nur über europäische und internationale Kooperationen zu erreichen. Gleichzeitig dürfen Klimaschutzmaßnahmen nicht getrennt von der Versorgungssicherheit betrachtet werden. Denn Deutschland und Europa sind bei Gas und Öl durch eine zunehmende Abhängigkeit von nur wenigen Förderländern bedroht. Dies ist in den letzten Jahren und besonders in diesem Winter mit der Gaslieferkrise auf dramatische Weise deutlich geworden. Langfristig könnte diese Abhängigkeit schwerwiegende Folgen für unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und für unser gesellschaftliches Wohlergehen haben. Versorgungssicherheit und Klimaschutz müssen daher höchste Priorität für die Entwicklung unserer Energieerzeugung haben.

Fakt ist, dass die Finanzmittel für die Energieforschung nur noch etwa 30% der Forschungsfördermittel des Jahres 1970 betragen. Die DPG fordert daher, dass bereits kurzfristig mehr Mittel für die Energieforschung bereit gestellt werden. Die DPG als größte Physikalische Fachgesellschaft der Welt mit ihren über 56.000 Mitgliedern ist dazu gerne Berater und Ansprechpartner für die Politik.

Meine Damen und Herren, eine Tagung mit solch einem exzellenten Programm, das eine großartige Werbung für die Bedeutung der Physik für unsere Gesellschaft darstellt, ist nur durch größtes Engagement von allen Beteiligten möglich. Meinen großen Dank aussprechen möchte ich deshalb allen beteiligten Fachverbänden und Arbeitsgruppen und natürlich dem örtlichen Tagungsleiter Herrn Schultz, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW), der lokalen Organisatorin, Frau Dr. Anke Kirchner, ebenfalls IFW, sowie dem gesamten Team. Bedanken möchte ich mich ebenfalls bei der TU Dresden für die Gastfreundschaft und der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die wieder großzügige finanzielle Unterstützung unserer DPG-Frühjahrstagungen. Jeder sechste Tagungsteilnehmer wird wiederum finanziell von der Wilhelm und Else Heräus-Stiftung unterstützt.

Mit dieser schlaglichtartigen Bestandsaufnahme bedeutsamer Aufgabenfelder der DPG möchte ich schließen. Die Beispiele machen aber auch so deutlich, dass die Physik eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft, Erziehung und Kultur nicht nur spielt, sondern auch in Zukunft spielen wird und vermehrt spielen muss.

Doch nun möchte ich zu der Preisverleihung übergehen - eine traditionelle und originäre Aufgabe der DPG und übergebe für die Verleihung des Walter-Schottky-Preis 2009 nun an Herrn Kollegen Haug (Verleihung des Schottky-Preises durch Herrn Haug und ggf. Herr Schultz).

Nun kommen wir zur Verleihung des Robert-Wichard-Pohl-Preises an Herrn Prof. Dr. Harald Rose. Dies ist mir ein besonderes Vergnügen, da meine frühere Firma Spindler & Hoyer (später LINOS) eine enge Verbindung mit Robert-Wichard Pohl hatte. Viele der von Pohl entwickelten Geräte wurden von uns ins Programm genommen und Pohl war uns ein wichtiger Berater.

Sehr geehrter Herr Rose,

Engagement bedeutet, dass etwas bewegt wird. Bewegt haben Sie viel in Ihrer langen wissenschaftlichen Karriere. Da mir aber im Rahmen meiner Redezeit nur einige Minuten vergönnt sind, möchte ich nur einige Stationen Ihres Wirkens beleuchten. 1955-1961 studierten Sie Physik und Mathematik an der TU Darmstadt und schlossen mit dem Diplom ab. Nach Ihrer Promotion im Jahr 1965 an der TU Darmstadt absolvierten Sie neben Ihrer Tätigkeit in Darmstadt vielfältige exzellente Forschungsaufenthalte in Chicago, Albany und Troy. Bis zum Jahr 2000 waren Sie Professor am Institut für Angewandte Physik der TU Darmstadt. Darüber hinaus hatten Sie auch eine Gastprofessor an der Jiantong Universität, China, sowie an der University of Tennessee inne. Darüber hinaus führte Sie Ihre wissenschaftliche Karriere an das Institute of Applied Physics der Cornell University an das Oak Ridge Laboratory, an das Argonne National Laboratory sowie das Lawrence Berkeley National Laboratory.

Diese kurze Skizze aus Ihrem Forscherleben zeigt ganz deutlich: Wissenschaft ist nicht nur harte Arbeit, sondern macht auch Spaß – zumindest in den meisten Fällen und für die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ihr Wissensdurst und Ihre Freude an der Physik und Ihre wissenschaftliche Neugierde, die Sie ausstrahlen, ist die Motivation, die zu herausragenden Forschungsergebnissen führt, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte – und was kann es besseres geben, als etwas zu tun, was Freude sowie gleichzeitig einen Mehrwert für unsere Gesellschaft schafft?

Sie haben mit Ihrer Forschung die theoretischen Grundlagen für eine ganze Reihe experimenteller und technischer Durchbrüche im Bereich der Elektronenmikroskopie geliefert. So basiert die neueste Generation kommerzieller Elektronenmikroskope auf Ihrem Konzept der „aberrationskorrigierten Elektronenoptik“. Dies möchte ich auch für alle Nichtphysikerinnen und Nichtphysiker, die heute auch hier im Raum sind, kurz erklären: Dieses Verfahren wirkt ähnlich einer Brille, die die Sehschärfe verbessert. Derartige Elektronenmikroskope erzielen eine zuvor unerreichte Auflösung und machen erstmals sogar einzelne Atome sichtbar. Diese Entwicklung ist insbesondere vor dem Hintergrund zu sehen, dass Elektronenmikroskope zum Schlüsselinstrumentarium der modernen Wissenschaft zählen und ihr Einsatzgebiet von der Materialforschung bis zur Biologie reicht.

Aus diesem Grund ist es mir eine ganz besondere Freude, Ihnen heute den Robert-Wichard-Pohl-Preis zu verleihen.

Ich verlese dazu die Laudatio:
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft verleiht den Robert-Wichard-Pohl-Preis des Jahres 2009 an Herrn Prof. Dr. Harald Rose Technische Universität Darmstadt für seine herausragenden Verdienste in der Entwicklung aberrationskorrigierter Elektronenmikroskope. Er hat die Grundlagen für eine ganze Reihe experimenteller und technischer Durchbrüche in der Elektronenoptik geliefert, die im Anschluss daran zu erfolgreichen wissenschaftlichen Anwendungen und industriellen Innovationen geführt haben. Die neueste Generation kommerzieller Elektronenmikroskope basiert auf seiner bahnbrechenden Erfindung aberrationskorrigierter Elektronenoptiken. Dadurch hat er als Pionier der modernen Elektronenmikroskopie Anwendungen in vielen wissenschaftlichen Disziplinen vorangetrieben bzw. erst ermöglicht, insbesondere auf den Gebieten der Kondensierten Materie, der Materialforschung, der industriellen Technik, der Biologie und der Medizin.

Dresden, den 24. März 2009.

 
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