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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 15. April 2008

Rede des Präsidenten anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Peter Grünberg am 15. April 2008 in der Universität zu Köln

Sehr geehrter Herr Freimuth, sehr geehrter Herr Schmalz, sehr geehrter Herr Dederichs, sehr verehrter Herr Grünberg, meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist eine große Ehre für mich als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft der Verleihung der Ehrendoktorwürde und Universitätsmedaille an Herrn Grünberg beitragen zu dürfen. Ihre Leistung, sehr geehrter Herr Grünberg, ist Ansporn und Verpflichtung, Ihre Auszeichnung mit dem Nobelpreis eine große und wichtige Motivation für uns alle. Sie helfen nicht nur, das internationale Ansehen der Grundlagenforschung in Deutschland nachdrücklich zu belegen und das Selbstbewusstsein der Forscher gegenüber überzogenem Reformeifer zu stärken. Ihr Nobelpreis lenkt darüber hinaus das Interesse der Öffentlichkeit und das der jungen Menschen auf Naturwissenschaften und Technik. Da diese für die Zukunft unseres Landes eine zentrale Rolle spielen und da vor allem für einen motivierten Nachwuchs gesorgt werden muss, sollten wir alle Möglichkeiten wahrnehmen, in die Öffentlichkeit hineinzuwirken. Dazu bietet das Jahr 2008 hervorragende Möglichkeiten, denn in diesem Jahr feiern wir sowohl das Jahr der Mathematik als auch den 150. Geburtstag von Max Planck. Viele Menschen haben damit eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Vielfalt und die Bedeutung der Mathematik und der Naturwissenschaften kennen zu lernen und die Faszination für diese zu spüren.

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig“.

Diesen schönen Satz hat einmal Einstein geäußert. Neugierde und Leidenschaft sind wohl die Grundlagen jeder neuen Entdeckung und jeder Innovation. Diese erlebbar zu machen und zu fördern, dazu tragen zahlreiche Partner aus Wissenschaft, Kultur und Politik bei, mit vielfältigen regionalen und überregionalen Veranstaltungen, Ausstellungen, Wettbewerben und Festivals. Auch der DPG ist es ein zentrales Anliegen, dass Wissenschaft und Gesellschaft ein Verständnis für ihre gemeinsamen Belange und Interessen entwickeln. Denn viele Zusammenhänge in unserer technisierten Welt sind ohne die Grundlagen der Physik nicht zu verstehen. Die Naturwissenschaften und natürlich auch die Mathematik gehören nicht nur zu den grundlegenden Wissenschaften unserer Kultur. Sie bilden auch von Beginn an den Kern der Wissenschaftsentwicklung. Sie sind das ursprüngliche Paradigma von Wissenschaft, die Grundlage der Technik und ein konstitutiver Teil einer rationalen Kultur. Sie werden auch in Zukunft methodische Leitdisziplinen bleiben und ihre Stärken in inter- und transdisziplinären Kollaborationen fruchtbar einsetzen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Peter Grünberg: Seine Grundlagenforschung über magnetische Schichtsysteme, insbesondere für die Entdeckung des Riesenmagnetowiderstands, haben eine Revolution im Bereich der Magnetspeicher in Gang gesetzt, die für Wissenschaft und Industrie gleichermaßen von Bedeutung sind.

Physik ist nicht nur spannend, sondern Physikerinnen und Physiker sind auf dem Arbeitsmarkt auch heiß begehrt. In der Regel stehen sogar frische Absolventen vor der überaus angenehmen Herausforderung, sich eine Arbeitsstelle aus einer Reihe von guten Stellenangeboten aussuchen zu können. Diese erfreuliche Entwicklung gilt auch für ältere, berufserfahrene Physikerinnen und Physiker, die sich beruflich noch einmal verändern möchten oder vorübergehend arbeitslos geworden sind. Zeigen sich Bewerber überdies regional mobil und flexibel, erhöhen sie zusätzlich ihre ohnehin ausgezeichneten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Um die ganze Bandbreite des Berufsfeldes Physik kennen zu lernen, sollten junge Menschen möglichst frühzeitig Einblicke in die hochaktuellen Anwendungsgebiete erhalten, die für unsere Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. So arbeiten etwa Physikerinnen und Physiker nicht nur in der Grundlagenforschung, im Gegenteil: Physiker sind zu einem großen Teil in industriellen Forschungslabors tätig, an innovativen Produktentwicklungen beteiligt oder befassen sich mit der Anwendung neuer medizinischer Diagnose- und Therapieverfahren in Krankenhäusern. Ferner sind sie mit der Entwicklung von Verfahren zur Nutzung alternativer Energieformen oder optischer Technologien betraut und wirken an vorderster Stelle bei der Suche und Erzeugung von CO2-armen Technologien mit.

Dennoch bleibt die Zahl der Studienanfänger und gerade auch der Absolventen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften noch deutlich hinter dem Bedarf in den westlichen Industrienationen zurück. Das stellt die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vor große Schwierigkeiten. An jeder Stelle, für die ein Physiker gebraucht und die aus Mangel an Absolventen nicht besetzt wird, hängen zahlreiche Facharbeiterstellen, die dann ebenfalls nicht besetzt werden. So kommen dringende Projekte leider nicht zustande. Aktuell verliert die Deutsche Wirtschaft durch unbesetzte Stellen im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich pro Jahr bereits mehrere Milliarden Euro. Deutschland läuft zudem Gefahr, in absehbarer Zeit den wissenschaftlichen und technischen Anschluss zu verlieren. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich ist deshalb eine zentrale und unaufschiebbar Aufgabe. Zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses stehen übrigens nicht nur die Hochschulen oder die Politik in der Pflicht, sondern natürlich auch die Wirtschaft bzw. die Industrie. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass diese Förderung nur durch gemeinsame Anstrengungen von Erfolg gekennzeichnet ist. Davon profitieren Studierende in ganz besonderem Maße.

Es muss uns aber auch gelingen, den Anteil an weiblichen Studierenden deutlich zu erhöhen. Wir müssen junge Frauen ermutigen, sehr viel stärker Mathematik, Physik und die anderen naturwissenschaftlichen Fächer, die heute hier versammelt sind, zu studieren. Dies ist leider noch immer eine drängende Herausforderung, denn unsere Gesellschaft definiert naturwissenschaftlich-technische Berufe immer noch mehrheitlich als Männerberufe. Das müssen wir alle hier dringend ändern. Nur so haben wir eine Chance, junge Frauen für Studiengänge und Ausbildungsberufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu gewinnen.

Um die Rolle der Naturwissenschaften zu stärken, ist natürlich in ganz besonderem Maße die Schulbildung von entscheidender Bedeutung. Dass dies keine überflüssige Bemerkung ist, machen nicht nur die aktuellen Diskussionen über den Umfang der Naturwissenschaften in der gymnasialen Oberstufe deutlich, sondern gleichfalls die leider sehr verbreitete Unterteilung in die so genannten „zwei Kulturen“. Darunter wird einerseits eine naturwissenschaftlich-mathematische, andererseits eine geisteswissenschaftliche Kultur verstanden – wobei Bildung oftmals nur mit der letzteren assoziiert wird. Demnach wäre es Bildung, Goethes Faust gelesen zu haben, den 2. Hauptsatz der Thermodynamik zu kennen jedoch nicht. Naturwissenschaft und Kultur bilden keine Gegensätze und es darf auch nicht der Anschein erweckt werden, dass sie es tun. Naturwissenschaft ist Teil der Kultur.

Die umwälzenden technischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts sind nur aus der engen Verbindung von Grundlagenforschung mit neuen experimentellen und theoretischen Methoden entstanden. Ausdrücklich wendet sich die DPG deshalb dagegen, den ohnehin geringen naturwissenschaftlichen Unterricht im Zuge des achtjährigen Gymnasiums nochmals zu kürzen. Dies wäre im höchsten Maße kontraproduktiv sowohl für den Wissenschafts- als auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Vielmehr muss der naturwissenschaftliche Unterricht wieder deutlich gestärkt und die Lehrerausbildung, auch vor dem Hintergrund vieler Quereinsteiger, verbessert werden. Dies ist nicht nur eine Frage der Quantität, sondern insbesondere eine Frage der Qualität. Der Unterricht muss nicht nur fachlich fundiert sein, sondern bei den jungen Menschen auch Interesse an den entsprechenden Berufsbildern wecken. Als ein konkretes und aktuelles Beispiel hierzu möchte ich das durch die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung geförderte Programm der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur Lehrerfortbildung nennen, durch das bundesweit ein Lehrerfortbildungsnetzwerk zur fachlichen und didaktischen Fortbildung von rund 20.000 Lehrkräfte aufgebaut wird. Damit möchte die DPG ihren Beitrag leisten, um die Ausbildung der Lehrkräfte im Fach Physik und damit gleichermaßen die naturwissenschaftliche Bildung substanziell zu verbessern.

Meine Damen und Herren, damit fasse ich zusammen: Mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse sind die zentrale Grundlage für Innovationen in Wissenschaft und Technik. Sie sind daher für die zukünftige Entwicklung unserer Kultur und als wirtschaftliche Grundlage unseres Lebens unverzichtbar. Peter Grünberg ist nicht nur ein Vorbild für herausragende Forschung, Schaffenskraft und unermüdlichen Einsatz, sondern auch ein besonderes Beispiel dafür, welche Rolle Begeisterung für eine Wissenschaft spielt. Mit Forschern wie ihm können wir es schaffen, dass Deutschland auch in Zukunft seinem hohen Standard in Wissenschaft und Technik halten wird, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Herr Grünberg, ich gratuliere Ihnen im Namen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur Verleihung der Ehrendoktorwürde und der Universitätsmedaille. Wir wünschen uns alle, dass es Ihnen gelingt, Ihre durch den Nobelpreis und andere Ehrungen neu erlangte Popularität zur Motivation junger Menschen und zum Wohl der Physik zu nutzen. Ich weiß, dies ist auch Ihnen ein Herzensanliegen. Dafür wünsche ich Ihnen persönlich alles Gute und viel Kraft.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 
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