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Prof. Dr. Gerd Litfin, Göttingen
am 6. November 2008

Grußwort des Präsidenten anlässlich der 12. Deutschen Physikerinnentagung in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Sehr geehrte Frau Nelles, sehr geehrte Frau Denz, sehr geehrter Herr Wessels, sehr geehrte Frau Frantz, meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, Sie alle zur diesjährigen Physikerinnentagung begrüßen zu dürfen. Es ist durchaus kein alltägliches Ereignis, bei einer Physiktagung bei mehr als 200 Teilnehmern überwiegend in weibliche Gesichter zu blicken. Deswegen freut es mich sehr, hier auf dieser Tagung bestätigt zu sehen, wie aktiv und erfolgreich Physikerinnen sind. Aus diesem Grund, und auch weil ich die volle Unterstützung des Vorstands der Deutschen Physikalischen Gesellschaft für die Anliegen der Physikerinnen bekunden möchte, bin ich der Einladung von Frau Denz zur Eröffnung dieser Tagung sehr gerne gefolgt.

Zu den wesentlichen Zielsetzungen der Deutschen Physikerinnentagung gehören ja der Aufbau von Netzwerken, der intensivierte Dialog zwischen Physikerinnen aus unterschiedlichen Fachgebieten sowie Berufs-, Regions- und Qualifikationsbereichen. Neben der wissenschaftlichen Fachdiskussion stehen selbstverständlich aber auch der Erfahrungsaustausch und die Berufsperspektiven von Physikerinnen im Mittelpunkt. Und in diesem Zusammenhang möchte ich gleich zu einem sehr zentralen und aktuellen Anliegen der DPG überleiten: Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses:

Uns allen muss die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses und insbesondere von jungen Mädchen und Frauen in Verbindung mit der Förderung von Chancengleichheit im Karriereweg ein zentrales Anliegen sein und bleiben. Wir müssen die Motivation und das Interesse an naturwissenschaftlichen Fragestellungen an den wissenschaftlichen Nachwuchs und damit speziell auch an Schülerinnen und Schüler als „Physikerinnen und Physiker in spe“ weitergeben und sicherstellen. Darin besteht das besondere Anliegen der DPG, denn leider müssen wir immer noch konstatieren, dass Naturwissenschaften in Deutschland noch zu wenig Beachtung finden.

Wir sind dabei ein völlig veraltetes Bild zu verändern, das suggeriert, Technik und Wissenschaft seien Männerdomänen. Derzeit sind junge Frauen überwiegend in kaufmännischen Berufen, medizinischen Assistenzberufen und im Dienstleistungssektor tätig, so eine Analyse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Im Hinblick auf den Frauenanteil bei den DPG-Mitgliedern können wir erfreulicherweise jedoch feststellen, dass sich dieser Wert von 6,1% im Jahre 1990 auf 12,7% im Jahr 2008 mehr als verdoppelt hat.

Naturwissenschaften bilden eine zentrale Grundlage für neue Entdeckungen und Innovationen. Sie erlebbar zu machen und zu fördern trägt die Deutsche Physikalische Gesellschaft bei, deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht und die damit die älteste und mit mehr als 55.000 Mitgliedern auch die größte physikalische Gesellschaft weltweit ist. Ich möchte Ihnen kurz einige zentrale Projekte der DPG zur Förderung von Physikerinnen und Physikern nennen:

Die Förderung von Mädchen und Frauen in den Naturwissenschaften war unlängst wichtiges Thema eines sehr konstruktiven Gesprächs mit Frau Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, dem Präsidenten der DPG und dem DPG-Hauptgeschäftsführer im Magnus-Haus Berlin. Große Übereinstimmung mit der Bundesministerin bestand darin, dass neben der allgemeinen Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses insbesondere junge Mädchen für die Physik und die Naturwissenschaften begeistert und sie in naturwissenschaftlichen Ausbildungsgängen und Berufen sehr viel stärker gefördert werden müssen. Dies aus gegebenem Anlass, denn leider wählen nur sehr wenig Mädchen einen Physik-Leistungskurs, obwohl Mädchen, die sich dafür entschieden haben und anschließend Physik studieren, oftmals überdurchschnittlichen Erfolg im Studium haben. Ich habe deutlich gemacht, dass der DPG die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses, insbesondere von jungen Mädchen und Frauen in Verbindung mit der Förderung von Chancengleichheit im Beruf, ein zentrales Anliegen ist. Wir dürfen und können es uns nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen in unserer Gesellschaft zu verzichten. Wir müssen junge Frauen ermutigen, sehr viel stärker Mathematik, Physik und die weiteren naturwissenschaftlich-technischen Fächer zu studieren.

Erfreulicherweise wird dies auch in Politik und Öffentlichkeit erkannt, wodurch sich die Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen und das Stichwort „Role Models“ in Politik und Medien zunehmend etablieren. Wir benötigen eine solchen Aufbruch und entsprechende „Role Models“, die aufzeigen, dass Naturwissenschaften nicht nur beruflich hervorragende Möglichkeiten bieten, sondern auch große Freude bereiten. Naturwissenschaften sind zudem keineswegs trocken, sondern höchst spannend und sind ein zentraler Baustein unserer Bildung und Kultur. Sie sind die Grundlage für neue Entdeckungen sowie Innovationen, ohne die eine auf den Erkenntnissen der Wissenschaft fußende Gesellschaft nicht auskommen kann, wenn sie in einer globalisierten Welt bestehen möchte. Am 17. Juni 2008 habe ich deshalb in meiner Funktion als DPG-Präsident auch an der Unterzeichnung des nationalen Paktes zur Förderung des weiblichen Nachwuchses bzw. von Frauen in den Naturwissenschaften teilgenommen. Dieser Pakt wurde auf Initiative von Bundesbildungsministerin Schavan gestartet. Unter dem Motto „Komm, mach MINT!“ will die Bundesregierung mit mehr als 40 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik das Engagement aller Beteiligten stärken und bündeln. Der Pakt ist Teil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung. Die Pakt-Partner haben sich konkrete gemeinsame Ziele gesetzt: Der Anteil an Studienanfängerinnen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern soll um durchschnittlich fünf Prozentpunkte steigen, bei Neueinstellungen im MINT-Bereich sollen Frauen mindestens entsprechend ihres Anteils an den Absolventen berücksichtigt und ihr Anteil an Führungspositionen deutlich erhöht werden.

Die DPG bringt sich in diesen Pakt derzeit konkret mit den Lise Meitner Lectures ein, die Ende Oktober diesen Jahres in Wien und Berlin gestartet worden sind. Lise Meitner wurde übrigens 1923 als erste Frau in den DPG-Vorstand gewählt. Auf Initiative der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft –vielen Dank nochmal Frau Präsidentin Ritsch-Marte für Ihr Engagement- sollen mit den Lise Meitner Lectures in den nächsten Jahren herausragende Wissenschaftlerinnen einem breiten Publikum vorgestellt werden. Als Vortragende konnte in diesem Jahr Frau Prof. Dr. Mildred Dresselhaus, Massachusetts Institute of Technology (USA), gewonnen werden. Ihr Vortrag fand in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt. Frau Dresselhaus sprach zu dem hochaktuellen Thema „narno-carbons“. Für die Zukunft sind neben öffentlichen und allgemein verständlichen Vorträgen Treffen mit Schülerinnen und Schülern so wie Diskussionen mit jungen Frauen, Studierenden und Nachwuchsforschern vorgesehen. Frau Sandow betreibt dieses Projekt federführend für die DPG.

Ein bereits seit vielen Jahren sehr erfolgsbewährtes Projekt, junge Mädchen, aber natürlich auch Jungen, für die Naturwissenschaften zu begeistern, sind die so genannten „Highlights der Physik“. Inspiriert und begeistert durch den Erfolg des Jahres der Physik im Jahr 2000 veranstalten die DPG und das BMBF seit 2001 die Highlights der Physik, die jährlich wechselnd in einer anderen Stadt stattfinden. Im Jahr 2008 gastierten die Highlights der Physik in Halle an der Saale. Das Programm umfasste eine Ausstellung mit Physik zum Anfassen und Ausprobieren, Live-Experimente, Auftritte und Vorträge von herausragenden Wissenschaftlern, immerhin auch von zwei Nobelpreisträgern, einen Schülerwettbewerb sowie Showelemente. Die Resonanz war auch im Jahr 2008 wieder großartig: Mehr als 30.000 Besucher aller Altersgruppen waren bei den Highlights zu Gast.

Das Thema Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses wird ebenfalls am kommenden Tag der DPG eine zentrale Rolle spielen. In Verbindung mit dem Arbeitskreis Chancengleichheit der DPG, dem wir in diesem Jahr zu seinem zehnjährigen Bestehen gratulieren dürfen, ist die Podiumsdiskussion am diesjährigen Tag der DPG mit dem Titel „Frauen in die Physik“ versehen. Dabei geht es einerseits um die Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses, andererseits um die Karriereverläufe von Frauen und ihren Aufstieg in Spitzenpositionen von Wissenschaft, Wirtschaft und im öffentlichen Leben. Hier stehen neben dem naturwissenschaftlichen Interesse auch ganz besonders Fragen der persönlichen Karriereplanung sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt. Da stets hochrangige und prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Teilnehmer der Podiumsdiskussion sind, kann das Thema Chancengleichheit über die DPG hinaus in die Öffentlichkeit getragen werden.

Meine Damen und Herren, ich möchte mein Grußwort mit den Worten des Dankes und der Anerkennung für die Organisatorinnen beschließen und wünsche Ihnen und allen Teilnehmern eine interessante und anregende Tagung. Sie sind diejenigen, die mit Ihrer Ausstrahlung besonders geeignet sind, den weiblichen Nachwuchs für unser Fachgebiet zu motivieren. Gestatten Sie mir daher, bevor ich endgültig zum Ende komme, noch ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das mir als Appell für die Umsetzung solcher wichtiger Förderungsanliegen und -Initiativen sehr angemessen erscheint: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.“ Vielen Dank!

 
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