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Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  heuer  >  red_best-practice-2017-02-28.html

Prof. Dr. Rolf Heuer
am 17. Febuar 2017 im Magnus-Haus Berlin

Rede des Präsidenten
anlässlich Best Practice Erfahrungsaustausch:
„Experimentieren verbindet – Naturwissenschaft und Technik als Integrationsaspekt?“

(Es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie zum Best Practice Austausch mit einem spannenden Programm begrüßen zu dürfen, hier im Magnus-Haus, das praktisch ein Synonym für den Austausch von Wissen und Ideen ist.

Dieses unter Friedrich II. 1760 errichtete Bürgerpalais ist durch das Wirken bedeutender Gelehrter eng mit der Physik und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft verbunden. Im 18. Jahrhundert wohnte und arbeitete hier der berühmte Mathematiker Lagrange, einer der Begründer der analytischen Mechanik. Im Jahr 1840 erwarb der Physiker Gustav Magnus das Haus und richtete ein privates physikalisches Laboratorium ein, das auch für die Universitätslehre zur Verfügung stand und als ältestes Physikalisches Institut Deutschlands gilt. Aus dem Teilnehmerkreis des von Magnus eingerichteten physikalischen Colloquiums ist 1845 die Physikalische Gesellschaft hervorgegangen. Damit war das Haus bereits in historischer Zeit eine wichtige wissenschaftliche Begegnungsstätte.

Heute ist das Magnus-Haus neben dem Physikzentrum in Bad Honnef das bedeutendste wissenschaftliche Begegnungszentrum der DPG. Es wird für wissenschaftliche Veranstaltungen genutzt, unter anderem für das Berliner Physikalische Kolloquium, die Berliner Industriegespräche sowie die jährliche Presseveranstaltung der DPG zur Bekanntgabe des Physiknobelpreises.

Das Magnus-Haus steht aber auch für die Förderung der interdisziplinären Gespräche zwischen Physik und anderen technisch-wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Bereichen. Dazu zählen insbesondere die regelmäßigen Wissenschaftlichen Abendvorträge sowie Sonderveranstaltungen, beispielsweise die gemeinsame Veranstaltung von DPG und Siemens im letzten Jahr.

Bereits in der Satzung der DPG ist als Handlungsmaxime die Verantwortung der Wissenschaft für die Gesellschaft festgelegt: „Die DPG verpflichtet sich und ihre Mitglieder, für Freiheit, Toleranz, Wahrhaftigkeit und Würde in der Wissenschaft einzutreten und sich dessen bewusst zu sein, dass die in der Wissenschaft Tätigen für die Gestaltung des gesamten menschlichen Lebens in besonders hohem Maße verantwortlich sind.“

Verantwortung für unsere Gesellschaft und Kultur, insbesondere für Toleranz und Integration, ist damit eine ureigene Aufgabe der DPG. Diese Verantwortung nimmt die DPG nicht nur in Deutschland wahr, sondern ebenso auf europäischer Ebene, beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Europäischen Physikalischen Gesellschaft (EPS).

Physik für Flüchtlinge ist ein Beispiel für gelebte Verantwortung. Heute wollen wir uns über praktische Erfahrungen austauschen, grundsätzliche und gesellschaftliche Fragen aufwerfen. Nicht zuletzt werden wir in einer Physik-Show, die 16 Grundschüler und Grundschülerinnen aus Berlin und der ganzen Welt für uns vorbereitet haben, einen konkreten Einblick in die Praxis gewinnen. Freuen Sie sich auf tolle, engagierte Teams!

Die heutige Veranstaltung widmet sich den zentralen Fragen:

  • Können Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen mittels einfacher Experimente mit naturwissenschaftlich/physikalischem Hintergrund erreicht werden und kann man so Zugang zu ihnen bekommen? Zugleich möchten wir ihnen ein spielerisches Bildungsangebot mit möglichst sprachfördernden Elementen anbieten.
  • Kann dieser Ansatz langfristig als Integration in das Bildungs- und Kultursystem Deutschland gesehen werden?

Ich bin der Überzeugung: Naturwissenschaft und Technik bieten ideale Voraussetzungen dafür!

Mit dem Projekt „Physik für Flüchtlinge“ hat die DPG bereits eine konkrete Möglichkeit geschaffen, gesellschaftliche Verantwortung im Hinblick auf Begegnung und Integration und Toleranz zwischen den Kulturen zu ermöglichen. Es ist sehr ermutigend zu sehen, wie dieses Willkommensprogramm der Physik auch über die Grenzen der DPG hinaus von ehrenamtlich Engagierten in ganz Deutschland angenommen wird.

Ein anderes herausragendes Beispiel aus der Physik ist SESAME. (Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East). SESAME wurde unter UNESCO-Schirmherrschaft gegründet, ist aber eine unabhängige Forschungseinrichtung, angesiedelt in Jordanien, getragen von ihren Mitgliedern Bahrein, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palästina und die Türkei. Fragestellungen in Biologie, Chemie, Physik, Archäologie usw. können hier ab diesem Jahr untersucht werden. SESAME verfolgt aber ein (fast) noch wichtigeres Ziel. Diese Forschungsanlage soll als Brücke für die Völkerverständigung über politische, kulturelle und religiöse Weltanschauungen dienen – wie einst das CERN nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diesem Geist und diesen Werten fühlt sich die DPG verpflichtet. Seit 2009 beteiligt sich die DPG an SESAME mit jährlich 5.000 US-Dollar für Reisestipendien für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Nahen Osten, um dem wissenschaftlichen Nachwuchs aus der Physik einen Forschungsaufenthalt bei SESAME zu ermöglichen.

Solche erfolgreichen Projekte für Weltoffenheit und Völkerverständigung sind gerade in Zeiten von zentraler Bedeutung, wo in Deutschland zum Teil wieder unverhohlen rassistische Tendenzen zur Schau gestellt und demokratische Grundsätze abgelehnt werden und Populismus in Europa und der Welt wieder erstarken.

Deshalb hat die DPG bei ihren diesjährigen Tagungen geplant, verstärkt für Weltoffenheit und Toleranz einzutreten. Dieser Aspekt nimmt in allen Grußworten unserer Tagungsbände (für Mainz, Bremen, Dresden und Münster) sowie bei Presseveranstaltungen einen großen Raum ein. Zudem werden wir einen Ansteck-Button mit der Aufschrift „Physik ist weltoffen“ mit in die Tagungstaschen legen, damit ihn sich die Tagungsteilnehmer anstecken können.

Diese Aktion verstehen wir auch als einen Beitrag der DPG zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Diese bundesweiten Aktionswochen der Solidarität mit den Gegnerinnen und Gegnern sowie Opfern von Rassismus finden vom 13.-26. März 2017 in Deutschland statt, und zwar rund um den 21. März. Dieser Tag wurde 1966 von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung“ ausgerufen (Quelle: Deutsche UNESCO-Kommission)[1]

Wir Physiker und Naturwissenschaftler sind aufgerufen, unsere Verantwortung zur Stärkung einer offenen, demokratischen und zur Integration bereiten Gesellschaft zu übernehmen. Die Naturwissenschaften sind nicht nur ein Schlüssel für technologischen Fortschritt und Innovationen, sondern bauen auch Brücken für ein friedvolles Miteinander von Ländern und Kulturen. Insbesondere in Zeiten von politischen Turbulenzen:

  • Naturwissenschaften kennen keine nationalen, politischen oder weltanschaulichen Grenzen.
  • Naturwissenschaftliche Phänomene sind universell: Sie sind für alle Menschen auf der Erde gleich, egal wo man sich befindet, welche Sprache man spricht oder welcher Religion man angehört.
  • Ihre wissenschaftlichen Methoden sind öffentlich.
  • Die Sprache der Naturwissenschaften ist die Mathematik: Sie ist für alle Menschen gleich.

Die Naturwissenschaften sind damit ein hohes Gut und eine wichtige kulturelle Errungenschaft. Wissenschaft ist nötig für Lösungen im Hinblick auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, von Energieversorgung über Klimawandel bis Mobilität, Gesundheits- und Altersforschung. Wissenschaftliches – also kritisches und kreatives – Denken bedarf außerdem eines entsprechenden gesellschaftlichen Umfeldes. Der freie Austausch von Meinungen, eine Kultur des Aufeinander-Hörens und des mit rationalen Argumenten geführten Diskurses sind Voraussetzungen dafür, dass gute Wissenschaft auf Dauer gedeihen kann. Insbesondere sind Dialog und Austausch auch über Grenzen hinweg für die Wissenschaft von vitaler Bedeutung. Umgekehrt kann die Wissenschaft dazu beitragen, eine Kultur der Toleranz und der Zusammenarbeit zu fördern.

Dies gilt für Projekte mit Flüchtlingen in ganz besonderer Weise: Gerade bei Projekten mit Kindern – und damit so früh wie möglich – können wir eigenständiges Erfahren und Hinterfragen vermitteln, die für echte Wissenschaft und eine demokratische Gesellschaftsordnung gleichermaßen unerlässlich sind: Zu lernen und sich trauen, kritische Fragen zu stellen und den Respekt für Fragestellende zu vermitteln. Nur wer Fragen stellt, hat die Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu erhalten, um sich so z. B. auch eine eigene Meinung über das Handeln von politischen Parteien und Regierungen zu bilden.

Kurz gesagt: Ohne die Fähigkeit und Ermutigung, kritische Fragen zu stellen, kann weder eine echte Demokratie noch eine echte Wissenschaft gedeihen. Diese Fähigkeit ist damit ein zentraler Integrationsaspekt in unsere Gesellschaft, unsere Kultur, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und so früh wie möglich vermittelt werden muss.

Damit komme ich zum Schluss und möchte allen Beteiligten meinen Dank aussprechen:

  • Prof. Gisela Lück (Fakultät für Chemie und Didaktik der Chemie der Universität Bielefeld): Sie hält den Vortrag und ist auf dem Podium
  • Den Teilnehmenden an der Podiumsdiskussion:
    • Prof. Manuela Welzel-Breuer (Pädagogische Hochschule Heidelberg) UND ihrem Mann Elmar Breuer
    • Joachim Lerch (Vorstandsvorsitzender „Förderverein Science und Technologie e. V.“)
    • Christian Herbst (Referent für Wissenschaftskommunikation, Bundesministerium für Bildung und Forschung)
    • Michael Fritz (Vorstand „Haus der kleinen Forscher“)
  • Den Kindern und Ihren LehrerInnender der Annedore-Leber und der Kurt-Tucholsky Grundschule, die die Physikshow gestalten
  • Den freiwillig Engagierten im Projekt Physik für Flüchtlinge.

Nun freue ich mich auf interessante und fruchtbare Diskussionen und übergebe das Wort

an Frau Schulz, Projektkoordinatorin von Physik für Flüchtlinge.



[1] Am 21. März 1960 wurde eine friedliche Demonstration in Sharpeville in Süd-Afrika in Reaktion auf ein Gesetz über die Apartheid blutig niedergeschlagen und hat 69 Menschen das Leben gekostet. In Reaktion darauf haben die Vereinten Nationen 1966 den 21. März als "Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung" ausgerufen. https://www.unesco.de/wissenschaft/rassismus/welttag-gegen-rassimus.html.

 

 
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