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Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  reden  >  heuer  >  2017-03-29.html

Prof. Dr. Rolf Heuer
am 29. März 2017, Münster

Rede des Präsidenten
anlässlich der DPG-Jahrestagung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

(Es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur Festsitzung auf unserer 81. Jahrestagung der DPG an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Diese Jahrestagung, zu der wir rund 2.000 Besucher erwarten, bildet den Abschluss unserer diesjährigen Tagungssaison. Damit können wir in diesem Jahr über 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insgesamt zu unseren Frühjahrstagungen in Mainz, Bremen, Dresden und Münster begrüßen.

Das ist nicht nur sehr wichtig für den wissenschaftlichen Austausch innerhalb der Physik, sondern auch ein toller Erfolg für die Sichtbarkeit der Physik bei Politik, Medien und Öffentlichkeit. Einmal mehr haben die Tagungsverantwortlichen mit dem Programm einen herausragenden Job gemacht.

  • Die Themen reichen von aktuellen Fragen der Forschung in der Teilchenphysik und der Physik der Hadronen und Kerne sowie der Medizinphysik bis hin zu Fragen der Abrüstung, Chancengleichheit oder der Energiewende.
  • Besonders freut es mich, dass wir ebenfalls den Physikunterricht im Blick haben und der „Tag der Schulphysik“ Lehrerinnen und Lehrern Anregungen und Ergänzungen zu traditionellen Themen des Physikunterrichts bietet, aber auch Schülerinnen und Schülern einen Einblick in das Physikstudium und aktuelle Forschung.

Ich bin mir sehr bewusst, wieviel Arbeit von allen Beteiligten geleistet worden ist und wie glücklich sich die DPG schätzen darf, dass wir Persönlichkeiten in unseren Reihen haben, die immer wieder diese zeitintensive Arbeit im Ehrenamt für die DPG auf sich nehmen.

Der frühere Bundespräsident Gauck hat bei einem Benefizkonzert der Berliner Philharmoniker im März diesen Jahres zugunsten von Unicef das vielfältige ehrenamtliche Engagement in Deutschland gewürdigt. [1] Herr Gauck war zwar als Bundespräsident u. W. nie persönlich auf einer DPG-Tagung, aber seine Worte zur Erklärung eines solchen Einsatzes klingen so, als wäre er da gewesen und von dem „Spirit“ bei der DPG gehört habe.

Er sagte, dass es eine „positive Dialektik zwischen Selbstlosigkeit und Selbstverwirklichung gäbe, die man vielleicht nicht ganz verstehen, die man aber erfahren und erleben könne“.

Wo könnte man herausragendes und mitreißendes Ehrenamt besser erfahren und erleben als bei der DPG und bei DPG-Tagungen! Ich möchte deshalb die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle den Verantwortlichen meinen großen Dank für ihren Einsatz auszusprechen:

Personen
  • Bedanken möchte ich mich bei den Örtlichen Tagungsleitern, Michael Klasen und Johannes Wessels, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, und ihrem Team.
  • Für das Tagungsprogramm möchte ich ganz besonders den beteiligten DPG-Gliederungen danken.
Institutionen
  • Bedanken möchte ich mich sodann bei der Westfälischen Wilhelms-Universität für die Gastfreundschaft und die Unterstützung – stellvertretend noch einmal bei Ihnen, lieber Herr Wessels, nun mit Ihrem „Hut“ als Rektor der Universität.
  • Ebenfalls möchte ich mich bei der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung für die großzügige Unterstützung aller DPG-Frühjahrstagungen bedanken.
  • Für die Unterstützung und Betreuung aller DPG-Frühjahrstagungen danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der DPG-Geschäftsstelle.

Ohne dieses Engagement für den wissenschaftlichen Austausch würde sich die Physik, würde sich Wissenschaft nicht weiterentwickeln. Dafür unerlässlich ist ein gesellschaftliches Klima, in dem der wissenschaftliche Diskurs mit rationalen Argumenten, ohne ideologische Scheuklappen geführt werden kann. Es ist auch die Aufgabe der DPG, sich dafür einzusetzen.

Was kann eine wissenschaftliche Vereinigung wie die DPG konkret tun?

  • Das Setzen eines Zeichens für Toleranz
  • Das Setzen eines Zeichens für die Wissenschaft

Darauf möchte ich trotz meiner knappen Redezeit kurz eingehen:

Das Setzen eines Zeichens für Toleranz: Die Wissenschaft hat in Zeiten von Populismus und wieder erstarkendem Rassismus eine zusätzliche Verantwortung: Für eine Kultur der Toleranz und Weltoffenheit einzutreten, gegen jegliche Form von Rassismus. Gerade die Physik kann Brücken für die Völkerverständigung über politische, kulturelle und religiöse Weltanschauungen hinweg bauen.

Zwei besondere Beispiele dafür sind die Teilchenforschungseinrichtungen CERN bei Genf sowie SESAME (Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East) in Jordanien, die mir, wie Sie sich denken können, besonders am Herzen liegen. SESAME nimmt in diesem Jahr seinen Betrieb auf. Dort arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bahrein, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palästina und der Türkei friedlich zusammen. SESAME wurde unter UNESCO-Schirmherrschaft gegründet, ist aber eine unabhängige Forschungseinrichtung. Ich bin sehr zuversichtlich, dass SESAME, wie CERN nach dem Zweiten Weltkrieg, durch die Erfahrungen der vertrauensvollen Zusammenarbeit in die Partnergesellschaften ausstrahlen wird.

In der Physik ist es ganz selbstverständlich, dass Menschen verschiedener Nationalität, Kultur und Religion gemeinsam an einem Strang ziehen und einander bereichern. Deshalb hat die DPG in Mainz eine Aktion für Weltoffenheit und Toleranz gestartet. Dieser Aspekt nimmt in allen Grußworten unserer Tagungsbänden (für Mainz, Bremen, Dresden und Münster) sowie bei Presseveranstaltungen einen großen Raum ein. Zudem haben wir einen Ansteck-Button mit der Aufschrift „Physik ist weltoffen“ mit in die Tagungstaschen gelegt, damit ihn sich die Tagungsteilnehmer anstecken können. Die Initiative ist so angelegt, dass sie uns wahrscheinlich das ganze Jahr oder noch länger begleitet.

Diese Aktion verstehen wir auch als einen Beitrag der DPG zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Diese bundesweiten Aktionswochen der Solidarität mit den Gegnerinnen und Gegnern sowie Opfern von Rassismus finden vom 13.-26. März 2017 in Deutschland statt, und zwar rund um den 21. März, dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung“.

Das Setzen eines Zeichens für die Wissenschaft: Wissenschaft braucht ein gesellschaftliches Klima, in dem immer auch ungewöhnliche Ideen sprießen können müssen und dürfen. Vertrauen der Gesellschaft in das, was die Wissenschaft nicht nur für ihre eigene Community, sondern immer auch für die Gesellschaft leistet, ist dafür unerlässlich. Selbst wenn das bedeutet, dass man auch wissenschaftliche Denkansätze oder Erklärungen als erlaubt akzeptieren muss, die manchmal den Alltagserfahrungen unserer Gesellschaft diametral entgegenstehen. Und zu denen „die“ Institutionen in Deutschland für ungewöhnliche Themen und Erklärungen, nämlich die Sendung mit der Maus [2], schlicht sagt: „Klingt komisch, is' aber so!“.

  • Wie „komisch“ Denkansätze in der Physik erst einmal erscheinen können, hat etwa Erwin Schrödinger bereits 1935 mit seinem berühmten Gedankenexperiment gezeigt: Eine Katze kann in der Quantenwelt zeitgleich zwei Zustände haben: tot und lebendig. Das müssen selbst Physikerinnen und Physiker erst einmal verdauen.
  • Die Suche nach dem HIGGs-Teilchen am CERN oder die Erforschung von Dunkler Energie und Dunkler Materie sind andere Beispiel dafür, wie wichtig es ist, allen Erklärungen nachzugehen.

Nur so entstehen faktenbasierte Erkenntnisse, die nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für unsere Gesellschaft einen großen Wert haben, z. B. in den Bereichen Gesundheits- und Energieversorgung, Klima oder Umweltforschung.

Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, dass auch die DPG ein sichtbares Zeichen für den Wert von Wissenschaft und Fakten setzt. Am 22. April 2017 findet der sogenannte „March for Science“ statt. Es handelt sich dabei um eine internationale Kundgebung in über 100 Städten auf der ganzen Welt. Da Wissenschaft etwas ist, das alle angeht, gehen bei diesem March for Science nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Straße, sondern alle Personen, die diese Werte unterstützten. Ich möchte Sie deshalb alle ermutigen, sich am March for Science am 22. April in ihren jeweiligen Stadt zu beteiligten.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine erfolgreiche Tagung mit vielen neuen Erkenntnissen, vielen Dank.



[1] Quelle: Deutschlandfunk, 13. März 2017: Bundespräsident Gauck lobt selbstloses Engagement.

[2] Die Sendung mit der Maus hat im Jahr 2008 von der DPG für ihre Berichte zu physikalisch-naturw. Themen auch die Medaille für wissenschaftliche Publizistik erhalten (z. B.: Wie funktioniert ein Atomkraftwerk).

 

 
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