DPG
Mitgliedschaft
Veranstaltungen
Programme
Preise
Veröffentlichungen
Presse
Service
 
Druckversion
Position: www.dpg-physik.de  >  veroeffentlichung  >  broschueren  >  vorwort_drittesreich.html

Physiker zwischen Autonomie und Anpassung

Vorwort

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Fachgesellschaften Deutschlands. 1845 gegründet, erfuhr sie in den folgenden Jahrzehnten einen stetigen Zuwachs in ihrer Mitgliederzahl und an wissenschaftlicher Reputation. Dies gründete sich nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die physikalische Forschung in Deutschland in den Jahrzehnten um 1900 auf vielen Gebieten den Weltstandard bestimmte. Das Jahr 1933 bedeutete für diese physikalische Hochkultur einen gravierenden Einschnitt, da die nationalsozialistische Diktatur nicht nur politische Gegner und Andersdenkende verfolgte, vielmehr entzog die rassistische Ausgrenzungs- und Repressionspolitik auch jüdischen Intellektuellen und Wissenschaftlern ihre Existenzgrundlage und zwang sie vielfach in die Emigration. Als Symbol für diese Vertreibung des Geistes aus Deutschland gilt vielfach die Emigration Albert Einsteins, die zugleich den partiellen Niedergang der physikalischen Forschung in Deutschland deutlich machte. Zu diesem Phänomen sind in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe interessanter und differenzierender Studien entstanden – angefangen mit Allan Beyerchens Pionierarbeit Wissenschaft unter Hitler (1977 über die umfangreiche Heisenberg Biographie Uncertainty von David Cassidy (1992) bis zu Klaus und Ann Hentschels (leider nur auf englisch publizierten) Anthologie Physics and National Socialism (1996), die wichtige Dokumente aus dieser Zeit zusammenfasst. In diesen und den vielen anderen verdienstvollen Publikationen zum Phänomen Physik im Dritten Reich wird die Deutsche Physikalische Gesellschaft – wenn überhaupt – nur am Rande und im Rahmen der allgemeinen physikhistorischen Entwicklungen behandelt. Über ihre spezifische Funktion im wissenschaftspolitischen Handlungsgefüge und den politischen Machtkonstellationen des Dritten Reiches weiß man indes nur wenig; dies trifft im Übrigen generell für die Rolle wissenschaftlicher Gesellschaften als Mittler zwischen Forschung und Politik zu.

Dieses Forschungsdesiderat versucht die vorliegende Publikation zu schließen. Eine international zusammengesetzte Autorengruppe hat sich in den zurückliegenden Jahren mit den unterschiedlichen Aspekten der Geschichte der DPG im Dritten Reich beschäftigt. Die Ergebnisse der Forschungen fasst der vorliegende Sammelband zusammen. Mosaik artig versucht er, zentrale Aspekte der Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu analysieren, um so zu einem exemplarischen Gesamtbild ihrer Geschichte im Dritten Reich zu kommen. Mark Walker (Schenectady) macht in seinem Einleitungsbeitrag die allgemeinen politischen Zusammenhängen deutlich und ordnet die Geschichte der Gesellschaft in den nationalsozialistischen Kontext jener Zeit ein. Paul Forman (Washington, D.C.) rückt die spektakuläre 86. Naturforscherversammlung in Bad Nauheim in den Mittelpunkt seines Beitrags und zeigt an diesem Beispiel, wie die zeitgenössischen Naturwissenschaften und speziell die Physik von den politischen und weltanschaulichen Strömungen der Weimarer Zeit beeinflusst wurden und die Konflikte der Physiker im Dritten Reich teilweise bereits dort ihre Wurzeln haben. Richard Beyler (Portland) untersucht unter allgemeinen Gesichtspunkten den in Teilen erfolgreichen Versuch der DPG, ihre Autorität und Autonomie auch unter den repressiven Bedingungen des NS-Staates zu bewahren. Stefan Wolff (München) beschäftigt sich mit der Physikeremigration im Dritten Reich und was dies für die DPG bedeutete bzw. welche Rolle die DPG bei der gesellschaftlichen Ausgrenzung jüdischer Kollegen gespielt hat. Michael Eckert (München) setzt sich kritisch mit dem Verhältnis von DPG und Deutscher Physik und dem in der Nachkriegszeit so vehement reklamierten beharrlichen Kampf der DPG gegen die »Parteiphysik« auseinander. Die Ramsauer-Ära, die mit der Kriegszeit zusammenfällt und durch die partielle Selbstmobilisierung der DPG gekennzeichnet war, wird im Beitrag von Dieter Hoffmann (Berlin) detailliert beschrieben. Der Planck-Medaille, der höchsten Auszeichnung der DPG, ist eine spezielle Analyse von Richard Beyler, Michael Eckert und Dieter Hoffmann gewidmet, weil sich an ihrer Verleihungspraxis im Dritten Reich exemplarisch das Verhältnis von Autonomie und Anpassung der DPG in jenen Jahren aufzeigen lässt. Gerhard Simonsohn (Berlin) gibt einen detailreichen Überblick zu damaligen Themen physikalischer Forschung – gespiegelt in den Physikertagungen und anderen wissenschaftlichen Aktivitäten der DPG sowie zeitgenössischen Publikationsorganen. Zwei Beiträge widmen sich im Sinne des Aufzeigens von Kontinuitäten und Diskontinuitäten der DPG-Geschichte der Nachkriegszeit. Klaus Hentschel (Bern/Stuttgart) versucht in einer dichten Beschreibung, den Mentalitäten der Physiker in den ersten Nachkriegsjahren auf die Spur zu kommen, und Gerhard Rammer (Göttingen/Wuppertal) geht dem institutionellem Neuanfang der DPG nach 1945 und ihrer »Vergangenheitspolitik/ -bewältigung« nach. Den Abschluss bilden die Aufsätze von Volker Remmert (Mainz) und Ute Deichmann (London/ Köln), die in vergleichender Perspektive die mathematischen und chemischen Schwestergesellschaften der DPG im Dritten Reich behandeln. Ein umfangreicher Anhang mit relevanten Dokumenten zur Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Dritten Reich versucht die Authentizität der einzelnen Beiträge zu erhöhen und rundet den Sammelband ab.

Die eben gegebene Zusammenfassung zeigt, dass das vorliegende Buch zwar auf die Geschichte der DPG in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fokussiert ist, doch diese in einer vergleichenden Perspektive diskutiert wird. Dabei bezieht sich der Vergleich einerseits auf die zeitliche Dimension, wodurch die Jahre vor und nach der Nazi-Diktatur eine angemessene Berücksichtigung finden und zugleich die Frage nach den Kontinuitäten und Diskontinuitäten der DPG-Geschichte thematisiert wird. Andererseits wird die Geschichte der DPG im Dritten Reich nicht isoliert behandelt, sondern in die allgemeinen politischen Kontexte und wissenschaftshistorischen gestellt und mit dem Verhalten anderer wissenschaftlicher Gesellschaften im Dritten Reich verglichen.

Drei Workshops trugen in den Jahren 2001 bis 2003 dazu bei, die nötigen thematischen Diskussionen und Klärungsprozesse zwischen den Autoren zu fördern. Darüber hinaus waren diese Zusammenkünfte immer offene Diskussionsforen, an denen sich nicht nur die eigentlichen Teilnehmer des Forschungsprojektes beteiligten, sondern auch andere kompetente Fachvertreter und interessierte Mitglieder der DPG teilnehmen und Anregungen einbringen konnten. Insbesondere der erste Workshop im Dezember 2001 fand eine rege Resonanz und versammelte im Berliner Magnus-Haus fast 50 Kollegen.

Leider haben die vielfältigen Belastungen von einem der Herausgeber dieses Bandes bei der Vorbereitung und Durchführung des Einstein-Jahres 2005 dazu geführt, dass das geplante Erscheinen des Buches zum Weltjahr der Physik erheblich verzögert wurde. Für die Nachsicht und Geduld, mit der Autoren und Verlag die ungebührlich lange Drucklegung hingenommen haben, sei an dieser Stelle nochmals gedankt. Dennoch hoffen wir, dass auch die verspätete Publikation des Buches das Interesse an diesem problembehafteten Thema nicht behindert oder gar reduziert hat.

Abschließend möchten wir all jenen herzlich danken, die zum Entstehen des Buches maßgeblich beitrugen. Zu danken ist insbesondere der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die das Forschungsprojekt und die Drucklegung des Buches nicht nur finanziell großzügig ausgestattet, sondern es auch vorbehaltlos und mit großem Engagement unterstützt hat – ein spezieller Dank gilt ihren beiden Alt-Präsidenten Alexander Bradshaw (München) und Theo Mayer-Kuckuk (Berlin) für ihr großes Interesse und Engagement am Fortgang des Forschungsprojektes. Den Hauptgeschäftsführern der DPG Volker Häselbarth und Bernhard Nunner sowie ihren Kolleginnen in der Geschäftsstelle in Bad Honnef haben wir ebenfalls für so manchen konstruktiven Vorschlag bei der Überwindung praktischer Engpässe und Hürden Dank zu sagen. Großen Dank schulden wir nicht zuletzt den zahlreichen Archiven und Bibliotheken, speziell dem Archiv der Deutschen Physikalischen Gesellschaft selbst. Sie halfen bereitwillig, ihre vielfach noch ungehobenen Schätze zur DPG-Geschichte für unsere Forschungen zu erschließen.

Herr Uwe Hank (Berlin) hat mit großem Engagement und Umsicht die Mehrzahl der Beiträge redigiert, wobei die abschließende Redaktion sowie die Erstellung der druckfertigen Form von Ralf Hahn (Berlin) besorgt wurde; er half ebenfalls bei den Bildrecherchen. Last but not least ist dem Verlag Wiley-VCH, namentlich Frau Esther Dörring und Herrn Alexander Grossmann, für die geduldige und aufgeschlossene Zusammenarbeit bei der Drucklegung zu danken

Berlin/Schenectady, im Sommer 2006
Dieter Hoffmann/Mark Walker

 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 29.10.2009, 12:37 | Impressum | Datenschutz | Kontakt | Bearbeiten