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PROF. DR. INGOLF HERTEL, STS. A. D.

FESTVORTRAG ZUM 20. JAHRESTAG DER VEREINIGUNG DER DEUTSCHEN PHYSIKALISCHEN GESELLSCHAFTEN OST UND WEST

20. NOVEMBER 2010 IM MAGNUSHAUS ZU BERLIN

Begrüßung, Vorbemerkungen

hertelVerehrte Festgäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, sehr geehrter Präsident, lieber Wolfgang Sandner,

ich möchte Dir zunächst einmal für die freundliche Einführung und für die ehrenvolle Einladung danken, zu diesem besonderen Anlass hier an diesem besonderen Ort zu sprechen. Als Du mich vor einer Reihe von Wochen fragtest, ob ich das tun wolle, habe ich natürlich spontan und gerne zugesagt. Aber wie das so ist mit solchen Ehren: je näher der Tag rückte, desto unsicherer wurde ich. Was sagt man bei solcher Gelegenheit? Noch dazu mit dem Anspruch eines „Festvortrags“ über die „Entwicklung der Forschung und speziell der Physik in den neuen Bundesländern seit der Wiedervereinigung“.

Natürlich war ich über 18 Jahre lang irgendwie recht intensiv dabei. Natürlich habe auch ich sehr viel dabei erlebt. Aber gerade das macht es ja so schwierig: es ist so ungeheuer viel geschehen in diesen Jahren – zum Teil sind die Ereignisse in unglaublicher Geschwindigkeit einfach an uns vorbeigerauscht, ohne dass wir sie hätten beeinflussen können – an manchen Stellen haben wir das gewiss versucht, gelegentlich auch mit Erfolg – aber ist uns dabei das optimal Mögliche gelungen? Was haben wir falsch, was richtig gemacht? Was wird daraus in Zukunft werden?

Wer wollte es wagen, all dies in einer halben Stunde auch nur beispielhaft zu umreißen? Erwarten Sie also bitte, meine Damen und Herren, von mir keine kritische Retrospektive (auch wenn durchaus ein paar kritische Worte zu sagen sein werden), erwarten Sie auch keine umfassende Bilanz der letzten zwanzig Jahre (obwohl diese, das sei schon vorweg gesagt, ganz überwiegend positiv ausfallen würde), und erwarten Sie bitte vor allem keine Visionen für die Zukunft – Sie wissen ja, was Helmut Schmidt Leuten mit Visionen empfahl (obwohl es keiner großen prophetischen Gabe bedarf, vorherzusagen, dass noch einmal 20 Jahre werden vergehen müssen, bis die deutsch-deutsche Wiedervereinigung in den Köpfen aller Deutschen wirklich angekommen sein wird, und das heißt im Alltag nicht mehr erwähnenswert erscheint).

Alles, was ich Ihnen also heute anbieten kann, sind ein paar ganz persönliche Erinnerungen, Anmerkungen eines nicht ganz unbeteiligten Zeitzeugen – ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit. Ich werde mich dabei natürlich auf das konzentrieren, was mir besonders vertraut wurde – in der Überzeugung, dass man an diesen Beispielen auch vieles über den Wiedervereinigungsprozess insgesamt lernen kann. Ich werde also vor allem über Physik sprechen, über Berlin und seine Wissenschaftspolitik, über die Leibnizgemeinschaft, auch von Berlin-Adlershof wird gelegentlich die Rede sein. Ich will versuchen, dabei in etwa chronologisch vorzugehen, Sprünge werden sich freilich nicht ganz vermeiden lassen.

Was wir heute feiern

Beginnen wir also mit der Physik und dem heutigen Tag, an dem wir dieser ganz speziellen, deutsch-deutschen Wiedervereinigung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Physikalischen Gesellschaft der DDR gedenken, beide in der Tradition der 1845 gegründeten Physikalischen Gesellschaft zu Berlin stehend.

Sowohl bezüglich des Zeitpunkts als auch der Form war dies keineswegs ein selbstverständliches Ereignis. – Du hast dieses ja, lieber Wolfgang, vorhin bereits mit dem Zitat von Dreisigacker und Peschel richtig eingeordnet und auch die Podiumsdiskussion hat es noch einmal bekräftigt: es spiegelt „den Willen der Mitglieder in beiden Gesellschaften nach einem Zusammenschluss in Würde und gegenseitigem Respekt wider“.

Und wenn man sich ein wenig in den Nachbardisziplinen umsieht, dann erkennt man, dass es auch ganz anders hätte laufen können – ohne unseren Kollegen dort unbillig nahe treten zu wollen. Sie hatten gewiss gute Gründe für ihre jeweils eigenen Wege.

So kann man über die Chemiker nachlesen, dass es noch Mitte 1990 „der erklärte Wille beider Gesellschaften“ gewesen sei, sich nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zu vereinigen. Im Laufe des Jahres 1990 erfolgte aber die Umbenennung der Chemischen Gesellschaft der DDR in Chemische Gesellschaft e.V. (CG) – und am 1. Januar 1991 wurde diese dann aufgelöst. „Ihre Mitglieder“, so heißt es heute lapidar auf der Website der GDCh, wurden „größtenteils GDCh-Mitglieder“.

Bei den Ingenieuren begann die Vereinigung noch ein wenig später, nämlich 1998 in Berlin-Adlershof (ich kann mich daran noch gut erinnern), wo als erster der vielen regionalen Verbände, der „Ingenieurverein Berlin“ dem VDI beitrat…

Wir können also, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr stolz sein auf unsere DPG, die offenbar auch auf dem Weg zur Wiedervereinigung der Wissenschaft in unserem Lande ganz eigene, leuchtende Signale gesetzt hat.

Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen

Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte das so: „Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen“ (R. v. Weizsäcker, Vier Zeiten, Siedler Verlag 1997, S. 366). Das haben viele unserer Landsleute erst spät wirklich wahrgenommen, andere ahnten es von Anfang an und haben deshalb vor der Vereinigung gewarnt. … Teilen meint auch die Verantwortung, die es zu übernehmen galt, auch den gesellschaftlichen Einfluss, den man nun gemeinsam wahrzunehmen hatte, und natürlich galt es auch die finanziellen Ressourcen zu teilen – ich werde darauf in breiterem Kontext noch zurück kommen.

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir bitte an dieser Stelle ein paar kleine biographische Ergänzungen, die meine ganz persönliche Betroffenheit im deutschen Wiedervereinigungsprozess beleuchten mögen. Ich bin, wie schon von Wolfgang Sandner erwähnt, 1941 in Dresden geboren. Meine erste Kindheitserinnerung betrifft die Bombennacht vom 13./14. Februar 1945, wo ich in den Morgenstunden auf dem Arm meiner Mutter am Fenster unserer Wohnung im etwa 20 km entfernten Radebeul das gewaltige gelb, grün, rote Himmelsleuchten jenseits der Hügel erlebte und die dumpfen Einschläge in der Ferne hörte. Dies ist mir unauslöschlich ins Gehirn gebrannt. Die ersten Schuljahre erlebte ich (an eben jenem Ort) in der DDR, die ich im neunten Lebensjahr dank der Weitsicht meiner Eltern mit diesen zusammen verlassen habe – damals war der Weg über Westberlin noch offen. So etwas prägt und färbte natürlich auch das Erleben der deutschen Wiedervereinigung auf besondere Weise.

Die nächsten 28 Jahre verbrachte ich in „Westdeutschland“ (wie die Berliner noch immer sagen), genauer in Freiburg, Lübeck, Mainz, Kaiserslautern und sonst wo in der Welt. Am 1. Oktober 1978 wurde ich als (einer der letzten, noch) zum ordentlicher Professor an der FU-Berlin ernannt, und wir – meine Frau und meine 4 Kinder – lebten für acht Jahre in Westberlin gewissermaßen vor oder hinter – jedenfalls mit – der Mauer. Wir lebten gerne, sehr bewegt und wach in dieser Stadt. Und an der FU konnte man damals noch wirklich gute Physik machen – ich will mal sagen: ganz aus dem Vollen heraus. Nach der Wende änderte sich das massiv, in mehreren Schüben – wer sich vereinigen will, muss teilen lernen! Das fiel den Westberliner Kollegen nicht immer ganz leicht.

Inzwischen war ich aber seit 1986 ins schöne Freiburg zurückgekehrt. Natürlich hatte der Mauerfall im November 1989 meine Familie und mich zutiefst bewegt. Aber am 20. November 1990 (einem ganz gewöhnlicher Dienstag) hatten wir gerade das Freiburger Materialforschungszentrum gegründet und waren mit unseren Labors in die ersten Behelfsbauten eingezogen. Ein Neubau war zugesagt, der neue Sonderforschungsbereich 276 lief vielversprechend an, ich war zum Dekan der Fakultät für Physik gewählt worden – insgesamt eine volle, intensive Zeit, in der ich nur gelegentlich an Berlin dachte, stets mit Bewunderung, aber wohl auch mit etwas Bedauern, jetzt nicht dabei sein zu können.

Ich muss allerdings gestehen, dass die Physik in der ehemaligen DDR mir in meinen Forscherleben bis dahin nie sehr präsent gewesen war – wohl vor allem meinem speziellen Fachgebiet, den atomaren Stoßprozessen geschuldet. Natürlich traf man den einen oder anderen Kollegen aus Ostdeutschland gelegentlich im Westen auf einer Tagung – wobei sich freilich stets den Anfangsverdacht einschlich: „Reisekader, politisch vermutlich 150%ig“. Im Jahr 1983 hatte ich in Berlin als einer der Local-Co-Chairmen die (ich glaube 13.te) International Conference on the Physics of Electronic and Atomic Collisions mitorganisiert. Wir waren sehr stolz darauf, eine große russische Delegation empfangen zu können (die uns dann auch einige Aufregung in einer schlaflosen Nacht bereitete). Aber natürlich gab es keinen Teilnehmer aus Ostdeutschland, denn nicht einmal die Reiskader durften in diese „besondere Einheit West-Berlin“ reisen.

Natürlich wusste ich, dass es etwa im Bereich der Ultrakurzzeitphysik, die Ende der 80iger Jahre ihren brillanten Aufstieg begann, in Jena und später in Berlin weltweit ausgewiesene Forscher an vorderster Front gab. Auch einige Klassiker an Büchern von Ostkollegen nutzten wir gerne und ausgiebig. Ich nenne als Beispiel die beiden hervorragenden Büchlein über Laserphysik von Harry Paul, dem ich später in Adlershof persönlich begegnen durfte, ich darf sagen stets mit größtem Respekt. Aber insgesamt hielt sich meine Affinität zur Physik in der DDR eher in Grenzen.

Der Weg ans MBI nach Berlin-Adlershof

Es gab dennoch viele Gründe, mich Ende 1991 auf eine Direktorenstelle an dem damals noch INOK genannten Institut (schreckliches Nachwendekürzel) in Berlin-Adlershof zu bewerben. Einer davon war wohl das Gefühl, dass ich hier noch einmal etwas Neues, vielleicht Wichtiges tun könnte – auch über die reine physikalische Forschung hinaus. Der Vorsitzende des Gründungskomitees, Herbert Welling, wollte mir diese Bewerbung anfänglich überhaupt nicht glauben. Ich habe das Telefonat noch im Ohr: „Aber lieber Herr Hertel, in Freiburg haben Sie doch den Kollegen Schauinsland. Was sollte Sie nach Adlershof locken?“

Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen und, so füge ich hinzu, er muss lernen, liebe Gewohnheiten, Annehmlichkeiten, Vorurteile und auch Sicherheiten los zu lassen! Es war aber auch die Neugier auf ein neues, aufstrebendes Forschungsgebiet, eine neue, spannende Methodik, die ich in Freiburg gerne für Themen eingesetzt hätte, an denen wir damals arbeiteten, die aber den dortigen Rahmen gesprengt hätten. So gab es also durchaus auch die berechtigte Hoffnung, nicht nur etwas aufgeben zu müssen, sondern auch etwas Neues, Wertvolles hinzu zu gewinnen – die Expertise der Ostkollegen allemal. Eine echte „Win-win“ Situation, wie man heute sagen würde.

Wirklich „Win-win“? Gewiss doch! Denn, auch das sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich betont, die Ost-Wissenschaftler vor Ort waren in den meisten Fällen davon überzeugt, dass sie nur mit renommierten Kollegen aus dem Westen in den Leitungsfunktionen eine Chance hätten, im westdeutschen und internationalen Wissenschaftssystem Fuß zu fassen. Dass man den Ostkollegen die westdeutschen Direktoren einfach in „Siegermanier“ übergestülpt habe, ist eine leider allzu oft kolportierte Mär, eine intellektuelle Unredlichkeit. Innerhalb der Physik jedenfalls war das völlig abwegig und wurde auch nicht so interpretiert.

Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen: Wir mussten z. B. lernen, dass wir zu Anfang nur 10 % der Wissenschaftlerstellen mit „Wessis“ besetzen durften. Ganz spannungsfrei war dabei das Verhältnis von „Ossis“ zu „Wessis“ natürlich nicht – wenigstens zu Anfang … nicht immer.

Gerne hätte man manchmal einen flinken jungen Postdoc mit Auslandserfahrung, sozialisiert im westlichen Wissenschaftssystem, einem erfahrenen Ostwissenschaftler vorgezogen. Denn letzterer nervte so manches Mal, z.B. bei einer Entscheidung für ein neues Forschungsthema mit der Sorge, dass „so etwas ja noch keiner gemacht habe“ – und sah den Kollegen aus dem Westen befremdet an, wenn der darauf erwiderte, dass dies ja gerade der Zweck der Übung sei. Auch meinte so mancher, ansonsten hoch kompetente Ostkollege, dass er seine englisch-sprachigen Papers oder seine Vorträge ruhig trocken verfassen bzw. halten könne. Der Inhalt müsse doch für sich sprechen. Stilistische, graphische oder gar rhetorische Anstrengungen hielt er eher für überflüssig, ja störend, und einen ansprechenden Aufmacher, eine „Story“, oder das kleine bisschen Eigenwerbung, das uns in Fleisch und Blut übergegangen war, fand so mancher eher lästig oder unfein – oft wohl auch zu recht.

Wir haben dann insgesamt aber doch sehr gut zu einander gefunden – auch das ist eine abendfüllende Geschichte. Und in fast allen Fällen kann man mit Überzeugung sagen: wir haben unglaublich viel voneinander gelernt. Wir haben vor allem gelernt, aufeinander zu hören und die jeweils anderen Qualitäten und Fähigkeiten zu respektieren und optimal mit den eigenen zu kombinieren. Ich habe es einmal – etwas verkürzt – so formuliert: wir müssen lernen, ostdeutschen Tiefgang mit westdeutscher Aggressivität zu kombinieren.

Heute dürften die meisten Institute im wissenschaftlichen Bereich eine ausgeglichende Ost-West-Personalstruktur besitzen (genauer gesagt, weder nimmt man die Unterschiede überhaupt wahr, noch haben sie irgendwelche inhaltliche Bedeutung). Insgesamt wird die wissen-schaftliche Belegschaft zunehmend international, die vielen Gäste allemal, die Umgangssprache an den Instituten ist üblicherweise English – oder sollte ich sagen „denglisch“? Kurzum, die Wiedervereinigung ist in den Forschungsinstituten voll gelungen.

Nicht verhehlen will ich freilich, dass im nichtwissenschaftlichen Bereich (und zwar nicht nur in den Forschungsinstituten) die Kombination von gewissen unausrottbaren sozialistischen Verhaltensmustern mit westdeutschem Betriebsverfassungsrecht gelegentlich zu suboptimalen Lösungen geführt hat. Aber Schwamm drüber: auch das wird sich in noch einmal 20 Jahren biologisch gelöst haben – wenn dieses Deutschland sich bis dahin nicht mit seinem überbordenden Sozialsystem endgültig übernommen haben wird.

Evaluierung

Ich mache einen Sprung zurück ins Jahr 1990. Ganz am Anfang stand der Einigungsvertrag! Über 1000 Seiten soll er füllen, gedruckt habe ich das Werk nie gesehen. Aber man kann es heute im Internet prächtig googeln und in jedem Detail abrufen. Mit Artikel 38 widmen sich auch ca. 2 Seiten dieses Werkes der „Wissenschaft und Forschung“. Ich zitiere: Wissenschaft und Forschung bilden auch im vereinten Deutschland wichtige Grundlagen für Staat und Gesellschaft. Der notwendigen Erneuerung von Wissenschaft und Forschung unter Erhaltung leistungsfähiger Einrichtungen in dem in Artikel 3 genannten Gebiet dient eine Begutachtung von öffentlich getragenen Einrichtungen durch den Wissenschaftsrat, die bis zum 31. Dezember 1991 abgeschlossen sein wird!

Das steht da einfach so!

Ein monumentaler Satz, eine monumentale Aufgabe, die tatsächlich bis Ende 1991 weitestgehend abgeschlossen war, auch wenn die schönen, inhaltsschweren türkisgrünen Bände meist 1992 datiert sind. Viele, viele kompetente und höchst motivierte und engagierte, erfahrene Wissenschaftler haben so die unverzichtbare Basis für die neuen Forschungsstrukturen in den neuen Bundesländern und in Berlin gelegt. Ich darf das so sagen, mit höchstem Respekt und voller Anerkennung und Dank für diese Leistung, denn ich war selbst nicht daran beteiligt (niemand hat mich gefragt, ich denke, weil ich zu dieser Zeit Mitglied des Senatsausschusses der DFG für die Sonderforschungsbereiche war und mit Gutachtertätigkeit somit bis an die Halskrause ausgelastet). Also: Chapeau vor dieser bahnbrechenden Arbeit des Wissenschaftsrates, mit welcher die „erhaltenswerten Potenziale“ der Institute der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) zielgerecht und weitestgehend treffsicher ergründet wurden.

Diese Arbeit war und ist ja keineswegs unumstritten. Im Ergebnis musste sie zu einer massiven Reduktion des öffentlich finanzierten Personals in der Forschung führen. Daher waren Härten, tragische Schicksale und natürlich auch Ungerechtigkeiten nicht zu vermeiden. Einer, der an maßgeblicher Stelle dabei war, spricht (ich glaube auch heute noch) von einer „Blutspur“, die er hinterlassen habe.

Adlershof, das sei hier aber auch erwähnt, hat ganz massiv von diesen freigesetzten Potenzialen profitiert. Das Know-how der Kollegen aus dem ehemaligen Zentralinstitut für Gerätebau und von vielen anderer Spezialisten lies sich offenbar zum Teil hervorragend vermarkten und viele, die man damals aufforderte, doch eine Firma zu gründen, haben den Sprung ins kalte Wasser mit Bravour bestanden und sind heute erfolgreiche Unternehmer. Sie bildeten, in ihrer engen Verknüpfung mit der Wissenschaft am Standort, die Basis für eine der wirklich blühenden Landschaften in den neuen Bundesländern.

Ich frage mich ja manchmal, was wohl passiert wäre, wenn man ein ähnliches Experiment in Jülich oder in Karlsruhe gemacht hatte. Die strukturellen Rahmenbedingungen dort waren ja nicht so viel anders als jene, welche der Wissenschaftsrat bei den AdW Instituten vorfand.

Jedenfalls glaube ich nicht, dass es eine Alternative zu dem gab, was geschah – wenn man dabei auch die gebotene Eile bedenkt. Auch darüber mag man streiten, aber ich erinnere an Gorbatschows „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Der Wissenschaftsrat jedenfalls kam nicht zu spät. Ein renommierter, ostdeutscher Kollege, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, der die AdW-Institute aber gut von innen kannte, kommentierte das unlängst etwa so: wir hatten immer zwei Drittel mehr Personal, als wir wirklich brauchten. Ein Drittel waren die Aufpasser, ein Drittel die wenig Kreativen, das restliche Drittel konnte ohne die beiden ersteren viel effizienter arbeiten.

Das vorläufige Endergebnis ist heute als wirklich blühende Forschungslandschaft in den neuen Bundesländern zu besichtigen: wissenschaftlich produktiv, höchst wettbewerbs- und dritt-mittelfähig, national und international voll integriert, mehrfach evaluiert, im ständigen Konkurrenzkampf erfolgreich ist Wissenschaft und Forschung dort. Natürlich mag man darauf verweisen, dass seit der Wende zwar 5 deutsche Nobelpreisträger gekürt wurden (ich hoffe ich habe richtig gezählt), aber keiner aus einem ostdeutschen Forschungsinstitut oder aus einer ostdeutschen Universität. Natürlich kann man (und muss vielleicht) bedauern, dass keine der ostdeutschen Universitäten bislang den begehrten „Dritte-Säule-Elitestempel“ erhalten hat. Auch das ist ein weites Feld, und die Betonung liegt hier auf „noch nicht“. Ich denke weitere 20 Jahre müssen wir da schon ausharren, bevor wir ein endgültiges Verdikt abgeben dürfen.

Und natürlich kann man heute trefflich darüber fabulieren, wie man eine ganz neue (vermeintlich dann viel bessere) Forschungsstruktur im wiedervereinigten Deutschland hätte schaffen können. Denn im Einigungsvertrag steht dazu sehr pointiert: Die Bundesregierung strebt an, daß die in der Bundesrepublik Deutschland bewährten Methoden und Programme der Forschungsförderung so schnell wie möglich auf das gesamte Bundesgebiet angewendet werden, und daß den Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Einrichtungen in dem in Artikel 3 genannten Gebiet der Zugang zu laufenden Maßnahmen der Forschungsförderung ermöglicht wird.

Im Klartext: Es gibt die großen Forschungsorganisationen (drei waren das damals, ich komme darauf noch zurück) und nach deren Regeln (und vor allem nach deren Finanzierungsmodalitäten) sind die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den neuen Ländern zu organisieren. Die Physiker im Wissenschaftsrat und in den Evaluierungskommissionen (nur hier überschaue ich die Details einigermaßen) haben damals fast alles richtig gemacht und sich an die Spielregeln gehalten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, besonders gerade hier in Berlin, aber auch in den anderen Bundesländern, ich denke Minister Meyer wird dazu gleich noch etwas sagen.

Ich erinnere an die Worte des damaligen Berliner Senators für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Prof. Dr. Manfred Erhardt, dessen Weitsichtigkeit und politisches Engagement für die Wissenschaft in Berlin bis heute zu Recht gerühmt wird. Im Forschungsbericht von 1994 liest sich das so:

Berlin ist durch die auf Artikel 38 des Einigungsvertrags gestützten Empfehlungen des Wissenschaftsrates am stärksten verpflichtet, aber auch begünstigt worden. Ärmer an finanziellen Ressourcen, aber reicher an wissenschaftlichen Potentialen, so lässt sich die Situation der Stadt nach der Wende plakativ umschreiben.1 Die gewaltige Chance für die künftige Entwicklung hat Berlin bewogen, alle Empfehlungen des Wissenschaftsrates im Einvernehmen mit dem Bund und den übrigen Ländern komplett umzusetzen.

Erhardt muss dabei wohl hauptsächlich die physikalischen, technischen und Lebenswissenschaftlichen Institute vor Augen gehabt haben. Bei den Chemie-Instituten lief das nicht ganz so rund. Ich führe das auf den Versuch der damaligen Evaluierungskommission, bzw. ihres Vorsitzenden zurück, ganz besonders innovativ zu sein! Kernpunkt der Empfehlungen war die Schaffung von mehreren großen „Chemischen Zentren“, welche einen gewissen Servicecharakter haben sollten, und die unter die gemeinsame Obhut der drei Berliner Universitäten gestellt werden sollten.

Viele gute Gedanken findet man in diesen Empfehlungen, wenn man heute den Text noch einmal nachliest, aber auch viel Unklarheit. Vor allem fehlten präzise Aussagen dazu, wer das denn wie finanzieren solle. Auch hier ist das Ergebnis heute zu besichtigen: von den vorgeschlagenen großen chemischen Zentren in Adlershof ist praktisch nichts am Standort übrig geblieben. Fast alljährliche Nach-Evaluierungs-, Rettungs- und Neuordnungsrunden führten dazu, dass von den ursprünglich geplanten, mehreren hundert, über einige Jahre hinweg auch teilweise finanzierten Wissenschaftlern und Technikern nur noch eine Handvoll am Standort übrig geblieben ist – als Außenstelle des Leibniz-Instituts für Katalyse in Rostock.

Mir scheint dies ein Beleg für die Unmöglichkeit zu sein, grundlegende Änderungen am Wissenschaftssystem dieses Landes erfolgreich vorzunehmen – und vielleicht ein Indiz für die grundsätzliche Unreformierbarkeit des Systems Bundesrepublik Deutschland überhaupt.

Kooperation statt Konfrontation

Aber vielleicht übertreibe ich auch ein wenig, denn da gab es damals eine – wie ich meine – schicksalhaft glückliche Lücke im System, ein Art Joker-Karte: sie hieß „Blaue Liste“. Immer wenn die Evaluatoren nicht so ganz genau wussten, wie man eine hervorragend bewertete Forschergruppe und insbesondere eine größere, erfolgversprechende Gruppierung von Forschern aus den AdW-Instituten einsortieren sollte, zog man diese Karte. Die wirkte immer dann, wenn die gesamtstaatliche Aufgabe, die es zu erfüllen galt, evident war, das Potenzial dieser Forschung und der Forscher überdurchschnittlich, aber (aus den vielfältigsten strategischen und wissenschaftspolitischen Überlegungen heraus) keine der etablierten Forschungsorganisationen, die Hand hob und sagte: „die wollen wir unter unser Dach nehmen“. Bei der Blauen Liste kannte man den Finanzierungsschlüssel (in aller Regel 50 % Bund, 50 % Sitzland … mit gewissen Refinanzierungsmodalitäten, welche nur wenige Eingeweihte verstanden). Die Kosten waren also bezifferbar, der regionale Nutzen (neben dem gesamtstaatlichen Interesse) meist deutlich erkennbar.

Natürlich zogen die Länder (wo immer möglich) die finanziell viel günstiger Variante „Großforschungseinrichtung“ oder Außenstelle einer solchen gerne vor, da hier der Bund 90 % zahlte … aber auch der Bund hatte finanzielle Grenzen zu beachten. … Ich komme auch darauf noch einmal zurück.

Im Ergebnis wurde in den neuen Ländern das gesamte inhaltlich an aktuellen, erfolgversprechenden Themen neu orientierte und restrukturierte außeruniversitäre Forschungspotenzial überwiegend über die Blaue Liste finanziert.

Besonders zurückhaltend hatte sich die Max-Planck-Gesellschaft bei der Übernahme von Forschungseinrichtungen in den neuen Ländern gezeigt, wohl aber für die Zukunft eigene Institutsgründungen im Osten versprochen und dafür auch zusätzliche Mittel vom Bund in Aussicht gestellt bekommen. Die MPG argumentierte damals sehr grundsätzlich mit dem Harnack-Prinzip – das mag etwas verkürzt sein, ich kann es mir an dieser Stelle aber nicht verkneifen, noch einmal an das Weizsäckerwort vom „Vereinigen und Teilen“ zu erinnern!

Das Gesamtergebnis, überwiegend Blaue Liste Einrichtungen in den neuen Ländern, kam aber offenbar für den einen oder anderen an der Spitze der großen, etablierten Wissenschaftsorga-nisationen dann doch überraschend. Zugleich entbrannte nach der deutschen Wiedervereinigung eine heftige Debatte um die vermeintlich ungerechtfertigte Ausweitung der außeruniversitären Forschung in den neuen Bundesländern. So wurde heftig darüber gestritten, ob an den Universitäten der DDR überhaupt jemals geforscht worden sei und ob man nicht die gesamte Forschung der ehemaligen AdW an die Universitäten „zurückführen“ müsse.

Erinnernswert ist in diesem Kontext die Kritik des damalige Präsidenten der MPG, Hans Zacher (Jahresbericht der MPG 1995, S. 72): „Der Umbau in den neuen Ländern und die Bedrängnis der universitären Forschung lassen die außeruniversitäre Forschung immer weiter anwachsen. Und sie wächst gerade dort am meisten, wo es wirklich komparative Rahmenbedingungen am schwersten haben sich zu entwickeln“ – eine zumindest aus heutiger Sicht recht einseitige Wahrnehmung angesichts der stringenten Qualitätsauslese und Personalreduktion, die auf Empfehlungen des Wissenschaftsrats in den aus der AdW neu gegründeten Einrichtungen betrieben wurde. Vor allem aber auch angesichts des sich anschließenden kontinuierlichen Evaluierungsprozesses der späteren Leibnizinstitute2.

Auch in Berlin hatten wir für eine kurze Zeit eine ähnlich heftige Debatte, doch setzte sich bald auch gerade bei den Berliner Universitäten die Erkenntnis durch, dass man das außeruniversitäre Potenzial geschickt nutzen solle, und dass eine etwaige Verteilung der entsprechenden Ressourcen in die Breite der Hochschullandschaft nur wenig effizient sein könne. Gerade in Berlin hatte sich schon vor der Wende eine Kultur der Zusammenarbeit entwickelt – vorangetrieben vor allem von einzelnen Wissenschaftlern, die frühzeitig erkannten, dass gesunder Wettbewerb und effiziente Kooperation sich überhaupt nicht ausschließen, dass man häufig gemeinsam mehr erreichen kann als vereinzelt. Ressourcen Sharing, wie das heute auf Neudeutsch so schön heißt, wurde als Gebot der Stunde erkannt, wenn die Ressourcen knapp sind oder werden. Nach der Wende war das in Berlin ganz offenkundig der Fall.

1991 schrieb der Wissenschaftsrat den Großforschungseinrichtungen erstmals die enge Kooperation mit Universitäten ins Aufgabenheft. Die Leibnizgemeinschaft machte sich diese von Anfang an zum Programm. Heute, in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs haben wohl auch die letzten Zweifler in den Universitäten erkannt, über welchen Schatz sie ggf. vor Ort mit den außeruniversitären Einrichtungen verfügen können. Die laufende Runde des Exzellenzwettbewerbs wird dies, ich wage hier einmal eine Prognose, noch deutlicher erkennen lassen. Dabei haben gerade die ostdeutschen Universitäten mit ihren zahlreichen, und heute über alle Organisationsgrenzen hinweg sehr kooperationsbereiten außeruniversitären Einrichtungen hervorragende Karten.

Vielleicht ist dies überhaupt eine der wichtigsten, positiven Entwicklungen, die aus der Wiedervereinigung der Wissenschaftssysteme in Ost- und West-Deutschland hervorgegangen ist: die Dichotomie von universitärer und außeruniversitärer Forschung hat sich aufgelöst, und Kooperation und gemeinsames Auftreten ist zu einer für alle Beteiligten gewinnbringenden Selbstverständlichkeit geworden!

Leibnizgemeinschaft

Meine Damen und Herren, liebe Kollegen und Kolleginnen. Erlauben Sie mir, abschließend mit ein paar Worten noch auf die Leibnizgemeinschaft einzugehen. Ich möchte begründen, warum ich weiter oben von einer schicksalhaft glücklichen Lücke im System gesprochen habe. Die erhebliche Ausweitung des Finanzierungsvolumens der Blauen Liste in den neuen Ländern als Folge der Neustrukturierung hatte ich bereits erwähnt. Diese Institute besaßen freilich, im Gegensatz zu Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten, aber auch zu den Großforschungseinrichtungen, die gerade begannen, sich zu formierten, damals noch keinerlei strategischen oder inhaltlichen Zusammenhalt. Sie waren gewissermaßen ohne Philosophie. Der Wissenschaftsrat hatte dieses Defizit bereits früh erkannt und 1993 in einem, für die damalige Situation und Befindlichkeit der Wissenschaftsrepublik erstaunlich weitsichtigen, zukunftweisenden Papier darauf aufmerksam gemacht und eine wirkungsvolle, gemeinsame Selbstorganisation aller Einrichtungen der Blauen Liste gefordert.

Wir haben das dann 1994-1995 einfach gemacht und im Mai 1995 die damals noch WBL genannte Gemeinschaft von etwa 80 Forschungsinstituten, Forschungsmuseen und Serviceeinrichtungen für die Forschung gegründet. Wenn ich „wir“ sage, so meine ich viele Kolleginnen und Kollegen aus den Instituten, die maßgeblich an der Konzeption, am Gründungsakt und in der schwierigen ersten Aufbauphase beteiligt waren – ein ebenfalls abendfüllendes Thema, das ich leider nicht weiter ausführen kann. Ich hatte damals die Ehre, als Gründungspräsident und erster Präsident der heutigen Leibnizgemeinschaft zu dienen – bis zu meiner Ernennung als Staatsekretär des Landes Berlin im Oktober 1998. Eine extrem spannende, bewegte Zeit, ein extrem komplizierter Prozess, der von innen wie von außen zum Teil von großem Enthusiasmus getragen, aber auch von offener Feindseeligkeit begleitet wurde, und der am Ende höchst erfolgreich verlief. Lassen Sie mich hier aber wenigstens vier externe, ganz wesentliche Mitstreiter namentlich nennen und ihnen danken:

Ich beginne mit dem für mich damals zuständigen Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung, Sen. Rat Jochen Stoehr. Ohne seine kontinuierliche Rückendeckung, ohne seine weit- und umsichtige Strategieberatung hätte zumindest ich nicht wirklich vernünftig in dieser turbulenten Zeit handeln können. Dass ich dann später für etwas über ein Jahr sein Chef wurde, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Ich habe ihn dabei aber noch einmal auf ganz neue Weise schätzen gelernt und bin ihm auch für viele andere glückliche gemeinsame Aktionen dankbar – ich denke dabei vor allem auch an Adlershof.

Von ganz unschätzbarem Wert, war die Unterstützung von Min. Dirig. Jürgen Schlegel, Generalsekretär der damals noch Bund-Länder-Kommission genannten Einrichtung, die – wie es der Name andeutet – als eine Art Scharnier zwischen den Interessen von Bund und Ländern vermittelt. Herr Schlegel, Sie haben ihn ja vorhin auf dem Podium erleben dürfen, hat auf seine unaufgeregte, fast stille Art, von der Öffentlichkeit oft kaum wahrgenommen, im Hintergrund unglaublich viel für die Leibnizgemeinschaft bewirkt, Boden bereitet, Wogen geglättet. Wir sind Ihnen, Herr Schlegel, für dies kontinuierliche Unterstützung über viele Jahre hinweg außerordentlich dankbar.

Ganz entscheidend für die frühe Entwicklung der Leibnizgemeinschaft war aber der damalige sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. Hans Joachim Meyer, für den ich gleich den Platz hier am Pult räumen werde. Ich möchte Ihnen, Herr Minister Meyer, an dieser Stelle einmal sehr herzlich unseren tief empfundenen Dank aussprechen: das darf ich wohl im Namen der ganzen Leibnizgemeinschaft tun, aber natürlich gilt Ihnen vor allem auch mein ganz besonderer, persönlichen Dank. Sie haben für uns und mit uns gestritten und gekämpft, auch bei stürmischem Wetter. – Ohne Ihr Engagement auf vielen politischen Ebenen hätte es vermutlich keine WGL mit der heute überschaubaren positiven Entwicklung gegeben.

Schließlich, last but not least, sei herzlicher Dank an Wolfgang Frühwald gesagt, damals Präsident der DFG. Er war ein großartiger, vielleicht darf ich sagen „Sparringspartner“, für uns in der Gründungsphase der Leibnizgemeinschaft. Gewiss kein ganz einfaches Gegenüber, aber stets konstruktiv und am Gemeinwohl orientiert! (Ganz nebenbei war er mit seiner strengen sprachlichen Diktion auch ein stimulierender Lehrmeister für den frisch gebackenen WBL Präsidenten.) Auf jeden Fall aber wäre es ohne ihn ungleich viel schwerer gewesen für uns – damals das Aschenputtel der Wissenschaftsnation –, Eingang in die hohen Ränge der Wissenschaftshierarchie zu finden und fast von Anfang an Mitglied in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zu werden. Auch wenn wir uns dann ein wenig über die Namensgebung gestritten haben (er fand es einfach vermessen, dass wir uns als Namenspatron ausgerechnet den größten aller deutschen Großgelehrten ausgesucht hatten), hat seine Unterstützung nicht nachgelassen. Und ich denke, inzwischen hat er uns das auch verziehen.

Die Leibnizgemeinschaft ist heute mit 86 Einrichtungen (etwa die Hälfte davon in den neuen Bundesländern und Berlin), mit rund 16.100 Beschäftigten (davon 7100 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen) bei einem Jahresetat von 1,3 Milliarden Euro eine der vier großen, an-erkannten Wissenschaftsorganisationen der außeruniversitären Forschung im vereinigten Deutschland. Im kommenden Jahr wird sie sogar den Vorsitz der Allianz übernehmen. Sie hat die gesamte Forschungslandschaft der Republik positiv verändert, enormer viel frischen Wind in die angestammten Domainen und Claims der Etablierten gebracht und wesentlich dazu beigetragen, dass sich ein (meist) friedlicher, kooperativer Wettbewerb zwischen den großen Forschungsorganisationen entwickeln konnte. Dieser bildet heute die Basis eines insgesamt hervorragenden Klimas für Wissenschaft und Innovation in unserem Lande.

Dieser Wettbewerb könnte sich noch viel konstruktiver, synergetischer und auch ordnungspo-litisch überzeugender entwickeln, wenn die Politik die finanziellen Rahmenbedingungen fair setzen würde. Nach wie vor aber beeinflussen finanziellen Interessenlagen die wissenschafts-politische Klarsicht in Bund und Ländern: eine 90:10 Finanzierung erscheint jedem Wissenschaftsminister jeden Landes weit erstrebenswerter als eine inhaltlich saubere und zukunftweisende wissenschaftspolitische Ordnung.

Wer aber wirklich einen fairen, stimulierenden Wettbewerb zwischen den Forschungseinrichtungen, wie auch zwischen den Ländern untereinander und zwischen Bund und Ländern wünscht, der muss einen einheitlichen Finanzierungsschlüssel für alle Forschungsorganisationen der Außeruniversitären Forschung herbeiführen! Ich habe freilich größte Zweifel, ob die Wissenschaftspolitiker der Länder und vor allem des Bundes bereit sind, einen solchen, großen Schritt zu mehr Fairness und mehr Wettbewerb in diesem Lande zu gehen.

Schluss

Insgesamt optimistisch bin ich dennoch: Wissenschaft und Forschung werden weiterhin der zentraler Motor für unsere moderne Industrienation bleiben!

Meine Damen und Herren, gerne hätte ich noch über Berlin-Adlershof, die Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien berichtet. Diesem heute wohl in Deutschland größten und unbestreitbar erfolgreichen Projekt des Technologietransfers, einem Musterbeispiel für „blühende Landschaften“ in den neuen Bundesländern, war ich über die letzten 18 Jahre kontinuierlich und mit Herzblut verbunden und könnte viel darüber erzählen. Aber das muss wohl auf eine andere Gelegenheit verschoben werden, denn meine Redezeit ist zu Ende.

Jedenfalls hoffe ich, dass meine Botschaft angekommen ist: die Forschungslandschaft in den neuen Ländern hat sich bewährt, Universitäten und Forschungseinrichtungen arbeiten effizient und erfolgreich zusammen. Und insbesondere die Leistungsfähigkeit der physikalischen Forschung in Deutschland insgesamt hat sich seit der deutschen Wiedervereinigung außerordentlich positiv entwickelt. Wir dürfen auf die nächsten 20 Jahre gespannt sein.


Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Ingolf Hertel
Berlin den 20.11. 2010




1) Der heutige Regierende Bürgermeister von Berlin formuliert das etwas salopper: arm aber sexy!

2) Inzwischen ist die gesamte deutsche Wissenschaftslandschaft ja mehr oder weniger kontinuierlich irgend welchen Evaluierungsprozessen ausgesetzt – man muss heute eher davor warnen, das nicht zu übertreiben! Denn gelegentlich soll ja auch noch Zeit für die wirkliche Forschung verbleiben. Aber insgesamt ist das natürlich eine sehr positive Entwicklung: Qualitätssicherung und Wettbewerb kann man gewiss als eine der wichtigen Errungenschaften aus dem Wiedervereinigungsprozess ansehen.

 
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