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Ein Loblied auf den Bachelor?

Düsseldorf, 21.03.2007 - Bachelor und Master sind inzwischen Alltag an deutschen Hochschulen; das Diplom ist zielstrebig unterwegs ins Museum – auch in der Physik. Zeit, kritisch zu fragen: Was bedeutet es für den akademischen Nachwuchs?

Dazu veranstaltete die junge DPG Bonn bei der Frühjahrestagung in Düsseldorf einen Diskussionsabend mit Professor Meschede, der an der Bonner Universität die Umstellung auf Bachelor/Master zum WS 06/07 im Fach Physik mit koordiniert hat, nach vielen persönlichen Gesprächen, Diskussionen und Internetchats in der jDPG bundesweit.

Praxisorientierte Ausbildung oder theoretische Wissenschaft
Nach 3 Jahren Studium ein Zeugnis in der Tasche zu haben, das einem den Zugang in die internationale Berufswelt eröffnet, kann für einen Studenten durchaus verlockend und beruhigend sein. Das Vordiplom war kein akademischer Abschluss, das Diplom für manchen eine ferne Utopie. So besteht die Ansicht, eine stärkere Verschulung und Straffung des Studiums, wie durch Bachelor/Master beabsichtigt ist, werden Studenten vor einem 18. Semester bewahren helfen und ein anerkannter Bachelorabschluss wird zu einem zügigen Kurzstudium auf einen praxisorientierten Berufs-Physiker hin motivieren, wie die Wirtschaftswelt ihn braucht. Wer tiefer gehendes fachliches Interesse hat, so wird gesagt, kann den wissenschaftsorientierten Master anschließen. Dabei gehen die Vorstellungen, was ein sechssemestriges Physikstudium bis zum Bachelor vermitteln sollte, an den Universitäten weit auseinander, wie wir feststellen mussten. Zwar gibt es eine offizielle Empfehlung der Konferenz der Fachbereiche Physik (KFP), aber es zeigen sich zwei verschiedene Tendenzen: Einerseits wird versucht, einen möglichst anspruchsvollen Parcours zu bieten und den international guten Ruf der deutschen Physiker-Ausbildung fortzuführen, andererseits praxisorientierter zu werden und so z.B. die abstrakte Mathematik und Theoretische Physik zusammen zu kürzen, integrierte Kurse aus experimenteller und theoretischer Physik anzubieten und ein verstärktes Augenmerk auf sog. “soft skills” wie EDV, Sprachen oder Präsentationstechnik zu legen – Fähigkeiten, die eben in der Wirtschaft sehr gefragt sind.
Die Durchführung von integrierten Kursen lässt aus Studentensicht wegen mangelnder Koordinierung noch zu wünschen übrig. Eine übermäßige Zurückdrängung der Physik als Wissenschaft und eine zu ausschließliche Konzentration auf praxisnahe Ausbildung erscheint uns nicht wünschenswert. Die Fülle neu entstehender physiknaher Studiengänge fordert eine klare Abgrenzung der klassischen Wissenschaft Physik. Diese zeichnet sich gerade durch ihre Denk- und Herangehensweise sowie ihre Lösungsmethoden aus und sollte nicht allein dem Masterstudiengang vorbehalten bleiben.
Insbesondere wenn die zweite Tendenz verfolgt werden soll, muss der Stoff spürbar gekürzt werden. Der Inhalt eines auf Industriekonformität herunter gebrochenen Studiums wird nicht unbedingt strengen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Wer die Theorie der Physik nicht gründlich verstanden hat, der kratzt nur an der Oberfläche. Andererseits: Wie viele Physiker haben sich früher nach ihrem Studium wieder um die theoretischen Grundlagen ihres Studiums angenommen? So wird der Bachelor von den Studenten auch als Chance begriffen. Warum sollte es nicht möglich sein, im Laufe des Studiums (begünstigt durch die Modularisierung), selbst Schwerpunkte zu setzen: eher praxisorientiert und flott zu studieren oder wissenschaftstheoretisch, vorbereitend auf Master und Promotion.

Strukturierung als bleibende Aufgabe
Die verbindlichste Veränderung ist sicherlich das Leistungspunkte-System mit seinen “Modulen”. Jede Lehrveranstaltung wird benotet und geht abhängig vom jeweiligen Arbeitsaufwand in eine Endnote ein. Die Benotung des Studiums wird damit kleinteiliger: Einzelne Ausrutscher fallen erfreulicher Weise weniger ins Gewicht. Andererseits muss viel häufiger geprüft werden, was das System weit aufwändiger gestaltet. Außerdem befürchten Professoren wie Studenten, dass durch das Lernen für einzelne Klausuren der Überblick über die Zusammenhänge des insgesamt erworbenen Wissens verloren gehen könnte. Dieser wurde früher durch mündliche (Vor-)Diplomprüfungen sichergestellt. Um heute der vielen Prüfungen Herr zu werden, sollen sie fast ausschließlich schriftlich erfolgen. Die Studenten wünschen sich aber auch ein gewisses Maß an mündlichen Prüfungen für die Bachelorausbildung, um sich wissenschaftstheoretisch artikulieren zu lernen. Ein eigenständiges Modul im letzten Semester des Bachelorstudiums könnte dies befördern und besagtes Übersichtswissen schaffen. Doch ist es in den meisten Studienplänen bisher nicht vorgesehen – schade! Definitiv von Vorteil wäre ein einheitlich geregeltes Modul-System an den Universitäten, vor allem in Sachen Nebenfach: Das neue System birgt die Chance, in Zukunft einfacher die Lehrveranstaltungen verschiedener Fakultäten gegenseitig anrechnen zu lassen. Wo früher ein Student eine Sondergenehmigung brauchte, könnte es künftig durch die zentrale Buchung von Leistungspunkten erheblich vereinfacht werden. Laut Professor Meschede wird der gestiegene Aufwand die Universitäten immerhin zwingen, ihre gesamte Verwaltung zu modernisieren. Dieser Ansatz wäre eine große Errungenschaft, die wohl bisher an keiner größeren Universität engagiert umgesetzt wurde – schade! Schade auch, dass die Erweiterung der Nebenfächer vielerorts noch als halbherzig wahrgenommen wird.
Das politische Hauptziel der europaweiten Vergleichbarkeit des zweistufigen Systems eines akademischen Abschlusses scheint allen sinnvoll. Leider erlischt bei den Studenten die Hoffnung auf gesteigerte Mobilität und Vergleichbarkeit von Studienleistungen mittels Leistungspunkten völlig. Angesichts der Verschiedenheit in der Ausrichtung und nicht existenter gegenseitiger Abstimmung der Universitäten ist ein Studienplatzwechsel wesentlich schwieriger geworden. Mobilität dürfte – wenn überhaupt – nur noch an der Schnittstelle zwischen Bachelorexamen und Master stattfinden. Auslands- oder Gastsemester werden auch in Zukunft gleichbedeutend sein mit “Zeitverlust” – schade!

Selbstständige Wissenschaft als Privileg
In Zukunft wird der Bachelor – eher als der Master – Regelabschluss sein. Ein Abschluss, der kaum Zeit lässt für eigenständige wissenschaftliche Arbeit, Praktika oder Auslandsaufenthalte. Der Masterstudiengang Physik wird wohl an den meisten Hochschulen an Aufnahmekriterien gebunden sein und nur einem Teil der Bachelors zugänglich – wahrscheinlich nur etwa 30%. Erst der Masterstudiengang soll eine längere wissenschaftliche Arbeit enthalten „Bis zum Master sollte man 5 Jahre ansetzen, denn solide wissenschaftliche Ausbildung bedarf einer gewissen Zeit der Muße und des wissenschaftlich eigenverantwortlichen Arbeitens und Forschens.“ (Meschede). Wir sehen, dass mit der Einführung des Bachelor der politische Wunsch umgesetzt wurde, möglichst viele junge Menschen zu Studenten zu machen, um sie mit einer komprimierten universitären Basisausbildung in Wirtschaftsberufe zu entlassen. Dafür mag es ein stimmiges Konzept sein, gibt aber das weltweit anerkannte deutsche Diplom auf, wozu der Bologna-Prozess gar nicht einmal zwänge.

Fazit
Die Studenten sehen durchaus, wie ein Studium, das in gerade sechs Semestern zum Bachelor führt, eine solide, marktrelevante Qualifizierung unter ständigem Prüfungsdruck vermitteln will, kaum genügend Zeit bieten kann, das klassische Ideal einer universitären Bildung zu erfüllen: die Einheit von Lernen und Forschen. Aber wir sehen auch, dass diese tief greifende Veränderung der universitären Struktur andererseits die oben beschriebenen Chancen bietet. Den Studierenden gegenüber wäre es nur fair, aus dem neuen System das Beste für sie zu machen, um den Interessen aller, sowohl Praktikern wie Theoretikern, Karrieristen als auch Forschernaturen Rechnung zu tragen. Weil es in Zukunft eine “Klasse” von Absolventen geben wird, die zwischen reiner Berufs- und vollständiger wissenschaftlicher Ausbildung stehen wird, ist es nur gerecht zu fordern, diesen Absolventen, wenn schon keinen Platz für den Master, so doch die bestmögliche Lehre zum Bachelor anzubieten. Wollen die neuen, extrem lehrintensiven Studiengänge, an denen immer mehr junge Menschen beteiligt werden sollen, wirklich erfolgreich umgesetzt werden, so bedarf es umso dringender einer Initiative für die Lehre: nicht Streichung von Professorenstellen, sondern Ausloten aller Möglichkeiten für hervorragende Lehre, keine Exzellenzinitiative für die Lehre, sondern hohe, überprüfbare Qualität bundesweit. Allerdings bedeutet das einen gewissen Paradigmenwechsel für die deutsche Professorenschaft. Sowohl bei der Fürsorge für die Studenten wie auch als Grundlage ihrer eigenen Reputation muss das Motto “Nur die Forschung zählt fürs Ansehen” der Vergangenheit angehören!

Resonanz
Auch dieser Meinung oder ganz dagegen? Wir freuen uns auf jede Form der Stellungnahme an bonn@jdpg.de.

Omar Abdel Rahman, Alexander-C. Heinrich
 
© Deutsche Physikalische Gesellschaft | letzte Änderung 31.10.2011, 16:49 | Impressum | Kontakt | Bearbeiten