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Peter Debye:

"Ein typischer Naturwissenschaftler in einer untypischen Zeit"

von Dieter Hoffmann
MPI für Wissenschaftsgeschichte Berlin/Deutschland

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Mark Walker
Union College, Schenectady/USA

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Als Leiter des Forschungsprojektes "Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich" (die Ergebnisse des Projekts findet man zusammengefasst in der demnächst erscheinenden Studie : Physiker zwischen Autonomie und Anpassung, Weinheim 2006) möchten wir mit den folgenden Anmerkungen in die gegenwärtigen Diskussionen zur Rolle Peter Debyes im Dritten Reich eingreifen.

Leider sind wir nicht der holländischen Sprache mächtig, so dass wir über die in den Niederlanden stattfindenden Diskussionen nur aus zweiter Hand unterrichtet sind. Dennoch stimmen uns einige der vorgebrachten Argumente und nicht zuletzt die daraus bereits gezogenen Konsequenzen nachdenklich, da sie unserer Meinung den historischen Kontext allzu sehr außer acht lassen.

So wird Debye vorgeworfen, dass er Briefe mit "Heil Hitler!" unterzeichnet hat. Diese Grußformel war aber Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes sowie Trägern öffentlicher Ämter seit Mitte der dreißiger Jahre für ihre offizielle Korrespondenz von den Nazi-Behörden vorgeschrieben. So weit wir wissen, hat Debye diese Formel allein in Briefen benutzt, die er als Professor der Leipziger Universität, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik oder zwischen 1937 und 1939 eben als Vorsitzender der Deutschen Physikalischen Gesellschaft unterzeichnete. Beispielsweise kann man auch Briefe von Max von Laue mit dieser Grußformel finden, obwohl Laue unstrittig zu jenen (wenigen) Gelehrten gehörte, die gegenüber den Nazis wiederholt Zivilcourage gezeigt haben und der - nach den Worten Einsteins - aufrecht geblieben war.

Ein anderer Vorwurf zielt auf das Verhalten Debyes, auch nach seiner Übersiedlung in die USA Kontakte nach Deutschland und zu dortigen Behörden gepflegt zu haben. Es war ein übliches Verhaltenmuster vieler Emigranten, nicht sofort und radikal alle Brücken zwischen sich und ihrer einstigen Heimat abzubrechen. Dies konnte viele Gründe haben - familiäre oder auch die Sicherung von Rentenansprüchen.

Der zentrale Punkt der aktuellen Angriffe gegen Debye bezieht sich auf den Ausschluss der "reichsdeutschen jüdischen Mitglieder" aus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Dezember 1938. Diesen Ausschluss hat die Deutschen Physikalische Gesellschaft als eine der letzten wissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland vollzogen. Zuvor war die DPG wiederholt und nachdrücklich vom zuständigen Reichs-Wissenschaftsministerium aufgefordert worden, sich endlich eine NS-konforme Satzung zu geben und insbesondere das Problem ihrer nicht arischen Mitglieder zu regeln. Im Dezember 1938, wenige Wochen nach der Reichspogromnacht, fügte man sich schließlich dem staatlichen Druck und versandte folgendes Schreiben an alle in Deutschland lebenden Mitglieder der DPG:

    "Unter den zwingenden obwaltenden Umständen kann die Mitgliedschaft von reichsdeutschen Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft nicht mehr aufrecht erhalten werden. Im Einverständnis mit dem Vorstand fordere ich daher alle Mitglieder, welche unter diese Bestimmung fallen auf, mir ihren Austritt aus der Gesellschaft mitzuteilen."

    Heil Hitler!

    P. Debye
    Vorsitzender

Mit dem Rundschreiben hatte die DPG die ministerielle Anweisung formal umgesetzt - ohne jede öffentliche Stellungnahme oder individuelle Begeisterungskundgebung, was noch kein Ruhmesblatt für die DPG darstellt, doch damals auch keine Selbstverständlichkeit war, wie entsprechende Rundschreiben und Aktivitäten anderer Institutionen dokumentieren.

Dies hatte im Übrigen auch eine Gruppe von Nazi-Aktivisten in der DPG registriert, die deshalb die "Nichtarier-Frage" nochmals auf der Vorstandssitzung vom 14. Dezember zur Sprache brachte. Dabei kam es zu einer Kontroverse zwischen Debye und einem Repräsentanten der Gruppe, der laut Protokoll

    "darauf hinwies, dass der erste Satz des an die deutschen Mitglieder der Gesellschaft gerichteten Schreibens so formuliert sei, dass er missverstanden werden könne. Hr. Debye bittet, diesen Satz so zu verstehen, wie er gemeint sei und übernimmt die Verantwortung für die gewählte Formulierung."

Im Briefwechsel zwischen den Vertretern dieser Gruppe wurde man noch deutlicher und stellte beispielsweise denunziatorisch fest:

    "Die Behandlung der Judenfrage durch die DPG. zeigte jedoch, dass für politische Fragen ihm (Debye - d.A.), wie nicht anders zu erwarten, das erforderliche Verständnis fehlt. Ich habe mich damals vergeblich bemüht, eine eindeutige Stellungnahme des Vorsitzenden und damit eine endgültige Lösung des Problems herbeizuführen."

Spöttisch - drohend kommentierte der Informationsdienst der Reichsdozentenführung die Angelegenheit ebenfalls:

    "Man scheint offensichtlich in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft noch sehr weit zurück zu sein und noch sehr an den lieben Juden zu hängen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass nur "unter den zwingenden obwaltenden Umständen" eine Mitgliedschaft von Juden nicht mehr aufrecht erhalten werden kann."

Soweit zum zeithistorischen Kontext dieser beschämenden Vorgänge, die aber Debye noch nicht zu einem Nazi-Aktivisten oder Kollaborateur machen. Debyes Verhalten unterscheidet sich vielmehr kaum von dem anderer Gelehrter oder sonstiger Zeitgenossen, die angepasst im nationalsozialistischen Deutschland lebten und dem Dritten Reich loyal dienten. Letzteres geschah im Übrigen in den seltensten Fällen mit Begeisterung oder gar aus politischen Motiven, sondern dokumentiert vielmehr das technokratische Selbstverständnis der damaligen Eliten.

Debye tat dies als Professor der Leipziger Universität, wohin er 1927 aus Zürich berufen worden war, und ab 1937 in der prestigeträchtigen Position eines Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin-Dahlem. Bei diesem war er keineswegs der Nachfolger Albert Einsteins, denn das Institut hatte 1937 nur noch dem Namen nach mit dem Institut etwas zu tun, das Einstein in seiner Berliner Zeit vorgestanden hatte. Es war eine faktische Neugründung und der 1937 feierlich in Dahlem eingeweihte Neubau war nicht zuletzt mit amerikanischem Geld der Rockefeller Stiftung finanziert worden.

Als Debye das Angebot einer Gastprofessur an der Cornell University akzeptierte, tat er dies, weil er sich in seiner wissenschaftliche Autorität und Autonomie beschädigt fühlte und weniger aus politischer Gegnerschaft gegenüber dem Nazi-Regime. Sein Institut wurde nämlich im Herbst 1939 unter militärische Kontrolle gestellt, um dort die militärtechnischen Aspekte einer Nutzung der Urankernspaltung zu prüfen (was Debye allerdings nicht bekannt war). Sein Verbleiben im Institut und als Direktor wollten die NS-Behörden nur gestatten, wenn er seine niederländische Staatsbürgerschaft ablegte und die deutsche annahm. Dies lehnte er ab. Stattdessen nutzte er ein Angebot der Cornell University in Ithaca/NY für eine Gastprofessur, sich offiziell beurlauben zu lassen und im Januar 1940 nach Amerika zu gehen. Eine Alternative, die damals nicht vielen Wissenschaftlern in Deutschland offen stand, ihm als Holländer und international hoch angesehener Wissenschaftler aber schon. Dies und weniger sein sonstiges Verhalten im Dritten Reich ist daher als außergewöhnlich anzusehen, teilte er jenes doch mit der Majorität der Wissenschaftlern in dieser schlimmen Zeit.

Weiteres zu diesem Thema, in:

    D. Hoffmann, M. Walker:
    The German Physical Society under National Socialism
    Physics Today 2004, Nr. 12, S. 52-58
    D. Hoffmann:
    Between Autonomy and Accomodation: The German Physical Society during the Third Reich
    Physics in Perspective 7(2005) 293-329
    D. Hoffmann:
    Zwischen Autonomie und Anpassung. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich
    Physik Journal 5(2006) 53-58
    D. Hoffmann, M. Walker (Hrsgb.):
    Physiker zwischen Autonomie und Anpassung
    Verlag Wiley-VCH Weinheim 2006 (im Druck: ISBN 3-527-40585-2)
    H. Kant. Peter Debye und die Deutsche Physikalische Gesellschaft, in:
    D. Hoffmann et al (Edts): The Emergence of Modern Physics. Pavia 1996, S. 507-520

Berlin/Schenectady, im März 2006

 
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